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Route 66 to Vegas

28 Aug

Um 06.05 Uhr geht die Sonne auf. Heute lassen wir uns dieses Spektakel nicht entgehen. Wenn auch weniger dramatisch und farbenfroh als der Sonnenuntergang am Desert View Point, ist es doch immer etwas Besonderes, den Anbruch eines neuen Tages still zu beobachten. Wir sind sozusagen direkt aus dem Bett an den Rim gekrabbelt und hocken im kuscheligen Kapuzenpulli auf der Steinmauer über dem Canyon. Das Licht ist weich und hüllt den Abgrund in einen leichten Dunstschleier, als wäre auch die Landschaft noch nicht richtig wach. Die ersten Sonnenstrahlen schaffen es über die Felsen. Hinter uns quietscht eine Cabin-Tür, ein nur nachlässig verhüllter Bauch schiebt sich hervor und zieht die Blicke der anwesenden Frühaufsteher auf sich. Der Bauch dachte wohl, er wäre hier allein mit seiner Zigarette und seiner Coke, doch weit gefehlt. „I just woke up“, murmelt er verwirrt und verzieht sich wieder, die aufgehende Sonne gänzlich ignorierend. Wir schießen das fünfhundertste Canyonfoto und machen uns dann ans Zusammenpacken. Draußen vor unserem Fenster, nur wenige Schritte entfernt, äst ein Reh mit seinem Kitz am Wegesrand.

Kurz bevor wir die Parkausfahrt passieren, laufen vor uns zwei Elche über die Straße. Das Abschiedskommando? Nächstes Ziel ist Las Vegas. Da wir so ungewöhnlich früh unterwegs sind, nehmen wir einen kleinen Umweg über die legendäre Route 66. Ich schaue Tom von der Seite an und kann fast die Denkblase über ihm erkennen, darin schwebt ein Bild von ihm mit 10-Tage-Bart und Lederhose, breitbeinig eine schwere, laute und sehr, sehr männliche Harley reitend. Ich pikse nicht in die Blase und halte einfach mal kurz die Klappe. Auch ich spüre das Gefühl von Freiheit, das in der Luft liegt. Im Örtchen Seligman, das sich selbst als „Geburtsstätte der historischen Route 66“ tituliert, geht es weniger um Freiheit als um Kommerz, doch die liebevoll schräg inszenierte Kulisse schreit danach, von uns fotografiert zu werden.

Vor einem der Geschäfte sitzen zwei ältere Männer auf einer Bank und beobachten das Geschehen. In diesem Fall also uns. „Where are you guys from?“ möchten sie wissen. Diese Frage wird einem als Tourist ähnlich oft gestellt wie „Hey, how are you doin‘ today?“ So freundlich, die Amerikaner. Wir antworten artig: „Hamburg, Germany.“ Die beiden freuen sich. „Germany! I love Wiesbaden and Hefeweizen!“ strahlt der eine. Falsche Stadt, falsches Bier. Winken, lächeln, weitergehen. Eine Bikergang donnert an uns vorbei und parkt die Maschinen vor dem Roadkill Café. Noch eine kleine Schießerei und die Filmszene wäre im Kasten.

Die Hitze lässt uns hier schon spüren, dass wir uns wieder der Wüste nähern. Am Hoover Dam einige Stunden später beschränken wir uns auf einen ca. zweiminütigen Fotostopp, denn es ist genau 13 Uhr und die Mittagssonne brennt unerbittlich. Las Vegas ist nur noch wenige Meilen entfernt. Vom Great Basin Highway aus können wir am Horizont schon die Skyline erkennen. Als wir von der Tropicana Avenue auf den Las Vegas Boulevard abbiegen, fühle ich mich, als wäre ich soeben das erste Mal aus einem kleinen ostdeutschen Dorf in die Großstadt versetzt worden. Unschuld vom Lande erleidet Zivilisationsschock. Es gibt in Hamburg den Kiez, die Schanze und den Hafen, meine Heimatstadt ist auch nicht unbedingt etwas für zartbesaitete Gemüter – aber das hier ist VEGAS.

Links sehe ich die bunten Türmchen des Excalibur, rechts die Achterbahn und die Freiheitsstatue des New York New York. Neben uns thront der goldene Löwe des MGM Grand. Wir biegen nach rechts auf den sechsspurigen, palmengesäumten Boulevard ab. Es ist alles so wahnsinnig groß, bunt und voll. Für einen Moment bin ich nicht weit davon entfernt, mich wie der Elch im Scheinwerferlicht im Grand Canyon Village zu fühlen.

Wir checken in den Polo Towers ein und starten zu einem Bummel über den Strip. Ohne eine Flasche Wasser in der Hand sollte man sich hier besser nicht nach draußen begeben. Die Sonne brennt, die Hitze lähmt. Wir steuern das nächstbeste klimatisierte Gebäude an.  The Cosmopolitan, Bellagio, Caesars Palace, Paris, Planet Hollywood. Fünf Casinos in zwei Stunden. Shopping Malls, Designer Stores, plätschernde Brunnen unter künstlichem Himmel, unzählige Spielautomaten, Restaurants, Coffee Shops, Souvenirstände. Einen kleinen Snack zu finden, gestaltet sich allerdings relativ schwierig. Beim Earl of Sandwich gönnen wir uns schließlich eine dringend nötige Stärkung und finden: dieser Graf macht 1a Stullen.

Es ist höchste Zeit für eine Dusche und das Abendstyling, denn um 18.15 Uhr treffen wir Tina und Nick im Wynn SW Steakhouse. Die beiden sind zeitgleich mit uns auf Rundreise und haben heute im Treasure Island eingecheckt. Tom und ich treffen leicht verspätet ein, da wir uns für den City Bus entschieden hatten, der zwar klimatisiert, auf Grund des zähen Verkehrs aber leider nicht schneller als die Fußgänger war. Wir nehmen auf der Terrasse am Wasserfall Platz und wundern uns, dass es hier draußen so angenehm kühl ist, bis uns klar wird, dass der Außenbereich durch die geöffnete Fensterfront in den Wirkungsbereich der Klimaanlage integriert wurde. Und in Deutschland diskutieren wir über Heizpilze…

Die untergehende Sonne spiegelt sich im Wasserfall, während wir auf unser Porterhouse Steak warten. Das Fleisch ist ebenso wie die Beilagen parmesan creamed spinach, french fries und beans & bacon große Klasse, der neuseeländische Weißwein passt hervorragend. Für ein Dessert haben wir trotz der Überredungskünste unseres Kellners leider keinen Platz mehr. Unsere Rechnung beträgt auch ohne Nachspeise mit Trinkgeld stattliche 400 Dollar. Darin inkludiert ist allerdings auch die leicht skurril anmutende Gesangsdarbietung eines überdimensionierten Frosches, der um 20 Uhr seinen glubschäugigen Kopf über dem bunt angeleuchteten Wasserfall präsentierte und zu Armstrongs „Wonderful World“ halbwegs rhythmisch sein Maul auf und zu klappte. Ein drastischer Kontrast zu dem stilvoll-edlen Restaurant, für Las Vegas aber wiederum recht harmlos und unspektakulär.

Vor dem Treasure Island bekommen wir noch das Finale der allabendlichen Liveshow „Sirens of TI“ mit, bevor wir unsere Plätze im Saal einnehmen und uns vom Cirque du Soleil mit  „Mystère“ verzaubern lassen. Die Akrobatik ist halsbrecherisch und wunderschön anzuschauen. Eigentlich haben wir damit heute schon mehr gesehen, als wir überhaupt verarbeiten können, kaum vorstellbar, dass wir heute morgen, vor mehr als 17 Stunden, den Sonnenuntergang über dem Canyon bewundert haben. Aber die Nacht ist noch jung und die Stadt eine einzige Aufforderung, erst dann ins Bett zu gehen, wenn auch der letzte Penny ausgegeben ist. Wir fahren mit der Tram weiter ins Mirage und Tom versucht sein Glück am Spielautomaten. Er schließt mit einem Plus von 17 Dollar, auf diesen Erfolg nehmen wir einen letzten Drink an der Bar. Zu Fuß wandern wir durch die Hitze der Nacht zurück zu unserem Hotelturm. Uns begegnen scharenweise aufgedonnerte Mädels auf sehr hohen Absätzen und in sehr knappen Kleidchen, zum Teil mit Federboas und Tiaras – Junggesellinnen-Abschiede haben Hauptsaison. Mit ausreichend Promille im Blut lassen sich die Highheels vielleicht auch bei 40° C und geschwollenen Füßen noch ertragen, ich bin jedenfalls froh, dass ich meine 10 cm im Hotel gelassen und die Römersandalen angezogen habe. Der Fußweg ist auch so schon anstrengend genug, der Begriff Mitternachtssauna bekommt eine ganz neue Bedeutung. Wir klappen unser Bett aus dem Schrank, schließen die schweren Vorhänge und drehen die Klimaanlage auf. Meinen letzten Gedanken vor dem Einschlafen widme ich dem Sternenhimmel über dem Grand Canyon.

 

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Fly like an Eagle, sniffed by an Elk

27 Aug

Die Sonne geht heute morgen ohne uns über dem Canyon auf. Etwa drei Stunden später verlassen wir unsere Cabin, ausgerüstet für unsere erste Wanderung (nein, damit meine ich keine passenden Partner-Anoraks). Zum Frühstück gibt es Kekse, denn nach den grottenschlechten Sandwiches im Arizona Room gestern Abend möchten wir hier keine weiteren kulinarischen Experimente wagen. Kaum haben wir die Packung geöffnet, bekommen wir Gesellschaft von zwei zutraulichen Squirrels.

Die Kollegen wollen unsere Kekse. Aber bei White Chocolate Macadamia hört sogar Toms Tierliebe auf, es fällt ihm ja schon schwer, die kostbaren Cookies mit mir zu teilen. Außerdem gäbe das sicherlich unschönen Squirrel-Durchfall.

Wir starten unsere Tour auf dem Rim Trail am Canyon entlang. Der Himmel ist blau, die Sonne strahlt und wir wandern von einem beeindruckenden Aussichtspunkt zum nächsten. Es stellt sich heraus, dass es nicht nur ein Spruch gewesen ist, als die Dame von der Rezeption gestern Abend zu uns sagte: „I checked in like a hundred Germans today.“ Wir können den uns entgegenkommenden Touristen gefahrlos ein freundliches „Moin!“ zurufen, denn sie verstehen es alle. Bis auf die Bayern vielleicht. 5,380 miles from home and still…

Die Sonne steigt höher und grinst meinem norddeutschen Blondschopf von oben herausfordernd zu. Ein Päuschen im Schatten ist jetzt angebracht. Wir finden ein schönes Plätzchen mit einer Aussicht, die es mindestens eine halbe Stunde zu betrachten lohnt.

Beim Blick in die Tiefe schlägt mein Herz etwas schneller. Tom nennt es „Eierkribbeln“. Ist ja fast das Gleiche.

Wir genießen das Panorama, beobachten die Adler beim Fliegen und sehen tief unten im Canyon, winzig klein, eine Gruppe Wanderer. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es dort unten schöner sein kann als hier.

Nach etwa vier Stunden kommen wir einigermaßen erschöpft wieder an unserer Cabin an und gönnen uns eine Siesta. Der Canyon wird schließlich noch da sein, wenn wir wieder aufwachen. Und für den Hubschrauberflug am späten Nachmittag möchte ich fit und ausgeruht sein.

Nach einem lohnenswerten Abstecher zum Grandview Point machen wir uns auf den Weg zu Papillon Helicopters. Ich schaue den startenden Hubschraubern nach und werde ein ganz klein bisschen hibbelig. Mein erster Heli-Flug. Ich bin aufgeregt.

Wir werden gewogen, müssen uns ein Sicherheits-Video anschauen und schon geht es nach draußen zu unserem Hubschrauber. Mit uns an Bord sind zwei Deutsche (war ja klar) und ein Pärchen aus Colorado. Ich bekomme Platz 4 zugewiesen – das ist natürlich nicht vorne neben dem Piloten mit 180°-Panoramablick und Fenstern im Fußraum. Nein, es waren wohl doch ein paar Cookies zu viel oder das Mädchen aus Colorado ist einfach zierlicher gebaut als ich, jedenfalls darf sie im Cockpit sitzen, während ich hinten in der Mitte Platz nehmen muss, zwischen Tom und einem müffelnden weißhaarigen Opa. Ich schmolle, bin aber trotzdem immer noch aufgeregt. Wir schnallen uns an, bekommen Kopfhörer auf und während der Pilot uns freundlich begrüßt, heben wir schon ab, ohne dass ich es merke. Es geht los.

Mit der „Zarathustra“ von Richard Strauß auf den Ohren fliegen wir auf den Grand Canyon zu. Es ist stickig, heiß und der Stinkeopa ist viel zu nah neben mir, aber als wir, musikalisch perfekt abgestimmt, über den Abgrund fliegen und sich der Canyon in voller Pracht unter uns ausbreitet, habe ich eine Gänsehaut. Von innen und von außen. Der Colorado River schimmert rötlich in der Abendsonne. Wir fliegen bis zum North Rim und wieder zurück, lauschen dabei der Entstehungsgeschichte des Canyons und genießen jede Sekunde den fantastischen Ausblick. Der Sprecher teilt uns mit, dass der Besuch des Canyons für manche eine spirituelle, ja religiöse Erfahrung sei. Ich habe nicht das Bedürfnis zu beten und höre auch keine Engel singen, aber definitiv ist das hier nicht einfach nur ein Flug über ein ausgetrocknetes Flußbett. Es ist eine innerliche Verbeugung vor einem großartigen Naturwunder, die das eigene Ego staunend und leicht benommen zurück lässt. Ein unbeschreibliches Gefühl.

Viel zu schnell ist die Runde vorbei und wir nehmen wieder Kurs auf den Flughafen. Langsam scheint ein Gewitter aufzuziehen. Wir erledigen ein paar Einkäufe im Supermarkt und fahren in Richtung Desert View Point in der südöstlichen Ecke des National Parks. Auf die Dinnerfrage erklärt Tom mir überrascht, dass er mit Bier und Beef Jerky doch jetzt alles habe, was er für ein Abendessen braucht. Na toll, und ich? „Du kannst auch was von meinem Fleisch haben!“ bietet er mir freundlich an. Was soll ich dazu noch sagen? Ich denke, in der Steinzeit hätte dieser Satz den Stellenwert eines Antrags besessen.

Am Desert View Point warten wir, wie viele andere auch, auf den Sonnenuntergang und suchen uns den besten Platz, um schöne Bilder zu machen und dabei auf dem Beef Jerky herumzukauen. Mich erinnert das Zeug etwas an Hundefutter, aber es passt irgendwie zur Stimmung. Am Horizont bieten graue Regenwolken und zuckende Blitze ein zusätzliches Schauspiel, die Sonnenstrahlen scheinen fast horizontal durch die Berge und tauchen die Steinwände in tiefrotes Licht. Ich frage mich, wie viele spektakuläre Ausblicke man an einem Tag überhaupt verarbeiten kann.

Als wir uns gegen 19 Uhr auf den Weg zurück zur Lodge machen, ist die Sonne hinter den Wolken verschwunden. Das Gewitter kommt näher und begleitet uns auf der Fahrt entlang des Desert View Drive. Es donnert. Ein Blitz zerteilt den Abendhimmel und wird gefolgt vom nächsten, noch bevor das Leuchten des ersten erlischt. Kaum hat sich der Canyon in Dunkelheit gehüllt, bricht über uns ein neues Naturspektakel aus und fesselt alle unsere Sinne. Der Wind zerrt an den Bäumen, die immer wieder für Sekundenbruchteile im Blitzlicht aufleuchten. Obwohl es sich anfühlt, als müsse sich jeden Moment ein riesiger Wolkenbruch über die Szenerie ergießen, fällt kein einziger Tropfen Regen, bis wir sicher wieder im Village ankommen. Hier parkt Tom hektisch den Wagen und zieht mich aufgeregt hinüber zur Böschung: neben mehreren Menschen, nur wenige Schritte von der Straße und vorbeifahrenden Autos entfernt, steht ein Elch. Er schaut uns neugierig an und streckt mir seine schnüffelnde Schnauze entgegen. Ich halte den Atem an. Abgesehen vom Aufflackern der Blitze und Autoscheinwerfer ist es stockdunkel, so dass ich zeitweise nur Umrisse erkennen kann. Hier geht es nicht darum, ob der Elch Angst vor uns hat – das Tier ist so groß und so zum Greifen nah, dass meine Blase sich schon mal in Position bringt, um in die Hose zu machen. Doch der Elch wendet sich ab, hier gibt es nicht Spannendes für ihn zu holen. Er läuft über die Straße, bleibt kurz irritiert im Lichtkegel der Autos stehen, die zum Glück angehalten haben, und verschwindet im Dunkel. Meine Blase atmet auf. Den Rest des Abends verbringen wir im Schutz unserer Cabin, während draußen weiter das Gewitter tobt und Regen gegen die Fenster prasselt.

 

Frei wie ein Vogel

26 Aug

In Ruby’s Diner ist es gut gekühlt. Unser Hotel hat das Frühstück hierher ausgelagert, so dass wir zwar den ca. 3-minütigen Weg in der Morgensonne leicht transpirierend zurücklegen müssen, dann aber zufrieden und entspannt heißen (Filter-)Kaffee, Orangensaft und Toast auf den knallroten Bänken im 50er-Jahre-Stil genießen. Eine willkommene Abwechslung zum Starbucks-Standard und so richtig schön filmreif amerikanisch. Jeden Moment könnte Marty McFly hereinspaziert kommen und Biff Tannen zu einer Verfolgungsjagd anstacheln. Doch alles bleibt ruhig.

Zum Joshua-Tree-Nationalpark ist es nicht weit, doch nachdem wir eine ganze Weile nördlich der Interstate 10 orientierungslos durch Wohnstraßen und Sackgassen gekurvt sind, haken wir diese Sehenswürdigkeit für uns ab. Anfang der Woche sind zwei Touristen in dem Park ums Leben gekommen – wir wollen das Schicksal nicht herausfordern und nehmen Kurs auf Arizona, Grand Canyon Village. Beim Tankstopp in Blythe warte ich im Auto, während Tom sich an der Zapfsäule zu schaffen macht. Doch länger als 2 Minuten halte ich es bei ausgeschalteter Klimaanlage nicht aus. Die Hitze erobert den Innenraum des Wagens und animiert auch die kleinste Schweißdrüse zu sofortigen Höchstleistungen. Ich flüchte nach draußen – an die frische Luft wäre zu viel gesagt, doch das Atmen fällt etwas leichter. Am Canyon soll es kühler werden. Das Tankstellenthermometer ist mir ein Erinnerungsfoto wert.

Die Strecke zieht sich. Insgesamt fahren wir heute weit über 400 Meilen. Wir freuen uns über jedes Grad, um das die Temperaturanzeige unseres Hyundais fällt, betrachten die sich verändernde vorbeiziehende Landschaft und küren aus unzähligen Überholvorgängen unsere Top 3 der schönsten US-Trucks in der Kategorie „Rückspiegel-Fotokunst“.

In Williams begeben wir uns auf die Zielgerade und fahren ein Stück auf der historischen Route 66. Die Sonne steht tief am blauen Himmel, die Landschaft ist grün und es ist gerade mal 30° C warm. Nur einige Meter hinter der Einfahrt zum Grand Canyon National Park begrüßen uns zwei ausgewachsene Elche am Straßenrand. Es haben schon mehrere Autos angehalten, doch die Tiere äsen seelenruhig im Gebüsch, von den neugierigen Touristen gänzlich unbeeindruckt. Einer der beiden dreht meiner Canon Eos und mir demonstrativ sein gut gebautes Hinterteil zu. Nun gut, wir müssen uns sowieso beeilen, damit wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang am South Rim ankommen.

Wir checken in der Bright Angel Lodge ein und begeben uns ohne Umwege zum Canyon, der direkt hinter dem Hauptgebäude liegt. Was auch immer ich von diesem Naturwunder erwartet habe, es wird vom ersten Anblick um ein Vielfaches übertroffen. Ruhig und friedlich, braunrot im Licht der untergehenden Sonne, liegt die riesige Schlucht vor uns und verschlägt mir die Sprache.

Wir schauen zu, wie die Sonne hinter den Felsen verschwindet, blicken hinab in die Tiefe und versuchen, die Weite dieses unglaublichen Panoramas zu begreifen. Hätte ich in diesem Moment einen Wunsch frei, würde ich mich in einen Vogel verwandeln. Ein stärkeres Gefühl von Freiheit kann es kaum geben.

 

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