Tag Archives: Las Vegas

Shopping, Kraken und Harry Potter

29 Aug

Gegen 10 Uhr verlassen wir unser Bett mit der angenehmen Gewissheit, in den Morgenstunden sicher nichts verpasst zu haben. In Vegas gibt es für frühe Vögel keine Würmer zu fangen. Unsere Beute suchen wir lieber in der „Premium Outlets“-Mall südlich des Strips. Einer der wenigen amerikanischen Konsumtempel, der über keine Starbucks-Filiale verfügt. Nach einem verwirrten ersten Rundgang stabilisieren wir unseren Blutzuckerspiegel bei Dunkin‘ Donuts, bevor wir richtig loslegen. Bei Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Nike, Puma, Levi’s, Windsor und adidas beladen wir uns mit den ersten Tüten. Im Converse-Store erstehe ich pinkfarbene Chucks für meine zweijährige Nichte und grübele den Rest des Tages darüber nach, ob ich die richtige Größe gekauft habe. Welche Schuhgröße haben Kinder überhaupt in dem Alter, fallen Chucks normal aus und wie ist das mit den amerikanischen Größen…? Ich bin überfordert und brauche dringend den nächsten WLAN-Hotspot.

Wir wagen uns todesmutig in der Mittagshitze nach draußen und finden dort einen Fossil-Shop mit großartigen Sonderangeboten. Zwei kurze Hosen und zwei T-Shirts für gerade mal 40 Dollar, da kann selbst H&M nicht mehr mithalten. Der erste Kaufrausch ist vorbei, wir deponieren Tüten und Auto im Hotel und nehmen nach einem kurzen Besuch der quietschbunten m&m’s world die nächsten Casinos in Angriff. Im MGM Grand spielt ein Tierpfleger im Glasgehege der Lobby mit einem Löwen. Mit solchen Kinkerlitzchen hat das nur eine Tramstation entfernte Mandalay Bay nichts am Hut, hier wird gegen ein Eintrittsentgelt von 18 Dollar gleich ein vollwertiges „Shark Reef“-Aquarium geboten. Ich bin kein großer Fan von eingesperrten Tieren, doch Tom ist vom Besuch dieser Unterwasserwelt nicht abzubringen. Die Meereslandschaft wurde aufwendig und außergewöhnlich inszeniert, aber die Komodo Dragons liegen träge in einer Ecke, die Haie schwimmen stur ihre Runden und könnten ebensogut einen Sträflings-Neoprenanzug und Flossenfesseln tragen. Jungs, ihr seid hier mitten in der Wüste gefangen und habt keine Ahnung, wieso! Hat denn keiner von euch „Findet Nemo“ gesehen? Vor dem Octopus Exhibit hätte ich am liebsten einen Harry-Potter-Moment und würde die dicken Touristen gern hinter die Glasscheibe verfrachten, an der das faszinierende Tier in voller Größe gerade klebt. Die Menschen stehen direkt davor, aber anstatt den Kraken einfach nur anzuschauen, blitzen sie mit ihren DigiCams und iPhones wild darauf los. Wer braucht diese Fotos? Im Shark Tunnel genau dasselbe. „Mom, have you got that?“ fragt ein kleines Kind aufgeregt. Vielleicht glaubt es nur das, was es auf einem Bildschirm gesehen hat. Ich habe keine Ahnung, ob die Haie das Blitzen durch das Wasser und das Glas überhaupt wahrnehmen, aber ich wünsche mir, dass einer ihrer Brüder oder Schwestern den Kamerabesitzern irgendwann einmal in freier Wildbahn begegnet, ihr elektronisches Spielzeug frisst und ihnen ein klein wenig Respekt einflößt. Nichts wie raus hier.

Vorbei an unzähligen gelangweilt wirkenden Spielsüchtigen an den Automaten bummeln wir weiter durch das pyramidenförmige Luxor, das türmchenverzierte Excalibur und zum Schluss durch die beeindruckende Lobby des New York New York, dessen Häuserfassaden mir große Lust auf einen Besuch im echten Big Apple machen. Über die Brooklyn Bridge erreichen wir das Hard Rock Café und beschließen den Abend mit California Burger und Caesar Salad. Es gibt noch wahnsinnig viel zu sehen, wir wollten in den Playboy Club und Tom hätte auch nichts gegen eine schlüpfrige Show für Erwachsene einzuwenden, aber als wir auf dem Bett die Beine hochlegen, steht unser privates Nachtprogramm fest. Liegen. Nichtstun. Augen zu.

 

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Route 66 to Vegas

28 Aug

Um 06.05 Uhr geht die Sonne auf. Heute lassen wir uns dieses Spektakel nicht entgehen. Wenn auch weniger dramatisch und farbenfroh als der Sonnenuntergang am Desert View Point, ist es doch immer etwas Besonderes, den Anbruch eines neuen Tages still zu beobachten. Wir sind sozusagen direkt aus dem Bett an den Rim gekrabbelt und hocken im kuscheligen Kapuzenpulli auf der Steinmauer über dem Canyon. Das Licht ist weich und hüllt den Abgrund in einen leichten Dunstschleier, als wäre auch die Landschaft noch nicht richtig wach. Die ersten Sonnenstrahlen schaffen es über die Felsen. Hinter uns quietscht eine Cabin-Tür, ein nur nachlässig verhüllter Bauch schiebt sich hervor und zieht die Blicke der anwesenden Frühaufsteher auf sich. Der Bauch dachte wohl, er wäre hier allein mit seiner Zigarette und seiner Coke, doch weit gefehlt. „I just woke up“, murmelt er verwirrt und verzieht sich wieder, die aufgehende Sonne gänzlich ignorierend. Wir schießen das fünfhundertste Canyonfoto und machen uns dann ans Zusammenpacken. Draußen vor unserem Fenster, nur wenige Schritte entfernt, äst ein Reh mit seinem Kitz am Wegesrand.

Kurz bevor wir die Parkausfahrt passieren, laufen vor uns zwei Elche über die Straße. Das Abschiedskommando? Nächstes Ziel ist Las Vegas. Da wir so ungewöhnlich früh unterwegs sind, nehmen wir einen kleinen Umweg über die legendäre Route 66. Ich schaue Tom von der Seite an und kann fast die Denkblase über ihm erkennen, darin schwebt ein Bild von ihm mit 10-Tage-Bart und Lederhose, breitbeinig eine schwere, laute und sehr, sehr männliche Harley reitend. Ich pikse nicht in die Blase und halte einfach mal kurz die Klappe. Auch ich spüre das Gefühl von Freiheit, das in der Luft liegt. Im Örtchen Seligman, das sich selbst als „Geburtsstätte der historischen Route 66“ tituliert, geht es weniger um Freiheit als um Kommerz, doch die liebevoll schräg inszenierte Kulisse schreit danach, von uns fotografiert zu werden.

Vor einem der Geschäfte sitzen zwei ältere Männer auf einer Bank und beobachten das Geschehen. In diesem Fall also uns. „Where are you guys from?“ möchten sie wissen. Diese Frage wird einem als Tourist ähnlich oft gestellt wie „Hey, how are you doin‘ today?“ So freundlich, die Amerikaner. Wir antworten artig: „Hamburg, Germany.“ Die beiden freuen sich. „Germany! I love Wiesbaden and Hefeweizen!“ strahlt der eine. Falsche Stadt, falsches Bier. Winken, lächeln, weitergehen. Eine Bikergang donnert an uns vorbei und parkt die Maschinen vor dem Roadkill Café. Noch eine kleine Schießerei und die Filmszene wäre im Kasten.

Die Hitze lässt uns hier schon spüren, dass wir uns wieder der Wüste nähern. Am Hoover Dam einige Stunden später beschränken wir uns auf einen ca. zweiminütigen Fotostopp, denn es ist genau 13 Uhr und die Mittagssonne brennt unerbittlich. Las Vegas ist nur noch wenige Meilen entfernt. Vom Great Basin Highway aus können wir am Horizont schon die Skyline erkennen. Als wir von der Tropicana Avenue auf den Las Vegas Boulevard abbiegen, fühle ich mich, als wäre ich soeben das erste Mal aus einem kleinen ostdeutschen Dorf in die Großstadt versetzt worden. Unschuld vom Lande erleidet Zivilisationsschock. Es gibt in Hamburg den Kiez, die Schanze und den Hafen, meine Heimatstadt ist auch nicht unbedingt etwas für zartbesaitete Gemüter – aber das hier ist VEGAS.

Links sehe ich die bunten Türmchen des Excalibur, rechts die Achterbahn und die Freiheitsstatue des New York New York. Neben uns thront der goldene Löwe des MGM Grand. Wir biegen nach rechts auf den sechsspurigen, palmengesäumten Boulevard ab. Es ist alles so wahnsinnig groß, bunt und voll. Für einen Moment bin ich nicht weit davon entfernt, mich wie der Elch im Scheinwerferlicht im Grand Canyon Village zu fühlen.

Wir checken in den Polo Towers ein und starten zu einem Bummel über den Strip. Ohne eine Flasche Wasser in der Hand sollte man sich hier besser nicht nach draußen begeben. Die Sonne brennt, die Hitze lähmt. Wir steuern das nächstbeste klimatisierte Gebäude an.  The Cosmopolitan, Bellagio, Caesars Palace, Paris, Planet Hollywood. Fünf Casinos in zwei Stunden. Shopping Malls, Designer Stores, plätschernde Brunnen unter künstlichem Himmel, unzählige Spielautomaten, Restaurants, Coffee Shops, Souvenirstände. Einen kleinen Snack zu finden, gestaltet sich allerdings relativ schwierig. Beim Earl of Sandwich gönnen wir uns schließlich eine dringend nötige Stärkung und finden: dieser Graf macht 1a Stullen.

Es ist höchste Zeit für eine Dusche und das Abendstyling, denn um 18.15 Uhr treffen wir Tina und Nick im Wynn SW Steakhouse. Die beiden sind zeitgleich mit uns auf Rundreise und haben heute im Treasure Island eingecheckt. Tom und ich treffen leicht verspätet ein, da wir uns für den City Bus entschieden hatten, der zwar klimatisiert, auf Grund des zähen Verkehrs aber leider nicht schneller als die Fußgänger war. Wir nehmen auf der Terrasse am Wasserfall Platz und wundern uns, dass es hier draußen so angenehm kühl ist, bis uns klar wird, dass der Außenbereich durch die geöffnete Fensterfront in den Wirkungsbereich der Klimaanlage integriert wurde. Und in Deutschland diskutieren wir über Heizpilze…

Die untergehende Sonne spiegelt sich im Wasserfall, während wir auf unser Porterhouse Steak warten. Das Fleisch ist ebenso wie die Beilagen parmesan creamed spinach, french fries und beans & bacon große Klasse, der neuseeländische Weißwein passt hervorragend. Für ein Dessert haben wir trotz der Überredungskünste unseres Kellners leider keinen Platz mehr. Unsere Rechnung beträgt auch ohne Nachspeise mit Trinkgeld stattliche 400 Dollar. Darin inkludiert ist allerdings auch die leicht skurril anmutende Gesangsdarbietung eines überdimensionierten Frosches, der um 20 Uhr seinen glubschäugigen Kopf über dem bunt angeleuchteten Wasserfall präsentierte und zu Armstrongs „Wonderful World“ halbwegs rhythmisch sein Maul auf und zu klappte. Ein drastischer Kontrast zu dem stilvoll-edlen Restaurant, für Las Vegas aber wiederum recht harmlos und unspektakulär.

Vor dem Treasure Island bekommen wir noch das Finale der allabendlichen Liveshow „Sirens of TI“ mit, bevor wir unsere Plätze im Saal einnehmen und uns vom Cirque du Soleil mit  „Mystère“ verzaubern lassen. Die Akrobatik ist halsbrecherisch und wunderschön anzuschauen. Eigentlich haben wir damit heute schon mehr gesehen, als wir überhaupt verarbeiten können, kaum vorstellbar, dass wir heute morgen, vor mehr als 17 Stunden, den Sonnenuntergang über dem Canyon bewundert haben. Aber die Nacht ist noch jung und die Stadt eine einzige Aufforderung, erst dann ins Bett zu gehen, wenn auch der letzte Penny ausgegeben ist. Wir fahren mit der Tram weiter ins Mirage und Tom versucht sein Glück am Spielautomaten. Er schließt mit einem Plus von 17 Dollar, auf diesen Erfolg nehmen wir einen letzten Drink an der Bar. Zu Fuß wandern wir durch die Hitze der Nacht zurück zu unserem Hotelturm. Uns begegnen scharenweise aufgedonnerte Mädels auf sehr hohen Absätzen und in sehr knappen Kleidchen, zum Teil mit Federboas und Tiaras – Junggesellinnen-Abschiede haben Hauptsaison. Mit ausreichend Promille im Blut lassen sich die Highheels vielleicht auch bei 40° C und geschwollenen Füßen noch ertragen, ich bin jedenfalls froh, dass ich meine 10 cm im Hotel gelassen und die Römersandalen angezogen habe. Der Fußweg ist auch so schon anstrengend genug, der Begriff Mitternachtssauna bekommt eine ganz neue Bedeutung. Wir klappen unser Bett aus dem Schrank, schließen die schweren Vorhänge und drehen die Klimaanlage auf. Meinen letzten Gedanken vor dem Einschlafen widme ich dem Sternenhimmel über dem Grand Canyon.

 

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