Tag Archives: Urlaub

Endlich Flip Flops!

20 Mrz

Sonntag

Wann war noch mal Frühlingsanfang in Deutschland? Hamburg ist die schönste Stadt der Welt, vor allem im Sommer, aber die Temperaturen zu Jahresbeginn sind einfach erbärmlich. Da ist die Stadt selber schuld, wenn man ihr von Fuhlsbüttel aus den Rücken kehrt. 4 Stunden Flug und 40 Fahrtminuten im Mietpolo später haben wir Eimsbüttel gegen Puerto de Mogán getauscht. Auf der Strecke vom Flughafen zu unserem romantischen Hafenort taucht immer häufiger der Atlantik als malerische Kulisse auf. Die Luft ist lau und duftet nach Urlaub. Bucht für Bucht windet sich die Straße um die Felsen. Wir können Puerto de Mogán schon sehen, als wir noch etwa 15 Haarnadelkurven vom Ziel entfernt sind. Der Yachthafen mit seinem kleinen Leuchtturm liegt idyllisch am Fuße der felsigen Bucht.

Unser Hotel ist nicht zu übersehen, als wir in den Ort abbiegen. Mein: „Und wir sind übrigens da!“ klingt ein wenig erschrocken. Monströs klammert sich das Aparthotel Cordial Mogán Valle in den Berg, es ist zu breit für jedes Teleobjektiv und war daher im Internet aus vorteilhafteren Perspektiven abgebildet. Wir parken unseren weißen Polo in einem der auf dieser Insel anscheinend sehr beliebten Kreisverkehren vor dem Eingang und betreten die Lobby. Wir bekommen das Appartement 742 einschließlich einer bebilderten Wegbeschreibung durch die Anlage, die den Satz „we have 63 lifts“ enthält. Auf dem Weg zu unserem Zimmer verstehen wir diesen Hinweis. Das Hotel ist terrassenförmig in den Berg gebaut, so dass jeder Lift nur 3 Etagen schafft, nach denen wir in den nächsten, näher am Berg gelegenen Lift wechseln. Insgesamt drei Mal. Dann geht es einen langen Flur entlang, mit zwei schweren Taschen im Schlepptau gefühlte 547 m lang. Gepäckwagen? Das ist doch was für dekadente 5-Sterne-Bunker. Immerhin, das Appartement ist hell und freundlich (heißt: ohne psychedelische Blümchenmuster) eingerichtet und hat eine große Terrasse mit zwei bequemen Liegen. Wenn wir uns über die Brüstung beugen und den Kopf nach links drehen, können wir das Meer sehen. Zu weit nach links, und wir sehen unsere sich sonnende, leicht übergewichtige ältere Nachbarin im pinkfarbenen Bikini, in Position gebracht für minimale Bräunungsstreifengefahr. Schnell wieder nach rechts geguckt, Koffer ausgepackt und ab an den Hafen.

Nachdem wir den Ort durchquert und auch angesichts des traurig kargen Dorfplatzes sowie der obligatorischen, ebenso unzähligen wie überflüssigen Shops den Optimismus nicht verloren haben, erreichen wir das Schmuckstück von Puerto de Mogán, vielleicht sogar von ganz Gran Canaria. Cafés, Restaurants, Schmuckläden reihen sich vis-à-vis der hier vertäuten Boote und Segelyachten aneinander. Entzückende Häuschen mit kleinen Vorgärten und großartigen Dachterrassen begeistern den Betrachter – diese schnuckeligen Unterkünfte kann man mieten, wieso hat uns das keiner gesagt?! Wir flanieren weiter in Richtung Leuchtturm, drehen jedoch schließlich wieder um, denn der Weg ist viel weiter, als es zunächst scheint. Stattdessen bestellen wir zwei café con leche im Café de Mogán. Die Zuckertütchen zum Kaffee sind von tchibo – findet in diesem Örtchen etwa eine Art Cala-Ratjadaisierung statt? Um uns herum hören wir französisch, englisch, deutsch in recht bunter Mischung und mit der Kellnerin haben wir in einem spanisch-englischen Mischmasch geradebrecht. Geht also noch.

Wir gucken auf die Bötchen, lästern über vorbeischlendernde Touristen und genießen die beginnende Urlaubsatmosphäre. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel, es ist so warm, dass wir uns einen Tisch im Halbschatten ausgesucht haben. Das erste Mal in diesem Jahr trage ich Flip Flops zu Rock und T-Shirt. Es wird noch ein wenig dauern, bis meine Füße mir diese Nummer abnehmen und die Angst verlieren, jeden Moment wieder in Socken und UGG Boots gesteckt zu werden, um dann auf eisigen, verschneiten Gehwegen herumzuschliddern. Aber der Anfang ist gemacht.

Die Ernüchterung erwischt uns beim Abendessen. Wir haben uns für die zweite „Schicht“ um 19.30 Uhr entschieden, da wir davon ausgehen, dass um diese Zeit kaum noch niedliche 2-jährige in Hochstühlen mit Nudeln um sich werfen und sich dementsprechend die Geräuschkulisse auf einem angenehmen Level bewegen wird. Damit lagen wir richtig, der Speisesaal ist relativ leer und ruhig. Doch die auf dem Buffet angebotene Auswahl motiviert eher dazu, diesen Urlaub unter das Motto „Fastenwandern“ zu stellen. Der Ausblick auf den Kreisverkehr macht die Sache nicht besser. Wir schaffen es dennoch, unseren Hunger zu stillen und verbringen den Rest des Abends in Decken gewickelt auf unserer Terrasse mit Blick in den Sternenhimmel.

Advertisements

Gothenburg sucks

9 Sep

Sehr erholsam, so eine Nacht im Etagenbett. Gegen 8.30 Uhr werde ich munter, prüfe auf dem Balkon die Wetterlage (sieht gut aus!), erklimme die Leiter zur oberen Koje und wecke vorsichtig den darin schlafenden Mann. Er findet das Etagenbett auch sehr gemütlich und reagiert nur zaghaft auf meine Animationsversuche. Also ändere ich meine Strategie und klettere ganz nach oben, stürze mich kopfüber ins Fußende, stoße mir dabei fast den Kopf an der Zimmerdecke und drehe mich dann umständlich um. Das war irgendwie falsch. Wie ging das als Kind noch mal? Wahrscheinlich war ich früher einfach nur viel kleiner, darum war es damals so einfach. Und: damals lag nicht schon ein 1,90 m großer Mann in dem Bett, in das ich geklettert bin. „Hmm, kuscheln“, knurrt der jetzt. Doch alles richtig gemacht.

Das Frühstück ist ein organischer Traum aus dem leckersten Knuspermüsli, Mandeln, hausgemachtem Vanillejoghurt und frisch geschnittenem Apfel. Diese Kombination ist so dermaßen lecker, dass ich gar nichts anderes probieren möchte – obwohl auch Brötchen, Croissants, Eier, Aufschnitt und vor allem die kleinen Kuchen auf dem Buffet einen äußerst verführerischen Eindruck machen. Die Erinnerung ans gestrige Abendessen lässt mich jedoch widerstehen. Zufrieden schlürfe ich den in Thermoskannen servierten Filterkaffee aus dem hübschen bunten Porzellanbecher und möchte in diesem Moment gegen keinen tall-latte-macchiato-low-fat-to-go der Welt tauschen.

Wir verlassen dieses zauberhafte Hotel, packen das Auto wieder voll und machen uns auf den Weg zum Park vom Schloss Rosenborg. Wir bummeln durch die Anlagen und überlassen das Schlossmuseum mitsamt Kronjuwelen den Kulturbeflissenen. Auf dem Rückweg zum Auto setzt leichter Nieselregen ein – unser Timing passt perfekt zu der Unberechenbarkeit des skandinavischen Wetters, das uns in den nächsten Tagen noch öfter überraschen wird. Am Kastell angekommen, scheint die Sonne. Wir spazieren auf den Überbleibseln der alten Stadtbefestigung entlang, begegnen dänischen Soldaten und sonnen uns mit Blick auf den Øresund. Unter uns liegt die Uferpromenade Langelinie mit der Kleinen Meerjungfrau. Ich finde, dass wir der Dame auf jeden Fall einen kurzen Besuch abstatten sollten, da wir nun schon in der Nähe sind. Auf dem Weg liegt ein Café mit einladender Sonnenterrasse, eine unwiderstehliche Gelegenheit zu einer kleinen Kaffeepause. Und ein witziger Zufall: plötzlich stehen Linda und ihr schwedischer Freund vor uns. Linda kenne ich aus Schulzeiten, sie besucht hier ihren Freund übers Wochenende, der momentan in Kopenhagen arbeitet. Er hat einen Tipp für uns, wo wir morgen auf unserer Strecke nach Oslo Halt machen sollen – ein schwedisches Fischerörtchen, in das sich sicher so schnell kein deutscher Tourist verirrt. Mit dieser wertvollen Information im Gepäck machen wir uns auf zu „Den lille Havfrue“, die nach wie vor von Menschen umringt sehnsuchtsvoll in die Ferne schaut.

Über die Øresundbrücke fahren wir nach Schweden. Vor uns liegen ca. 300 km auf der E6 – an eine Durchschnittsgeschwindigkeit von ungefähr 100 km/h auf der Autobahn müssen wir uns noch gewöhnen. In der Ruhe liegt die Kraft? Langweilige Ödnis wechselt sich ab mit Meerblick und im Sonnenuntergang weidenden Pferden. Auf jeden Fall ist das ein anderes Gefühl, als das Pedal mit feuchten Händen und einem stets argwöhnisch auf die rechte Spur gerichteten Auge bis 210 km/h durchzutreten.

Wir haben zuvor nicht viel Gutes über Göteborg gehört. Unser Plan, dennoch nicht voreingenommen zu sein, wird auf dem Weg zu unserem Hotel bereits auf eine harte Probe gestellt. Die Verkehrsführung ist selbst mit Navi eine Zumutung für Ortsfremde – oder vielleicht haben wir uns auch unbewusst dagegen gesträubt, das Gewerbegebiet anzufahren, in dem unser laut Beschreibung zentral gelegenes Hotel sich befindet. – „Sie haben das Ziel erreicht.“ Wir stehen vor einem unglaublich hässlichen Gebäudeklotz im Schatten einer stark befahrenen Brücke. Kein Mensch auf der Straße. Ich starre abwechselnd auf den Stadtkartenausschnitt und durch die Frontscheibe. Hier setze ich keinen Fuß hinein! Muss ich auch gar nicht, denn das Sparhotel Gårda liegt noch einen Block weiter. Es wirkt nicht mehr ganz so verkommen und leblos, doch zuversichtlich stimmt uns der Anblick nicht. Außerdem stinkt es auf der Straße so merkwürdig, dass wir versucht sind, wieder ins Auto zu steigen und weiterzufahren, weit weg von diesem Hotel und dieser unwirtlichen Gegend. Ich verfluche meine garantierte Buchung, die ich nach anscheinend unzureichender Internetrecherche in diesem Hotel platziert habe, doch bevor wir am Ende auf dem Parkplatz irgendeiner Raststätte im Auto schlafen, trauen wir uns in die Lobby. Immerhin: es gibt eine Tiefgarage (wer würde auch hier sein Auto draußen stehen lassen wollen?), in der wir ohne Aufpreis parken dürfen. Unser Zimmer wirkt so lieblos und trist wie das Damenklo am Bottroper Hauptbahnhof. Es ist sauber, alles Nötige ist vorhanden, aber wohl fühlen wir uns hier nicht. Die Aussicht auf das Dach des Speisesaals eine Etage tiefer macht die Sache nicht besser. In diesem Zimmer wollen wir keine Minute zu viel verbringen.

Das Fischrestaurant am Hafen, in dem laut Reiseführer der schwedische Tim Mälzer Küchenchef sein soll, hat geschlossen. Also fahren wir weiter in die Altstadt, das Schanzenviertel Göteborgs – doch die Haga Nygata wirkt verlassen an diesem frühen Sonntagabend. Wir kehren ein in der Bar Hemma Hos und machen Lagebesprechung bei zwei Vorspeisenportionen Köttbullar. Nachdem wir sowohl Reiseführer, Stadtplan als auch unsere Kellnerin zu Rate gezogen haben, steuern wir die Linnegata an. Ein weiteres Restaurant, das im Reiseführer empfohlen wird, hat sich den Sonntag als Ruhetag ausgesucht. Resignierend nehmen wir auf der Terrasse von „Cross Kitchen“ Platz, einem der geöffneten Läden, die einer wie der andere verdächtig nach Touristenfalle aussehen. Und diese Erwartung wird nicht enttäuscht: jede mikrowellenerwärmte Portion Dosenravioli könnte es mit dem hier servierten Essen aufnehmen. Ich lasse den Großteil davon stehen und tröste mich mit einem Päckchen Oreo’s aus unserem Kofferraum. Aller guten Dinge sind drei: wir nehmen einen letzten Anlauf zur Avenyn. Einem Vergleich mit den Champs Elysées hielte sie bei Weitem nicht stand, doch hier ist zumindest einiges los. Ein open air Konzert ist gerade zu Ende und die gesamte Göteborger Jugend scheint hier unterwegs zu sein. Wir beschließen den Abend im Hard Rock Café, in dem wir bei Mojito, Bier und Salat mit Blue cheese den neuen Weltrekord im 100 m-Sprint verfolgen. Gleich nach dem Frühstück werden wir am nächsten Tag die Stadt verlassen. Göteborg, Du hattest Deine Chance.

Verliebt im Tivoli

9 Sep

Samstag, der 15. August, 9.30 Uhr. Vor uns liegen zwei Wochen Urlaub. Hinter uns gefühlte 356 Wochen Arbeit, Studium, Lernen, Stress. Die Sonne scheint. Das Navi, das uns in den nächsten beiden Wochen zuverlässig den Weg weisen wird, zeigt uns die Kilometer bis Kopenhagen an. Nachdem wir es davon überzeugt haben, dass wir lieber mit der Fähre fahren möchten als über die A7 und anschließend über die Storebælt-Brücke, liegen 338 km Fahrtstrecke vor uns. Geschätzte Ankunftszeit am Ziel: 13.41 Uhr.

Die erste Herausforderung begegnet uns am Horner Kreisel an der Auffahrt zur A24. Sie ist gesperrt. Voll gesperrt und keine Umleitung ausgeschildert. Was denken sich die Menschen, die so etwas zu entscheiden haben, bloß dabei? Ich habe Glück, dass ich kein orientierungsloses Weibchen im navilosen Opel Corsa bin, sondern Beifahrerin im 320d touring einschließlich ConnectedDrive sowie einem Fahrer, der schon Jahre seines Lebens auf deutschen Autobahnen verbracht hat. Ich kann mich also entspannen. Über die Kollegen von der hamburgischen Baubehörde werde ICH mich in meinem Urlaub nicht aufregen. Die geschätzte Ankunftszeit verschiebt sich um einige Minuten nach hinten, während wir auf Umwegen zur A1 finden. Wir reihen uns ein in den Strom der Campingmobile und Wohnwagengespanne in Richtung Norden. Etwas neidisch blicke ich von Zeit zu Zeit aus dem Fenster, wenn wir einen Hymer der neuesten Generation überholen. Die Dinger sehen aus wie Raumschiffe. Ihre Fahrer sitzen darin so entspannt wie in einem Whirlpool. Und es gibt sicher reichlich Platz für den kompletten Inhalt eines Kleider- UND Schuhschranks… Kurz muss ich an die schweren Herzens zurückgelassenen fünf Paar Schuhe denken, für die es sicherlich die eine oder andere Gelegenheit zu einem kurzen, aber großen Auftritt gegeben hätte im vor uns liegenden Urlaub. Mit der richtigen Auswahl an Riemchensandalen und Ballerinas ist man einfach vor jedem Fashion-Fauxpas oder bad-shoe-day gefeit. Und wie jeder weiß, sind uns die Däninnen in Sachen Trends weit voraus. Aber wie gesagt: wir überholen das fahrende Schwimmbad, was mit unserem knackigen Gefährt gerade mal 1,5 Sekunden dauert. Und ich hätte weiß Gott keine Lust gehabt, mit einem Whirlpool in der Kopenhagener City nach einem Parkplatz zu suchen.

Um 11.11 Uhr lösen wir in Puttgarden unser Ticket für die 45-minütige Überfahrt ins dänische Rødby. Geschmeidige 75 Euro für unser Fahrzeug inklusive Insassen, die später zwischen all den noch folgenden Posten auf der Kreditkartenabrechnung kaum ins Gewicht fallen werden. Bis wir auf dem Autodeck parken dürfen, müssen wir noch einige lange Minuten an Land ausharren. Unzählige Hymer-Mobile bevölkern bereits das Deck über uns. Langsam wird mir diese Spezies unsympathisch. Dieses Gefühl verfestigt sich, als ich auf der Damentoilette ankomme und mich in die Schlange der Wartenden einreihen muss. Luft anhalten ist angesagt. Sicher nicht das Schlechteste, unterwegs stets seine eigene Toilette dabei zu haben.

Die Sitzplätze auf dem Sonnendeck sind alle belegt von gut vorbereiteten Urlaubern mit Kaffee aus Thermosflaschen und Nudelsalat in Tupperdosen. In der Cafeteria riecht es nach Frittierfett und Kantinenessen. Im Duty-free-Shop gibt es die üblichen Riesenpackungen Schokolade, Parfum und anderen suchtstillenden Genussmittel. Dass wir auf dem Weg nach Dänemark sind, erkennt das geschulte weibliche Auge an dem Ständer mit glitzerndem Pilgrim-Schmuck. Ein Paar schlichte silberne Creolen für 8 Euro sind kein schlechtes Geschäft. Ein solcher Kauf lohnt sich schon allein wegen der entzückenden Tüllbeutel mit Schleife, die es jedes Mal dazu gibt. Dieser hier passt hervorragend zu meiner Sammlung. Nach diesem Erfolgserlebnis finden wir einen einigermaßen unbevölkerten Sitzbereich am Heck des Schiffes mit Panoramablick auf die schäumenden Wellen hinter uns. Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Das Urlaubsgefühl wächst mit der stetig steigenden Entfernung zum deutschen Festland. Hoffentlich sind wir bald da.

Dänemark. Pølser, Kronen (dass die hier aber auch echt keinen Euro haben!), Tempolimit. Die überall stolz wehende dänische Flagge weckt bei mir schöne Kindheitserinnerungen. Rot-weiß wie süße Zuckerstangen, wie Tomatenketchup auf dem Hot-dog-Brötchen. Ich denke an Holzferienhäuser auf riesengroßen Grundstücken in der Dünenlandschaft, an salzige Butter unter der besten Himbeermarmelade der Welt. An Baden in den Nordseewellen, endlose Strandspaziergänge im Wind, an unbeschreiblich schönes Licht.

Die aufziehenden Wolken können die Stimmung nicht trüben. Gegen 14 Uhr erreichen wir Kopenhagen. Der Weg ins Zentrum führt vorbei an tristen Wohnblocks und Bürogebäuden. Spätestens als wir am Tivoli vorbeifahren, bin ich jedoch vor Begeisterung kaum mehr zu halten. Schon die Außenmauern finde ich so toll, dass ich auf der Stelle eine Eintrittskarte kaufen möchte. Welcher deutsche Vergnügungspark hat je eine solche Faszination ausgeübt? Für mich jedenfalls keiner. Mich überkommt eine leise Vorstellung davon, wie sich eine Dreijährige in dieser Situation fühlen muss. Auf die Mittel und Wege dieser unberechenbaren Altersklasse, meinen Willen auf der Stelle und ohne Kompromisse durchzusetzen, verzichte ich in diesem Moment allerdings lieber. Auch wenn die Versuchung groß ist.

Direkt vor unserem Hotel ist ein Parkplatz frei. Das AXEL Hotel Guldsmeden liegt nur wenige Minuten vom Tivoli entfernt in einer ruhigen Seitenstraße und sieht mit seiner strahlend weißen Fassade sehr vielversprechend aus. Im Eingangsbereich steht ein Korb mit frischen Äpfeln – das „organic hotel“ macht seinem Titel bereits an dieser Stelle alle Ehre. Die Möbel sind aus Holz, das Ambiente die pure Entspannung. Der Innenhof ist noch nass vom Regen, der netterweise kurz vor unserer Ankunft nachgelassen hat.

Unser Zimmer liegt im 4. Stock. Wir nähern uns über schmale Flure mit gemütlich knarzenden Holzdielen. Noch zwei Mal um die Ecke gebogen und wir stehen vor der richtigen Tür. Das Kärtchen mit der Libelle darauf summt die Tür auf und es geht rein in unsere Kajüte – diesen Namen verdient der Raum allein auf Grund der Stockbetten, die sich zu unserer großen Überraschung darin befinden. Wir zirkeln unser Gepäck irgendwie hinein, klettern hinterher und fühlen uns – wohl. Das Zimmer ist winzig, aber schön, mit viel Holz und Blick in den kleinen Innenhof. Auf dem Balkon laden ein Tisch und zwei Stühle zum Platznehmen ein, das Bad (mit Tageslicht! In einem Hotelzimmer! Ist das zu fassen?) ist im Vergleich riesig, mit einer offenen Dusche und vollständig in Naturstein gestaltet. Und es gibt all die Kleinigkeiten, ohne die meiner Meinung kein Hotel auch nur einen einzigen Stern verdient hätte: Kosmetiktücher. Einen anständigen Föhn. Q-Tipps, Wattepads, Bodylotion, Duschgel, Shampoo… Organic, versteht sich. Ein großer Spiegel lehnt lässig an der Wand. Bei dieser großartigen Ausstattung muss eine Frau ihre Finger im Spiel gehabt haben.

Die Stockbetten warten mit einem weiteren Highlight auf. Jedes hat seinen eigenen schwenkbaren Flatscreen, in Höhe des Fußendes an der Wand befestigt. Und es kommt noch besser: Die Dinger empfangen deutsches Fernsehen! Kurz sind wir versucht, unseren Aufenthalt hier zu verlängern und unseren gesamten Urlaub in dieser Stadt und in diesem Hotel zu verbringen. Aber nach 10 Minuten Leichtathletik-WM im ZDF ist mir dann doch nach einer Programmänderung zumute und ich animiere den Mann an meiner Seite, sich von den unverschämt durchtrainierten Menschen in ihren bikiniartigen Outfits loszureißen und sich selbst in Bewegung zu setzen.

Der Weg in die Stadt ist nicht weit, doch wir brauchen etwas länger, um am Tivoli vorbeizukommen. Weniger wegen der Menschenmassen davor – es gibt einfach so viel zu sehen. Die uniformierten Herren mit ihren unglaublichen Mützen vor diesem wunderschönen Eingangsbereich, die mir völlig unverständliche Tafel mit den Eintrittspreisen, der Blick ins Innere dieses farbenfrohen, märchenhaften Wunderlands, das Vorbeigehende, klein wie groß, voll und ganz in seinen Bann zieht.

Wir lassen uns mit der Menschenmasse weiter treiben zum Rathausplatz, wo uns die zum Tivoli ziehende Parade begegnet. Ein Spielmannszug! Ich bin wieder 7 Jahre alt und will mit einem Blumenbogen in der Hand hinterher laufen… Die Aussicht auf den ersten dänischen Hot Dog erleichtert es mir, mich von dieser Vorstellung loszureißen und einen kleinen schäbigen Stand anzusteuern, in dem ein älterer Herr diese Delikatesse zum Kauf anbietet. Bitte ganz ikeamäßig mit Röstzwiebeln, Gürkchen und allen verfügbaren Saucen. Ein dänisches Festmahl. Jetzt kann es weiter gehen.

Unser Ziel ist Nyhavn. An der alten und neuen Vergnügungsmeile der Stadt trinken wir einen Kaffee und entscheiden uns für eine der vielen Routen, die als Bootsfahrten angeboten werden. Eine wunderbare Erfindung: Wir können die Stadt von der Wasserseite aus betrachten und dabei unsere schon ein wenig strapazierten Füße zwar nicht hochlegen (das Boot ist leider voll), aber doch etwas entspannen. Es geht los, den Kanal entlang und raus in den Hafen. Wir haben uns für die rote Linie entschieden, die uns vorbeiführt am Opernhaus in Richtung Kleine Meerjungfrau, die vom Wasser aus zwar gut zu sehen ist, uns aber leider arrogant den Rücken zudreht. Weder die Touristenscharen an Land noch wir auf dem Wasser scheinen sie zu interessieren. Egal. Die Sonne scheint, der Wind weht und unser Boot fährt weiter am Kastell und Schloss Amalienburg vorbei in den Christianshavns Kanal. Hier liegen viele schöne Hausboote, einige davon sind Restaurants und Bars. Aber auch mit einem Domizil an Land hat man es hier keinesfalls schlecht getroffen – Hamburger HafenCity trifft Amsterdam könnte das Motto dieser Wohnblocks sein. Wer versucht, den Anrheinern dieses Kanals in die Fenster zu linsen, um zu Hause ein Paar schlüpfrige Details zum Besten geben zu können, könnte dafür böse bestraft werden, wenn er sich nicht in Acht nimmt. Es lauert stets die nächste Brücke, die es zu unterqueren gilt. Einige sind so niedrig, dass man auch mit einer Körpergröße unter 1,80 m im Sitzen reflexartig den Kopf einzieht, sobald das Schiff sich unter die jahrhundertealten Gemäuer schiebt. Es ist dunkel, das graue Gestein nur eine Ellenbogenlänge entfernt. Unterhalb der Wasseroberfläche haben sich unzählige Muscheln ein Zuhause am Brückenpfeiler gesucht. Ich schaue nach oben, ob es vielleicht Fledermäuse gibt, und bin froh, dass ich hier nicht schwimmen muss, sondern Boot fahren darf.

Der Kapitän bugsiert uns souverän auch durch die schmalsten Engstellen, der Reiseführer beschreibt auf dänisch und englisch mit spanischem Akzent die vorbeiziehenden Sehenswürdigkeiten. Schloss Christiansburg, die Alte Börse – genug Geschichte für einen Urlaubstag.

Wieder an Land machen wir uns auf den Weg zurück zum Hotel. Mehr als 5 km Fußweg liegen hinter uns. Ein guter Grund, im Restaurant vis-à-vis unseres Hotels einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. In Frk. Barners Kælder wird authentische dänische Küche geboten. Und darunter versteht man hier keine Hot-dog-Variationen. Auf der schönen Terrasse ist leider kein Tisch mehr frei, daher müssen wir mit dem Keller vorlieb nehmen. Wir bestellen Dansk Hakkebøf und Barners Steak, für die Wartezeit ein lokales Bier und ein Somersby Cider – sozusagen das dänische Beck’s Green Lemon, nur süßer, weil es gar kein Bier ist. Der Laden ist gerammelt voll, das Essen lässt auf sich warten, und so haben wir Zeit, die vor Feierlaune wankenden, zum großen Teil männlichen Gäste zu beobachten, die nacheinander irgendwo im hinteren Teil des Kellers verschwinden. Dort scheint eine geschlossene Gesellschaft zu sein, vielleicht ein Junggesellenabschied. Oder ein illegaler Pokerabend? Dänische Mafia? Bevor unsere Spekulationen noch wildere Formen annehmen, wird das Essen serviert. Obwohl die Speisekarte in englisch gehalten war, bin ich angesichts meines Hacksteaks, das für drei Big Macs reichen würde, mit einem Belag aus gebratenen Zwiebeln und Spiegelei etwas überrascht. Beilagen: Gurkensalat, Salzkartoffeln und braune Sauce. Ich schaffe knapp die Hälfte davon und finde, dass ich mich dafür wie eine weltoffene Kosmopolitin mit Lufthansa Senator-Card fühlen darf, die auf Reisen durchaus die Finessen der landestypischen Küche zu schätzen weiß, anstatt in der Filiale einer zweitklassigen Restaurantkette das gleiche Essen von der standardisierten Speisekarte zu bestellen wie zu Hause. Mein Magen allerdings hätte nach dem kleinsten weiteren Bissen protestierend die deutsche Fahne gehisst und den letzten freien Platz im nächsten Block House mit einem Handtuch reserviert. Der Besuch bei Frau Barner war schön, aber die dänische Küche wird für mich auch in Zukunft weiter aus den vertrauten Hot-dog-Variationen bestehen.

Es versteht sich von selbst, dass wir nach diesem Essen noch mindestens eine Runde um den Block drehen müssen. Die Bar des nahegelegenen Radisson Hotels wurde zwar von Arne Jacobsen designt, befindet sich aber zu unserer Enttäuschung nicht im 20. Stock, sondern in der Lobby im Erdgeschoss. Unsere Runde dreht sich also wie zufällig weiter in Richtung Tivoli, das zu so später Stunde wunderschön beleuchtet immer noch scharenweise Besucher anzieht. Das Kettenkarussel „Star Flyer“ dreht sich 80 Meter hoch über der Stadt und verspricht einen einmaligen Panoramablick auf das nächtliche Kopenhagen. 85 dkr Eintritt ohne Fahrgeschäfte. Wir können nicht widerstehen. Der Park zieht uns in seinen Bann – illuminierte Brunnen, Live-Musik auf einer Open-air-Bühne, bunt beleuchtete Karussels, Restaurants, Cafés, Geschäfte… Ohne zu wissen, was wir zuerst machen wollen, stürzen wir uns in das Getümmel. Stöbern an Souvenirständen, bummeln durch Budengassen mit japanischen Lampions, über unseren Köpfen die Achterbahn. Waren wir uns vor dem Eingang noch sicher, dass wir uns nur den Park ansehen wollen und kein Multi-ride-ticket brauchen, machen wir uns nun mit den Tarifen für die Fahrgeschäfte vertraut. Der „Star Flyer“ hat es mir angetan. Der nächtliche Höhenflug soll jedoch umgerechnet an die 12 Euro kosten. Pro Person! Wir flanieren erstmal weiter durch den Park, finden leider keinen Sitzplatz in der gemütlichen Bar am See, besuchen stattdessen den Piraten auf seinem Schiff und stehen schließlich wieder am Kassenhäuschen des „Star Flyers“. Wir fassen uns ein Herz und wollen es tun, ich sehe uns schon hoch über der Stadt kreisen und Hand in Hand Kopenhagen bei Nacht von oben betrachten – solche Erinnerungen sind doch 12 Euro wert! Doch der Kassierer lässt diesen Traum zerplatzen: das Karussell schließt um 23.50 Uhr und die Schlange der Wartenden ist jetzt schon so lang, dass keine Tickets mehr verkauft werden. Neidisch und ein bisschen traurig schaue ich nach oben zu den Gondeln, die hoch am Nachthimmel leuchten. „Ich komme wieder“, flüstere ich ihnen zu.

%d Bloggern gefällt das: