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Kuchen hilft immer

11 Nov

Gut vier Stunden später bin ich wieder wach und spüle unter der warmen Regendusche die Nacht von meinem Körper. Ein weiterer Wellnesstag mit Sauna, Dampfbad und Massage wäre heute genau das Richtige für meine müden, vergifteten Zellen. Leider müssen wir um 11 Uhr auschecken und das Hotel verlassen, denn im gesamten Gebäude stehen Bauarbeiten an. Zum Ausgleich döse ich unter dem Wasserstrahl noch ein Weilchen vor mich hin.

Nichts wirkt besser gegen Katerstimmung als ein deftiges Frühstück. Dazu der Drink des Tages, heute mit Walnuss – „Nahrung für das Gehirn“, sagt der kleine Zettel daneben. Die Sonne scheint und schreibt groß „Strandspaziergang!“ an den blauen Himmel. Wer will da noch in die Sauna! Ganz zu schweigen vom AquaGym. Den Kurs haben wir leider verpasst. Joan und Gina erzählen von ihrem nächtlichen Kartoffelsuppen-Intermezzo, ansonsten ist es ungewöhnlich ruhig an unserem Tisch.

Widerwillig packen wir unsere Sachen. Ich fühle mich rausgeschmissen. Es war doch eben erst Freitag, irgendwas stimmt mit der Inselzeit nicht. Ich vermute, bei Wochenend-Trips verhält sich das Zeitgefühl negativ proportional zur Personenanzahl. Aber dafür war es auch mindestens siebenmal so lustig…

Im Taxi auf dem Weg nach Kampen bewundern wir die Schönheit der Insel, die Friesenhäuser in den Dünen, die im Sonnenlicht glitzernden Wellen der Nordsee. Als wir in der Kurhausstraße aussteigen, rieche ich endlich das Meer. Wir gehen runter zum Strand, halten das Gesicht in die Sonne, spüren den Wind und hören die Wellen rauschen. Aspirin plus C ist ein Witz dagegen.

Ich könnte ewig so weiter laufen, immer Richtung Süden, der Sonne entgegen. Wir weichen ab und zu der Brandung aus, Schaumkronen wehen über den flachen Sand. Der Gedanke, dass dieses wunderschöne Stück Natur immer da ist – für jeden, der einen Spaziergang machen, seine Gedanken sortieren, im weichen Sand seine Pomuskeln trainieren oder melancholisch übers Wasser blicken möchte – während ich Tag für Tag im kalten Neonlicht meines Hamburger Großraumbüros bewegungslos auf den Bildschirm vor mir starre, lässt mich wieder einmal grundsätzlich am Sinn meines geregelten Alltags zweifeln. Zum Glück biegen wir am Roten Kliff in die Dünen ab, Richtung Kupferkanne auf der Wattseite der Insel, bevor ich auf dieser Gedankenspirale richtig in Fahrt komme. Kuchen! Kuchen hilft immer.

Rhabarber, Mohn, Apfel, Käse – wir probieren uns durch fast alle Sorten hausgemachten Blechkuchen, die heute in der Kupferkanne aus dem Ofen gezaubert wurden. Ich bin müde von letzter Nacht, vom Wind und dem Bewusstsein, dass dieses Wochenende sich viel zu schnell dem Ende zuneigt. Die Sonne steht tief am Himmel, jeder Grashalm sieht aus wie gemalt. Wir müssen zum Bahnhof. Während wir auf unseren Zug warten, lassen wir die Highlights der letzten Nacht noch einmal Revue passieren. Wir denken zurück an Hase, Bärchen, Nicky, Gaby und Kai und nehmen uns vor, zurück in Hamburg gleich mit der Planung unseres nächsten Ausflugs zu starten. Als wir über den Hindenburgdamm fahren, geht über der Nordsee langsam die Sonne unter. Passt irgendwie zur Stimmung.

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Tiefenentspannt

10 Nov

Das Meer ruft. Wir können es von unserem Zimmer aus weder sehen noch rauschen hören, aber mich zieht es noch vor dem Frühstück nach draußen, während die anderen im Fitnessraum schwitzen beziehungsweise vom Außenpool aus Trainer Lukas beim AquaGym zuschauen. Ich ziehe meine Mütze tief ins Gesicht und laufe die Promenade ein Stück nach Süden. Grau und kalt liegt die Nordsee neben mir. Wir hatten schon bessere Momente zusammen. Ich drehe eine Runde durch den Ort und kehre zum Hotel zurück. Frühstück ist fertig. Wir bekommen einen Tisch direkt neben dem Kinderbuffet. Im Nebenraum gibt es von Waffeln über Müsli, Croissants und Brötchen bis zum frischen Rührei alles, wovon man nach einem Strandspaziergang träumen könnte. Bine mahlt eigenhändig Getreide über ihr Obst, ich schlürfe den Dinkel-Drink des Tages zum Marmeladencroissant. Ein hübscher Kellner bringt uns heißen Kaffee. Der Tag fängt gut an.

Das Meer bekommt noch eine Chance. Gina entschwindet zu ihrer Ayurveda Massage, der Rest von uns macht sich auf den Weg zum Strand. Ja, es gibt ihn, hinter dem Lister Hafen, kurz vor Dänemark, liegt der Oststrand. Sand unter den Füßen, na endlich. Maja springt mit ihren Gummistiefeln in die Brandung, neidisch sehen wir ihr dabei zu.

Joan schickt fleißig Bilder und Texte an den Mann ihres Herzens. Ich bemerke: gegen derart starke Fälle von Sehnsucht kann auch die salzigste Seeluft nichts ausrichten. Hätte ich mir denken können.

In der Panoramasauna genieße ich den Blick auf die Dünen, die Möwen und die tanzenden Nebelschwaden über dem Außen-Schwimmbecken. Das Holz knackt. Der Schweiß fließt. Die Zeit steht still. Wir kühlen uns auf der Terrasse ab, entspannen auf der Ruheliege, atmen Rosenduft im Laconium und ignorieren aus Badehosen quellende, behaarte Bierbäuche im osmanischen Dampfbad. Gina probt ihre Präsentation für Dienstag und genehmigt sich darauf eine Bloody Mary aus der Vital-Bar. Im mineralstoffreichen Algenbad mit Hydromassage dämmere ich 15 Minuten lang glücklich vor mich hin. „Du siehst total entspannt aus!“ lobt Joan mich anschließend. Kunststück an einem Tag wie heute. Ich schwimme ein paar Bahnen im Außenpool, in der kalten Luft weht salziger Wasserdampf um mein Gesicht. Kein Mensch weit und breit. Geistesabwesend lasse ich mich treiben, bis ich merke, dass Eileen oben am Fenster steht und mit meinem iPhone Fotos von mir macht. Na warte.

Mädels, mal ohne Männer

9 Mrz

Freitag, 18 Uhr, Hamburg. So viel weibliche Hormone hat dieser BMW bisher noch nie transportiert, aber er kommt gut damit zurecht und muckt nicht ein einziges Mal auf. Auch nicht, als Maja anfängt, von ihrer noch knackfrischen Beziehung und den ersten kleinen Differenzen zu erzählen und wir bereitwillig sowohl unsere Single- als auch Männergeschichtenerfahrung anzapfen und uns am Ende einig sind: alles halb so wild. Wir haben die Männer für dieses Wochen-ende bewusst zu Hause gelassen, was natürlich nicht heißt, dass sie als Thema tabu sind. Im Gegenteil. Es gibt fast nichts Schöneres, als sich in diesem männer-freien Raum mit hochqualifizierten Gesprächspartnerinnen darüber auszu-tauschen, ob zum Beispiel einmal die Woche spontan auftretende Trennungs-gedanken normal sind, die zum Glück ebenso spontan wieder verschwinden. Wir sind zu viert und natürlich nicht immer einer Meinung, was dazu führt, dass die Fahrt nach Adendorf von anregenden Diskussionen untermalt wird.

Ein kurzer Zwischenstopp muss sein, ohne Prosecco, Kekse, Chips und Fred Ferkel können wir nicht im Hotel einchecken. Womöglich haben wir den blut-jungen männlichen Aushilfen der Sky-Filiale Adendorf mit unserem Auftritt Gesprächsstoff für ihr heutiges Abendprogramm geliefert – gern geschehen. Weiter geht’s – nur noch achtundzwanzigmal abbiegen und dreimal wenden (dem Navi sei Dank) und schon sind wir da. Ab jetzt sind wir zu sechst und unsere drei Zimmer liegen alle auf demselben Flur, das Hotelpersonal hat mitgedacht.

Beim Abendessen wird sich noch etwas beschnuppert, denn wir haben es gewagt, jemand „Neues“ in unsere Reisegruppe aufzunehmen – aus rein symmetrischen Gründen. Dieses zugegebenermaßen leicht riskante Experiment erweist sich jedoch als eindeutiger Glücksgriff – Zickenalarm bleibt das ganze Wochenende ein Fremdwort für uns. Fairerweise werden wir dann aber doch dem einen oder anderen Klischee gerecht und bestellen unser Essen ausnahmslos aus der Rubrik „kleine Gerichte“. Und werden auch noch satt davon. Der arme Kellner muss wahrscheinlich eine verdiente vorgezogene Pause einlegen, nachdem er die Abrechnungsmodalitäten schließlich zu unserer Zufriedenheit geregelt hat. Darauf trinken wir einen Cocktail an der Bar. Hier gibt es ein Wiedersehen mit Jenny, die Eileen und ich bei unserem ersten legendären Aufenthalt in diesem Etablissement vergangenen Sommer kennengelernt haben. Damals endete der Abend mit dem spektakulären Versuch, zu einer Runde Nachtschwimmen in den Pool zu gelangen – dieser scheiterte jedoch (zum Glück) an verschlossenen Türen. Schuld an diesem sinnlosen Aktionismus war der spicy split gewesen, eine spezielle Kreation des Barpersonals, die unter der Theke gehandelt wurde und in deren Genuss wir erst gekommen waren, nachdem wir einige B52’s durch brennende Strohhalme zu uns genommen hatten. Heute aber wissen wir gleich Bescheid, da wir quasi Stammgäste sind, und bekommen von Jenny eine Runde spicy splits aufs Haus. Es schmeckt wie flüssiges Cuja Mara Split mit einer nicht zu verachtenden Schärfe im Abgang. Wir schwächeln und begnügen uns mit dieser einen Runde. Wahrscheinlich haben wir Jenny nicht nur damit enttäuscht, es stehen wilde Spekulationen im Raum. Das Verspeisen der Cocktailkirsche mutiert auf einmal zum unwägbaren Risiko, denn das könnte ein Code sein, die Vermutung liegt schließlich auf der Hand! Wir belassen es bei der Spekulation und verabschieden uns auf unsere Zimmer.

Es sind nicht nur die Gespräche, die ein Wochenende unter Frauen so besonders machen. Wir sind hier zum Abschalten und Entspannen, dazu gehört auch, sich keine Gedanken um fehlende Kosmetikprodukte oder Kleidungsstücke machen zu müssen. Was bei einem Kurzurlaub mit dem Mann des Herzens zu panischen Anrufen an der Rezeption und fluchtartigem Verlassen des Hotelzimmers kurz vor Ladenschluss geführt hätte, löst sich hier in Wohlgefallen auf. Ich Horst habe keinen Bikini dabei – Joan konnte sich zu Hause nicht entscheiden und hat einen zweiten im Gepäck. Meiner! Bine hat den Behälter für ihre Kontaktlinsen vergessen – hier helfe ich als Blindfisch gerne aus. Eileens Shampooengpass wird von Joan ausgeglichen und wir gehen alle glücklich und bestens versorgt schlafen. Ein Besuch bei Rossmann am nächsten Morgen ist trotzdem unaus-weichlich, denn Eileen hat mich die halbe Nacht mit entzückendem Schnarchen wachgehalten und braucht dringend Nasenspray. Nachdem das erledigt ist und ich wieder Hoffnung habe, in der folgenden Nacht mehr Schlaf zu bekommen, entern wir den Wellnessbereich im Souterrain des Hotels. Die anderen paddeln schon im Jacuzzi. Dampfbad, finnische Sauna, Balnearium – wir haben ein straffes Programm vor uns! Draußen strahlt die Frühlingssonne über dem angrenzenden Golfplatz, doch mangels Liegen auf der Terrasse (das Hotel-personal ist noch im Winter-Modus) machen wir es uns im kuscheligen Ruheraum gemütlich. Unterbrechen lassen wir uns nur von unseren Massage-terminen, von denen wir mit Handtuchabdrücken auf der Stirn und seligem Lächeln im Gesicht zurückkehren. Der Alltag ist gefühlte Milliarden Meilen entfernt. Augen zu und genießen.

Die verrückten Hühner Bine, Joan und Maja unterbrechen den Dreiklang aus Entspannung, Faulsein und Nichtstun mit einer dreißigminütigen Einheit im gegenüberliegenden Fitness-Raum. Durch die geschlossene Tür des Ruheraums stört der Lärm der Cardiogeräte nur minimal und ich widme mich weiter meinem Roman und meiner Tasse Lemon Flush aus der Teeoase. Da soll noch mal einer sagen, Frauen wären nie wunschlos glücklich. Zumindest stundenweise sind wir durchaus zu solchen Gefühlen in der Lage.

Doch zu viel Entspannung macht träge und die Bikinisaison liegt gefährlich nah. Einen kalorienfreien Vitalsnack von der Spaneo Bar später schmeißen wir uns in die Stretchklamotten und stellen uns dem 90-minütigen Workout bei Karin im Fitness-Studio. Was harmlos beginnt und kein Ende zu nehmen scheint, wird uns allen den bisher größten Muskelkater des Jahres bescheren. Darauf gönnen wir uns noch eine Runde Dampfbad.

Nachdem wir den ganzen Tag reichlich Giftstoffe ausgeschwitzt und Kalorien verbrannt haben, müssen die Speicher am Abend wieder nachgefüllt werden. Prosecco, Chips und Fred Ferkel stehen bereit als Apéritif und stellen für uns keinen Widerspruch dar zu den Gesprächen über Weight Watchers und Kalorientabellen. Wir wissen, was gesund ist – aber auch, was lecker ist und Spaß macht. Stößchen! Mit dem Großraumtaxi geht es nach Lüneburg in die Osteria Rustica.  Glücklich abgefüllt mit Prosecco Aperol, Pizza aus dem Holz-ofen, Pasta und Tiramisù zum Dessert nehmen wir noch einen Drink an der Hotelbar und genießen dazu die musikalische Untermalung vom Pianisten am Konzertflügel. Noch während ich mich frage, ob ein B52 eigentlich brennen MUSS, probiere ich einen Schluck des flammenlosen Shots und trage mit meinem folgenden Gesichtsausdruck und unkontrolliertem Husten zur allgemeinen Erheiterung bei. Ein Blick in die Karte verrät: das war Rum mit 73 Umdrehungen. Die beiden anderen Schichten des Getränks sind eindeutig harmloser. Andernfalls hätte ich mich womöglich wieder auf die Suche nach einem Nachteingang zum Pool gemacht. Eine Weile lauschen wir noch den schmeichelnden Klängen des Pianos, die uns sanft umhüllen und schließlich die Treppe hinauf ins Bett tragen. Zufrieden lassen wir uns in die Kissen sinken, einem tiefen, traumlosen Schlaf entgegen. Ein perfekter Tag geht zu Ende.

Doch die Nacht, die Nacht hat es in sich. Das Meerwasser-Nasenspray verfehlt leider seine Wirkung. Wieder erwache ich mitten in der Nacht, und diesesmal ist es nicht das Piano, das mich mit sanften Klängen umschmeichelt, es sind Eileens Polypen, die ihre Verstopfung laut und gleichmäßig der Umgebung, in diesem Fall mir, kund tun. Chrchrchrchrch. Chrchrchrchrchr. Ein. Aus. Ein teuflischer Kreislauf, den ich nicht durchbrechen kann. Stupsen, rütteln, stöhnen, seufzen – die Schnarcher setzen höchstens für eine halbe Sekunde aus, ganz gleich, welche Maßnahmen ich ergreife. Zutiefst verzweifelt schalte ich schließlich das Licht an und stelle mich schlafend, mit dem zweiten Kissen auf meinem Ohr. Eileen hebt den Kopf und gibt sich entsetzt: „Das Licht ist plötzlich angegangen!“ Ich tue  ahnungslos. „Du schnarchst.“ Nachdem das geklärt ist, schalte ich das Licht aus und beeile mich, vor Eileen wieder einzuschlafen.

Zumindest ein paar Stunden Schlaf sind mir in dieser Nacht noch vergönnt, doch der hinter mir liegende Kampf mit Eileens Polypen ist mir später am Frühstücks-tisch deutlich anzusehen. Mit Birchermüsli, Croissant und Milchkaffee starte ich ein Mini-Wellnessprogramm von innen. Und spätestens nachdem wir eigen-händig Liegestühle auf die Terrasse getragen haben und in Bademäntel und Decken gewickelt die Märzsonne genießen, ist die Nacht vergessen. Mit Glück bekomme ich sogar einen Sonnenbrand im Gesicht.

Keine Frage, dass wir dieses Wochenende schon bald in ähnlicher Form wieder-holen werden. Südfrankreich im Spätsommer? Barcelona, Mailand, Paris? Unendliche Möglichkeiten. Etwas ungehalten reagiere ich allerdings auf Majas unverschämten Vorschlag: „Nächstes Mal nehmen wir die Männer mit.“ Hat sie denn in den vergangenen zwei Tagen gar nichts gelernt?!

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