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Seepferdchen und Sonnenuntergang

22 Aug

Am nächsten Morgen sind wir um 3 Uhr hellwach. Es ist weder hell draußen noch hat der Starbucks gegenüber um diese Zeit bereits geöffnet, also dösen wir noch eine Weile vor uns hin, bis es Tag wird in LA. Mit dem ersten Caffè Latte schicken wir gegen 7 Uhr virtuelle Grüße nach Deutschland. Ich kann es mir nicht verkneifen, bei Facebook die Statusmeldung „Frühstück in LA!“ zu posten und mit Genugtuung ein paar neidische Kommentare zu ernten. Da ist der Jetlag fast vergessen.

Am Strand von Malibu herrscht gähnende Leere. Auf der Seebrücke haben sich ein paar Angler postiert, weiter hinten reiten Surfer elegant auf den Wellen. Wir laufen barfuß durch den Sand, lassen uns den Pazifik-Wind um die Nase wehen und genießen die milde Morgensonne auf der Haut. Von Baywatch-Babes gibt es hier keine Spur, stattdessen beobachten wir den Flug der Pelikane und Kinder in Neoprenanzügen bei ihrem Surfkurs. Beherzt stürzen sie sich in die Fluten und nehmen lässig die nächste Welle. Andere versuchen sich in diesem Alter gerade mal daran, im beheizten Chlorwasser des Hallenbads nicht unterzugehen. Ich denke kurz an meine Seepferdchen-Prüfung im Schwimmbad Ellerbek im Sommer 1987 zurück und stelle mir vor, ebenfalls ein Brett zu besteigen und vor den Augen des durchtrainierten Surflehrers eins zu werden mit der perfekten Welle. In Wirklichkeit würde ich mich wahrscheinlich mehr unter Wasser als auf dem Board aufhalten und nach einer halben Stunde gedemütigt und derangiert wieder an Land krabbeln. Es kann leider nicht jeder am Malibu Beach aufwachsen.

Der Weg zurück zum Auto führt uns vorbei an beeindruckenden Strandresidenzen mit den herrlichsten Terrassen und 180°-Meerblick. Irritierend ist nur, dass auf der Rückseite dieser schmucken Villen der 4- bis 6-spurige Pacific Coast Highway verläuft. Und zwar direkt vor dem Garagentor. Für mehr war zwischen Santa Monica Mountains und Pazifik kein Platz.

Mit der Mittagssonne erreichen wir den berühmten Santa Monica Pier. Im Gegensatz zu Malibu gibt es hier Touristen, Karussells und Souvenirs en masse. Die Silhouette des Riesenrads aus einigen hundert Metern Entfernung ist für mich die schönste Perspektive dieser Sehenswürdigkeit. Nächstes Ziel ist die Shoppingmeile 3rd street nördlich des Piers, wichtigster Anlaufpunkt: Abercrombie & Fitch. Auch wenn in Hamburg jeder Zweite mit dem Elch auf der Brust herumläuft und die Klamotten in wenigen Monaten an der Alster ebenfalls zu haben sein werden, tragen wir glücklich zwei gefüllte Tüten zum Auto, die markante Duftnote weht hinter uns her. Denn nichts ist weicher als ein Pulli von A & F.

Die Strecke nach Long Beach zieht sich länger als gedacht, doch unsere Geduld wird belohnt. Nicht unbedingt durch die Queen Mary 1, die hier als Hotelschiff vor Anker liegt und für 25 USD besichtigt werden kann. Wir betrachten sie kostenlos vom Yachthafen aus und werden sogleich magisch angezogen vom Yard House, auf dessen Terrasse bereits die Sundowner-Gemeinde versammelt ist. Zu dem einzigartigen Onion Ring Tower genießen wir Mango Mojito & The World’s Largest Selection of Draft Beer. Den Sonnenuntergang mit Hafenkulisse gibt es zum Hauptgericht gratis dazu.

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HAM – LAX

21 Aug

Sonntagmorgen, 5:30 Uhr, Hamburg Airport. Wir stehen seit einer Minute am Check-in von British Airways und ich fühle mich wie ein Reiselegastheniker. Miles and More-Status: Clueless Traveller. Dabei hatten wir uns vorher online über die Gepäckbestimmungen informiert. Unsere Unfähigkeit, Tabellen richtig zu lesen, kostet uns nun 45 Euro für die dritte Tasche, die wir zusätzlich zu den zwei kostenlos erlaubten aufgeben. Ich rege mich darüber nicht weiter auf, mein Wutzentrum ist noch nicht wach und so schnell lasse ich mir die Urlaubslaune nicht verderben. Als die Dame am Schalter uns in österreichischem Dialekt darüber informiert, dass wir eine der Taschen zum Sperrgepäckschalter bringen müssten, sie aufgrund irgendeines Systemfehlers die zweite Bordkarte nicht „ausprinten“ könne und wir uns diese deshalb bei der Zwischenlandung in London besorgen müssten, erreicht der Aggressionsregler bei dem Mann an meiner Seite allerdings den roten Bereich. Kaum sind wir außer Hörweite, unterstellt er ihr, sie hätte nicht gevögelt. Mangels Gegenargumenten lasse ich ihm diesen Machospruch durchgehen und hoffe, dass mit einem Frühstück im Mövenpick-Marché der angenehme Teil des Morgens beginnt.

Viele Stunden später liegt Grönland unter uns. Die Sonne scheint auf Eisberge, Gletscherzungen und Schneewüsten. Ich bin der Dame vom Londoner Flughafen sehr dankbar, die uns mit dem Kommentar „You two have got very bad seats!“ vom mittleren Block der Boeing 777 in die hinterste Reihe am Fenster umgebucht hat. Diese „twin seats“ hätten uns bei Vorabreservierung 25 Euro gekostet. Mein Traveller-Status scheint sich zu entwickeln. Ich betrachte die weiße Landschaft tief unter uns und denke daran, dass in Deutschland jetzt später Sonntagnachmittag ist. Die Zeit, zu der sich meist unerwünschte Gedanken an den kommenden Montagmorgen breit machen. In LA fängt der Tag gerade erst an. Wo wir wohl unseren ersten Abend verbringen werden, während Hamburg sich nach Überführung des Mörders vom „Tatort“ längst im Tiefschlaf befindet?

Das dritte Mitglied unserer Reisegruppe holen wir bei Alamo Rent A Car am Flughafen von Los Angeles ab. Man kann sich das Fahrzeug in der gebuchten Klasse selbst aussuchen. Vor uns im Parkhaus stehen etwa sechs verschiedene SUVs – die Schlüssel stecken. Wir öffnen Kofferraumklappen, sitzen Probe und erwägen das Für und Wider der einzelnen Kandidaten. Immerhin wird diese Entscheidung den Verlauf der kommenden drei Wochen dramatisch mitgestalten! Uns überzeugt schließlich der Hyundai Santa Fe in den Kategorien Stauraum und Komfort. Genauso aufgeregt wie fix und fertig rollen wir mit unserem neuen Gefährt vom Hof. Wir sind seit über 20 Stunden wach und haben kein Navigationsgerät an Bord, finden unsere Unterkunft am Ventura Boulevard in Studio City aber ohne nennenswerte Umwege. Noch nie zuvor bin ich in so kurzer Zeit an so vielen Starbucks-Filialen vorbeigefahren, schon gar nicht habe ich dabei magersüchtige Palmen am Straßenrand gesehen. Die kalifornischen Petticoat-Palmen Washingtonia robusta sind um die 20 m hoch und haben eine im Vergleich zur Höhe ihres schlanken Stammes winzige Krone. Sie sind nicht unbedingt schön, aber jedes einzelne Exemplar ruft meinem Jetlag-gebeutelten Hirn aus luftiger Höhe zu: Ihr seid in LA!! So ganz dringt diese Botschaft noch nicht zu ihm durch.

Im Hotelzimmer zerren wir als erstes kurze Hosen und Flip Flops aus dem Koffer, die nach dem traurigen Schattendasein während des Hamburger „Sommers“ schon sehnsüchtig auf ihren Einsatz warten. So leicht bekleidet, müssen wir nach einem Abstecher zum Supermarkt und leckeren Burgern von Vitello’s Express feststellen, dass sich die Müdigkeit vom strahlenden Sonnenschein nicht an der Nase herumführen lässt. Gegen 19 Uhr Ortszeit ziehen wir in der Sportsmen’s Lodge die dicken Vorhänge zu und fallen in unsere Queen Beds mit dem schönen Gefühl, dass morgen auch noch ein Tag ist.

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