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Bollywood im Yosemite National Park

31 Aug

Die Harfenmelodie aus meinem iPhone weckt mich, als ich gerade die Klimaanlage zum 17. Mal wieder angeschaltet und meine Decke und mich umständlich und kunstvoll in eine perfekte Position drapiert habe, um die optimale Schlaftemperatur und den maximalen Wohlfühlfaktor zu erreichen. Es ist 05:20 Uhr. Welcher Wahnsinnige steht freiwillig um diese Zeit auf? Golfspieler, klar. Aber ich? Verdammter Sonnenaufgang. Ich erwäge kurz, bewegungslos unter der kuscheligen Decke liegen zu bleiben und mit geschlossenen Augen eine Sonnenfinsternis zu simulieren. Tom macht sich auf den Weg ins Bad. Streber. Um 05.45 Uhr entschließe ich mich, auch aufzustehen. Der Zabriskie Point ist es sicherlich wert, in der Morgendämmerung in Shorts und T-Shirt zu springen und ohne Frühstück in der bereits um diese Tageszeit nicht zu verachtenden Hitze auf ein Naturschauspiel zu warten.

Diese oder ähnliche Gedanken hatten schon einige Menschen vor uns, denn wir sind nicht allein am Aussichtspunkt. Die frische Morgenidylle wird durch Zigarettenqualm und spanisches Gequatsche etwas getrübt. Romantik kommt nur schwerlich auf an Plätzen, die in jedem Reiseführer eindringlich empfohlen werden. Ich spaziere mit meiner Kamera über die Plattform und schieße ein paar Fotos von der Landschaft, die vor fünf Millionen Jahren mal der Furnace Creek Lake gewesen ist. (Möchtegern)Profis stehen mit ihren Stativen neben Kunstbanausen mit billigen Pocketkameras. Meine Canon und ich irgendwo dazwischen. Langsam erhebt sich die Sonne hinter der Hügelkette und gönnt ihrem Publikum etwas von ihrem gleißenden Licht.

Doch etwas beeindruckender als eine simulierte Sonnenfinsternis. Milchkaffee und Schoko-Franzbrötchen wären jetzt allerdings schön… Im Café 49 auf unserer Ranch bekommen wir ein schnelles Frühstück. Von der Veranda aus beobachten wir unglaublich hässliche kleine Vögel, die verzweifelt nach Nahrung suchen und keinesfalls gefüttert werden dürfen. Noch während ich hoffe, dass sie meinem Croissant und mir nicht zu nahe kommen, landet ein Rabe mit dem BMI eines Mastschweins auf der Mülltonne neben der Veranda. Ich verschlucke schnell mein Hörnchen und beobachte, wie der Vogel mit dem Schnabel versucht, die Tüte aus dem Eimer zu ziehen und sich dabei geschickter anstellt als so mancher Hausmeister. Zeit zum Auschecken.

Wir verlassen die Ranch gegen 8 Uhr und nehmen Kurs auf den Yosemite National Park. Am ersten Aussichtspunkt außerhalb des Death Valleys werfen wir noch einen Blick zurück und sind von Kopf bis Fuß überrascht, als wir aus dem Auto aussteigen. Es sind maximal 25° C hier oben! Beglückt atme ich die frische Luft und schaue Tom dabei zu, wie er zunächst eine Markierung ins Geröll setzt und sich anschließend mit dem Echo des Abgrunds unterhält. Manchmal braucht es eben nicht viel, um glücklich zu sein.

Wir passieren die östliche Felswand der Sierra Nevada und den Salzsee Owens Lake, konsumieren Burger und WiFi in Bishop, biegen am Mono Lake links ab und erreichen am Nachmittag über die Tioga Pass Road den Yosemite National Park. Die Einfahrt gestaltet sich etwas stockend, noch ist die Hauptsaison nicht ganz vorüber. Außerdem sind Straßenbauarbeiten im Gange. Doch es gibt schlimmere Orte, um im Stau zu stehen. Der Weg schlängelt sich durch sattes Grün, vorbei an prächtigen Bäumen und plätschernden Flüssen.

Am Tenaya Lake halten wir an, legen uns in den Sand und lassen den Blick unserer wüstengewöhnten Augen über die glitzernde Wasseroberfläche des Sees schweifen.

Tom hat fleißig im Reiseführer gelesen und ist jetzt ganz wild auf Mammutbäume. Obwohl unser Hotel am anderen Ende der sich durch den Park windenden Straße liegt und wir noch eine beachtliche Strecke vor uns haben, ist er nicht davon abzubringen, zum Tuolumne Grove zu wandern. Wir halten auf dem Parkplatz an der Bik Oak Flat Road, tauschen Flip Flops gegen Turnschuhe und nehmen die 4 km in Angriff, nachdem ich dem unschuldig aussehenden Holzhäuschen am Startpunkt den „worst toilet award“ verliehen habe. Selbst schuld, wenn man die Blase und nicht den Verstand entscheiden lässt. Ich blieb bei dem unglaublich widerlichen Gestank nur deshalb bei Bewusstsein, weil ich sonst in das tiefe, dunkle Loch unter mir gestürzt und vielleicht nie wieder aufgetaucht wäre. Also hielt ich die Luft an, schloss die Augen und dachte kurz an Slumdog Millionaire Jamal und seinen todesmutigen Sprung in die Tiefe. Tapferer kleiner Junge.

Der Wanderweg geht stetig bergab und führt uns vorbei an einigen Mammutbäumen zum Dead Giant, durch dessen Stamm seit 1878 ein Tunnel führt. Voller Ehrfurcht bestaunt Tom die riesigen alten Bäume, von denen es im Südwesten des Parks noch viele mehr geben soll. Ich bereite mich mental für den nächsten Tag schon mal auf eine mehrstündige Wanderung vor.

Um 18.30 Uhr checken wir in der Tenaya Lodge in Fish Camp südlich des Parks ein und lassen den Abend bei Cobb Salad und Burger in Jackalope’s Bar & Grill ausklingen. Wir versuchen, nicht daran zu denken, dass die Hälfte dieses wunderschönen Urlaubs bereits hinter uns liegt, denn wir haben ja noch so viel vor uns: San Francisco, Pismo Beach, Santa Barbara – und natürlich: Mammutbäume…

 

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Die Wüste rockt

30 Aug

Nach dem Frühstück in der Starbucks-Filiale des Planet Hollywood inklusive Free WiFi weiß ich nun: die pinkfarbenen Chucks sind zu klein und müssen getauscht werden. Da ich mich schon vor dem Urlaub über so elementare Fakten wie die Centerdichte der Premium Outlet Malls informiert habe, kann ich dieses Vorhaben ruhigen Gewissens auf nächste Woche vertagen. Das Outlet in Camarillo zwischen Santa Barbara und Los Angeles hat nicht nur einen Converse‑Shop, sondern auch einen UGG-Store – ohne einen Besuch dort kann ich das Land also auf keinen Fall verlassen.

Diese konsumorientierten Gedanken lenken mich kurz ab von der Angst vor unserem heutigen Etappenziel. Es geht in die Wüste. Wir haben die Route sorgfältig ausgearbeitet, die Kühlbox bis zum Rand mit Eis und Getränken gefüllt und sogar die Rezeptionistin der Polo Towers gebeten, auf der Furnace Creek Ranch Bescheid zu geben, wann wir in etwa dort sein werden. Im Death Valley. Irgendetwas an diesem phantasievollen Namen wirkt auf mich unangenehm bedrohlich.

Wir verlassen die Stadt über den alten Teil des legendären Strips, vorbei am Stratosphere Tower und den kitschigen kleinen Wedding Chapels, vor denen jeden Moment ein Elvis-Verschnitt im pink Cadillac mit seiner ebenso volltrunkenen wie ahnungslosen Braut auf dem Beifahrersitz auftauchen könnte, musikalisch untermalt von Katy Perrys „That’s what you get for waking up in Vegas“ als Hochzeitsmelodie. Zumindest wünsche ich mir das. Leider passiert nichts dergleichen.

Tom malt sich indes ganz andere Szenarien aus, die er gern in der Geisterstadt Rhyolite und auf dem Weg dorthin erleben würde. Ufos und Außerirdische stehen auf seiner Liste ganz oben .

Doch die Jungs feiern mit Elvis gerade irgendwo anders eine Party, jedenfalls sehen wir vom Highway aus nicht einmal ein mysteriöses Leuchten am stahlblauen Himmel. In Rhyolite ist ebenso wenig los, nicht dass wir von der Geisterstadt ein großes kulturelles Angebot erwartet hätten, aber die Ruinen in Form von undefinierbaren Steingebilden enttäuschen uns doch. Beeindruckend ist lediglich der einsame Behindertenparkplatz vor dem renovierten und mittlerweile eingezäunten Bottle House. Political correctness bis in die Wüste.

Dann wird es ernst. Kaum haben wir das Gelände des Death Valley National Parks erreicht, klettert das Thermometer am Armaturenbrett auf seinen bisherigen Rekordwert von 121° Fahrenheit. Kollege Celsius hätte bei umgerechnet 49,4° geschwitzt. Die Klimaanlage läuft anstandslos und zum Glück begegnet uns nirgendwo eines von den im Reiseführer angedrohten Schildern mit der Aufschrift „Avoid overheating – turn of A/C next 20 miles“. Eine gruselige Vorstellung, ein Rudel Außerirdische wäre nichts dagegen.

Gegen 16 Uhr checken wir auf der Ranch ein. Besonders stolz ist man hier auf den zur Anlage gehörenden Golfplatz. In den Wintermonaten sicherlich ein gern genommener Zeitvertreib, jetzt im August allerdings sollte man spätestens um 6 Uhr morgens auf der künstlichen Grünfläche zum Abschlag bereit stehen, um die kühlen Morgenstunden bei ca. 30° C zu nutzen. Wir heben uns diesen Sport für das letzte Lebensdrittel auf und verziehen uns zu einer Siesta in unser Zimmer.

Zum Sonnenuntergang stehen Tom, ich und die Canon Eos am Zabriskie Point und werden Zeugen eines wunderschönen Naturschauspiels. Die Wüstenlandschaft leuchtet in allen Schattierungen von ocker bis dunkelorange. Ein Meer aus Sand und Stein, aus dessen sanften Wellen Licht und Schatten ein einzigartiges Gemälde zaubern. Von Bedrohung keine Spur.

Allein für dieses Erlebnis hat sich der Besuch im Death Valley auf jeden Fall gelohnt. Ich muss den Begriff Wüste für mich ganz neu definieren, „trostloser Ort, um einsam zu sterben“ ist nicht länger passend.

Auf unserer Ranch gibt es einen Pool, der aus einer warmen Quelle gespeist wird. In dieser Gegend sicher nichts Ungewöhnliches. Das Bad im Becken wirkt dennoch erfrischend, die Wasseroberfläche glitzert tänzelnd im Dämmerlicht.

Wir beschließen den Abend im Wrangler Steakhouse. Nach wie vor irritiert mich, dass auch der dunkelste Nachthimmel die schwere Hitze keineswegs vertreibt. Ein Gefühl, als würde noch immer die Sonne auf der Haut brennen. Von unserem Zimmer zum Restaurant sind es nur knappe 100 Meter – als wir dort ankommen, sind meine frisch gewaschenen Haare so gut wie trocken. Meine Lippen lechzen nach einer eiskalten Diet Coke. Ich trinke dieses süße Gesöff eigentlich nie, aber ungewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Es wirkt. Das Essen ist nicht der Rede wert, unser Kellner ist ein wandelndes Wortspiel des Begriffs Servicewüste und gedanklich längst im Feierabend. Den Rest der Nacht verbringen wir abwechselnd mit Schlafen und Betätigen des Klimaanlagen-Schalters. Palm Springs lässt grüßen.

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