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In LA sagt man Goodbye…

9 Sep

Es ist noch zu früh. Ich öffne meine Augen nur halb, so dass niemand behaupten könnte, ich wäre bereits richtig aufgewacht. Mein Erinnerungsvermögen schickt mir eine Szene, die schon ein paar Jahre zurück liegt, aber genau zu dem Satz passt, der in meinem Hirn rotiert wie ein animiertes Word-Art.

Ich sehe meine Nichte im Sandkasten auf dem Spielplatz, tief versunken in ihre Arbeit mit Eimerchen und Schaufel. Sehr konzentriert bewegt sie kleinere Sandmengen hin und her, als hinge das Familieneinkommen davon ab. Verzückt sehe ich ihr zu und schleiche am Spielhaus entlang näher an sie heran. Als sie mich kommen sieht, springt sie auf und versucht, sich in Sicherheit zu bringen. „Ich will noch nicht nach Hause!“ protestiert sie. Natürlich nicht, sie ist hier noch lange nicht fertig, das kann sogar der dümmste Regenwurm in der Sandkiste sehen. Entschlossen schaufelt sie weiter. Wer könnte da widersprechen?

Neben mir fängt Tom an zu blinzeln. Schläfrig lächelt er mich an. „Ich will noch nicht nach Hause!“ blöke ich. Das Gemeine an schönen Urlauben ist das plötzliche Ende. Wenn wenigstens das Hotelbett unbequem ist, das Essen nach altem Frittierfett schmeckt, das Wetter schlechter ist als vor dem Abflug oder der Strand bevölkert mit schlecht gelaunten Arschlochkindern aus dem Ruhrpott – dann kann man sich wieder auf zu Hause freuen! Aber so? Tom ist bei mir, eigentlich habe ich keinen Grund, heute Abend in den Flieger zu steigen. Doch leider verdiene ich mein Geld nicht mit Sandschaufeln.

Der Müll quillt über, Sonnencreme und Duschgel sind verbraucht, unsere Handgepäckstücke kurz vor dem Platzen, aber es hilft alles nichts. Toms große Tasche hat bedenkliches Übergewicht. Unser Konsumwahn wird uns am Flughafen wieder teuer zu stehen kommen. Wir laden ein letztes Mal unseren Kofferraum voll und fahren Richtung Kaffeebohne und Teeblatt zum Frühstücken. Auf der Hauptstraße merken wir, dass wir noch nicht ausgecheckt haben. Widerwillig drehen wir um. Wir müssen uns damit abfinden, dass das unsere letzte Nacht im golden state war. Der strahlende Sonnenschein ist keine Hilfe. Es ist ein Strand-Sommertag aus dem Bilderbuch. Bitte. Kann ich hier bleiben?

Ein paar Stunden haben wir noch, um den Abschied zu zelebrieren. Kurz vor Mittag sind wir am Griffith Observatory in LA. Der Hollywood-Schriftzug räkelt sich neben uns auf dem Hügel in der Sonne.

Über den Sunset Boulevard fahren wir noch einmal durch Hollywood, Beverly Hills und Bel Air. Es gibt noch so viel zu sehen! Und nein, zu Hause amerikanische Serien auf DVD anzuschauen, ist k e i n angemessener Ersatz. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie damals alte SMS zu lesen von Paul oder Ben oder wem auch immer, der soeben aus unserem Bett und unserem Leben verschwunden ist, ohne dass wir etwas dagegen tun konnten. Es hätte so schön sein können mit uns! Ach LA, bleib noch ein paar Tage bei uns. Überleg’s Dir doch noch mal.

Tom stellt sich mindestens genauso an wie ich. Er muss unbedingt ein letztes Mal zu Abercrombie & Fitch in der 3rd street von Santa Monica, um sich das Elcharmband zu kaufen, das in Santa Barbara ausverkauft war. Glücklich bewundert er die grün gestickten Tierchen an seinem gebräunten Handgelenk. Na wenigstens belastet das unser Übergepäck nicht weiter. Nächste Station ist Pinkberry, für eine große Portion Frozen Yogurt. Ja, mittlerweile gibt es das in Hamburg auch. Aber das ist doch nicht dasselbe.

An den Kanälen von Venice Beach würde ich gern ein Haus beziehen. Lauschige Vorgärten direkt am Wasser, wie schön man dort heute Abend grillen könnte… Viele sehen aus, als würden sie leer stehen. Was für eine Verschwendung!

Der Strand von Santa Monica ist so riesig und weitläufig, dass er locker für 27 Ostseebäder reichen würde. Wir legen uns in die Sonne. Skater, Fahrradfahrer, Spaziergänger und Beachvolleyballspieler ziehen an uns vorbei. Die Polizei fährt hier mit dem Streifenwagen über den Sand – na klar, wie auch sonst. Ich schließe die Augen und spule zweieinhalb Wochen zurück. LA, San Diego, Palm Springs, Grand Canyon, Las Vegas, Death Valley, Yosemite Park, San Francisco, Highway No. 1, Santa Barbara. Palmen, Wellen, Wüste, Bäume, Küsten, Strände. Mein Kopf ist ein Fotoalbum. Mein Herz pfeift auf Heimatgefühle und brennt für diese süße Affäre weit weg von zu Hause. Es will lieber noch mal im Heli über den Canyon fliegen als 11 Stunden Richtung Osten. Nein, leicht zu haben ist es nicht. Doch wem das Herz nach drei Wochen Kalifornien bei der Abreise nicht wenigstens ein bisschen schwer wird, der hat etwas falsch gemacht.

Wir müssen zum Flughafen. Unser Übergepäck kostet 60 Dollar. Tom ist ein wenig beleidigt, dass er die Dame am Check-in nicht becircen konnte, wegen der paar Kilo zu viel ein Auge zuzudrücken. Ich bin irritiert, dass es im Tom Bradley Terminal nicht mehr als einen mickrigen Sandwich-Shop und ein paar Souvenir-Stände gibt. Hallo? Wir sind hier nicht am Flughafen Düsseldorf-Weeze! Womit soll ich mir jetzt die Wartezeit vertreiben? Frustriert kaufe ich eine Tafel Ghirardelli Milk & Caramel. Hach. San Francisco. Wie gern würde ich noch einmal unter dem Wolkenschleier am Golden Gate frieren.

Die Filmauswahl an Bord ist 1 a. Ich schaue mir nacheinander durchgeknallte Brautjungfern, das magische Paris um Mitternacht, ausgeliehene Männer und, als kein Frauenfilm mehr übrig ist, den außerirdischen Paul an. Das mit den spacemen balls muss ich mir allerdings ein andernmal genauer ansehen, denn der Filmmarathon hat mich doch etwas geschafft. Ich nicke kurz weg. Eine Lasagne und einen Frühstücksmuffin später sind wir schon in London. Am Terminal A gibt es wenigstens eine anständige Auswahl Coffee Shops und Boutiquen. Allerdings bin ich zu müde um herauszufinden, ob ich in einem Kleid von Reiss ähnlich royal aussehen würde wie Kate. Falls nicht, hätte ich es immerhin auf den Langstreckenflug schieben können.

Um 18 Uhr ist Boarding. In LA ist es jetzt 10 Uhr morgens. Ich freue mich auf mein Bett. Gegen 21.20 Uhr landen wir in Hamburg. Irgendwie sehen die Bäume hier komisch aus.

Seepferdchen und Sonnenuntergang

22 Aug

Am nächsten Morgen sind wir um 3 Uhr hellwach. Es ist weder hell draußen noch hat der Starbucks gegenüber um diese Zeit bereits geöffnet, also dösen wir noch eine Weile vor uns hin, bis es Tag wird in LA. Mit dem ersten Caffè Latte schicken wir gegen 7 Uhr virtuelle Grüße nach Deutschland. Ich kann es mir nicht verkneifen, bei Facebook die Statusmeldung „Frühstück in LA!“ zu posten und mit Genugtuung ein paar neidische Kommentare zu ernten. Da ist der Jetlag fast vergessen.

Am Strand von Malibu herrscht gähnende Leere. Auf der Seebrücke haben sich ein paar Angler postiert, weiter hinten reiten Surfer elegant auf den Wellen. Wir laufen barfuß durch den Sand, lassen uns den Pazifik-Wind um die Nase wehen und genießen die milde Morgensonne auf der Haut. Von Baywatch-Babes gibt es hier keine Spur, stattdessen beobachten wir den Flug der Pelikane und Kinder in Neoprenanzügen bei ihrem Surfkurs. Beherzt stürzen sie sich in die Fluten und nehmen lässig die nächste Welle. Andere versuchen sich in diesem Alter gerade mal daran, im beheizten Chlorwasser des Hallenbads nicht unterzugehen. Ich denke kurz an meine Seepferdchen-Prüfung im Schwimmbad Ellerbek im Sommer 1987 zurück und stelle mir vor, ebenfalls ein Brett zu besteigen und vor den Augen des durchtrainierten Surflehrers eins zu werden mit der perfekten Welle. In Wirklichkeit würde ich mich wahrscheinlich mehr unter Wasser als auf dem Board aufhalten und nach einer halben Stunde gedemütigt und derangiert wieder an Land krabbeln. Es kann leider nicht jeder am Malibu Beach aufwachsen.

Der Weg zurück zum Auto führt uns vorbei an beeindruckenden Strandresidenzen mit den herrlichsten Terrassen und 180°-Meerblick. Irritierend ist nur, dass auf der Rückseite dieser schmucken Villen der 4- bis 6-spurige Pacific Coast Highway verläuft. Und zwar direkt vor dem Garagentor. Für mehr war zwischen Santa Monica Mountains und Pazifik kein Platz.

Mit der Mittagssonne erreichen wir den berühmten Santa Monica Pier. Im Gegensatz zu Malibu gibt es hier Touristen, Karussells und Souvenirs en masse. Die Silhouette des Riesenrads aus einigen hundert Metern Entfernung ist für mich die schönste Perspektive dieser Sehenswürdigkeit. Nächstes Ziel ist die Shoppingmeile 3rd street nördlich des Piers, wichtigster Anlaufpunkt: Abercrombie & Fitch. Auch wenn in Hamburg jeder Zweite mit dem Elch auf der Brust herumläuft und die Klamotten in wenigen Monaten an der Alster ebenfalls zu haben sein werden, tragen wir glücklich zwei gefüllte Tüten zum Auto, die markante Duftnote weht hinter uns her. Denn nichts ist weicher als ein Pulli von A & F.

Die Strecke nach Long Beach zieht sich länger als gedacht, doch unsere Geduld wird belohnt. Nicht unbedingt durch die Queen Mary 1, die hier als Hotelschiff vor Anker liegt und für 25 USD besichtigt werden kann. Wir betrachten sie kostenlos vom Yachthafen aus und werden sogleich magisch angezogen vom Yard House, auf dessen Terrasse bereits die Sundowner-Gemeinde versammelt ist. Zu dem einzigartigen Onion Ring Tower genießen wir Mango Mojito & The World’s Largest Selection of Draft Beer. Den Sonnenuntergang mit Hafenkulisse gibt es zum Hauptgericht gratis dazu.

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