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Die kalte Hand

22 Sep

Die Sonne strahlt und die Luft ist lau. Mein kleiner Neffe fühlt sich pudelwohl auf Deinem Arm, gluckst vor Freude, während Du ihn durch die Luft schleuderst und wieder auffängst. Keine Sekunde lang würde ich daran zweifeln, dass er sicher wieder in Deinem Arm landen wird. Ihr beide juchzt um die Wette, Du rufst abwechselnd „Heeeey“ und „Huuuui“, bis der Kleine vor lauter Kichern kaum noch Luft bekommt. Ein schönes Bild. Doch ich stehe daneben, als würde ich einen schrecklichen Autounfall beobachten. Auch ich bekomme kaum noch Luft. Es tut so weh. Der Kleine ruft Deinen Namen. „Noch mal!“ Ich laufe auf die Toilette, vermeide den Blick in den Spiegel, während ich mich am Waschbecken festklammere. Ruhig atmen. Ganz ruhig. Mein Ausatmen klingt, als wäre ich in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet worden. Womöglich wäre das ein angenehmeres Gefühl. Ich brauche etwa eine Viertelstunde, bis ich den Waschraum wieder verlassen kann. Ich treffe Dich auf dem Flur, Du legst Deinen Arm um mich und gehst mit mir zum Auto. „Alles okay, Maus?“ Du küsst mich auf die Wange, die immer noch ein bisschen glüht von nicht geweinten Tränen. „Geht’s dir gut?“ Ich nicke und lächle dich schief an. „Lass uns nach Hause fahren.“

Es ist kein schöner Tag. Das kleine Stäbchen in meiner Handtasche ist schwerer als ein Felsbrocken. Heutzutage kann man da nichts mehr falsch verstehen, ganz deutlich steht es auf der Anzeige. Schwanger. Ich habe das Stäbchen noch mal geschüttelt, gewartet, minutenlang die Anzeige angestarrt. Sie hat sich nicht verändert. Was sich nun verändern wird, ist mein Leben. Unser Leben. Ich kann es Dir nicht sagen. Wir haben eine klare Vereinbarung. Ich hatte es auf die leichte Schulter genommen, als Du mir gesagt hast, dass Du keine Familie willst. Ich wollte Dich, und der Rest war nicht so wichtig. Es würde sich alles finden. Wir waren doch so glücklich zusammen. Dass Du es wirklich ernst meinst, war leicht zu erkennen gewesen. Die Wohnung, die Du gekauft hast, hätte es nicht deutlicher machen können. Groß und hell, zentral gelegen, loftartig geschnitten. Von der Dachterrasse aus hat man einen einmaligen Blick über die Stadt und kann nachts die Sterne zählen. Meinen Einwand, dass sie im fünften Stock liegt und dass es keinen Aufzug gibt, hast Du ebenso wenig gelten lassen wie die vorsichtige Frage, ob denn mehr Wände und eine normale Raumaufteilung nicht auch ganz schön wären. Du hast Dich in diese Wohnung verliebt, ebenso wie in Dein kleines altes Cabrio, das Du in dieser Gegend meist zwei Straßen weiter parken musst. Es ist das, was Du willst. Und nachdem Du mir am Abend nach der Wohnungsbesichtigung gesagt hast, dass ich Dein Glück perfekt machen würde, wenn ich mit Dir gemeinsam in das Loft im fünften Stock ziehen würde, da hattest Du mich. Es war so ein schönes Gefühl zu wissen, dass Du es ernst meinst mit mir. Du bist ein Mann, der meint, was er sagt. Leider in jeder Hinsicht.

Obwohl meine Lebensplanung eine andere war, habe ich mich auf Deine eingelassen. Der Moment fühlte sich so rosarot an, er war so perfekt. Ein Nein hätte ihn zerstört, eine Diskussion wäre so unpassend gewesen an diesem Abend. Und am nächsten. Und danach. Ich wollte die Zeit mit Dir genießen, ohne nachzudenken. Etwas in mir wusste vielleicht schon, dass es nicht ewig dauern würde. Ich war unvorsichtig. Und so verliebt. Es konnte doch niemand etwas daran ändern, was das Leben für ihn vorgesehen hatte. Was passieren soll, passiert… Ich gab die Verantwortung ab. Für mich. Für Dich. Für uns. Ich wollte nicht, dass dieses zarte Pflänzchen Glück mir entfleucht, indem ich zu viel darüber nachdenke. Es ist medizinisch nicht möglich, aber ich fühle das mikroskopisch kleine Wesen in meinem Bauch und mir wird heiß vor Glück, wenn ich an dieses Wunder denke, das dort entsteht. Die Vorstellung, den Mann verlassen zu müssen, der es gezeugt hat, oder von ihm verlassen zu werden, bereitet mir körperliche Schmerzen.

Dieses kleine Glück, das ich mir mehr wünsche, als ich mir jemals zuvor etwas gewünscht habe – es ist für uns nicht vorgesehen. Etwas muss ich Dich fragen nach diesem  Testergebnis, ich kann nicht gar nichts tun. „Was wäre, wenn?“, frage ich Dich und hoffe, Deine Antwort wird alles ändern. Ich will Dir von dem Ergebnis erzählen, Dir das Stäbchen zeigen, damit Du mich fest in den Arm nimmst und mir ins Ohr flüsterst, dass Du der glücklichste Mann bist auf der Welt. Dass Du Dich darauf freust, diesem Wesen mit mir gemeinsam die Welt zu zeigen. Ich bin so vertieft darin, zu wünschen, zu hoffen und zu beten, dass Deine Antwort erst ganz langsam zu mir durchdringt. Du hast nur kurz überlegt, siehst mich ernst an, und dann sagst Du mir, was ich nicht hören will. Ganz deutlich. Es gibt nichts mehr hinzuzufügen. „Das weißt du doch, Maus“, schiebst Du noch hinterher, es klingt etwas erstaunt. Ich sehe wohl ein bisschen traurig aus. Ein Kunststück, wenn man bedenkt, was in mir passiert. Eine kalte Hand greift nach meinem Herzen und drückt zu. Eine Welt stürzt zusammen, sie hat auf einem sehr wackeligen Fundament gestanden, gebaut auf sehr viel Hoffnung und noch mehr Verzweiflung. Nun ist sie fort. Das kleine Wesen ist noch da, es will leben. Ich will, dass es lebt. Fort sind auch die unbändige Freude, das kaum auszuhaltende Glücksgefühl und die bunten Gedanken an eine Zukunft zu dritt. Sie haben in mir geschlummert, darauf gewartet, dass Du mir eine Antwort gibst, die sie ausbrechen lassen würde. Doch ich muss sie herunterschlucken, einmal, zweimal, dreimal, und dann sind sie verschwunden, haben ein hässliches Loch hinterlassen, eine klaffende Wunde, ein Gefühl wie ein fetter Knoten, im Hals, im Bauch und in der Brust. Ich muss mich abwenden, damit Du nicht sehen kannst, was Deine Antwort und das hässliche Loch mit mir machen.

Ich gehe früh ins Bett und stelle mich schlafend, als Du Dich irgendwann neben mich legst in das Dunkel. Ich bin wie betäubt. Wie durch einen diffusen Nebel kommt mir der Gedanke, dass ich mich nie wieder zum Einschlafen in Deinen Arm kuscheln werde. Der Gedanke tut weh, doch der Nebel schützt mich davor, Dich näher an mich heranzulassen. Du willst auch das kleine Wesen nicht in Deinem Arm halten, obwohl es Dich doch brauchen wird, noch mehr als ich. Mein zermatschtes Herz krampft sich zusammen. Und wieder kommt der Nebel. Zu der Enttäuschung mischt sich Wut darüber, dass Du mir die Freude an diesem Wunder genommen hast, das unser Glück für mich vollkommen gemacht hätte. Das Gefühl der Ohnmacht schnürt mir die Luft ab. Ein paar kleine dumme Zellen in meinem Gehirn flüstern, morgen früh wird alles anders aussehen, nur nichts überstürzen, nicht dramatisieren. Irgendwie wird alles gut werden.

Doch die Nacht bleibt schlaflos für mich. Ich starre in das klebrige Schwarz der warmen Sommernacht und höre nichts als Dein leises Schnarchen neben mir. In mir toben Gedanken, Wünsche, wiederholen sich die Szenen und Gespräche der vergangenen Stunden, Tage und Monate. Die Bilder wechseln so schnell in meinem Kopf, tauchen auf und verschwinden, verdrängt vom nächsten kurzen Film, Vergangenheit jagt die Zukunft, als würden sie alles geben, alles versuchen, damit ich endlich verstehe. Und entscheide. Doch ich liege bewegungslos, starr im Dunkeln, als wäre ich nur ein unbeteiligter Zuschauer dieses wirren Kopfkinos, als hätten die Bilder und Worte nichts mit mir zu tun. Ich schließe die Augen und lege meine Hände aufs Gesicht, als wenn ich dadurch die Gedanken stoppen könnte, die Bilder nicht mehr sehen müsste. Meine Augen und meine Schläfen sind nass. Die Tränen kommen lautlos, laufen meinen Hals entlang und tropfen auf mein Kissen, wo sie bis zum Morgen eine feuchte Erinnerung an diese quälenden Stunden sein werden. Es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf.

Ein furchteinflößendes Geräusch, ein Laut wie von einem kämpfenden Tier lässt mich aus dem leichten Dämmerschlaf schrecken, in den das Gedankenkarussel mich getragen hat. Ich sitze senkrecht im Bett, einen Moment lang höre ich nur mein hämmerndes Herz, das in meinen Ohren dröhnt. Ich lausche ins Dunkel. Das kämpfende Tier gibt einen weiteren, dezenteren Schnarcher von sich, der in sanft röchelndes Atmen übergeht. Ich halte mir die linke Brust, in der das Hämmern noch nicht aufgehört hat. Du schläfst seelenruhig weiter, denke ich. Sogar im Schlaf quälst Du meine Gefühle. Das Klopfen unter meiner Hand wird langsam schwächer. Vielleicht ist es mittlerweile im Kopf angekommen, wo sich die ersten klaren Gedanken zu formulieren beginnen. Ich stehe auf.

Unter der Dusche spüle ich die salzigen Tränen und die Hitze der Nacht von meiner Haut. Mein Kopf kommt langsam wieder zu sich. Erst hat er noch versucht, mein Herz aufzusammeln und ihm Mut zuzusprechen. Erfolglos. Bis das hämmernde Herz ihn zwingt, die einzig mögliche Konsequenz auszuspucken. Es hat schon leise in mir geflüstert, als Du mir gesagt hast, dass eine Planänderung für Dich nicht in Frage käme. Unter keinen Umständen. „Das weißt Du doch, Maus.“ Jetzt wird das Flüstern lauter, es lenkt meine Gedanken. Einfach gehen, sagt es mir. Abstand. Zeit. Ruhe. Es wird alles gut werden. Irgendwie. Der warme Wasserstrahl vermischt sich mit ein paar frischen Tränen. Ich drehe den Hahn ab und steige endlich aus der Dusche. Draußen wird es langsam hell.  Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist, seit ich unser Bett verlassen habe. Du schnarchst bestimmt immer noch friedlich vor Dich hin, nicht ahnend, dass nichts mehr so sein wird wie vorher, wenn Du aufwachst. Ich wickele mich in ein Handtuch, wische den Wasserdampf vom Spiegel und zwinge mich, dem Blick meiner eigenen verquollenen Augen standzuhalten. Morgen wird alles anders aussehen. Nur leider nicht so, wie die kleinen dummen Zellen sich das vorgestellt haben. Ich lege eine Hand auf meinen Bauch und sehe mich im Spiegel vorsichtig lächeln. Das kleine Wesen, für das ich schon längst den Namen weiß, wird nicht mit Dir im Cabrio fahren oder nachts die Sterne am Himmel zählen. Es wird mein Leben auf den Kopf stellen. Für mich gibt es kein größeres Glück.

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