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Aufschlag Berlin

21 Jun

Montag   Wo bleibt das verdammte Gewitter, wenn man eins braucht? Heute ist ein Turnbeuteltag. Ich fühle mich ein bisschen wie damals, in der fünften, siebten oder zehnten Klasse. Turnbeuteltage waren schlechte Tage. Miefige Umkleideräume und miese Sportlehrer mit Klemmbrett in der Hand und ohne die kleinste Schweißperle auf der Stirn in Kombination mit pubertierenden Klassenkameraden – ein Boot Camp ist nichts dagegen. Heute lasse ich mich regelmäßig und freiwillig von hübsch durchtrainierten und nass geschwitzten Trainern im Studio anbrüllen und werde nur noch selten mit meinem Turnhallentrauma konfrontiert. Volleyball habe ich immer gehasst. Es fiel einfach zu sehr auf, wer mit dem Ball umgehen konnte und wer nicht. Ich versemmelte jeden Aufschlag und rieb mir, den Blick hoffnungsvoll zur Hallenuhr gerichtet, die schmerzenden Unterarme. Mein Ziel war es, das Ende der Sportstunde zu erreichen, ohne einen Ball ins Gesicht bekommen zu haben. Es gelang mir nicht immer.

Fast zwanzig Jahre später stehe ich nun mit den nackten Füßen im Sand auf dem Gustav-Stuhlmacher-Sportplatz und suche ein letztes Mal den Himmel nach schwarzen Regenwolken ab. Vergeblich. Wir haben einen Ball, wir haben ein Netz und wir sind vollzählig. Wir werden jetzt Beachvolleyball spielen. Zumindest werden meine anwesenden Kollegen das tun. Mich beschäftigen zwei Fragen:

  1. Wieso gerate ich als volljähriger und selbständig Entscheidungen treffender Mensch in Situationen, die unangenehmste Teenager-Erinnerungen in mir wecken?
  2. Ob ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund heute vielleicht besser Volleyball spielen kann als damals in der Turnhalle?

Frage Nummer Zwei beantwortet sich mir beim ersten Ballkontakt. Ich habe ihn so lange wie möglich hinausgezögert, aber als der Ball direkt auf mich zu fliegt und niemand aus meinem Team sich übertrieben motiviert in die Bahn wirft, strecke ich die Arme aus und hoffe auf ein Wunder. Meine Annahme kann man wohl weder als Baggern noch als Pritschen bezeichnen und es braucht auch keinen Schiedsrichter, um zu entscheiden, dass der Ball außerhalb des Spielfelds landet. Ich bin mir sicher, am Gesichts meines Chefs ablesen zu können, dass er sich nun ebenfalls fragt, warum er ausgerechnet MICH für unsere Mannschaft ausgewählt hat.

Anna macht den nächsten Aufschlag. Lässig befördert sie den Ball über das Netz, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes tun. Auf ihrem Shirt könnte ebenso gut stehen: „This is how you do it, loser!“ Es gibt im Leben immer eine Anna. Als wäre die Situation nicht schlimm genug und das Ego bereits ein Häufchen Elend – eine Anna setzt immer noch einen drauf. Mit einem unangestrengten Lächeln und schwingendem Pferdeschwanz rettet sie den Ball vor dem Aus, weiß sie die Antwort auf die Frage, die Normalsterbliche sprachlos macht, schwebt sie an den coolen Jungs an der Theke vorbei, während andere auf ihren 2 cm hohen Absätzen umknicken. Was die Jungs zum Glück nicht sehen, denn sie schauen ja Anna an. Die meisten Annas kann man nichtmal in Ruhe hassen, weil sie auch noch irgendwie nett sind.

Nach knapp zwei Stunden beendet Anna unser Training und meine Verzweiflung mit der Ansage: „Mir wird kalt.“ Sie meint damit: „Ich stehe hier nur rum, weil ihr Idioten einfach nicht spielen könnt, also lasst uns endlich aufhören.“ Kollegin Crissie und Olaf, unser Chef, sind auch keine Leuchten in diesem Sport, allerdings nicht ganz so frei von Ballgefühl wie ich. Bis übermorgen bin ich erlöst, dann steigt das Turnier in Berlin. Ich streiche über meine geschwollenen Handgelenke wie ein verwundetes Tier und durchforste mein Hirn weiter nach möglichen Exit Strategien. Mein Kopf tut weh, obwohl er keinen Ball abbekommen hat. Ich will nach Hause.

*

Mittwoch   Schlechtes Wetter ist auch keine Lösung. Das Turnier wurde von den Organisatoren einfach in die Halle verlegt. Da kann nichts mehr passieren. Ich habe weder einen Magen-Darm-Infekt noch eine Grippe und die Blutergüsse an meinen Armen reichen leider nicht für eine Disqualifikation. Meine letzte Hoffnung ist, dass sich ein Selbstmörder vor unseren Zug wirft und wir es gar nicht erst nach Berlin schaffen. Aber es ist mitten im Sommer und derartige Zwischenfälle häufen sich ja eher gegen Jahresende. Dann vielleicht eine technische Panne?

Der ICE kommt pünktlich, wir sind vollzählig am Gleis versammelt. Olaf überlegt kurz (und ernsthaft), ob wir den nächsten Zug 20 Minuten später nehmen sollen, weil dieser hier ohne Speisewagen fährt und er sich schon so auf das Hühnerfrikassee aus der Bordküche gefreut hat. Ich bin für jede Verzögerung zu haben. Nach einem kurzen Briefing durch das Zugpersonal bittet er uns dann doch einzusteigen, es gäbe noch Currywurst im Bistro. Na dann.

In Wagen 43 ist die Klimaanlage defekt, die Temperatur beträgt gefühlte 35 Grad. Wir laufen dreimal durch den gesamten Zug, bis wir zu der Entscheidung gelangen, dass Crissie und ich uns einen Platz suchen, während Anna mit Olaf im Bistro bleibt. Auf einen Kaffee. Ihren Pappbecher vom Bahnhofsbäcker hat sie vor zwei Minuten im Mülleimer entsorgt. Anna mag Kaffee.

Mit nur zehn Minuten Verspätung erreichen wir den Berliner Hauptbahnhof. Im Taxi schöpfe ich wieder Hoffnung: Unsere Fahrerin reagiert auf die Zielangabe leicht gestresst und holt ihren zerfledderten Kauperts Straßenatlas aus dem Handschuhfach hervor. Wir müssen ins Märkische Viertel. Ein Navigationssystem besitzt sie nicht. Sie fährt einen Großteil der Strecke im zweiten Gang und schimpft fortwährend über den Berliner Verkehr, doch sie liefert uns pünktlich vor dem BeachCenter ab. Also doch ein Turnbeuteltag. Auf in den Kampf.

In unseren kurzen Hosen und Team-Shirts erkunden wir das Gelände. Karibischer Sand, kühle Getränke, Liegestühle – es könnte so herrlich sein hier, wären keine Bälle anwesend. Ich entscheide mich für ein Schöfferhofer Grapefruit. Ein wenig Alkohol kann nicht schaden, dann kann ich meine Unfähigkeit zumindest teilweise darauf schieben. Als Olaf zu uns stößt, bewundert er zunächst unsere Outfits, sehr bemüht, nicht auf Annas Brüste zu starren, über denen sich ihr weißes Shirt in Größe S sichtbar spannt. Wir starten mit einem Testspiel. Ich bekomme die Position am Netz und die Ansage, dort zu bleiben. Meinetwegen, ich reiße mich nicht darum, Aufschläge zu machen. Oder etwas, das ansatzweise so aussieht. Das Netz ist irgendwie zu hoch. Und der Sand zu tief. Ich könnte ebensogut ein paar Sonnengrüße turnen, während die anderen das Spiel machen. Vielleicht würde das zumindest den Gegner ablenken.

Das erste Spiel verlieren wir 15:4. Nach unserer zweiten Niederlage lasse ich mich am Rand des Spielfelds massieren. Wenigstens diese zehn Minuten kann ich genießen. Ich habe mich zwar gegen die Sonnengrüße entschieden, doch die weiteren Spiele machen Olaf und Anna quasi allein. Sie stürzen sich auf jeden Ball, so dass Crissie und ich Mühe haben auszuweichen. Wir verlieren trotzdem jedes Mal. Ich bin froh, als wir ausgeschieden sind und schaue voller Bewunderung den Teams in den Finalrunden zu. So sieht das also aus, wenn es läuft. Ob das Spaß macht?

Gegen 23 Uhr löst sich die Veranstaltung auf. Mir ist danach, ins Hotel zu fahren und ins Bett zu fallen. Crissie pflichtet mir bei. Hoffnungsvoll wendet Olaf sich an Anna. Sie trägt einen ziemlich kurzen Rock und ein ziemlich weit ausgeschnittenes Top. „Wenn wir jetzt ins Bett gehen, können wir auch zurück nach Hamburg fahren“, blafft sie. „Also entweder, wir gehen feiern oder wir fahren nach Hause.“ Olaf schaut sie an wie ein Hündchen, das sich aufs Gassigehen freut. Vielleicht wird der Abend noch interessant. Und mein Zimmer im Holiday Inn ist zwar eine Suite, aber so gemütlich wie im Krankenhaus. Dann eben feiern.

Olaf meint, wir müssen in die Bravo Bar. Der Laden steht anscheinend als erstes auf seiner fragwürdigen Liste der angesagten places to be von Berlin. Es ist ganz gut was los für einen Mittwochabend, aber wir sind ja auch nicht in Hamburg. Außer uns sind noch ein paar Mitglieder einer gegnerischen Mannschaft anwesend. Die beiden Chefs der Truppe, Sven und Niko, wollen es heute Nacht offentsichtlich ebenso wissen wie Olaf. Familienväter auf Freigang. Fremdschämen für Fortgeschrittene. Sven trägt eine Top Gun-Fliegerjacke und hält sich für mindestens so atttraktiv wie Tom Cruise in seinen besten Jahren. Er fragt Anna über ihren Job aus und nennt sie in jedem Satz beim Namen. Vielleicht hat er Neil Strauss‘ „The Game“ gelesen. Anna scheint es nicht zu stören. Niko hat eine osteuropäische Blondine im weißen Marilyn Monroe-Kleid aufgegabelt, die ihn gern – wohin auch immer – mitnehmen würde. Er lehnt zum Glück ab.

Olaf ist nicht zufrieden. Er möchte weiter in die King Size Bar. Der nächste Schuppen auf seiner Liste. Von der Bravo Bar sind es zu Fuß nur ein paar Minuten. Vor dem Laden hängen Menschen herum, deren schwarze lange Haare direkt in ihre schwarze Kluft überzugehen scheinen. Durch die Tür dringt undefinierbare Musik. Neben uns wartet ein Taxi. Crissie und ich überlegen, ob wir einsteigen und ins Hotel zurück fahren, als wir feststellen, dass der schwarzhaarige Türsteher unsere Kollegen nicht in die Bar lassen möchte. Wahrscheinlich sind sie zu bunt angezogen. Also wieder zurück in die Bravo Bar. Ich schiele zum Taxi. Es ist mittlerweile nach 2. Olaf, Sven, Niko und Anna sehen Crissie und mich fragend an. „Wir können Anna doch nicht mit den Männern allein lassen“, sage ich. „Mir macht das nichts aus“, antwortet Anna. „Ich bin meistens nur mit Typen unterwegs.“ Ich tausche einen Blick mit Crissie. Sie lässt mich entscheiden. „Okay, dann kommen wir noch mit.“

Die Tür der Bravo Bar ist verschlossen. Olaf klopft und winkt durch das Guckloch. Ohne Erfolg. Als wäre die Szene nicht schon lächerlich genug, gesellen sich noch drei Männer zu uns, die ebenfalls hinein wollen. Sie drängeln sich zur Tür durch. „Ihr müsst euch richtig zum Affen machen“, erklärt der eine. „Haben wir schon“, antworte ich. „Oh Mann, da drin läuft Adele“, beschwert er sich. Er spricht es „Adell-e“ aus.  „Das ist mein Lieblingslied!“ Er fängt an zu tanzen. Endlich geht die Tür auf.

Eine halbe Stunde später ist mein Glas leer und das Maß voll. Eine Armlänge neben mir lehnt Olaf an der Wand und lässt sich von einer nichtmal schönen Unbekannten über das locker sitzende Hemd streichen. Ich muss hier raus. Crissie ist sofort dabei. Auf dem Weg zum Ausgang sage ich Anna Bescheid, die mit Niko an der Bar sitzt. „Wir wollen los.“ Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Ohne Olaf?“ fragt sie. Es klingt fast entrüstet. Ich nicke. Sie deutet auf ihr halbvolles Getränk. „Ich bleibe noch.“ War ja klar.

*

Donnerstag   Um 9 Uhr treffen wir uns in der Lobby. Olaf ist längst auf dem Weg nach Hamburg. Termine. Anna erscheint mit Sonnenbrille an der Rezeption. War wohl noch eine harte Nacht. Im Taxi erzählt sie, dass Olaf und sie kurz nach uns zurück ins Hotel gefahren wären. Übrigens dürfe sie im nächsten Jahr die Beachvolleyball-Mannschaft zusammenstellen. Es mache ja einfach mehr Spaß mit Leuten, die auch wirklich Lust haben zu spielen. Dann hätten wir wenigstens mal eine Chance. Ach ja, Sven und Niko haben sie außerdem zu ihrer nächsten Firmenfeier eingeladen. Wie schön, Anna. Vielleicht hast du Glück und es sind nur Typen anwesend.

Auch wenn es nicht das schlechteste Vorhaben ist, ernsthaft an meinem Ballgefühl zu arbeiten und damit ein Kindheitstrauma zu bewältigen, wird der nächste Beachvolleyball-Cup ohne mich stattfinden. Die einzigen Cups, die mich in Hochstimmung versetzen, enden auf -cakes.

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