Tag Archives: Männer

Hard to fall asleep

26 Mrz

Leon kam zu unserer ersten Verabredung zu spät. Ich war keine Minute zu früh, hatte auf den letzten Metern meine Schritte bis an die Lächerlichkeitsgrenze verlangsamt, doch als ich ankam, war das Café bis auf wenige Menschen leer, und keiner davon war Leon. Ich suchte mir einen strategisch günstigen Platz, von dem aus ich den Überblick hatte, und wartete.

Es war ein lauer Abend im Juli, alle Türen des Cafés standen offen. Auf der Straße herrschte reges Treiben. Ich studierte ausführlich die Karte, vertröstete den Kellner auf später – „Danke, ich warte noch“. Leon kam mit dem Auto, so viel wusste ich, und die Parkplatzsuche war in diesem Stadtteil ein Thema für sich. Diese Überlegungen sollten nicht das letzte Mal sein, dass ich für das Verhalten von Leon Entschuldigungen suchte.

Schließlich betrat ein Mann das Café und steuerte dann zielsicher auf mich zu. So sah er also in Wirklichkeit aus: nicht besonders groß, mit 1,80 m gerade groß genug, um im mein Beuteschema zu passen. Kurze Haare, lässige Frisur. Jungenhaftes Gesicht. Er begrüßte mich mit einem Lächeln und nahm auf dem Hocker mir gegenüber Platz.

Wir tranken Cocktails, aßen Ciabatta und sprachen über unsere Vergangenheiten. Leon war beruflich schon etwas rumgekommen und arbeitete als Unternehmensberater. Er war viel unterwegs, flog oft durch die Gegend und schien ein echter Karrieretyp zu sein. Vielleicht reizte mich das, gepaart mit seinem jungenhaften Aussehen. Unser Gespräch war etwas stockend, ich war leicht aufgeregt und nicht in der Lage, mich so charmant mit ihm zu unterhalten wie mit Männern, die ich vom ersten Augenblick an völlig uninteressant fand. Und die mir dann meist aus der Hand fraßen. Langweilig.

Leon bot mir halbherzig an, mich nach Hause zu fahren, obwohl er wusste, dass ich es nicht weit hatte. Selbstverständlich lehnte ich ab. Beschwingt lief ich durch die laue Sommernacht nach Hause, in kribbeliger Erwartung dessen, was da noch kommen sollte. Wir hatten uns zwei Stunden lang schlecht unterhalten und eigentlich war er zehn Zentimeter zu klein, doch die Schmetterlinge in meinem Bauch interessierte das nicht. Sie waren völlig high.

Ich schlief in dieser Nacht schlecht, war andauernd wach, erregt und konnte an nichts anderes denken als an Leon. Ich war vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen völlig angefixt von diesem Mann, bei dessen Anblick mir jegliche sprachliche Eloquenz unter den Tisch gerutscht war. Er hatte Macht über mich. Macht ist sexy. War es so einfach?

Per E-Mail ging es am nächsten Morgen weiter. Jede Nachricht ein Flirt. Virtuell lief unser Zwiegespräch besser als unter vier Augen. Das zweite Treffen ließ ein wenig auf sich warten, denn wie gesagt hatte Leon wenig Zeit. Doch wir schafften es ungefähr zwei Wochen später. Wieder ließ Leon mich warten.

Er kam jedoch noch bevor ich es ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, wieder zu gehen. Er setzte sich zu mir auf das Sofa. Wir tranken beide Maracujaschorle und setzten das angespannte Gespräch weiter fort. Es lag eine knisternde Spannung in der Luft, viel davon gab es ja nicht zwischen uns auf diesem Sofa. Mir kam der Gedanke, dass es doch viel einfacher wäre, jetzt mit ihm zu knutschen, dann bräuchten wir uns auch nicht mehr zu unterhalten.

Doch es wurde nicht geknutscht, nicht an diesem Abend. Leon fuhr mich nach Hause in seinem BMW-Cabrio. Auch als er vor meinem Haus hielt, mich zum Abschied umarmte – trennten wir uns ungeküsst.

Das dritte Date verlief anders. Leon hatte sich zu mir nach Hause eingeladen. Ich kochte und hoffte, dass er zuverlässig sein möge mit seiner Unpünktlichkeit, denn ich hatte für Lasagne, Salat und Styling insgesamt weniger als zwei Stunden Zeit. Doch ich hoffte vergebens, denn Leon klingelte wenige Minuten vor 20 Uhr an meiner Tür.

Unsere Unterhaltung während des Essens verlief beinahe unerträglich zäh. Meine Aufregung wollte sich nicht legen. Nach dem Essen sollte sich dies endlich ändern, denn als Dessert hatte Leon mir seine Massagekünste angeboten. Ich fühlte seine Hände auf meinem Rücken, er saß neben mir ganz am Rand auf der Couch und wir wechselten überflüssige Worte.

Er machte dem zähen Gespräch ein Ende, indem er vom Rand der Couch auf meinen Po wechselte und begann, meinen Rücken zu küssen. Seine Bartstoppeln kratzten sanft auf meiner Haut. Unsere Körper verstanden sich wortlos. Ich genoss den Sex mit Leon, nicht weil er so gut war, sondern einfach nur weil es Sex war. Ich hielt seine Oberarme, als er auf mir lag, und dachte darüber nach, dass sie kaum mehr Umfang hatten als meine eigenen. Es kann kein wirklich guter Sex sein, der solche Gedanken hervorbringt.

Als unser postkoitales Gespräch ins Stocken geriet, während wir in String (ich) und Boxershorts (er) nebeneinander auf der Couch saßen, begann Leon, mich wieder zu küssen und gab damit den Startschuss für die zweite Runde. Horizontal verstanden wir uns besser.

Nur wenige Tage später besuchte Leon mich wieder zu Hause. Er war an dem Abend zur Spätvorstellung mit einem Freund im Kino verabredet, doch er wollte mich vorher sehen und stand einige SMS später vor meiner Tür. Wir verloren nicht viele Worte, küssten uns im Flur, arbeiteten uns zum Schlafzimmer vor und schafften es zum Bett. Ich sah auf Leons Haarschopf zwischen meinen Beinen und fragte mich, was Männer glauben, was eine Frau beim Oralsex zum Orgasmus bringt. Der englische Ausdruck „eat pussy“ trifft es in vielen Fällen am besten, so auch bei Leon. Lecken, nicht essen, dachte ich, doch ich sagte nichts. Er schien sehr hungrig zu sein.

Eine Weile blieb er noch neben mir liegen, bevor er zum Duschen nach Hause fuhr und anschließend neben seinem Kumpel im Kino einschlief. Ich hatte an diesem Abend das Gefühl, dass etwas falsch lief. Ich konnte mich kaum mehr konzentrieren, sobald ich eine E-Mail an Leon abgeschickt hatte. Oft ließ er sich mit seinen Antworten Zeit, dauernd hatte er irgendwelche Meetings und konnte stundenlang nicht schreiben. Ich hasste es, auf E-Mails von ihm zu warten, und es wurmte mich, dass ich mich nur so schwer ablenken konnte. Ich wollte nicht so eine Frau sein. Ich wollte die Fäden in der Hand haben. Doch die Macht über meine Stimmung lag bei Leon. Und kleinen gelben Umschlägen unten rechts in der Symbolleiste meines Desktops.

Schließlich warf mich eine seiner E-Mails völlig aus der Bahn. Er wisse nicht genau, wo das mit uns hinführen solle. Er könne im Moment keine Verpflichtungen eingehen. Und er habe das Gefühl, mir das mitteilen zu müssen. Falls ich gewisse Erwartungen hätte, sollten wir uns vielleicht lieber nicht mehr treffen. Was er sehr schade fände.

Ich spielte die Lässige. Das mit uns müsse nirgendwo hinführen, wir könnten einfach weitermachen und abwarten, was passiert. Ich schrieb diese Worte, nachdem ich Tränen der Wut und der Enttäuschung heruntergeschluckt und seine Nachricht als eine Anwandlung schlechten Gewissens abgetan hatte. Es würde alles gut werden. Schließlich erwartete ich doch gar nicht so viel von ihm.

Wir trafen uns, um darüber zu sprechen. Zunächst aßen wir, sprachen nur wenig und Belangloses. Auf dem kurzen Weg vom Restaurant zu meiner Wohnung fielen ein, zwei ungelenke Sätze über das, was da per E-Mail in den Raum gestellt worden war. An dieser Stelle hätte ich ehrlich und deutlich sagen können, was ich von Leon hielt und was ich von ihm erwartete. Doch ich wusste es ja selbst nicht genau. Hätte ich sagen sollen: „Alles, was ich erwarte, ist, dass du dich nicht wie ein kompletter Vollidiot verhältst“? Ich bezweifle, dass es geholfen hätte. Ich war nicht seine Freundin und wollte mich nicht als solche aufspielen, indem ich ihm von meinen Gefühlen erzählte. Was fühlte ich denn überhaupt? Ging es mir um mehr als um die Macht, die er über mich hatte und die ich zurückgewinnen wollte?

Wir schliefen an diesem Abend miteinander und ich verabschiedete mich von Leon mit dem Gefühl, dass es doch noch etwas werden könnte mit uns. Ich wollte diesen Mann. Oder wollte ich vor allem das Gefühl haben, dass er mich wollte? Ich hörte das gesamte folgende Wochenende nichts von ihm. Die Warterei und die Ungewissheit machten mich beinahe wahnsinnig.

Es folgten wieder E-Mails. Belanglosigkeiten, Flirtbotschaften. Schließlich die Frage: Wann sehen wir uns? Dann die Antwort: Diese Woche wohl nicht, mal sehen… Es reichte. Wenn ich nicht die Kontrolle über diese Situation haben konnte, musste ich die Situation eben ändern. Ich teilte Leon mit, dass es für mich so nicht weiter ginge und ich ihn unter diesen Voraussetzungen nicht mehr sehen wolle. Er bedauerte dies sehr, sah sich aber nicht in der Lage, an den Umständen etwas zu ändern. Ich bedauerte auch. So sehr, dass ich mich am nächsten Morgen kaum im Spiegel erkannte.

Nach einer Woche Funkstille kam wieder eine E-Mail von ihm. Die Zeit hatte für mich nicht gereicht, um genug Abstand zu gewinnen. Meine Gedanken kreisten noch immer um Leon und seine Unfähigkeit, sich auf etwas – auf mich – einzulassen. Schließlich antwortete ich. Erst beleidigt. Dann versöhnlicher. Schließlich fordernd. Wenn es nur Sex war, was ich von Leon bekommen konnte, dann wollte ich wenigstens den. Und zwar bald.

Wir waren für den Abend verabredet. Ich stand unter der Dusche, als seine SMS kam, in der er Zweifel anmeldete. Vielleicht sollten wir es lieber lassen, aus Rücksicht auf mich. Ich wollte keine Rücksicht, ich wollte Sex. Das ließ er gelten.

Ich trug genau zwei Kleidungsstücke. Leon war davon sehr angetan, so auch sein bestes Stück von dem, was ich mit Händen, Lippen und Zunge mit ihm anstellte. Ich hatte mir kaum den Mund abgewischt, als er anfing zu gähnen. Er sei unsagbar müde. Ich glaubte noch an einen Scherz, als er aufstand und sich anzog. Er verabschiedete sich mit ein paar entschuldigenden Worten. Mir war eigentlich nicht danach zumute, doch ich musste lachen, nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Die Situation war einfach zu absurd – war das gerade wirklich passiert?

Sein schlechtes Gewissen brachte ihn immerhin dazu, mir wenige Augenblicke später eine SMS zu schicken. Es täte ihm Leid und vielleicht wäre das alles ein Fehler gewesen an diesem Abend. Mir fehlten die Worte für eine Antwort.

Besorgt erkundigte er sich am folgenden Montag nach meinem Befinden. Ob seine SMS angekommen wäre? Ich antwortete ihm, dass ich nicht verstünde, was er von mir wolle, und dass es zu spät sei. Ich hörte lange nichts von ihm. Stattdessen litt ich mit Hingabe zu Songs wie „I’m sorry“ von Tommy Reeve.

I know I wasn’t there
when you needed me the most
I know I didn’t care
and was afraid to get so close
tonight it’s getting hard to fall asleep
cause it’s becoming clear that I broke all into pieces
and I can not reverse it…

Süß und quälend war der Schmerz. Und irgendwann vorbei. Freiwillig erträgt man nur ein gewisses Maß an Erniedrigung von einem Menschen. Mit Leon hatte ich diese Grenze erreicht. Es war genug. Die Funkstille dauerte an, schaffte genug Abstand.

Monate später schrieb Leon mir eine SMS zu meinem Geburtstag. Und eine E-Mail. Ich antwortete nicht. In unregelmäßigen Abständen folgten Nachrichten von ihm, er wollte wissen, wie es mir ging und was ich so machte. Schließlich hatte ich fast Mitleid mit ihm und antwortete ihm. „Mir geht es hervorragend, ich bin sehr glücklich mit meinem Freund. Ich wünsche Dir alles Gute.“ Ich fand das sehr freundlich formuliert für: Lass mich endlich in Ruhe. Leon verstand nicht. Noch einige Male ließ er mein Handy vibrieren oder erzeugte kleine gelbe Umschläge auf meinem Bildschirm. Schließlich beendete ich das Ganze dort, wo es begonnen hatte, und löschte ihn aus meinen Kontakten. Ihre Verbindung zu Leon F.: keine. Und dabei blieb es.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: