Tag Archives: Yosemite National Park

Große Bäume, kleine Biester

1 Sep

Die hohen Bäume können warten, bis wir ausgeschlafen haben. Einige von ihnen stehen schon seit 2.000 Jahren an ihrem Platz und trotzen tapfer den Waldbränden. Wir besorgen uns Yogurt & Granola und Kaffee im Deli und frühstücken in der Lobby, denn draußen wimmelt es überall von tieffliegenden Wespen, die auch Hunger haben. Wir werden den Tag in der Natur verbringen, da brauche ich nicht unbedingt schon beim Frühstück die Gesellschaft aggressiver Insekten.

Den Mariposa Grove of Giant Sequoias erreichen wir gegen 12 Uhr mittags. Wir parken unseren Hyundai auf dem gut besuchten Parkplatz und starten fröhlich zur Wanderung. Nach wenigen Schritten stehen wir vor dem Fallen Monarch und posieren vor seinem beeindruckenden Wurzelwerk.

Wer darin wohl so alles wohnt… Weiter geht es zum Bachelor und seinen drei Grazien. Hier legen wir eine erste Pause ein, müssen allerdings feststellen, dass wir bisher gerade mal 0,3 Meilen geschafft haben.

Der Grizzly Giant ist 64 m hoch und geschätzte 1.800 Jahre alt. Tom wirft sich glücklich vor seinem Freund, dem großen, alten Baum in Pose und freut sich ausnahmsweise, wie klein er ist. (Der Giant ist fast 34-mal so groß wie er…) Am Tunnel Tree gibt es einen Foto-Stau, wir ziehen einen Kilometer weiter zum Faithful Couple.

Die beiden Baumstämme sind innerhalb von einigen Hundert Jahren unten zusammengewachsen, oben an den Kronen jedoch getrennt. Ein außergewöhnliches Paar… Wir folgen unserer Karte weiter hinauf zum Clothespin Tree und schließlich zum Telescope Tree. Ich bin mittlerweile staubig bis zum Knie und doch ein bisschen neidisch auf die Menschen, die sich für eine entspannte Rundfahrt mit dem Shuttlebus entschieden haben. Denen entgeht allerdings das hier: „Schließen Sie die Augen und treten Sie in den Baum hinein. Lassen Sie die Augen geschlossen, lehnen Sie Ihren Kopf zurück und öffnen Sie langsam die Augen. Wahnsinn!“

In einem Baumstamm stehen und in den Himmel gucken kann ich damit abhaken auf der Liste von Dingen, die ich einmal im Leben tun möchte. Nach guten drei Stunden kommen wir fix und fertig wieder unten am Parkplatz an. Ich denke an die mächtigen Bäume, die wir gesehen habe, an die Squirrels, das Reh und die Schmetterlinge und finde, jeder einzelne Schritt hat sich gelohnt.

Über die Wawona Road fahren wir ins Yosemite Valley, stellen uns im Store ein Menü aus Cheesecake, Chips und Grapefruit Soda zusammen und schauen uns anschließend kurz The Ahwahnee Hotel an – ein Resort für Snobs, wie wir beschließen. In der Nähe beginnt ein Wanderweg zu den Yosemite Falls, laut Schild ist dieses Highlight des Tals nur 1 Meile Fußmarsch entfernt. Wir werden trotz unserer müden Füße leichtsinnig und laufen erwartungsvoll los. Es geht bergauf durch ein hübsches Waldstück, vorbei an Felswänden, die zusammen mit den belaubten Ästen im Licht der untergehenden Sonne in den schönsten Farben leuchten. Ich bilde mir ein, die Wasserfälle schon rauschen zu hören. Doch die Idylle wird getrübt, von Abermillionen klitzekleinen Fluginsekten, ob Mücke oder Fliege macht keinen Unterschied: die Biester haben es auf unsere Körperöffnungen abgesehen und zum Angriff auf unsere Ohren, Nasen und Augen geblasen. Wir fuchteln wild mit den Armen, schnaufen, zucken und fluchen. Diese Mikro-Monster werden uns nicht vom Erleben der berühmten Wasserfälle abhalten! Nachdem ich mir zum dritten Mal selbst einen Kinn-Ohr-Haken verpasst habe, um eins der winzigen Arschlöcher in die Flucht zu schlagen, schwindet meine Entschlossenheit. Das nächste Schild macht uns die Entscheidung leicht: noch 0,8 Meilen bis zum Ziel. Das sind umgerechnet mindestens eine Milliarde Begegnungen mit dem geflügelten Feind. Tom und ich tauschen einen Blick und drehen um. Zurück am Auto schütteln wir uns die letzten hartnäckigen Viecher vom Leib und ein paar Leichen aus Ohren und Nasen. Für die verschluckten ist es leider zu spät. Nichts wie weg hier.

Auf dem Rückweg in Richtung unserer Lodge biegen wir nach einigen Minuten schwungvoll vom Northside Drive auf einen Parkplatz ab, nachdem wir rechts von der Straße für eine Sekunde die Yosemite Falls in voller Schönheit erblickt haben. Der Fußweg zu den Lower Falls dauert keine zehn Minuten. Kein Wunder, dass hier deutlich mehr Touristen unterwegs sind als auf unserem Insekten-Horror-Pfad. Ins Tal hinein gelangt man über den Southside Drive, von dem aus man diesen stressfreien Spazierweg leider nicht sehen kann. Vielleicht hätten wir den Reiseführer vorher gründlicher lesen sollen…

Am Fuße des Wasserfalls klettern wir über die Steine und baden unsere staubigen Beine im Eisbach. Ein paar Kneippgüsse können jetzt nicht schaden. Die Yosemite Falls bilden einen schönen Abschluss dieses eindrucksvollen Tages – doch von Felsen herabstürzende Wassermassen haben wir woanders schon berauschender gesehen.

 

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Bollywood im Yosemite National Park

31 Aug

Die Harfenmelodie aus meinem iPhone weckt mich, als ich gerade die Klimaanlage zum 17. Mal wieder angeschaltet und meine Decke und mich umständlich und kunstvoll in eine perfekte Position drapiert habe, um die optimale Schlaftemperatur und den maximalen Wohlfühlfaktor zu erreichen. Es ist 05:20 Uhr. Welcher Wahnsinnige steht freiwillig um diese Zeit auf? Golfspieler, klar. Aber ich? Verdammter Sonnenaufgang. Ich erwäge kurz, bewegungslos unter der kuscheligen Decke liegen zu bleiben und mit geschlossenen Augen eine Sonnenfinsternis zu simulieren. Tom macht sich auf den Weg ins Bad. Streber. Um 05.45 Uhr entschließe ich mich, auch aufzustehen. Der Zabriskie Point ist es sicherlich wert, in der Morgendämmerung in Shorts und T-Shirt zu springen und ohne Frühstück in der bereits um diese Tageszeit nicht zu verachtenden Hitze auf ein Naturschauspiel zu warten.

Diese oder ähnliche Gedanken hatten schon einige Menschen vor uns, denn wir sind nicht allein am Aussichtspunkt. Die frische Morgenidylle wird durch Zigarettenqualm und spanisches Gequatsche etwas getrübt. Romantik kommt nur schwerlich auf an Plätzen, die in jedem Reiseführer eindringlich empfohlen werden. Ich spaziere mit meiner Kamera über die Plattform und schieße ein paar Fotos von der Landschaft, die vor fünf Millionen Jahren mal der Furnace Creek Lake gewesen ist. (Möchtegern)Profis stehen mit ihren Stativen neben Kunstbanausen mit billigen Pocketkameras. Meine Canon und ich irgendwo dazwischen. Langsam erhebt sich die Sonne hinter der Hügelkette und gönnt ihrem Publikum etwas von ihrem gleißenden Licht.

Doch etwas beeindruckender als eine simulierte Sonnenfinsternis. Milchkaffee und Schoko-Franzbrötchen wären jetzt allerdings schön… Im Café 49 auf unserer Ranch bekommen wir ein schnelles Frühstück. Von der Veranda aus beobachten wir unglaublich hässliche kleine Vögel, die verzweifelt nach Nahrung suchen und keinesfalls gefüttert werden dürfen. Noch während ich hoffe, dass sie meinem Croissant und mir nicht zu nahe kommen, landet ein Rabe mit dem BMI eines Mastschweins auf der Mülltonne neben der Veranda. Ich verschlucke schnell mein Hörnchen und beobachte, wie der Vogel mit dem Schnabel versucht, die Tüte aus dem Eimer zu ziehen und sich dabei geschickter anstellt als so mancher Hausmeister. Zeit zum Auschecken.

Wir verlassen die Ranch gegen 8 Uhr und nehmen Kurs auf den Yosemite National Park. Am ersten Aussichtspunkt außerhalb des Death Valleys werfen wir noch einen Blick zurück und sind von Kopf bis Fuß überrascht, als wir aus dem Auto aussteigen. Es sind maximal 25° C hier oben! Beglückt atme ich die frische Luft und schaue Tom dabei zu, wie er zunächst eine Markierung ins Geröll setzt und sich anschließend mit dem Echo des Abgrunds unterhält. Manchmal braucht es eben nicht viel, um glücklich zu sein.

Wir passieren die östliche Felswand der Sierra Nevada und den Salzsee Owens Lake, konsumieren Burger und WiFi in Bishop, biegen am Mono Lake links ab und erreichen am Nachmittag über die Tioga Pass Road den Yosemite National Park. Die Einfahrt gestaltet sich etwas stockend, noch ist die Hauptsaison nicht ganz vorüber. Außerdem sind Straßenbauarbeiten im Gange. Doch es gibt schlimmere Orte, um im Stau zu stehen. Der Weg schlängelt sich durch sattes Grün, vorbei an prächtigen Bäumen und plätschernden Flüssen.

Am Tenaya Lake halten wir an, legen uns in den Sand und lassen den Blick unserer wüstengewöhnten Augen über die glitzernde Wasseroberfläche des Sees schweifen.

Tom hat fleißig im Reiseführer gelesen und ist jetzt ganz wild auf Mammutbäume. Obwohl unser Hotel am anderen Ende der sich durch den Park windenden Straße liegt und wir noch eine beachtliche Strecke vor uns haben, ist er nicht davon abzubringen, zum Tuolumne Grove zu wandern. Wir halten auf dem Parkplatz an der Bik Oak Flat Road, tauschen Flip Flops gegen Turnschuhe und nehmen die 4 km in Angriff, nachdem ich dem unschuldig aussehenden Holzhäuschen am Startpunkt den „worst toilet award“ verliehen habe. Selbst schuld, wenn man die Blase und nicht den Verstand entscheiden lässt. Ich blieb bei dem unglaublich widerlichen Gestank nur deshalb bei Bewusstsein, weil ich sonst in das tiefe, dunkle Loch unter mir gestürzt und vielleicht nie wieder aufgetaucht wäre. Also hielt ich die Luft an, schloss die Augen und dachte kurz an Slumdog Millionaire Jamal und seinen todesmutigen Sprung in die Tiefe. Tapferer kleiner Junge.

Der Wanderweg geht stetig bergab und führt uns vorbei an einigen Mammutbäumen zum Dead Giant, durch dessen Stamm seit 1878 ein Tunnel führt. Voller Ehrfurcht bestaunt Tom die riesigen alten Bäume, von denen es im Südwesten des Parks noch viele mehr geben soll. Ich bereite mich mental für den nächsten Tag schon mal auf eine mehrstündige Wanderung vor.

Um 18.30 Uhr checken wir in der Tenaya Lodge in Fish Camp südlich des Parks ein und lassen den Abend bei Cobb Salad und Burger in Jackalope’s Bar & Grill ausklingen. Wir versuchen, nicht daran zu denken, dass die Hälfte dieses wunderschönen Urlaubs bereits hinter uns liegt, denn wir haben ja noch so viel vor uns: San Francisco, Pismo Beach, Santa Barbara – und natürlich: Mammutbäume…

 

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