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Kinoerlebnis: Die 4. Dimension

5 Jul

Es gibt Tage, an denen ich lieber im letzten Jahrhundert leben würde. Zum Beispiel am Kinotag. Ich liebe die kleinen, altmodischen Kinos, die älter sind als ich, übersichtlich und auf deren Internetseiten nirgendwo das Präfix „multi“ vorkommt. Ich mag ihre Foyers, in denen es oft eine Bar gibt, an der man Getränke in echten Gläsern bekommt, die man vor dem Film in einem gemütlichen Sessel schlürfen kann. Ich mag das Gefühl, mich in einem Theater zu befinden und nicht in einem futuristischen Neubau, dessen Name auf -plex oder -maxx endet. Mit dieser irgendwie eleganten Atmosphäre beginnt für mich das wahre Kinoerlebnis. Für den Mann meines Herzens beginnt es mit Block-bustern auf möglichst großer Leinwand. Daher befinden wir uns heute im Cinemaxx Dammtor. In Saal 6 läuft um 21.00 Uhr „Hangover 2“. Die Karten sind mit 7 Euro pro Stück heute ein echtes Schnäppchen, die Schlangen vor Toiletten und Snackständen halten sich in erträglichen Grenzen. Das Popcorn ist allerdings pappig wie immer. Der Kunde ist ja auch selber schuld, wenn er 4 Euro für eine mittlere Portion gesüßtes Füllmaterial ausgibt, dieses dann emotionslos in sich hinein stopft und dabei abwechselnd denkt: „Wie viele Kalorien sind das jetzt eigentlich?“ und sich fragt, welchen Zuschauer er mit dem nächsten ungenießbaren Stück Futtermais bewerfen könnte.

Reihe D ist schon recht gut besetzt, als wir unsere Plätze einnehmen, und wir müssen einen etwas fülligen Herrn von meinem Sitz 9 verscheuchen. Er rutscht sogleich einen Platz nach links, vergisst aber leider, seine hier gesetzte Duft-marke mitzunehmen. Die Klimaanlage bläst viel kalte Luft von oben und ich hoffe, dass dieser olfaktorische Zustand vorübergehender Natur ist. Ich kann unmöglich zweimal hintereinander so viel Pech haben – die Erinnerung an gefühlte vier Stunden „Pirates of the Carribean – Fremde Gezeiten – Maxximum 3D“ mit kostenloser vierter Geruchsdimension Marke Käsefuß vor einigen Wochen ist noch sehr lebendig. Nach diesem Erlebnis hatte ich beschlossen, erstens dieses Etablissement künftig zu meiden und zweitens nie wieder aus falschem Schamgefühl darauf zu verzichten, derart müffelnde Mitbürger auf die an Körperverletzung grenzende Belästigung hinzuweisen, die sie ihrer Umwelt durch ihre Ausdünstungen gedankenlos zumuten. Im Fall Käsefuß hätte ein einfaches: „Kannst du bitte deine Schuhe wieder anziehen?“ zu der insgesamt konsequent ungepflegt wirkenden Punkbraut hinter mir gereicht, die im Schneidersitz in ihrem Kinosessel saß und ihre ausgelatschten Chucks, die wahrscheinlich noch aus der ersten Glanzzeit dieser Treter stammten, irgendwo hinter meinem Sitz geparkt hatte. Abgesehen davon, dass es mir absurd erschien, diesen Satz in einem Kinosaal auszusprechen, hatte ich gegenüber der Punkbraut und ihren Begleiterinnen ein ungutes Gefühl. Im Worst-Case-Szenario malte ich mir aus, wie mich zwei der Mädels nach dieser Aufforderung festhielten und die dritte mir einen von den Chucks des Grauens direkt unter die Nase hielt. Schon beim Gedanken daran wurde ich ohnmächtig. Der Gestank blieb von den Umsitzenden nicht unbemerkt, zumindest mit meinem Sitz-nachbarn hatte ich mich darüber kurz ausgetauscht, als ich ein rettendes Parfumpröbchen in meiner Handtasche gefunden und den Inhalt hektisch um mich herum versprüht hatte. Die Wirkung hielt nur kurz an. Niemand unternahm etwas. Während des Films kam der Gestank in regelmäßigen Wellen von hinten herangerollt und setzte sich hartnäckig in den Atemwegen fest. Ich atmete verzweifelt in meine Popcorntüte.

Allen guten Vorsätzen zum Trotz sitze ich nun wieder hier und atme möglichst nah an der Schulter des Mannes meines Herzens rechts neben mir ein, um der intensiven Woge orientalischen Männerschweißes von links irgendwie auszuweichen. Vergeblich. Doch ich kann ihn ja auch schlecht auffordern, sich einen luftundurchlässigen Umhang überzuwerfen oder den Saal zu verlassen – da die Klimaanlage wie immer mit Beginn des Films ihre Tätigkeit eingestellt hat, würde sein aromatischer Körpergeruch sowieso erst frühestens eine halbe Stunde nach ihm seinen Platz verlassen. Ich versuche, mich auf den Film zu konzentrieren und die Sache positiv zu sehen. Als Phil (das ist der Hübsche von den Jungs) in Bangkok auf dem verranzten Apartmentboden wieder zu sich kommt, sich durch sein verschwitztes Haar fährt und nach und nach seine Freunde aufsammelt, passt die Duftnote neben mir ziemlich gut ins Bild. Fast habe ich das Gefühl, der Film würde sich anstrengen, mit dem größtmöglichen Maß an Ekelerregung eine derartige Lappalie wie den Schweißgeruch hochgradig lächerlich wirken zu lassen. Es lenkt mich tatsächlich kurzzeitig von meiner misslichen Lage ab, als der Penis von Mr. Chow auf ungewöhnliche Art und Weise in Szene gesetzt wird und Stu einige Verwicklungen und Zufälle später erfährt, welche seiner Körperöffnungen in der vergangenen Nacht entjungfert wurde – und wovon.

Das Wolfsrudel von „Hangover 2“ hätte wirklich kaum in eines der hübschen kleinen Programmkinos gepasst. Insgesamt war es kein schlechter Abend – es ist ebenso erstaunlich wie unterhaltsam zu beobachten, wie ein Mann in den besten Jahren bei einem derartigen Film aufgeregt ist wie ein 12-jähriger und sich vor bewundernder Begeisterung in den besten Szenen beinahe bepinkelt. Weibliches Gekreische beim Trailer von „Sex and the City 2“ ist nichts dagegen. Zum Glück lief eben dieser Streifen auch im Streits Filmtheater am Jungfernstieg – in der Originalversion und in einem fast leeren, gut gelüfteten Kinosaal. Anschließend nahmen wir noch einen Drink an der Bar im Foyer. Was für ein Abend!

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