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Syltnight out

10 Nov

Vom Bademantel in den Partydress in einer Stunde: Schon um 17.15 Uhr holt uns das Großraumtaxi ab, denn wir haben die frühe Schicht in der Sansibar – 20 Uhr war längst ausgebucht. Aber es ist ja zum Glück November, draußen ist es bereits stockdunkel. Das ist keine Übertreibung. In Hamburg gibt es keine völlige Dunkelheit, die Stadt und der Hafen schlafen nie und leuchten selbst um 2 Uhr nachts den Himmel an. Entlang der Lister Straße herrscht tiefschwarzes Nichts. In meinem Magen sieht es ähnlich aus, seit dem Frühstück habe ich außer einem Duplo und zwei von Maja auf der Zugfahrt plattgesessenen Giottos nichts gegessen.

Im weichen Kerzenlicht der Sansibar sehen wir noch rosiger und erholter aus, als wir es ohnehin sind. Vor dem Fenster wirken die per Scheinwerfer angestrahlten Dünen wie die sorgfältig inszenierte Kulisse eines ZDF-Sonntagsfilms. Noch besser als diese Aussicht gefallen mir die Vorspeisenvariationen, die Jenny uns serviert. Salate, frisches Brot, Wasabinüsse, dazu Rosé und Weißwein – auf einmal ist es sehr ruhig an unserem Tisch. Nach der Pasta zum Hauptgang (war da Knoblauch drin??) teilen Bine, Eileen und ich uns das hausgemachte Joghurteis mit karamellisierten Oliven und kämpfen mit vollem Mund um den letzten Löffel. Zum Glück verteilt Jenny zum Kaffee großzügig Zentis Mandel-Nougat-Happen. Sie rät uns, den Rest des Abends in Westerland zu verbringen, denn in Kampen sei ihrer Meinung nach eher so tote Hose. „Wollt ihr denn überhaupt noch los?“ fragt Eileen in die Runde. „Mädels, es ist halb Acht!“ antworte ich, vielleicht eine Spur zu empört. Wir einigen uns darauf, es entgegen Jennys Empfehlung in Kampen zu versuchen. Dann müssen wir auch schon los, die 20 Uhr-Schicht bildet bereits eine Schlange an der Tür.

Vor der Sansibar ist Stau. Unser Taxifahrer manövriert sich gekonnt aus dem Massenauflauf und dreht für uns die Musik etwas lauter. Seine Party-Mix-CD bringt Joan und Eileen auf den vorderen Plätzen so richtig in Stimmung. Das Musiktaxi ist nichts dagegen. Im Kampener Strönwai ist unsere Partylaune allerdings an der falschen Adresse – die ganze Straße ist eine einzige tote Hose. Das Pony ist noch geschlossen, im Rauchfang sitzen vereinzelt Gäste und hängen bei einem teuren Glas Wein still ihren Gedanken nach. Zum Glück steht unser Mustafa(hrer) noch neben seinem Taxi am Straßenrand, als hätte er es geahnt. Für 15 Euro kutschiert er uns zurück nach Westerland und feiert hinterm Lenkrad mit Joan und Eileen, als würde er nie etwas anderes tun.

Die Wunderbar hat noch geschlossen. Die vier Gäste des American Bistro gegenüber sitzen gerade beim Dessert, die Party mit DJ Farres geht erst später los. Die Blonde an der Bar wirkt nicht besonders erfreut, uns zu sehen. Vielleicht hätten wir nicht gleich fragen sollen, ob sie die Musik lauter drehen könne. „Dürfen wir bleiben?“ fragt Gina unterwürfig und bricht damit das Eis, das wenig später in unseren Gin Tonics klimpert. Ein Anfang. Gina besteht auf einer Runde Sambucca, ich versenke in ihrem ein Streichholz bei dem Versuch, den Drink zu flambieren. Für sie kein Problem. Das Zeug schmeckt schließlich so oder so nicht.

Joan und Gina eröffnen die Tanzfläche. Eine gute Stunde später ist der Laden gerammelt voll. Auch für die meisten von uns ist diese Bezeichnung nicht ganz unzutreffend. Ich glaube, es begann in dem Moment, als Fenja (wir dürfen sie Gaby nennen) die beeindruckende, aus ca. 17 LEDs bestehende Discobeleuchtung über dem Tresen einschaltete und eine Runde Kurze für uns schmiss. Ihr niedlicher  Kollege Nicky (oder eigentlich Ricky, wie uns später Türsteher Kai erklärt, der in Wirklichkeit Erik heißt) legt noch drei Schokobons obendrauf. „Wir sind sieben“, mache ich ihm den Ernst der Lage deutlich. Er grinst und schlägt vor, dass Jana und ich uns einen Schokobon teilen. Mit den Händen auf dem Rücken, versteht sich. Seine Augen leuchten gierig. Wir tun ihm den Gefallen. Die Nummer mit dem Nimm2-Kaubonbon, den er als nächstes unter der Theke hervorzaubert, ist Jana allerdings eine Spur zu heiß. „Wir müssen morgen früh zum AquaGym“, entschuldige ich das Ausbleiben der erhofften Vorstellung, frei von jeglicher Logik. Nicky aka. Ricky hält das für einen guten Witz. „Der steht auf dich“, raunt Maja mir ins Ohr. Ich brauche frische Luft.

Joan und Gina gehen rauchen. Ich bin betrunken genug für eine Zigarette und halte diese für einen guten Grund, mich etwas abzukühlen. Kai-Erik verbietet uns, Gläser mit nach draußen zu nehmen, verrät uns aber dann, dass wir selbstverständlich gern auf der Terrasse neben dem Eingang Kippen und Drinks konsumieren dürfen. Von dort beobachten wir das auf der Paulstraße vorbeiziehende Partyvolk und überzeugen zwei zunächst skeptisch blickende Herren im Anzug, dass das Bistro heute Abend the place to be ist. Ich taufe die beiden Hase und Bärchen. „Wir heißen alle Nicole“, stelle ich uns drei vor.

Die Luft auf der Tanzfläche erinnert mich ans osmanische Dampfbad. Das tropische Klima hält uns allerdings nicht vom Tanzen ab. Eileen ist mit zwei blaukarierten Hemden ins Gespräch vertieft, Hase und Bärchen checken ab, welche von uns sieben Nicoles – wenigstens für heute Nacht – noch zu haben ist. Fazit: keine. Hase (oder Bärchen?) verrät Gina trotzdem: „Jede von euch hat etwas Besonderes.“ Whatever that means, Hase…

Einen Kurzen und zwei Gin Tonics später steigen fünf von uns ins Taxi, Eileen und ich bleiben noch ein Weilchen an der Bar mit BigC, einem Möbeldesigner aus Köln. BigC möchte heute Abend unbedingt noch knutschen. Ich dulde seinen Arm um meine Taille, drehe ihm aber freundlich mein Ohr zu, als sein Kopf sich meinem Gesicht nähert. Er überreicht uns seine Visitenkarte, die Eileen ihm augenzwinkernd wieder in die Hemdtasche steckt. Er versteht und verabschiedet sich. Vielleicht geht heute Nacht auf Sylt noch was für BigC.

„Mustafa verfolgt unser Taxi!“ whatsappt Bine mir. Das nun auch noch. Es ist Zeit für uns zu gehen. Der niedliche Nicky gibt uns einen letzten Schokobon mit auf den Weg und wünscht uns viel Spaß beim AquaGym. Im Taxi überlegen wir, noch im Pony vorbei zu schauen, sind uns dann aber doch einig, dass dieser Abend nicht mehr zu toppen ist. Wir schießen ein Erinnerungsfoto in der Hotellobby und fallen mit geputzten Zähnen ins Bett, wie es sich für brave Mädchen gehört.

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