Tag Archives: Eppendorf

O.P.I. (ordentlich Prosecco intus)

24 Jun

Heute ist Yogamattentag. Eigentlich wollte ich die Matte zu Hause lassen, so wie letztes Jahr, denn ich würde sie wieder nicht brauchen. Aber Eileen hat vorhin extra noch mal angerufen, um sich zu vergewissern, dass ich sowohl Matte als auch Turnschuhe am Start haben würde, denn andernfalls hätte sie „echt ein Problem“. Eileen würde sich eher vom Astra-Turm in die Elbe stürzen als ein lauschiges Picknick im Park zu veranstalten (Ameisen! Schmutz!!), dieser Verwendungszweck scheidet also definitiv aus. Dann schon eher Kundalini-Yoga mit anschließendem Chanten im Schein von biologisch abbaubaren Teelichtern.

Am Eppendorfer Baum steigen die Yogamatte, meine Turnschuhe und ich aus der U3. Eileen wartet unten vor dem Crêpe-Stand auf mich und freut sich diebisch, als sie mich mit geschulterter Sporttasche sieht. Sie trägt ihre Ray-Ban-Sonnenbrille und eine zart roséfarbene Lederjacke im Bikerstil. Außer ihrer kleinen Longchamps-Tasche hat sie nichts weiter dabei. Allerdings muss sie jetzt meine Yogamatte tragen, selber schuld… Sie nimmt es mit Humor und verbucht insgeheim ein kleines 1:0 für sich, weil ich auf dieses Täuschungsmanöver hereingefallen bin.

Eileen tut typisch weiblich latent orientierungslos, während wir den Lehmweg ansteuern. Sie zerrt mich weiter, als wir an so hübschen Geschäften wie dem Milchmädchen vorbei kommen. Bis zur letzten Sekunde versteht sie es meisterlich, größtmögliche Verwirrtung zu stiften und das Geheimnis dieses Abends noch nicht preiszugeben. „So, hier müssen wir warten“, verkündet sie schließlich. Ich schaue mich um und sehe hinter uns Maja und Joan auftauchen. Das Geheimnis beginnt sich zu lüften. Joan zaubert zwei Piccolos und Plastik-Sektflöten hervor, mit denen wir stilvoll auf den vor uns liegenden Abend anstoßen. Ein paar Schritte weiter liegt die neue Beautylounge von Adam & Eve. Ich hatte da ja schon so einen Verdacht, als Eileen vor einigen Wochen rigoros darauf bestanden hatte, dass ich meinen nächsten Pediküretermin auf Ende Juli verschiebe. „Vertrau mir einfach!“, war ihre mysteriöse Erklärung gewesen. Jetzt stehen wir mit großen Augen vor der „wall of nail polish“ mit O.P.I.-Lacken in allen erdenklichen Farbabstufungen, die auf uns eine ähnliche Wirkung hat wie der rote Apfel damals auf Eva.

Die O.P.I.-Wand bei Adam & Eve

Die Auswahl unserer Lieblingsfarben führt zum Glück nicht zur Vertreibung aus dem Garten Eden, sondern direkt zu vier pinkfarbenen Massagesesseln. Wir nehmen darin Platz und tauchen unsere Treter in das wohltemperierte Fußbad. Etwas fehlt noch, ich werde schon leicht unruhig, als einer der Beautyengel endlich die erlösende Frage stellt: „Möchtet ihr was trinken? Schampus? Mit Schuss?“ Bei dem Schuss handelt es sich um Martinilikör, der das prickelnde Gesöff hübsch rot färbt und damit hervorragend in diese konsequent in weiß-pink gehaltene Lounge passt. Und natürlich seine Wirkung nicht verfehlt. Wir drücken wild auf den Knöpfen zur Bedienung der Massagesessel herum, weder „Shiatsu“ noch „Rolling“ sagen uns wirklich zu. Der Kneteffekt ist so stark, dass ich Angst habe, vornüber in mein Fußbad zu fallen. Schnell drücke ich den Aus-Knopf, lehne mich zurück und beobachte zufrieden, wie meine frisch in Form gebrachten Fußnägel einen Anstrich im Farbton „You Don’t Know Jacques!“ erhalten. Joan bekommt neben mir die erste professionelle Pediküre ihres Lebens (shocking!), ist aber sofort angefixt und verspricht, ab jetzt regelmäßig dabei zu sein. Am liebsten möchten wir alle noch eine Maniküre anschließen, damit sich unsere Hände nicht vor den Füßen verstecken müssen, aber leider ist kein einziger Termin mehr frei. Und wir müssen langsam los, der nächste Programmpunkt steht an. Der Lack ist noch nicht ganz durchgetrocknet, weshalb wir kurzentschlossen in unseren Einweg-Flip Flops durch Eppendorf stolzieren. Mit solch hübsch verzierten Füßen ist uns das kein bisschen peinlich. Wir haben ja auch schon ordentlich Prosecco intus.

Kurz vor dem Tiefenthal machen wir Halt und schlüpfen wieder in unser normales Schuhwerk. Eileen hat einen Tisch für Sieben reserviert – dort sitzt bereits der Mann meines Herzens und stellt mich vor die schwierige Aufgabe, von der proseccoseligen und (ganz leicht) albernen Stimmung wieder in einen männerkompatiblen Modus umzuschalten. Puh, das ist anstrengend. Die anderen haben ja wenigstens von diesem Plan gewusst. Ich brauche auf diesen Schreck erstmal einen Prosecco mit Cassis. Als Eileens bessere Hälfe eintrifft, haben die beiden Herren sofort unendlich viel zu besprechen, so dass wir fast wieder unter uns sind. Joans Auserwählter kann unserer Runde heute leider nicht beiwohnen und ist für die ungerade Zahl verantwortlich. Majas Liebster ist Berater bei Ernst & Young und kann erst nach Ende der dort geltenden Kern-arbeitszeit (freitags etwas früher, d. h. ca. 21.30 Uhr) zu uns stoßen. Als er eintrifft, haben wir bereits unsere vorzügliche Pasta verputzt und sind so satt, dass wir nicht einmal mehr Platz für die köstlich klingenden Dessertvariationen haben. Etwas träge lauschen wir dem Männergespräch und ich finde, dieser Moment schreit nach einer Runde Bullshit-Bingo. Neben uns fallen Begriffe wie supply chain, benchmark und – immer wieder – Bier. Von den Männern völlig unbemerkt, machen wir fleißig Kreuzchen, geben nach einer Weile jedoch gelangweilt wieder auf. Für ein „Bingo!“ hat es nicht gereicht, das Wörtchen „Bier“ können wir vor lauter Kreuzen dagegen kaum noch lesen. Und die Pilsbestelllungen der Jungs haben wir gar nicht mitgezählt!

Am Nebentisch wird ebenfalls ein Geburtstag gefeiert, dort gibt es sogar ein ganzes Blech Kuchen. Kaum haben wir das erspäht, fordern wir Majas Liebsten, der neu in unserer Runde ist, zu einer Mutprobe auf. Er lässt sich das nicht zweimal sagen und nimmt sogleich neben der Blondine mit dem schulterfreien Oberteil Platz (es geht ihm nur um den Kuchen, Maja!!). Gespannt beobachten wir, ob er es schafft, für jeden von uns ein Stück zu organisieren. Es dauert ein Weilchen (die Verhandlungspartner sind anscheinend zäh, aber wer durch die harte Schule von Ernst & Young gegangen ist, steht nicht auf, bevor er zumindest einen akzeptablen Teilsieg für sich verbuchen kann), dann verkündet er uns das Agreement: Wir müssen für Pia vom Nebentisch Happy Birthday singen, dann bekommen wir Kuchen. Wir finden das fair, stehen sofort auf und bringen Pia ihr gewünschtes Ständchen. Als wir uns wieder setzen und uns schon das Wasser im Mund zusammenläuft, bringt sich plötzlich und unerwartet eine dritte Tischrunde ins Spiel. „Gracias a la vida“ schmettern die Damen und Herren, die deutlich hörbar einem nicht untalentierten Chor angehören. Geschockt kralle ich meine Hand in Joans Oberschenkel – nicht nur von der unverhofften Gesangsdarbietung, sondern auch von der Befürchtung, dass wir unseren Preis nun an den Nebentisch verlieren werden. Doch Pia und ihre Geburtstagsgäste halten sich an die Abmachung und haben sogar schon Teller organisiert. Etwas irritiert bin ich allerdings, als der Mann (meines Herzens) links neben mir plötzlich aufspringt, hinter Joan und mir über die Bank klettert und Majas Liebstem gar nicht schnell genug zur Hilfe eilen kann. „Es geht ihm nur um den Kuchen!“, sagt eine Stimme, allerdings nicht sehr überzeugend. „Es ist ein männlicher Reflex beim Anblick weiblicher nackter Schultern und langer blonder Haare!“, sagt eine zweite Stimme, die irgendwie gehässig klingt. Ich bringe beide zum Schweigen und verfasse eine mentale Notiz in 36 pt, Arial Black, fett: Keine. Männer. Beim. Mädelsabend. Als ich Maja ansehe, lese ich genau diese Worte in ihrem Blick. Noch bevor ich den Kuchen probiere, hab ich beschlossen, dass er ungenießbar ist.

Joan, die ja heute als Single unterwegs ist, ist inzwischen mit weitaus wichtigeren Dingen beschäftigt. Die Pedikürenpremiere hat sie tief beeindruckt und in einem Anflug von Begeisterung reißt sie sich Schuh und Strumpf vom rechten Fuß, um noch einmal das Werk von Adam & Eve und O.P.I. zu bewundern. Die Organisation des nächsten Termins übernimmt sie nur zu gern. Wir freuen uns schon – danach gehen wir dann feiern, girls only. Ich denke, ich werde vielleicht mal wieder mein schulterfreies Top tragen…

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: