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Gothenburg sucks

9 Sep

Sehr erholsam, so eine Nacht im Etagenbett. Gegen 8.30 Uhr werde ich munter, prüfe auf dem Balkon die Wetterlage (sieht gut aus!), erklimme die Leiter zur oberen Koje und wecke vorsichtig den darin schlafenden Mann. Er findet das Etagenbett auch sehr gemütlich und reagiert nur zaghaft auf meine Animationsversuche. Also ändere ich meine Strategie und klettere ganz nach oben, stürze mich kopfüber ins Fußende, stoße mir dabei fast den Kopf an der Zimmerdecke und drehe mich dann umständlich um. Das war irgendwie falsch. Wie ging das als Kind noch mal? Wahrscheinlich war ich früher einfach nur viel kleiner, darum war es damals so einfach. Und: damals lag nicht schon ein 1,90 m großer Mann in dem Bett, in das ich geklettert bin. „Hmm, kuscheln“, knurrt der jetzt. Doch alles richtig gemacht.

Das Frühstück ist ein organischer Traum aus dem leckersten Knuspermüsli, Mandeln, hausgemachtem Vanillejoghurt und frisch geschnittenem Apfel. Diese Kombination ist so dermaßen lecker, dass ich gar nichts anderes probieren möchte – obwohl auch Brötchen, Croissants, Eier, Aufschnitt und vor allem die kleinen Kuchen auf dem Buffet einen äußerst verführerischen Eindruck machen. Die Erinnerung ans gestrige Abendessen lässt mich jedoch widerstehen. Zufrieden schlürfe ich den in Thermoskannen servierten Filterkaffee aus dem hübschen bunten Porzellanbecher und möchte in diesem Moment gegen keinen tall-latte-macchiato-low-fat-to-go der Welt tauschen.

Wir verlassen dieses zauberhafte Hotel, packen das Auto wieder voll und machen uns auf den Weg zum Park vom Schloss Rosenborg. Wir bummeln durch die Anlagen und überlassen das Schlossmuseum mitsamt Kronjuwelen den Kulturbeflissenen. Auf dem Rückweg zum Auto setzt leichter Nieselregen ein – unser Timing passt perfekt zu der Unberechenbarkeit des skandinavischen Wetters, das uns in den nächsten Tagen noch öfter überraschen wird. Am Kastell angekommen, scheint die Sonne. Wir spazieren auf den Überbleibseln der alten Stadtbefestigung entlang, begegnen dänischen Soldaten und sonnen uns mit Blick auf den Øresund. Unter uns liegt die Uferpromenade Langelinie mit der Kleinen Meerjungfrau. Ich finde, dass wir der Dame auf jeden Fall einen kurzen Besuch abstatten sollten, da wir nun schon in der Nähe sind. Auf dem Weg liegt ein Café mit einladender Sonnenterrasse, eine unwiderstehliche Gelegenheit zu einer kleinen Kaffeepause. Und ein witziger Zufall: plötzlich stehen Linda und ihr schwedischer Freund vor uns. Linda kenne ich aus Schulzeiten, sie besucht hier ihren Freund übers Wochenende, der momentan in Kopenhagen arbeitet. Er hat einen Tipp für uns, wo wir morgen auf unserer Strecke nach Oslo Halt machen sollen – ein schwedisches Fischerörtchen, in das sich sicher so schnell kein deutscher Tourist verirrt. Mit dieser wertvollen Information im Gepäck machen wir uns auf zu „Den lille Havfrue“, die nach wie vor von Menschen umringt sehnsuchtsvoll in die Ferne schaut.

Über die Øresundbrücke fahren wir nach Schweden. Vor uns liegen ca. 300 km auf der E6 – an eine Durchschnittsgeschwindigkeit von ungefähr 100 km/h auf der Autobahn müssen wir uns noch gewöhnen. In der Ruhe liegt die Kraft? Langweilige Ödnis wechselt sich ab mit Meerblick und im Sonnenuntergang weidenden Pferden. Auf jeden Fall ist das ein anderes Gefühl, als das Pedal mit feuchten Händen und einem stets argwöhnisch auf die rechte Spur gerichteten Auge bis 210 km/h durchzutreten.

Wir haben zuvor nicht viel Gutes über Göteborg gehört. Unser Plan, dennoch nicht voreingenommen zu sein, wird auf dem Weg zu unserem Hotel bereits auf eine harte Probe gestellt. Die Verkehrsführung ist selbst mit Navi eine Zumutung für Ortsfremde – oder vielleicht haben wir uns auch unbewusst dagegen gesträubt, das Gewerbegebiet anzufahren, in dem unser laut Beschreibung zentral gelegenes Hotel sich befindet. – „Sie haben das Ziel erreicht.“ Wir stehen vor einem unglaublich hässlichen Gebäudeklotz im Schatten einer stark befahrenen Brücke. Kein Mensch auf der Straße. Ich starre abwechselnd auf den Stadtkartenausschnitt und durch die Frontscheibe. Hier setze ich keinen Fuß hinein! Muss ich auch gar nicht, denn das Sparhotel Gårda liegt noch einen Block weiter. Es wirkt nicht mehr ganz so verkommen und leblos, doch zuversichtlich stimmt uns der Anblick nicht. Außerdem stinkt es auf der Straße so merkwürdig, dass wir versucht sind, wieder ins Auto zu steigen und weiterzufahren, weit weg von diesem Hotel und dieser unwirtlichen Gegend. Ich verfluche meine garantierte Buchung, die ich nach anscheinend unzureichender Internetrecherche in diesem Hotel platziert habe, doch bevor wir am Ende auf dem Parkplatz irgendeiner Raststätte im Auto schlafen, trauen wir uns in die Lobby. Immerhin: es gibt eine Tiefgarage (wer würde auch hier sein Auto draußen stehen lassen wollen?), in der wir ohne Aufpreis parken dürfen. Unser Zimmer wirkt so lieblos und trist wie das Damenklo am Bottroper Hauptbahnhof. Es ist sauber, alles Nötige ist vorhanden, aber wohl fühlen wir uns hier nicht. Die Aussicht auf das Dach des Speisesaals eine Etage tiefer macht die Sache nicht besser. In diesem Zimmer wollen wir keine Minute zu viel verbringen.

Das Fischrestaurant am Hafen, in dem laut Reiseführer der schwedische Tim Mälzer Küchenchef sein soll, hat geschlossen. Also fahren wir weiter in die Altstadt, das Schanzenviertel Göteborgs – doch die Haga Nygata wirkt verlassen an diesem frühen Sonntagabend. Wir kehren ein in der Bar Hemma Hos und machen Lagebesprechung bei zwei Vorspeisenportionen Köttbullar. Nachdem wir sowohl Reiseführer, Stadtplan als auch unsere Kellnerin zu Rate gezogen haben, steuern wir die Linnegata an. Ein weiteres Restaurant, das im Reiseführer empfohlen wird, hat sich den Sonntag als Ruhetag ausgesucht. Resignierend nehmen wir auf der Terrasse von „Cross Kitchen“ Platz, einem der geöffneten Läden, die einer wie der andere verdächtig nach Touristenfalle aussehen. Und diese Erwartung wird nicht enttäuscht: jede mikrowellenerwärmte Portion Dosenravioli könnte es mit dem hier servierten Essen aufnehmen. Ich lasse den Großteil davon stehen und tröste mich mit einem Päckchen Oreo’s aus unserem Kofferraum. Aller guten Dinge sind drei: wir nehmen einen letzten Anlauf zur Avenyn. Einem Vergleich mit den Champs Elysées hielte sie bei Weitem nicht stand, doch hier ist zumindest einiges los. Ein open air Konzert ist gerade zu Ende und die gesamte Göteborger Jugend scheint hier unterwegs zu sein. Wir beschließen den Abend im Hard Rock Café, in dem wir bei Mojito, Bier und Salat mit Blue cheese den neuen Weltrekord im 100 m-Sprint verfolgen. Gleich nach dem Frühstück werden wir am nächsten Tag die Stadt verlassen. Göteborg, Du hattest Deine Chance.

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