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Ein Tag am Meer

30 Jul

Der Samstag begrüßt uns mit gleißendem Sonnenschein. Der Schlaf war vergleichsweise erholsam, zumindest während der ersten Hälfte der Nacht hat Eileen aufgrund der Wirkung ihrer Allergietablette nicht einen Mucks von sich gegeben. Zugegeben war ich zeitweise um die Existenz ihrer Atemfunktion besorgt. Das muss sie gespürt haben, denn irgendwann drehte sie sich freundlich zu mir um und schnarchte mir sanft direkt ins Ohr. Wir können uns beide nicht dazu aufraffen, rechtzeitig zum Frühstück aufzustehen, die Verlockungen des Maritim-Buffets sind ja auch eher masochistischer Natur. Mit leicht knurrenden Mägen machen wir uns gegen 11 Uhr alle auf den Weg zur Bahnstation Torņakalns, von der die Züge nach Jūrmala abfahren, dem lettischen Badeort an der Ostsee mit 30 Kilometern weißem Sandstrand. Eileen begrüßt die Dame hinter dem Fahrkartenschalter und bestellt sechs Tickets für uns. Sie verhält sich heute ganz besonders teamorientiert, die Putzkraft aus der siebten Etage des Maritim-Hotels wundert sich wahrscheinlich in genau diesem Moment, weshalb auf ihrem Wagen sechs Duschhandtücher fehlen. Eileen hatte es vorgezogen, schnell zuzugreifen und nichts als eine Staubwolke auf dem Flur zu hinterlassen, während Joan noch überlegte, ob sie die gerade in Zimmer 718 beschäftigte Dame auf Deutsch, Englisch oder in Gebärdensprache um diesen kleinen Gefallen für unseren Strandausflug bitten sollte.

Die Angestellte hinter dem Fahrkartenschalter hält uns für völlig bekloppt. Hilflos hält sie einen kleinen Zettel mit der Aufschrift „4,80 Ls“ gegen die Scheibe und gestikuliert so lange, bis wir verstehen, dass dies nicht der Preis pro Person ist. Umgerechnet 6,70 Euro für die gut 20 Kilometer lange Strecke ans Meer für uns alle. Da bleibt noch Luft für ein großes Eis an der Strandpromenade.

Der Zug ist so voll besetzt mit sonnenhungrigen Wochenendausflüglern, dass wir während der gesamten Fahrt im Durchgang zum nächsten Waggon stehen müssen. Nach einer knappen halben Stunde sind wir in Dzintari angekommen und steigen aus. Wir folgen der Karawane von Männern in Muskelshirts und Frauen in Kork-Wedge-Heels durch den Park. Bine und ich erklimmen die Stufen eines Aussichtsturms aus Holz und Stahlgittern, für mich ein beachtliches Sportprogramm vor dem Frühstück. Oben angekommen habe ich das mulmige Gefühl, eine spontane Höhenangst zu entwickeln. Plötzlich fällt mir ein, dass ich normalerweise nicht einmal über Lüftungsgitter laufe, und das nicht nur, weil ich bereits mehrmals in einem dieser Exemplare mit dem Absatz hängen geblieben bin. Durch das Gitter unter meinen Füßen scheint der Boden unangenehm weit entfernt. Der Turm wankt leicht im Wind. Als könne die Konstruktion jeden Augenblick zusammenbrechen, taste ich mich vorsichtig zum Rand vor, um ein paar Bilder zu machen. Wir sehen Bäume und dahinter das Meer. Spektakulärer finde ich die Aussicht nach unten, die durch das Display meines iPhones irgendwie weniger bedrohlich wirkt.

Es wird dringend Zeit für einen Kaffee und ein kleines Frühstück. Als wir nach einigen Umwegen und kurzen Unterbrechungen zwecks Schuhwechseln (zur Auswahl stehen Flip Flops, Ballerinas und barfuß am Strand) die Hauptstraße Turaidas iela mit vielen Restaurants und Cafés finden, entscheiden wir uns ohne großes Zögern für den Garten des Pesaga Pils. Pfannkuchen mit karamellisierten Orangen, Caffè Latte und frisch gepresster Orangensaft versetzen mich für die nächste Viertelstunde in einen  Zustand verfressenen Schweigens. Da ist es mir und meinem Bauch eigentlich ganz recht, dass sich die Sonne mittlerweile hinter eine Wolkenschicht verzogen hat, so dass es etwas zu frisch ist, um im Bikini am Strand zu liegen. Eileen und Joan haben sich bereits fröstelnd in die geliehenen Hotelhandtücher gewickelt. Wir waren alle sehr optimistisch bei der Kleiderwahl heute Morgen und haben uns größtenteils für Tank Tops und Röckchen entschieden. Unser Besuch am Strand fällt entsprechend relativ kurz aus, obwohl dieser sowohl in Länge und Breite als auch auf Grund der angebotenen Aktivitäten und Vielfalt der Strandbars wirklich beeindruckend ist. Wir bewundern akkurat durchtrainierte Sportler im pinkfarbenen Badehöschen und diskutieren über die Erträglichkeit vollständig behaarter Männerrücken. Hier offenbaren sich ganz neue Möglichkeiten der Flechtkunst.

Zurück am Bahnsteig, kommt die Sonne wieder hinter den Wolken hervor. Wir sind zwar ein bisschen traurig, dass unser Strandtag schon zu Ende ist, freuen uns aber auch auf eine entspannte Dusche vor dem Abendprogramm. Eileen und ich müssen uns am Ende doch einigermaßen beeilen, da wir gezwungen werden, zweimal zur Rezeption zurückzukehren, um die Funktionalität unserer Zimmerkarten zu reklamieren. Das wild blinkende rote Lämpchen über dem Türgriff macht uns spätestens beim zwanzigsten Mal rasend. Eine von uns hätte schon längst fertig geduscht sein können! Die diensthabende Rezeptionistin begleitet uns schließlich widerstrebend zu unserer verschlossenen Tür und verschafft uns mit ihrer eigenen Codekarte endlich den ersehnten Zutritt. Sie hat das Problem gelöst und hält es daher für äußerst überflüssig, auch nur eine Spur von Bedauern für diesen lästigen Vorfall zu zeigen. Wir haben jedoch keine Zeit, uns weitere Gedanken zur Unhöflichkeit des Hotelpersonals zu machen, denn uns bleiben nur noch knappe 35 Minuten bis zum Aufbruch.

(Fortsetzung folgt…)

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Orientierungsschwäche und Orgasmuswespe

29 Jul

Etwas erschöpft machen wir uns gegen Mittag endlich auf den Weg in die Altstadt. Das Maritim Park Hotel liegt auf der „falschen“ Seite der Daugava, des Flusses, der Riga in zwei Teile trennt. Wir spazieren die Hauptstraße entlang und überqueren die Brücke, wobei wir nachvollziehen können, dass Jogging in dieser Stadt nicht empfohlen wird. Schwere Lastwagen brettern an uns vorbei und schon nach kurzer Zeit habe ich das Gefühl, von einer Staub- und Abgasschicht überzogen zu sein. Immerhin können wir diese Gelegenheit nutzen, um herausragende Perlen der lettischen Architektur zu bewundern.

Auf der anderen Seite des Flusses wird es schnell besser. Nach einem Blick auf Schwabe- und Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz steuern wir zielstrebig den Tea & Coffee garden in der Grēcinieku iela an. Er gehört zum exquisiten Garden Palace Hotel, das uns bedauerlicherweise bei unserer Suche nach einer adäquaten Unterkunft nicht begegnet ist. Wir bewundern kurz den kleinen verwunschenen Innenhof und bestellen Kaffeespezialitäten und Kuchen im Café. Hatten wir vorhin noch von Starbucks gesprochen? Der Anblick des Törtchenangebots verschlägt uns den Atem und der Milchschaum des Latte macchiato hat eine Konsistenz wie frischester Eischnee. Wir schwelgen und bieten uns gegenseitig schwesterlich honey cake, lemon cake, blueberry cake und chocolate cookies zum Probieren an. Sollte der Rest der Altstadt eine Enttäuschung werden, hätte sich unser Besuch für dieses Kaffeekränzchen auf jeden Fall gelohnt! Die Rechnung beläuft sich mit Trinkgeld auf gerade mal 18 LVL, umgerechnet ca. 25 Euro. Für sechs Personen! Bei Starbucks hätte sich jede von uns mit einer Grande Latte zufriedengeben müssen für diesen Preis.

So schön es im Tea & Coffee garden auch ist – wir wollen noch ein bisschen was von der Stadt sehen. Über den Handwerkermarkt schlendern wir in Richtung Domplatz, um uns von einem Elektrobus an wichtigen Sehenswürdigkeiten wie dem Rigaer Schloss oder den Drei Brüdern vorbei kutschieren zu lassen. Es gibt so viel zu gucken, dass es wirklich schade ist, wie schwach unsere sechs Orientierungssinne funktionieren, selbst im Team. „Wo war noch mal der hübsche kleine Laden, den wir vorhin bei der Rundfahrt gesehen haben?“ Ähm. Ich habe ja schon Schwierigkeiten bei der Frage, wo Norden ist oder links. Der angedeutete Stadtplanausschnitt auf der Rückseite des Tickets hilft uns nicht weiter. Wir nehmen die kleine Niederlage hin und machen uns auf den Weg zum nicht zu verfehlenden Zentralmarkt in fünf ehemaligen Zeppelin-Hangars am Pilsētas-Kanal. Hier gibt es auf über 70.000 m² Fisch, Fleisch, Obst, Gemüse, Milchprodukte, Brot, Honig, Kleidung und Souvenirs.

Schon aus einiger Entfernung schlägt uns kräftiger Fischgeruch entgegen. Einige der glitschigen Exemplare in den Auslagen der Händler haben ihr Schicksal noch nicht akzeptiert und zucken verzweifelt. Ein herzzerreißender Anblick. Schnell in die nächste Halle. Es gibt hier auch Apotheken, einen Supermarkt und Stände, an denen Tüten mit Designerlabels verkauft werden. Sogar eine Karstadt-Tragetasche hat sich hierher verirrt. Draußen vor den Hallen stehen weitere Marktstände. Wirklich schade, dass wir weder Sellerie noch Suppengrün brauchen. Wir teilen uns in zwei Grüppchen auf und treffen Bine, Anna und Maja nach einer halben Stunde mit ihrer Beute in Form von drei beachtlichen Gewürzgurken wieder. Eileen, Joan und ich haben uns eine Runde an der frischen Luft gegönnt, obwohl es mittlerweile ziemlich penetrant regnet. Wir springen in die nächste Straßenbahn (wo gibt es eigentlich die Tickets?) und hüpfen erfreut zwei Stationen später wieder hinaus, als Eileen uns mit einem spitzen Aufschrei darauf hinweist, dass sie das Shopping Center erblickt hat, an dem wir vorhin mit unserer Touristenkutsche vorbeigefahren sind. Das Galerija Centrs beherbergt 140 Geschäfte, doch wir begnügen uns entgegen jedes Klischees mit einem einzigen Schuhladen, dessen Portfolio uns nicht einmal dazu animiert, die Kreditkarte zu zücken. Das ist schon leicht beängstigend, irgendwas stimmt nicht mit uns. Vielleicht sind wir einfach erschöpft von der letzten Nacht, dem Fußmarsch durch die Stadt und den vielen neuen Eindrücken, inklusive Fischgeruch. Wir schaffen es ins Caramel Rouge gegenüber und kommen bei Pasta und Burritos wieder zu uns.

Gestärkt bummeln wir weiter durch die Altstadt und decken uns mit allem Nötigen für den vor uns liegenden Abend ein (Prosecco, Chips, Weingummi – Maja geht noch einen Schritt weiter und erwirbt eine Flasche „Riga Black Balsam“). Anna und Maja sind zutiefst entsetzt über das Foto aus dem Leichenschauhaus auf der lettischen Schachtel Marlboro Lights, das offensichtlich zur Abschreckung dienen soll. Zum Glück befinden sich keine Detailaufnahmen von Orangenhaut oder Winkfleisch auf den Süßigkeiten. Bine, durch deren Adern Espresso und Milchschaum fließen, freut sich über die hohe Verbreitung von Siebträgermaschinen in den örtlichen Coffeeshops und unterstellt im Index Café beim Warten auf ihren mit Liebe zubereiteten Cappuccino kichernd einer aufgeregt an einem Törtchen saugenden Wespe, diese bekäme gleich einen Orgasmus.

Zeit für eine kleine Siesta im Hotel.

(Fortsetzung folgt…)

What’s the problem?

29 Jul

Auch die schlafloseste Nacht geht irgendwann vorbei. Ich fühle mich wie überfahren und kann nur aufgrund bruchstückhafter Erinnerungen an wirre Traumfetzen davon ausgehen, dass ich doch mal kurz eingeschlafen sein muss. Eileen klammert sich noch immer an ihre Vintage-Rolex, die sie aus Angst vor Räubern nachts zwischen zwei Albträumen wieder um ihr Handgelenk geschnallt hat. Ich traue mich als Erste in die Dusche. Da ich meine Kontaktlinsen noch nicht eingesetzt habe, kann ich die schwarzen Schimmelspuren zwischen Kacheln und Duschwand einfach ignorieren. Trotz allem hilft der warme Wasserstrahl beim Wachwerden. Die anderen haben schon den ersten Kaffee intus, als wir in den Frühstücksraum kommen, sehen aber auch nicht viel fitter aus als Eileen und ich. Ich probiere Pancakes mit Marmelade und Nutellaersatz, danach einen in täuschend echtem Vollkornton gefärbten Teigklumpen, der ein bisschen an ein Brötchen erinnert. Er schmeckt nicht ganz so gruselig wie die mit „orange juice“ angepriesene Flüssigkeit oder die Gurkenscheiben, die Bine angewidert ausspuckt, als sie darin eine deutliche Schimmelnuance wahrnimmt. Wir phantasieren von schaumigem Starbucks Caffè Latte und hoffen, dass die Rigaer Innenstadt eine akzeptable Cafédichte aufweisen wird.

Doch bevor es losgeht, rüstet Eileen sich für ihr Vorhaben, uns ein besseres Zimmer zu besorgen. Ihr Vater besitzt Anteile des Maritim Golfparks, ihre Mutter ist langjähriges Goldmember der Hotelgruppe. Es wäre sicher gar nicht nötig gewesen, diese Tatsachen elegant-beiläufig zu erwähnen, denn allein bei dem Gedanken an den kleinen graugrünen Fleck auf ihrem Bettlaken funkeln Eileens Augen die Rezeptionistin so gefährlich an, dass diese einen Satz in das Büro des General Managers macht, um uns ein Upgrade zu ermöglichen. Wir warten in der Lobbybar auf die Früchte von Eileens Vorstellung und ihrer einflussreichen Familie, während eine Dame in kurzem Rock und beigefarbenen Lack-Peeptoes mit geschätzten 12 cm-Absätzen um uns herum stöckelt und Glasreiniger auf verschiedene Oberflächen sprüht. Ein erster Hinweis darauf, dass die Frauen hier wohl tatsächlich zu jeder Zeit und Gelegenheit auf beeindruckenden High Heels unterwegs sind. Voller Zuversicht holen wir schon mal das Gepäck aus den Zimmern und finden uns wieder an der Rezeption ein. Wir sind etwas überrascht, als sich uns die Dame mit den Peeptoes, jetzt ohne Glasreiniger, als Ieva Ozola, General Manager des Hotels vorstellt und fragt: „What’s the problem?“, ohne sich dabei Mühe zu geben, freundlich oder zuvorkommend zu wirken. Eileen erläutert ihr die Sachlage. Daraufhin dürfen wir uns ein Dreierzimmer im sechsten Stock anschauen, das ebenfalls stark nach Rauch riecht und pro Nacht und Nase 20 Euro mehr kosten soll. Kein Treffer. Eine weitere kurze Diskussion an der Rezeption später stehen Eileen und ich mit Ieva in Doppelzimmer Nummer 711, das weder Nikotin und Teer noch Wunderbaum-Aromen ausdünstet und damit Eileens kritischem Urteil standhält. Koffer und Taschen dürfen gleich hierbleiben. Ieva besteht allerdings darauf, sich unser beanstandetes Zimmer im vierten Stock anzuschauen. Sie begutachtet die Flecken auf Bettwäsche und Möbeln und enthält sich eines qualifizierten Kommentars. Wenigstens beschimpft sie uns nicht, dass wir uns nun wirklich nicht so anstellen sollen. Ein letztes Highlight dieser Besichtigungsodysee ist das Treppenhaus, durch das wir angesichts der stark frequentierten Fahrstühle wieder ins Erdgeschoss gelangen. So stelle ich mir das Innere eines Luftschutzbunkers vor. Ieva bewältigt die Stufen auf ihren hohen Absätzen ohne weiteres und hat zumindest dafür meinen Respekt.

(Fortsetzung folgt…)

Höschen wiegen

28 Jul

Geschätzte 698 E-Mails, 156 Google-Recherchen, 17 potentielle Reiseziele,
6 Terminalternativen, 5 Planänderungen aufgrund unzureichender Hotel-bewertungen, nicht vorhandener Wellnessbereiche oder akuter Entscheidungs-unfähigkeit, 3 Lagebesprechungen mit dem Fazit „noch mal zurück zum Problem“ – und doch schließlich 1 Ergebnis:

6 Mädels fliegen heute Abend nach Riga!

Selbst die rigorose Beschränkung auf maximal 8 kg Handgepäck bei airBaltic konnte uns nicht aufhalten. Okay, ein bisschen haben wir geschummelt und uns für 20 Euro pro Strecke 20 kg Extragepäck gekauft, die wir solidarisch unter uns aufteilen und anschließend aufgeben. Allergikerin Eileen braucht ihr Nasen-spray, Frostbeulchen Joan was Warmes zum Überziehen, falls es unter 25° C kalt werden sollte, und Ingenieurin Bine musste überlegen, was sie noch einpackt, nachdem sie jedes Höschen akkurat abgewogen hatte, um die strengen Gewichts-beschränkungen der Airline artig einzuhalten. Hobbyfotografin Anna hat sogar ihre Canon EOS dabei. Wir dürfen gespannt sein auf die Bilder.

Sektempfang ist um 19 Uhr in Terminal 1. Geplante Ankunft am Ziel: 23.30 Uhr Ortszeit. Wir haben schon gestern online eingecheckt und uns Taxivoucher für die Strecke vom Flughafen Riga zum Hotel besorgt. Vorbereitung ist alles.

Es geht los!

Im ersten Waggon der S1 sind wir ab der Station Rübenkamp schon zu zwei Dritteln versammelt und sorgen mit unserem aufgeregten Geschnatter über vergessene Bikinis und die Notwendigkeit von Reiseglätteisen dafür, dass der uns gegenüber sitzende Mittzwanziger immer wieder verstohlen sein Handy angrinst. Er würde sicherlich einiges dafür geben, sich in genau diesem Moment in ein Pantene Pro-V-Shampoopröbchen zu verwandeln, um uns in diesem Zustand als stiller Beobachter auf den vor uns liegenden Trip begleiten zu dürfen. Leider reichen seine magischen Kräfte dafür nicht aus. Am Bahnsteig des Flughafens stößt das noch fehlende Drittel in Form von Bine und Anna zu uns, so dass wir überpünktlich am Check-in versammelt sind und den dort gelangweilt in der Schlange Wartenden ein willkommenes Unterhaltungsprogramm bieten, indem wir mit dem Umpacken beginnen. Der gemeinsam gefüllte Koffer wiegt gerade mal 15,6 kg – uns bleibt also ausreichend Spielraum für Einkaufsbummel in Riga. Joan spendiert uns auf diesen ersten Erfolg eine Runde Freixenet Seco. Ein Fläschchen mehr, und wir hätten uns vom Sicherheitspersonal vielleicht überreden lassen, freiwillig den neuen Nacktscanner zu benutzen. Anna ist schon einmal darauf hereingefallen, dass man die Aufnahmen angeblich ein paar Meter weiter an einem Automaten ausdrucken lassen kann. Hätte uns auch passieren können.

Eingedeckt mit Proviant und Zeitschriften machen wir uns auf dem Weg zum Gate C13 im Erdgeschoss des Terminals. Es geht also mit dem Bus übers Roll-feld. Bei der Online-Sitzplatzwahl hatte ich mir noch nicht so viel dabei gedacht, dass die Sitzreihen links und rechts des Gangs nur aus jeweils zwei Plätzen bestehen. Spätestens als Eileen und Bine beim Einsteigen in die kleine Turboprop-Maschine ihr nur minimal überdimensioniertes Handgepäck dem Bodenpersonal übergeben müssen und dieses anschließend im Bauch des Flug-zeugs verstaut wird, wissen wir Bescheid. Begeistert winkt Joan dem Piloten im Cockpit – sie hat bisher noch keinen aus so geringer Entfernung betrachten dürfen. Unser restliches Handgepäck bringen wir problemlos in der Kabine unter und den Flug trotz nicht zu verachtender Turbulenzen einigermaßen entspannt hinter uns.

Zwei grüne BalticTaxis bringen uns  durch den leichten Nieselregen zum Maritim Park Hotel. Es ist nach Mitternacht und stockdunkel, als die Fahrer uns dort absetzen. „Ich dachte, wir wohnen zentral“, ist meine erste Reaktion auf unsere Unterkunft für die nächsten drei Tage. Vor dem Hotel sehen wir nichts als einen großen Parkplatz und die Hauptverkehrsstraße Slokas iela. Zunächst mache ich mir dazu keine weiteren Gedanken, denn im Moment sind wir alle sechs beseelt von der Vorstellung, auf unseren Zimmern die Klamotten von uns zu werfen, gleich danach unser durchgeschütteltes Haupt auf weichen Kissen zu betten und erschöpft seufzend die Augen zu schließen. In der vierten Etage werden wir von einer Duftmischung aus Zigarettenrauch und Wunderbaum empfangen. Unsere drei Doppelzimmer sind klein, verfügen über einen winzigen Kleiderschrank, eine leere Minibar und zwei Einzelbetten. Nachdem Eileen ihr Nachtlager und das Bad auf Haare und sonstige Rückstände von Vorgästen untersucht hat, möchte sie als erstes wissen, wann der nächste Flieger zurück nach Hamburg geht. Nun gut, Eileen ist, wie soll ich sagen, beim Thema Hygiene sehr empfindlich und wäre als Hoteltesterin nur bedingt geeignet, doch wohl fühle ich mich in diesem Zimmer auch nicht. Ich muss erst noch kurz Joan das Leben retten, indem ich ihren Blutzuckerspiegel mit den Not-Giottos aus meiner Reisetasche wieder auf ein unbedenkliches Level bringe, dann reiche ich Eileen schnell mein Sagrotan-Fläschchen, um ihre sofortige Flucht aus dem Hotel zu verhindern. Sie schlägt vor, dass sie ja im Koffer schlafen könne, legt dann aber doch nur ihre Klamotten darin ab. Wir treffen die nötigen Vorkehrungen, um zumindest eine Nacht hier verbringen zu können, doch viel Schlaf ist uns nicht vergönnt. Draußen vor dem Fenster röhrt die Klimaanlage, der Regen prasselt auf das Blechdach. Drinnen lausche ich dem vertrauten Chrchrchrrr von Eileen und kämpfe mit der kratzigen Bettwäsche. Willkommen in Riga.

(Fortsetzung folgt…)

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