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Höschen wiegen

28 Jul

Geschätzte 698 E-Mails, 156 Google-Recherchen, 17 potentielle Reiseziele,
6 Terminalternativen, 5 Planänderungen aufgrund unzureichender Hotel-bewertungen, nicht vorhandener Wellnessbereiche oder akuter Entscheidungs-unfähigkeit, 3 Lagebesprechungen mit dem Fazit „noch mal zurück zum Problem“ – und doch schließlich 1 Ergebnis:

6 Mädels fliegen heute Abend nach Riga!

Selbst die rigorose Beschränkung auf maximal 8 kg Handgepäck bei airBaltic konnte uns nicht aufhalten. Okay, ein bisschen haben wir geschummelt und uns für 20 Euro pro Strecke 20 kg Extragepäck gekauft, die wir solidarisch unter uns aufteilen und anschließend aufgeben. Allergikerin Eileen braucht ihr Nasen-spray, Frostbeulchen Joan was Warmes zum Überziehen, falls es unter 25° C kalt werden sollte, und Ingenieurin Bine musste überlegen, was sie noch einpackt, nachdem sie jedes Höschen akkurat abgewogen hatte, um die strengen Gewichts-beschränkungen der Airline artig einzuhalten. Hobbyfotografin Anna hat sogar ihre Canon EOS dabei. Wir dürfen gespannt sein auf die Bilder.

Sektempfang ist um 19 Uhr in Terminal 1. Geplante Ankunft am Ziel: 23.30 Uhr Ortszeit. Wir haben schon gestern online eingecheckt und uns Taxivoucher für die Strecke vom Flughafen Riga zum Hotel besorgt. Vorbereitung ist alles.

Es geht los!

Im ersten Waggon der S1 sind wir ab der Station Rübenkamp schon zu zwei Dritteln versammelt und sorgen mit unserem aufgeregten Geschnatter über vergessene Bikinis und die Notwendigkeit von Reiseglätteisen dafür, dass der uns gegenüber sitzende Mittzwanziger immer wieder verstohlen sein Handy angrinst. Er würde sicherlich einiges dafür geben, sich in genau diesem Moment in ein Pantene Pro-V-Shampoopröbchen zu verwandeln, um uns in diesem Zustand als stiller Beobachter auf den vor uns liegenden Trip begleiten zu dürfen. Leider reichen seine magischen Kräfte dafür nicht aus. Am Bahnsteig des Flughafens stößt das noch fehlende Drittel in Form von Bine und Anna zu uns, so dass wir überpünktlich am Check-in versammelt sind und den dort gelangweilt in der Schlange Wartenden ein willkommenes Unterhaltungsprogramm bieten, indem wir mit dem Umpacken beginnen. Der gemeinsam gefüllte Koffer wiegt gerade mal 15,6 kg – uns bleibt also ausreichend Spielraum für Einkaufsbummel in Riga. Joan spendiert uns auf diesen ersten Erfolg eine Runde Freixenet Seco. Ein Fläschchen mehr, und wir hätten uns vom Sicherheitspersonal vielleicht überreden lassen, freiwillig den neuen Nacktscanner zu benutzen. Anna ist schon einmal darauf hereingefallen, dass man die Aufnahmen angeblich ein paar Meter weiter an einem Automaten ausdrucken lassen kann. Hätte uns auch passieren können.

Eingedeckt mit Proviant und Zeitschriften machen wir uns auf dem Weg zum Gate C13 im Erdgeschoss des Terminals. Es geht also mit dem Bus übers Roll-feld. Bei der Online-Sitzplatzwahl hatte ich mir noch nicht so viel dabei gedacht, dass die Sitzreihen links und rechts des Gangs nur aus jeweils zwei Plätzen bestehen. Spätestens als Eileen und Bine beim Einsteigen in die kleine Turboprop-Maschine ihr nur minimal überdimensioniertes Handgepäck dem Bodenpersonal übergeben müssen und dieses anschließend im Bauch des Flug-zeugs verstaut wird, wissen wir Bescheid. Begeistert winkt Joan dem Piloten im Cockpit – sie hat bisher noch keinen aus so geringer Entfernung betrachten dürfen. Unser restliches Handgepäck bringen wir problemlos in der Kabine unter und den Flug trotz nicht zu verachtender Turbulenzen einigermaßen entspannt hinter uns.

Zwei grüne BalticTaxis bringen uns  durch den leichten Nieselregen zum Maritim Park Hotel. Es ist nach Mitternacht und stockdunkel, als die Fahrer uns dort absetzen. „Ich dachte, wir wohnen zentral“, ist meine erste Reaktion auf unsere Unterkunft für die nächsten drei Tage. Vor dem Hotel sehen wir nichts als einen großen Parkplatz und die Hauptverkehrsstraße Slokas iela. Zunächst mache ich mir dazu keine weiteren Gedanken, denn im Moment sind wir alle sechs beseelt von der Vorstellung, auf unseren Zimmern die Klamotten von uns zu werfen, gleich danach unser durchgeschütteltes Haupt auf weichen Kissen zu betten und erschöpft seufzend die Augen zu schließen. In der vierten Etage werden wir von einer Duftmischung aus Zigarettenrauch und Wunderbaum empfangen. Unsere drei Doppelzimmer sind klein, verfügen über einen winzigen Kleiderschrank, eine leere Minibar und zwei Einzelbetten. Nachdem Eileen ihr Nachtlager und das Bad auf Haare und sonstige Rückstände von Vorgästen untersucht hat, möchte sie als erstes wissen, wann der nächste Flieger zurück nach Hamburg geht. Nun gut, Eileen ist, wie soll ich sagen, beim Thema Hygiene sehr empfindlich und wäre als Hoteltesterin nur bedingt geeignet, doch wohl fühle ich mich in diesem Zimmer auch nicht. Ich muss erst noch kurz Joan das Leben retten, indem ich ihren Blutzuckerspiegel mit den Not-Giottos aus meiner Reisetasche wieder auf ein unbedenkliches Level bringe, dann reiche ich Eileen schnell mein Sagrotan-Fläschchen, um ihre sofortige Flucht aus dem Hotel zu verhindern. Sie schlägt vor, dass sie ja im Koffer schlafen könne, legt dann aber doch nur ihre Klamotten darin ab. Wir treffen die nötigen Vorkehrungen, um zumindest eine Nacht hier verbringen zu können, doch viel Schlaf ist uns nicht vergönnt. Draußen vor dem Fenster röhrt die Klimaanlage, der Regen prasselt auf das Blechdach. Drinnen lausche ich dem vertrauten Chrchrchrrr von Eileen und kämpfe mit der kratzigen Bettwäsche. Willkommen in Riga.

(Fortsetzung folgt…)

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Mädels, mal ohne Männer

9 Mrz

Freitag, 18 Uhr, Hamburg. So viel weibliche Hormone hat dieser BMW bisher noch nie transportiert, aber er kommt gut damit zurecht und muckt nicht ein einziges Mal auf. Auch nicht, als Maja anfängt, von ihrer noch knackfrischen Beziehung und den ersten kleinen Differenzen zu erzählen und wir bereitwillig sowohl unsere Single- als auch Männergeschichtenerfahrung anzapfen und uns am Ende einig sind: alles halb so wild. Wir haben die Männer für dieses Wochen-ende bewusst zu Hause gelassen, was natürlich nicht heißt, dass sie als Thema tabu sind. Im Gegenteil. Es gibt fast nichts Schöneres, als sich in diesem männer-freien Raum mit hochqualifizierten Gesprächspartnerinnen darüber auszu-tauschen, ob zum Beispiel einmal die Woche spontan auftretende Trennungs-gedanken normal sind, die zum Glück ebenso spontan wieder verschwinden. Wir sind zu viert und natürlich nicht immer einer Meinung, was dazu führt, dass die Fahrt nach Adendorf von anregenden Diskussionen untermalt wird.

Ein kurzer Zwischenstopp muss sein, ohne Prosecco, Kekse, Chips und Fred Ferkel können wir nicht im Hotel einchecken. Womöglich haben wir den blut-jungen männlichen Aushilfen der Sky-Filiale Adendorf mit unserem Auftritt Gesprächsstoff für ihr heutiges Abendprogramm geliefert – gern geschehen. Weiter geht’s – nur noch achtundzwanzigmal abbiegen und dreimal wenden (dem Navi sei Dank) und schon sind wir da. Ab jetzt sind wir zu sechst und unsere drei Zimmer liegen alle auf demselben Flur, das Hotelpersonal hat mitgedacht.

Beim Abendessen wird sich noch etwas beschnuppert, denn wir haben es gewagt, jemand „Neues“ in unsere Reisegruppe aufzunehmen – aus rein symmetrischen Gründen. Dieses zugegebenermaßen leicht riskante Experiment erweist sich jedoch als eindeutiger Glücksgriff – Zickenalarm bleibt das ganze Wochenende ein Fremdwort für uns. Fairerweise werden wir dann aber doch dem einen oder anderen Klischee gerecht und bestellen unser Essen ausnahmslos aus der Rubrik „kleine Gerichte“. Und werden auch noch satt davon. Der arme Kellner muss wahrscheinlich eine verdiente vorgezogene Pause einlegen, nachdem er die Abrechnungsmodalitäten schließlich zu unserer Zufriedenheit geregelt hat. Darauf trinken wir einen Cocktail an der Bar. Hier gibt es ein Wiedersehen mit Jenny, die Eileen und ich bei unserem ersten legendären Aufenthalt in diesem Etablissement vergangenen Sommer kennengelernt haben. Damals endete der Abend mit dem spektakulären Versuch, zu einer Runde Nachtschwimmen in den Pool zu gelangen – dieser scheiterte jedoch (zum Glück) an verschlossenen Türen. Schuld an diesem sinnlosen Aktionismus war der spicy split gewesen, eine spezielle Kreation des Barpersonals, die unter der Theke gehandelt wurde und in deren Genuss wir erst gekommen waren, nachdem wir einige B52’s durch brennende Strohhalme zu uns genommen hatten. Heute aber wissen wir gleich Bescheid, da wir quasi Stammgäste sind, und bekommen von Jenny eine Runde spicy splits aufs Haus. Es schmeckt wie flüssiges Cuja Mara Split mit einer nicht zu verachtenden Schärfe im Abgang. Wir schwächeln und begnügen uns mit dieser einen Runde. Wahrscheinlich haben wir Jenny nicht nur damit enttäuscht, es stehen wilde Spekulationen im Raum. Das Verspeisen der Cocktailkirsche mutiert auf einmal zum unwägbaren Risiko, denn das könnte ein Code sein, die Vermutung liegt schließlich auf der Hand! Wir belassen es bei der Spekulation und verabschieden uns auf unsere Zimmer.

Es sind nicht nur die Gespräche, die ein Wochenende unter Frauen so besonders machen. Wir sind hier zum Abschalten und Entspannen, dazu gehört auch, sich keine Gedanken um fehlende Kosmetikprodukte oder Kleidungsstücke machen zu müssen. Was bei einem Kurzurlaub mit dem Mann des Herzens zu panischen Anrufen an der Rezeption und fluchtartigem Verlassen des Hotelzimmers kurz vor Ladenschluss geführt hätte, löst sich hier in Wohlgefallen auf. Ich Horst habe keinen Bikini dabei – Joan konnte sich zu Hause nicht entscheiden und hat einen zweiten im Gepäck. Meiner! Bine hat den Behälter für ihre Kontaktlinsen vergessen – hier helfe ich als Blindfisch gerne aus. Eileens Shampooengpass wird von Joan ausgeglichen und wir gehen alle glücklich und bestens versorgt schlafen. Ein Besuch bei Rossmann am nächsten Morgen ist trotzdem unaus-weichlich, denn Eileen hat mich die halbe Nacht mit entzückendem Schnarchen wachgehalten und braucht dringend Nasenspray. Nachdem das erledigt ist und ich wieder Hoffnung habe, in der folgenden Nacht mehr Schlaf zu bekommen, entern wir den Wellnessbereich im Souterrain des Hotels. Die anderen paddeln schon im Jacuzzi. Dampfbad, finnische Sauna, Balnearium – wir haben ein straffes Programm vor uns! Draußen strahlt die Frühlingssonne über dem angrenzenden Golfplatz, doch mangels Liegen auf der Terrasse (das Hotel-personal ist noch im Winter-Modus) machen wir es uns im kuscheligen Ruheraum gemütlich. Unterbrechen lassen wir uns nur von unseren Massage-terminen, von denen wir mit Handtuchabdrücken auf der Stirn und seligem Lächeln im Gesicht zurückkehren. Der Alltag ist gefühlte Milliarden Meilen entfernt. Augen zu und genießen.

Die verrückten Hühner Bine, Joan und Maja unterbrechen den Dreiklang aus Entspannung, Faulsein und Nichtstun mit einer dreißigminütigen Einheit im gegenüberliegenden Fitness-Raum. Durch die geschlossene Tür des Ruheraums stört der Lärm der Cardiogeräte nur minimal und ich widme mich weiter meinem Roman und meiner Tasse Lemon Flush aus der Teeoase. Da soll noch mal einer sagen, Frauen wären nie wunschlos glücklich. Zumindest stundenweise sind wir durchaus zu solchen Gefühlen in der Lage.

Doch zu viel Entspannung macht träge und die Bikinisaison liegt gefährlich nah. Einen kalorienfreien Vitalsnack von der Spaneo Bar später schmeißen wir uns in die Stretchklamotten und stellen uns dem 90-minütigen Workout bei Karin im Fitness-Studio. Was harmlos beginnt und kein Ende zu nehmen scheint, wird uns allen den bisher größten Muskelkater des Jahres bescheren. Darauf gönnen wir uns noch eine Runde Dampfbad.

Nachdem wir den ganzen Tag reichlich Giftstoffe ausgeschwitzt und Kalorien verbrannt haben, müssen die Speicher am Abend wieder nachgefüllt werden. Prosecco, Chips und Fred Ferkel stehen bereit als Apéritif und stellen für uns keinen Widerspruch dar zu den Gesprächen über Weight Watchers und Kalorientabellen. Wir wissen, was gesund ist – aber auch, was lecker ist und Spaß macht. Stößchen! Mit dem Großraumtaxi geht es nach Lüneburg in die Osteria Rustica.  Glücklich abgefüllt mit Prosecco Aperol, Pizza aus dem Holz-ofen, Pasta und Tiramisù zum Dessert nehmen wir noch einen Drink an der Hotelbar und genießen dazu die musikalische Untermalung vom Pianisten am Konzertflügel. Noch während ich mich frage, ob ein B52 eigentlich brennen MUSS, probiere ich einen Schluck des flammenlosen Shots und trage mit meinem folgenden Gesichtsausdruck und unkontrolliertem Husten zur allgemeinen Erheiterung bei. Ein Blick in die Karte verrät: das war Rum mit 73 Umdrehungen. Die beiden anderen Schichten des Getränks sind eindeutig harmloser. Andernfalls hätte ich mich womöglich wieder auf die Suche nach einem Nachteingang zum Pool gemacht. Eine Weile lauschen wir noch den schmeichelnden Klängen des Pianos, die uns sanft umhüllen und schließlich die Treppe hinauf ins Bett tragen. Zufrieden lassen wir uns in die Kissen sinken, einem tiefen, traumlosen Schlaf entgegen. Ein perfekter Tag geht zu Ende.

Doch die Nacht, die Nacht hat es in sich. Das Meerwasser-Nasenspray verfehlt leider seine Wirkung. Wieder erwache ich mitten in der Nacht, und diesesmal ist es nicht das Piano, das mich mit sanften Klängen umschmeichelt, es sind Eileens Polypen, die ihre Verstopfung laut und gleichmäßig der Umgebung, in diesem Fall mir, kund tun. Chrchrchrchrch. Chrchrchrchrchr. Ein. Aus. Ein teuflischer Kreislauf, den ich nicht durchbrechen kann. Stupsen, rütteln, stöhnen, seufzen – die Schnarcher setzen höchstens für eine halbe Sekunde aus, ganz gleich, welche Maßnahmen ich ergreife. Zutiefst verzweifelt schalte ich schließlich das Licht an und stelle mich schlafend, mit dem zweiten Kissen auf meinem Ohr. Eileen hebt den Kopf und gibt sich entsetzt: „Das Licht ist plötzlich angegangen!“ Ich tue  ahnungslos. „Du schnarchst.“ Nachdem das geklärt ist, schalte ich das Licht aus und beeile mich, vor Eileen wieder einzuschlafen.

Zumindest ein paar Stunden Schlaf sind mir in dieser Nacht noch vergönnt, doch der hinter mir liegende Kampf mit Eileens Polypen ist mir später am Frühstücks-tisch deutlich anzusehen. Mit Birchermüsli, Croissant und Milchkaffee starte ich ein Mini-Wellnessprogramm von innen. Und spätestens nachdem wir eigen-händig Liegestühle auf die Terrasse getragen haben und in Bademäntel und Decken gewickelt die Märzsonne genießen, ist die Nacht vergessen. Mit Glück bekomme ich sogar einen Sonnenbrand im Gesicht.

Keine Frage, dass wir dieses Wochenende schon bald in ähnlicher Form wieder-holen werden. Südfrankreich im Spätsommer? Barcelona, Mailand, Paris? Unendliche Möglichkeiten. Etwas ungehalten reagiere ich allerdings auf Majas unverschämten Vorschlag: „Nächstes Mal nehmen wir die Männer mit.“ Hat sie denn in den vergangenen zwei Tagen gar nichts gelernt?!

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