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Vapiano – und was ist mit presto, pronto, prego?

13 Jul

Die Bezeichnung „Stammkneipe“ passt nicht wirklich zum Vapiano in der Rothenbaumchaussee, aber da wir hier schon den einen oder anderen netten Mädelsabend verbracht haben, benutzen wir diese Bezeichnung als eine Art Kosename. Heute ist es wieder so weit, wir haben immerhin zwei Geburtstage nachzufeiern – und was (oder wer?) würde sich dazu besser eignen als Hugo! Kurze Erklärung: Aperol Spritz ist out, man trinkt jetzt nicht nur in Südtirol und München, sondern auch in Hamburg Prosecco mit Limetten, Holunderblüten-sirup und Minze, kurz: Hugo. So weit der Plan. Als wir vier vollzählig sind und gerade einen Plan ausarbeiten, wer zur Bar geht, wer zur Pastatheke und wer währenddessen unseren Tisch bewacht, taucht ein rot beschürzter Jüngling mit elektronischem Notizblock auf und fragt nach unseren Getränkewünschen. Das ist eine feine Sache im Vapiano, eigentlich ist das Konzept ja konsequente Selbst-bedienung, doch hin und wieder gibt es on top zu frisch zubereiteter Pasta & Pizza auch freundlichen Service am Platz. Bisher hat das immer ganz gut geklappt. Doch der hübsche Jüngling – nennen wir ihn Moses – reagiert auf meine Bestelllung „Wir hätten gerne vier Hugos und eine Flasche stilles Wasser“ anders als erwartet. Seine Verständnisschwierigkeiten sind nicht, wie zunächst angekommen, akustischen Ursprungs. Der gute Moses hat von Hugo noch nie etwas gehört, dabei gibt es den hier schon seit Monaten. „Ich mache das heute zum ersten Mal“, erklärt er uns. Nun gut, darauf nehmen wir ja gern Rücksicht, aber sollte man nicht davon ausgehen können, dass zumindest eine kurze Einarbeitung erfolgt, bevor neue Mitarbeiter auf die Kundschaft losgelassen werden? Dazu sollte eine Erklärung des Speisen- und Getränkeangebots gehören, so dass die Servicekraft anschließend besser informiert ist als der Gast. Oder zumindest genauso gut. Moses ist sich aber nicht einmal sicher, ob er das richtige Wasser in seinem Gerät gefunden hat. „Ist das Acqua Panna, für 2 Euro 25?“ fragt er uns. Hugo findet er nicht, auch nicht, nachdem wir ihm genau erklärt haben, worum es sich dabei handelt. Er verspricht, gleich wieder-zukommen, und verlässt fluchtartig unseren Tisch. „Wir hätten zur Bar gehen sollen“, stelle ich überflüssigerweise fest. Es dauert eine Weile, bis Moses wiederkommt und uns stolz die Position „Hugo“ in seinem Display zeigt, die er mit Hilfe seiner Kollegen doch noch entdeckt hat. Als er die Bestellung schließlich eingegeben hat, fällt ihm auf, dass er alles auf seine eigene Karte gebucht hat. „Das ist aber nett von dir“, scherze ich. Moses findet das nicht lustig. Er schnappt sich Bines Karte, die sie ihm sprachlos hinhält, und verschwindet erneut. Joan und Maja brechen schon mal zur Pastatheke auf, während Bine nervös auf die Rückkehr ihrer Karte wartet. Natürlich bringt Moses sie artig wieder zurück, außerdem bekommen wir unser stilles Wasser – allerdings mit Kohlensäure. Was soll’s. Den Hugo gibt es dafür ohne Minze, denn die ist heute Abend leider aus. Wir sind kaum noch überrascht. Moses scheint jedoch Angst zu haben, dass uns dieser Umstand zu einem tätlichen Angriff verleiten könnte, denn er lässt gleich das komplette Tablett auf unserem Tisch stehen und ist wieder verschwunden. Auch eine Form der Selbstbedienung.

Die Eiswürfel in den Gläsern haben sich weitgehend aufgelöst, als Joan und Maja mit der Pasta zurückkehren. Es hat ein bisschen länger gedauert, irgendwie gab es wohl keinen Lachs mehr für die Pasta Salmone del Sole – vielleicht lag es an Majas entgeistertem Gesichtsausdruck ob dieser Aussage des Vapianisto, der keinerlei Alternativvorschlag folgte, dass er doch noch zwei Portionen Räucher-fisch hinter seiner Theke aufgetrieben hat. Endlich kann der Abend beginnen. Egal ob piano, presto oder pronto, jetzt ist Zeit für ein „Prost!“ Die nächste Runde bestellen wir sicherheitshalber an der Bar.

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Kinoerlebnis: Die 4. Dimension

5 Jul

Es gibt Tage, an denen ich lieber im letzten Jahrhundert leben würde. Zum Beispiel am Kinotag. Ich liebe die kleinen, altmodischen Kinos, die älter sind als ich, übersichtlich und auf deren Internetseiten nirgendwo das Präfix „multi“ vorkommt. Ich mag ihre Foyers, in denen es oft eine Bar gibt, an der man Getränke in echten Gläsern bekommt, die man vor dem Film in einem gemütlichen Sessel schlürfen kann. Ich mag das Gefühl, mich in einem Theater zu befinden und nicht in einem futuristischen Neubau, dessen Name auf -plex oder -maxx endet. Mit dieser irgendwie eleganten Atmosphäre beginnt für mich das wahre Kinoerlebnis. Für den Mann meines Herzens beginnt es mit Block-bustern auf möglichst großer Leinwand. Daher befinden wir uns heute im Cinemaxx Dammtor. In Saal 6 läuft um 21.00 Uhr „Hangover 2“. Die Karten sind mit 7 Euro pro Stück heute ein echtes Schnäppchen, die Schlangen vor Toiletten und Snackständen halten sich in erträglichen Grenzen. Das Popcorn ist allerdings pappig wie immer. Der Kunde ist ja auch selber schuld, wenn er 4 Euro für eine mittlere Portion gesüßtes Füllmaterial ausgibt, dieses dann emotionslos in sich hinein stopft und dabei abwechselnd denkt: „Wie viele Kalorien sind das jetzt eigentlich?“ und sich fragt, welchen Zuschauer er mit dem nächsten ungenießbaren Stück Futtermais bewerfen könnte.

Reihe D ist schon recht gut besetzt, als wir unsere Plätze einnehmen, und wir müssen einen etwas fülligen Herrn von meinem Sitz 9 verscheuchen. Er rutscht sogleich einen Platz nach links, vergisst aber leider, seine hier gesetzte Duft-marke mitzunehmen. Die Klimaanlage bläst viel kalte Luft von oben und ich hoffe, dass dieser olfaktorische Zustand vorübergehender Natur ist. Ich kann unmöglich zweimal hintereinander so viel Pech haben – die Erinnerung an gefühlte vier Stunden „Pirates of the Carribean – Fremde Gezeiten – Maxximum 3D“ mit kostenloser vierter Geruchsdimension Marke Käsefuß vor einigen Wochen ist noch sehr lebendig. Nach diesem Erlebnis hatte ich beschlossen, erstens dieses Etablissement künftig zu meiden und zweitens nie wieder aus falschem Schamgefühl darauf zu verzichten, derart müffelnde Mitbürger auf die an Körperverletzung grenzende Belästigung hinzuweisen, die sie ihrer Umwelt durch ihre Ausdünstungen gedankenlos zumuten. Im Fall Käsefuß hätte ein einfaches: „Kannst du bitte deine Schuhe wieder anziehen?“ zu der insgesamt konsequent ungepflegt wirkenden Punkbraut hinter mir gereicht, die im Schneidersitz in ihrem Kinosessel saß und ihre ausgelatschten Chucks, die wahrscheinlich noch aus der ersten Glanzzeit dieser Treter stammten, irgendwo hinter meinem Sitz geparkt hatte. Abgesehen davon, dass es mir absurd erschien, diesen Satz in einem Kinosaal auszusprechen, hatte ich gegenüber der Punkbraut und ihren Begleiterinnen ein ungutes Gefühl. Im Worst-Case-Szenario malte ich mir aus, wie mich zwei der Mädels nach dieser Aufforderung festhielten und die dritte mir einen von den Chucks des Grauens direkt unter die Nase hielt. Schon beim Gedanken daran wurde ich ohnmächtig. Der Gestank blieb von den Umsitzenden nicht unbemerkt, zumindest mit meinem Sitz-nachbarn hatte ich mich darüber kurz ausgetauscht, als ich ein rettendes Parfumpröbchen in meiner Handtasche gefunden und den Inhalt hektisch um mich herum versprüht hatte. Die Wirkung hielt nur kurz an. Niemand unternahm etwas. Während des Films kam der Gestank in regelmäßigen Wellen von hinten herangerollt und setzte sich hartnäckig in den Atemwegen fest. Ich atmete verzweifelt in meine Popcorntüte.

Allen guten Vorsätzen zum Trotz sitze ich nun wieder hier und atme möglichst nah an der Schulter des Mannes meines Herzens rechts neben mir ein, um der intensiven Woge orientalischen Männerschweißes von links irgendwie auszuweichen. Vergeblich. Doch ich kann ihn ja auch schlecht auffordern, sich einen luftundurchlässigen Umhang überzuwerfen oder den Saal zu verlassen – da die Klimaanlage wie immer mit Beginn des Films ihre Tätigkeit eingestellt hat, würde sein aromatischer Körpergeruch sowieso erst frühestens eine halbe Stunde nach ihm seinen Platz verlassen. Ich versuche, mich auf den Film zu konzentrieren und die Sache positiv zu sehen. Als Phil (das ist der Hübsche von den Jungs) in Bangkok auf dem verranzten Apartmentboden wieder zu sich kommt, sich durch sein verschwitztes Haar fährt und nach und nach seine Freunde aufsammelt, passt die Duftnote neben mir ziemlich gut ins Bild. Fast habe ich das Gefühl, der Film würde sich anstrengen, mit dem größtmöglichen Maß an Ekelerregung eine derartige Lappalie wie den Schweißgeruch hochgradig lächerlich wirken zu lassen. Es lenkt mich tatsächlich kurzzeitig von meiner misslichen Lage ab, als der Penis von Mr. Chow auf ungewöhnliche Art und Weise in Szene gesetzt wird und Stu einige Verwicklungen und Zufälle später erfährt, welche seiner Körperöffnungen in der vergangenen Nacht entjungfert wurde – und wovon.

Das Wolfsrudel von „Hangover 2“ hätte wirklich kaum in eines der hübschen kleinen Programmkinos gepasst. Insgesamt war es kein schlechter Abend – es ist ebenso erstaunlich wie unterhaltsam zu beobachten, wie ein Mann in den besten Jahren bei einem derartigen Film aufgeregt ist wie ein 12-jähriger und sich vor bewundernder Begeisterung in den besten Szenen beinahe bepinkelt. Weibliches Gekreische beim Trailer von „Sex and the City 2“ ist nichts dagegen. Zum Glück lief eben dieser Streifen auch im Streits Filmtheater am Jungfernstieg – in der Originalversion und in einem fast leeren, gut gelüfteten Kinosaal. Anschließend nahmen wir noch einen Drink an der Bar im Foyer. Was für ein Abend!

Endstation Barmbek

9 Feb

Der Bahnhof ist eine Baustelle. Vielleicht wird er irgendwann, wenn er fertig ist, einmal schön anzusehen sein – momentan ist er ein trauriger Ort, den man so schnell wie möglich mit der nächsten Bahn in Richtung Eppendorf oder Innenstadt verlassen möchte. Ich steige hier aus der U3 aus und gehe, unter einem Gerüst hindurch und über den noch ungepflasterten Gehweg, hinaus in Richtung Poppenhusenstraße. Lasse Globetrotter links liegen – den Tempel aller Outdoor-Fans, der in der Shoppingwüste Barmbek so deplatziert wirkt wie ein Baumarkt am Nordseestrand. Kurz dahinter liegt das Museum der Arbeit, auf dem großen Platz am Osterbekkanal ist der Bohrkopf T.R.U.D.E. ausgestellt. Ein Relikt aus einer früheren Zeit, das mit seinem stählernen Körper diesem kopfsteingepflasterten Platz keinerlei Leben einhauchen kann, sondern wirkt wie ein Gedenkstein der Ödnis.

Wer den Platz überquert hat, den erwartet der Wanderweg am Osterbekkanal. Ein schmaler Grünstreifen, ein paar Treppenstufen zum leise fließenden Wasser, die im Sommer gern von Kajak- und Kanufahrern genutzt werden, die hier ihre Tour in Richtung Stadtpark, Außenalster oder Eppendorf starten. In östlicher Richtung endet der Kanal nach etwa einem Kilometer in einer Sackgasse. Endstation Barmbek.

Verlässt man den Bahnhof durch den Nordausgang und hat den stets von vielerlei fragwürdigen Gestalten bevölkerten Vorplatz mit den Bushaltestellen hinter sich gelassen, gelangt man zur Fuhlsbütteler Straße, der „Einkaufsmeile“ des Viertels, von den Barmbekern – sollte man liebevoll sagen? – „Fuhle“ genannt. Als erstes fällt das leerstehende Hertie-Gebäude ins Auge, die Fensterscheiben dekoriert mit abblätternden Plakaten, hinter denen im ehemaligen Verkaufsraum die verwaisten Ladenmöbel wie Skelette schon seit Monaten auf ihr ungewisses Schicksal warten.

Schnell wendet man sich ab und gelangt auf der anderen Straßenseite zu den Geschäften, die dem leblosen Kaufhausgebäude zumindest eines voraus haben: sie sind geöffnet. Heißhungrige werden hier schnell fündig und auch wer Drogeriewaren oder lederfreies Schuhwerk benötigt, muss nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Doch viel mehr als ein paar Blümchen oder ein Pfund Kaffee sollte nicht auf der Einkaufsliste stehen. Die Görtz-Filiale an der Kreuzung Hellbrookstraße, die bis vor kurzem wie ein kleiner Gruß aus der City wirkte, hat aufgegeben. Vereinzelte Schmuckstücke wie das kleine Geschäft „Was das Herz begehrt“ oder der urige Fischladen können es leider nicht ändern, dass die Fuhle ihren Besucher in einen leicht depressiven Zustand versetzt und starke Fluchtimpulse in ihm auslöst. Die alteingesessen, überzeugten Barmbeker mögen mir verzeihen.

Ich kann nichts dafür. Jahrelang lag von 9 bis 18 Uhr der Kernbereich der Hamburger Innenstadt vor meiner Bürotür. Mönckebergstraße, Jungfernstieg, Neuer Wall, Große Bleichen. H&M, ZARA, Mango, Esprit. Bagel Brothers, Balzac und Starbucks Coffee, Vapiano. Alsterschiffe, Weinfest, Weihnachtsmarkt, Fleetinsel. Sie alle sind schuld, dass ich mich niemals mit Barmbek werde anfreunden können. Der Stadtteil hat diesen Aufzählungen nichts entgegenzusetzen, er will es auch nicht. Kein einziger coffee shop hat sich hierher verirrt, kein Geschäft, in dem man mehr als 20 Euro ausgeben möchte.

Ich habe versucht, das Positive daran zu sehen – Barmbek verführt nicht zum sinnlosen Konsum, niemand muss einen Kaufrausch und seine Auswirkungen auf die nächste Kreditkartenabrechnung und den häuslichen Frieden fürchten. Die selbst geschmierte Stulle scheint immer häufiger die beste Alternative für die Mittagspause zu sein. Das Konto atmet auf. Doch die Sehnsucht bleibt. Die Sonne kann noch so schön glitzern auf dem Wasser des Osterbekkanals, während Schulkinder auf dem Bohrkopf T.R.U.D.E. herumklettern und das gleichnamige Restaurant seine Sommerterrasse geöffnet hat. Barmbek, unsere Tage sind gezählt.

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