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Endstation Barmbek

9 Feb

Der Bahnhof ist eine Baustelle. Vielleicht wird er irgendwann, wenn er fertig ist, einmal schön anzusehen sein – momentan ist er ein trauriger Ort, den man so schnell wie möglich mit der nächsten Bahn in Richtung Eppendorf oder Innenstadt verlassen möchte. Ich steige hier aus der U3 aus und gehe, unter einem Gerüst hindurch und über den noch ungepflasterten Gehweg, hinaus in Richtung Poppenhusenstraße. Lasse Globetrotter links liegen – den Tempel aller Outdoor-Fans, der in der Shoppingwüste Barmbek so deplatziert wirkt wie ein Baumarkt am Nordseestrand. Kurz dahinter liegt das Museum der Arbeit, auf dem großen Platz am Osterbekkanal ist der Bohrkopf T.R.U.D.E. ausgestellt. Ein Relikt aus einer früheren Zeit, das mit seinem stählernen Körper diesem kopfsteingepflasterten Platz keinerlei Leben einhauchen kann, sondern wirkt wie ein Gedenkstein der Ödnis.

Wer den Platz überquert hat, den erwartet der Wanderweg am Osterbekkanal. Ein schmaler Grünstreifen, ein paar Treppenstufen zum leise fließenden Wasser, die im Sommer gern von Kajak- und Kanufahrern genutzt werden, die hier ihre Tour in Richtung Stadtpark, Außenalster oder Eppendorf starten. In östlicher Richtung endet der Kanal nach etwa einem Kilometer in einer Sackgasse. Endstation Barmbek.

Verlässt man den Bahnhof durch den Nordausgang und hat den stets von vielerlei fragwürdigen Gestalten bevölkerten Vorplatz mit den Bushaltestellen hinter sich gelassen, gelangt man zur Fuhlsbütteler Straße, der „Einkaufsmeile“ des Viertels, von den Barmbekern – sollte man liebevoll sagen? – „Fuhle“ genannt. Als erstes fällt das leerstehende Hertie-Gebäude ins Auge, die Fensterscheiben dekoriert mit abblätternden Plakaten, hinter denen im ehemaligen Verkaufsraum die verwaisten Ladenmöbel wie Skelette schon seit Monaten auf ihr ungewisses Schicksal warten.

Schnell wendet man sich ab und gelangt auf der anderen Straßenseite zu den Geschäften, die dem leblosen Kaufhausgebäude zumindest eines voraus haben: sie sind geöffnet. Heißhungrige werden hier schnell fündig und auch wer Drogeriewaren oder lederfreies Schuhwerk benötigt, muss nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Doch viel mehr als ein paar Blümchen oder ein Pfund Kaffee sollte nicht auf der Einkaufsliste stehen. Die Görtz-Filiale an der Kreuzung Hellbrookstraße, die bis vor kurzem wie ein kleiner Gruß aus der City wirkte, hat aufgegeben. Vereinzelte Schmuckstücke wie das kleine Geschäft „Was das Herz begehrt“ oder der urige Fischladen können es leider nicht ändern, dass die Fuhle ihren Besucher in einen leicht depressiven Zustand versetzt und starke Fluchtimpulse in ihm auslöst. Die alteingesessen, überzeugten Barmbeker mögen mir verzeihen.

Ich kann nichts dafür. Jahrelang lag von 9 bis 18 Uhr der Kernbereich der Hamburger Innenstadt vor meiner Bürotür. Mönckebergstraße, Jungfernstieg, Neuer Wall, Große Bleichen. H&M, ZARA, Mango, Esprit. Bagel Brothers, Balzac und Starbucks Coffee, Vapiano. Alsterschiffe, Weinfest, Weihnachtsmarkt, Fleetinsel. Sie alle sind schuld, dass ich mich niemals mit Barmbek werde anfreunden können. Der Stadtteil hat diesen Aufzählungen nichts entgegenzusetzen, er will es auch nicht. Kein einziger coffee shop hat sich hierher verirrt, kein Geschäft, in dem man mehr als 20 Euro ausgeben möchte.

Ich habe versucht, das Positive daran zu sehen – Barmbek verführt nicht zum sinnlosen Konsum, niemand muss einen Kaufrausch und seine Auswirkungen auf die nächste Kreditkartenabrechnung und den häuslichen Frieden fürchten. Die selbst geschmierte Stulle scheint immer häufiger die beste Alternative für die Mittagspause zu sein. Das Konto atmet auf. Doch die Sehnsucht bleibt. Die Sonne kann noch so schön glitzern auf dem Wasser des Osterbekkanals, während Schulkinder auf dem Bohrkopf T.R.U.D.E. herumklettern und das gleichnamige Restaurant seine Sommerterrasse geöffnet hat. Barmbek, unsere Tage sind gezählt.

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