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1:0 für den Pazifik

8 Sep

Das Frühstück bei The Coffee Bean & Tea Leaf stimmt uns schon ein wenig auf zu Hause ein: Die Barista füllt den Caffe Latte in echte Gläser, Cinnamon Roll und Chocolate Croissant platziert sie liebevoll auf Porzellantellern. Wir gucken wahrscheinlich ähnlich erstaunt wie die ersten Hamburger Balzac-Kunden im Jahre 1998, die ihren Milchkaffee aus schnöden Pappbechern mit Plastikdeckel trinken sollten, weil die Amis das auch so machen. Nur ist unsere Überraschung positiv. In mir keimt der Glaube an die Existenz amerikanischen Umweltbewusstseins auf. Als ich in meine Zimtschnecke beiße, sehe ich durch das Fenster auf der anderen Straßenseite die unmotivierte Aushilfskraft der 7-Eleven-Filiale den Parkplatz mit dem voll aufgedrehten Wasserschlauch abspritzen. Vielleicht ist der Asphalt staubig. Ein Kumpel kommt vorbei und hält die Aushilfskraft von ihrer Arbeit ab. Das Wasser läuft währenddessen weiter und spült meinen armen kleinen Ökoglauben mit sich in den nächsten Gully.

Heute ist Shoppingtag. Natürlich könnten wir sinnvollere, weniger materialistische, kulturbeflissenere Aktivitäten auf die Agenda unseres vorletzten Urlaubstags setzen und zum Beispiel die altehrwürdige Mission besichtigen oder mit dem Boot zum Whale Watching rausfahren. Aber hey, die pinkfarbenen Chucks aus Las Vegas für meine Nichte tauschen sich schließlich nicht von allein! Dieser Trip ist für Dich, Zuckermäuschen. Was kannst Du dafür, dass es im Camarillo Premium Outlet eine UGG-Filiale gibt, in der mittelbraune Stiefel in meiner Größe im Regal stehen (jetzt nicht mehr), oder dass die Verkäuferin der Sunglass Hut mir mit dem Satz „These go very well with your skin tone“ die verspiegelte Ray Ban geradezu aufnötigt? Eben. Gar nichts. Im Converse Store findet Tom ein paar fellgefütterte braune Leder-Chucks, während ich die kleinen pinkfarbenen an der Kasse gegen nicht ganz so kleine tausche. Bei Ralph Lauren springt noch ein Perlenarmband für mich raus. Zweifellos ein sehr erfolgreicher Ausflug.

Am Summerland Beach stürzen wir uns in die wild tosende Brandung. Ich schaue Tom zu, wie er elegant durch die Welle taucht, bevor sie weiß schäumend über ihm bricht. Es sieht nicht besonders schwer aus. Tom beobachtet, wie ich todesmutig gegen die heranrollende Welle ankämpfe und von ihr begraben werde. Ich verliere kurzzeitig die Orientierung und tauche einige Sekunden später neu frisiert wieder auf. Wenigstens sieht man so nichts von meinen entgleisten Gesichtszügen. Ich prüfe als erstes den einwandfreien Sitz meines Bikinioberteils und ignoriere dann Toms schallendes Gelächter. Das Meer hat mein Haargummi. Mir reicht’s. Zuletzt habe ich mich in der 7. Klasse so blamiert gefühlt, als meine Füße sich beim sogenannten Bodenturnen stur dem verzweifelten Versuch widersetzten, so etwas Ähnliches wie ein Rad zu schlagen, und höchstens knappe fünf Zentimeter vom Boden abhoben. Es braucht viel Zeit, mit solchen Erlebnissen endgültig abzuschließen. Ich finde einen letzten Rest Grazie in meinen wackeligen Beinen und erreiche unfallfrei mein am Strand ausgebreitetes Handtuch. Schmollen wäre jetzt super, aber leider bin ich ungefähr 27 Jahre zu alt, um mit der nötigen Überzeugung auf den doofen Pazifik sauer sein zu können.

Ein Reiter galoppiert auf seinem Braunen vorbei und weht mir eine Brise Sehnsucht nach dem unbändigem Freiheitsgefühl zu, das er hinter sich her zieht. Ich möchte auch am Strand entlang reiten, ohne Sattel und mit wehendem Haar, in der untergehenden Sonne und mit lieblicher Klaviermusik im Hintergrund. Doch erstens ist kein freies Pferd in Sicht und zweitens kann ich heute keine weiteren Zwischenfälle riskieren, die die reizende Anmut meines Wesens in Frage stellen könnten.

Am Stearns Wharf halten wir die letzten Sonnenstrahlen mit der Kamera fest und wehren uns mäßig erfolgreich gegen aufkommende Wehmut. Unser letzter Abend… Das Meer, der Strand, die Sonne, das Licht – und Luft, mit der man kuscheln möchte. It’s just so damn beautiful.

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Ein Tag am Meer

30 Jul

Der Samstag begrüßt uns mit gleißendem Sonnenschein. Der Schlaf war vergleichsweise erholsam, zumindest während der ersten Hälfte der Nacht hat Eileen aufgrund der Wirkung ihrer Allergietablette nicht einen Mucks von sich gegeben. Zugegeben war ich zeitweise um die Existenz ihrer Atemfunktion besorgt. Das muss sie gespürt haben, denn irgendwann drehte sie sich freundlich zu mir um und schnarchte mir sanft direkt ins Ohr. Wir können uns beide nicht dazu aufraffen, rechtzeitig zum Frühstück aufzustehen, die Verlockungen des Maritim-Buffets sind ja auch eher masochistischer Natur. Mit leicht knurrenden Mägen machen wir uns gegen 11 Uhr alle auf den Weg zur Bahnstation Torņakalns, von der die Züge nach Jūrmala abfahren, dem lettischen Badeort an der Ostsee mit 30 Kilometern weißem Sandstrand. Eileen begrüßt die Dame hinter dem Fahrkartenschalter und bestellt sechs Tickets für uns. Sie verhält sich heute ganz besonders teamorientiert, die Putzkraft aus der siebten Etage des Maritim-Hotels wundert sich wahrscheinlich in genau diesem Moment, weshalb auf ihrem Wagen sechs Duschhandtücher fehlen. Eileen hatte es vorgezogen, schnell zuzugreifen und nichts als eine Staubwolke auf dem Flur zu hinterlassen, während Joan noch überlegte, ob sie die gerade in Zimmer 718 beschäftigte Dame auf Deutsch, Englisch oder in Gebärdensprache um diesen kleinen Gefallen für unseren Strandausflug bitten sollte.

Die Angestellte hinter dem Fahrkartenschalter hält uns für völlig bekloppt. Hilflos hält sie einen kleinen Zettel mit der Aufschrift „4,80 Ls“ gegen die Scheibe und gestikuliert so lange, bis wir verstehen, dass dies nicht der Preis pro Person ist. Umgerechnet 6,70 Euro für die gut 20 Kilometer lange Strecke ans Meer für uns alle. Da bleibt noch Luft für ein großes Eis an der Strandpromenade.

Der Zug ist so voll besetzt mit sonnenhungrigen Wochenendausflüglern, dass wir während der gesamten Fahrt im Durchgang zum nächsten Waggon stehen müssen. Nach einer knappen halben Stunde sind wir in Dzintari angekommen und steigen aus. Wir folgen der Karawane von Männern in Muskelshirts und Frauen in Kork-Wedge-Heels durch den Park. Bine und ich erklimmen die Stufen eines Aussichtsturms aus Holz und Stahlgittern, für mich ein beachtliches Sportprogramm vor dem Frühstück. Oben angekommen habe ich das mulmige Gefühl, eine spontane Höhenangst zu entwickeln. Plötzlich fällt mir ein, dass ich normalerweise nicht einmal über Lüftungsgitter laufe, und das nicht nur, weil ich bereits mehrmals in einem dieser Exemplare mit dem Absatz hängen geblieben bin. Durch das Gitter unter meinen Füßen scheint der Boden unangenehm weit entfernt. Der Turm wankt leicht im Wind. Als könne die Konstruktion jeden Augenblick zusammenbrechen, taste ich mich vorsichtig zum Rand vor, um ein paar Bilder zu machen. Wir sehen Bäume und dahinter das Meer. Spektakulärer finde ich die Aussicht nach unten, die durch das Display meines iPhones irgendwie weniger bedrohlich wirkt.

Es wird dringend Zeit für einen Kaffee und ein kleines Frühstück. Als wir nach einigen Umwegen und kurzen Unterbrechungen zwecks Schuhwechseln (zur Auswahl stehen Flip Flops, Ballerinas und barfuß am Strand) die Hauptstraße Turaidas iela mit vielen Restaurants und Cafés finden, entscheiden wir uns ohne großes Zögern für den Garten des Pesaga Pils. Pfannkuchen mit karamellisierten Orangen, Caffè Latte und frisch gepresster Orangensaft versetzen mich für die nächste Viertelstunde in einen  Zustand verfressenen Schweigens. Da ist es mir und meinem Bauch eigentlich ganz recht, dass sich die Sonne mittlerweile hinter eine Wolkenschicht verzogen hat, so dass es etwas zu frisch ist, um im Bikini am Strand zu liegen. Eileen und Joan haben sich bereits fröstelnd in die geliehenen Hotelhandtücher gewickelt. Wir waren alle sehr optimistisch bei der Kleiderwahl heute Morgen und haben uns größtenteils für Tank Tops und Röckchen entschieden. Unser Besuch am Strand fällt entsprechend relativ kurz aus, obwohl dieser sowohl in Länge und Breite als auch auf Grund der angebotenen Aktivitäten und Vielfalt der Strandbars wirklich beeindruckend ist. Wir bewundern akkurat durchtrainierte Sportler im pinkfarbenen Badehöschen und diskutieren über die Erträglichkeit vollständig behaarter Männerrücken. Hier offenbaren sich ganz neue Möglichkeiten der Flechtkunst.

Zurück am Bahnsteig, kommt die Sonne wieder hinter den Wolken hervor. Wir sind zwar ein bisschen traurig, dass unser Strandtag schon zu Ende ist, freuen uns aber auch auf eine entspannte Dusche vor dem Abendprogramm. Eileen und ich müssen uns am Ende doch einigermaßen beeilen, da wir gezwungen werden, zweimal zur Rezeption zurückzukehren, um die Funktionalität unserer Zimmerkarten zu reklamieren. Das wild blinkende rote Lämpchen über dem Türgriff macht uns spätestens beim zwanzigsten Mal rasend. Eine von uns hätte schon längst fertig geduscht sein können! Die diensthabende Rezeptionistin begleitet uns schließlich widerstrebend zu unserer verschlossenen Tür und verschafft uns mit ihrer eigenen Codekarte endlich den ersehnten Zutritt. Sie hat das Problem gelöst und hält es daher für äußerst überflüssig, auch nur eine Spur von Bedauern für diesen lästigen Vorfall zu zeigen. Wir haben jedoch keine Zeit, uns weitere Gedanken zur Unhöflichkeit des Hotelpersonals zu machen, denn uns bleiben nur noch knappe 35 Minuten bis zum Aufbruch.

(Fortsetzung folgt…)

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