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Luft und Liebe

15 Apr

Dienstag

Der Wind weht so heftig, dass wir uns zumindest einbilden, er würde am Zug rütteln, in dem wir sitzen. Das Wasser steht nah am Hindenburgdamm – die Nordsee rückt uns auf die Pelle. Und das ist gut so. Hamburg ist mittlerweile drei Fahrtstunden entfernt und nachdem wir auf dem Weg aus der Stadt heraus noch inbrünstig über Chefs und Kollegen diskutiert – Umsitzende hätten eventuell behauptet: gelästert – haben, schauen wir jetzt still aufs Wasser. Die See ist grau und wirft weiße Schaumkronen im Wind. Nur wenige Minuten dauert die Fahrt über den Damm, doch sie bringt einen deutlich spürbaren Abstand zwischen die Stadt und uns. Der Ärger der letzten Tage ist an Land geblieben.

Um 19:35 Uhr steigen wir in Westerland aus. Sofort steigt mir die frische, würzige Nordseeluft in die Nase und pustet mir Urlaubsstimmung in den Bauch. Mein Kopf weiß, wir sind nicht nur zum Spaß hier, vor uns liegen drei Tage Seminar zu den Themen Chefentlastung und Souveränität. Meinem Bauch ist das erstmal ziemlich egal. Ein freundlicher und angenehm wortkarger Taxifahrer bringt uns zum Hotel Rungholt in Kampen. Es ist fast das letzte Haus in der Sackgasse, etwas abgelegen vom Trubel des mondänen Örtchens. An der Rezeption des familiengeführten Hauses werden wir mit Handschlag begrüßt. Bernie, der „begehrteste Mann im ganzen Haus“, trägt die Koffer auf unsere Zimmer und schaltet äußerst fürsorglich sogleich die Heizung ein. Der kalte Nordseewind hat es bis ins Zimmer geschafft. Das wundert mich nicht, denn es gibt zwei breite Balkontüren, dahinter Dünen- und Heidelandschaft, dann das Meer. Mittendrin thront die Sturmhaube. Kaum ist Bernie verschwunden, muss ich ein Foto machen und per Email aufs Festland schicken. Es macht doch noch viel mehr Spaß hier zu sein, wenn man ein klein wenig beneidet wird.


Der Blick ist nur die Krönung eines ohnehin sehr schönen großen Zimmers, in dem ich mich sofort zu Hause fühle. Beglückt, dass wir drei Tage hier bleiben dürfen, machen wir uns auf den Weg zum Hotelrestaurant, um noch eine Kleinigkeit zu essen.

Kartoffelpuffer mit Creme fraîche und Apfelmus sind als kleiner Snack vorm Schlafengehen genau das Richtige. Den vom Restaurantleiter dazu vorgeschlagenen Dessertwein müssen wir sehr bestimmt ablehnen, denn er scheint uns nicht zu glauben, dass wir allein mit unserer Weinschorle einen ausreichend spaßigen Abend verbringen können. Doch das tun wir. Als wir das erste Mal wieder auf die Uhr schauen, ist es 22:30 Uhr und wir machen uns auf den Weg ins Bett.

Im ersten Moment wirkt die Matratze sehr hart, doch es handelt sich um eins von diesen elastischen Exemplaren, das sich an die Körperkonturen anpasst (Kaltschaum, wahrscheinlich). Sehr bequem! Ich kuschle mich in meinen selbst geformten Abdruck und lausche noch ein wenig dem heulenden Wind, der gegen die Fenster schlägt und durch alle Ritzen pfeift. Die ganze Nacht erinnert er mich daran, dass die Nordsee nur ein paar Schritte entfernt ist. Wie könnte ich ihm da böse sein.

Mittwoch

Mein iPhone weckt mich mit Harfenklängen. Es ist 06.30 Uhr. Draußen fegt immer noch ein sehr ausgeschlafener Sturm. Ich drücke auf Snooze. 9 Minuten später  wieder das Gleiche. Egal ob in Hamburg oder in Kampen, Aufstehen im einstelligen Bereich ist nicht mein Ding. Die Snooze-Taste ist mein Freund. Gegen 7 Uhr schließlich verlasse ich meinen kunstvoll gestalteten Matratzen-abdruck in Richtung Bad. Der Fußboden ist warm, die Frotteschlappen fühlen sich wolkig an. Aufstehen ist doch gar nicht so schlimm.

Beim Frühstücksbuffet verführen uns frische Himbeeren, Heidelbeeren, Erdbeeren und eine verwirrend große Auswahl an Cerealien, dazu Brötchen, Croissants und Aufschnittvariationen. Gern würden wir bis mittags sitzen bleiben, denn im Hotel Rungholt wird das Frühstücksbuffet erst abgeräumt, wenn auch der letzte Langschläfer seine Chance hatte. Doch um 08.30 Uhr werden in der Lobby die Seminarunterlagen ausgeteilt und es wird langsam ernst. Nachdem wir verstanden haben, dass es DURCH das Restaurant zum Tagungsraum geht und wir kurz überlegt haben, ob vielleicht ein Seminar wie „Nie wieder orientierungslos“ eine größere inhaltliche Relevanz für uns hätte als die hier geplanten Themen, kann es los gehen.

Das Ziel lautet: mehr Souveränität. Es sind ausschließlich Frauen zwischen Anfang 20 und 50 anwesend. Die Trainerin Katja Kerschgens hat einen ungewöhnlichen Eisbrecher für uns vorbereitet. Jede schreibt drei Eigen-schaften oder Hobbys auf bunte Kärtchen, zwei sollen der Wahrheit entsprechen, eine davon eine glatte Lüge sein. Die Kärtchen befestigen wir mit Klebeband an unserer Kleidung und gehen damit auf die „Spielwiese“ vorn bei den Flipcharts. Wir laufen durcheinander, bis Frau Kerschgens „Hupe“ ertönt (sie geht durch Mark und Bein und wird allein von ihren Stimmbändern erzeugt – beängstigend). Jetzt erzählen wir unserem spontan gefundenen Gegenüber etwas über unsere drei Begriffe mit dem Ziel, auch die Lüge als Wahrheit zu verkaufen. Denn das Gegenüber vermerkt am Ende ein „L“ auf dem Kärtchen mit der vermeintlich enttarten Lüge. Anfangs fällt es mir schwer, damit zu überzeugen, dass ich leidenschaftlich gern Camping betreibe, kassiere jedoch am Ende auch zwei „Ls“ auf meinem Kärtchen mit der Aufschrift „Yoga“. Interessante Erkenntnis aus diesem ersten Spiel: Je öfter ich eine Lügen-geschichte erzähle, desto besser und überzeugender werde ich. Das Eis ist gebrochen, die Kärtchen dürfen wir abnehmen und der Rest des Vormittags vergeht mit lebhaften Diskussionen und weiteren Ausflügen auf die Spielwiese.

Mittags wird ein 2-Gänge-Menü serviert. Der Spieß von Edelfischen an Risotto holt uns auf angenehme Weise wieder in die Realität zurück. Anschließend haben wir noch eine knappe halbe Stunde Zeit, bis es weitergeht – das ist nicht viel, aber ich brauche dringend eine Dosis Nordseeluft. Eine kleine Runde bis zur Sturmhaube und zurück reicht für das Gefühl, dass es, zumindest für diesen einen Moment, keinen schöneren Ort gibt. Der Wind verwirbelt Heideland-schaft, Dünen und Meer zu einem Duft, der das edelste Parfum wie einen miesen Gestank erscheinen lässt. Ich möchte nicht mehr aus- sondern nur noch ein-atmen, um keine Sekunde davon zu verpassen. Die Sonne scheint, unter mir liegt der Strand. Könnte bitte jemand kurz die Zeit anhalten?

Frau Kerschgens hat weitere Übungen für uns vorbereitet und am Ende einen Test, der unsere „Antreiber“ ans Tageslicht bringen soll, so dass wir gegebenen-falls mit „Erlaubern“ gegensteuern können. Die Feedback-Runde lässt eindeutig den Eindruck entstehen, dass jede etwas mitnimmt aus diesem Seminar. Ob es mehr Souveränität ist, wird sich im Alltag zeigen.

Bis zum Sektempfang um 19 Uhr habe ich fast zwei Stunden Zeit. Ich laufe die Kurhausstraße entlang, biege in den Westerweg ab und dann in die Dünen. Der Wind lässt keinen Platz für negative Gedanken. Wer wichtige Entscheidungen treffen will oder nicht weiter weiß, sollte unbedingt an einem stürmischen Tag an die Nordsee kommen. Die vollständige Abwesenheit schlechter Schwingungen macht mich ganz kribbelig. Ich möchte hier und jetzt mein Leben verändern, mir eine Hütte am Strand bauen und nur noch tun, wozu ich Lust habe. Ich fange damit an, die Uwe-Düne zu erklimmen. Hier oben empfängt mich der Wind ungebremst. Meine Frisur ist mir egal. Außer mir ist kein Mensch auf der Plattform, ein seltener Moment. Ich setze mich auf eine Bank, genieße die Aussicht und schließe dann die Augen. Lausche der Natur. Spüre das Kribbeln. Denke einfach mal an nichts. Glück kann so einfach sein.

Bei Sekt und Canapées lerne ich Claudia Hovermann kennen, zweite Trainerin der morgen beginnenden Chefentlastungs-Konferenz. Ihre direkte Art mit Tendenz zur Frechheit ist mir gleich sympathisch. Zu uns stößt Marita, Frau Hovermann und sie kennen sich von einem früheren Seminar. Als das Taxi eintrifft, das zwei weitere Mädels und mich zur Sansibar bringen soll, schließt Marita sich spontan an. Jetzt sind wir zu viert, gute Anzahl für einen Mädels-abend, allerdings hatten wir nur für zwei reserviert. Wir sehen dies als Herausforderung und überlegen uns im Taxi überzeugende Strategien, um auf jeden Fall einen größeren Tisch zu bekommen. Der Fahrer dreht Dean Martins „Greatest Hits“ noch etwas lauter, nachdem er gemerkt hat, dass uns die Musik gefällt und wir vorhaben, einen denkwürdigen Abend zu verbringen.

In der Sansibar schwirrt die Luft. Schöne, reiche, wichtige und zum Glück auch ganz normale Menschen genießen hier den Blick auf die Dünen, die letzten Sonnenstrahlen und das Essen. Wir bekommen problemlos einen größeren Tisch, auch ohne dass Marita sich wie geplant als arroganter Filmstar aus den Staaten ausgibt. Als Apéritif bestellen wir Prosecco mit Cranberry, eine Empfehlung des Hauses. Der üppige Gruß aus der Küche, der vorab dazu gereicht wird, überbrückt die Wartezeit aufs Essen optimal. So auch unsere Gespräche. Wir sind nicht in New York und keine von uns heißt Carrie oder Samantha, doch unsere Diskussion über Küsser, die bis zum Zäpfchen vorstoßen oder Maritas Bericht über Ihre Saunabekanntschaft wären es durchaus wert gewesen, auf DVD mitgeschnitten zu werden. Wir liegen vor Lachen unter dem Tisch und Anna, die Jüngste in unserer Runde – in Manhattan wäre ihr Name Charlotte – gibt regelmäßig unseren heutigen running gag „OH, MY GOSCH!“ zum Besten. Dabei senkt sie theatralisch den Kopf und hält sich die Hand vor die Augen. Es ist wirklich schade, dass kein Kamerateam in der Nähe ist.

Beobachtet werden wir allerdings vom Nebentisch. Wir hatten nicht darüber nachgedacht, wie weit der akustische Radius unserer Runde reicht und der Kommentar: „Bis zum Zäpfchen ist aber auch Scheiße!“ des Herrn vom Vierertisch neben uns bringt uns etwas aus dem Konzept. Hoffentlich haben sie nicht alles gehört! Bis eben schienen sie noch sehr beschäftigt damit, Fondue zu essen. Doch jetzt sind wir im Gespräch. Schnell finden wir heraus, dass es sich nicht um zwei Pärchen handelt, wie wir auf Grund der symmetrischen Geschlechterverteilung angenommen hatten. Die Herren sind Kunden der Damen, die jedoch nicht im horizontalen Gewerbe, sondern in einem Klamotten-geschäft in List arbeiten. Wir erzählen, dass wir wegen eines Seminars hier sind und in der (spontan erfundenen) Pension Erna’s Eck wohnen – man soll ja erstmal vorsichtig sein bei fremden Männern. Stefan, der nach kurzer Zeit von uns den Spitznamen Jürgen bekommt (abgeleitet von Jürgen Drews, dem König von Mallorca, in diesem Fall natürlich von Sylt – nach mehreren Prosecco und Weinschorlen ein durchaus logischer Gedankengang), fängt dann auch ziemlich schnell an, mich Ramona zu nennen und bringt mit seinem triefigen Blick meine Nackenhaare in Alarmbereitschaft. Als wir den Weinkeller besichtigen dürfen – Babsi vom Nebentisch kennt nämlich alle wichtigen Leute auf der Insel und hat das mal für uns klargemacht – kommt Stefan/Jürgen natürlich mit. Während wir hinter der Bar entlang zur Kellertreppe gehen, frage ich mich kurz, ob das jetzt vielleicht ein Trick ist, um die laute Frauenrunde los zu werden und im Unter-geschoss einzusperren, bis der letzte Gast in Ruhe seinen Wein ausgetrunken hat. Wenn dem so wäre, würde es uns hier unten zumindest an nichts fehlen. Neben unzähligen Flaschen lagern hier auch einige feine Delikatessen. Wir machen fleißig Fotos und verhalten uns dabei nur minimal peinlich. Anschließend dürfen wir wieder nach oben. Glück gehabt. 

Am Nebentisch gibt es Kaiserschmarrn mit Heidelbeersahne zum Dessert. Ich bin zwar satt, aber bei dem Anblick muss ich mir wirklich Mühe geben, nicht auf den Tisch zu sabbern. Heidi ist etwas forscher als ich und sitzt schon mit einem Löffel bewaffnet neben Stefan. Ich hätte nicht wie ein verhungerter Welpe gucken sollen, denn nachdem Heidi ein Löffelchen probiert hat, fordert sie mich auf, auf ihrem Schoß Platz zu nehmen. Ihre Stimme duldet keinen Widerspruch. Etwas zögernd stehe ich auf und setze mich – neben Stefan – auf ihren Schoß. Es gibt einen Löffel von Heidi von links. Und einen Löffel von Stefan von rechts. „Ich prostituiere mich für Kaiserschmarrn mit Heidelbeersahne,“ schwirrt es mir durch meinen beschwipsten Kopf. Es schmeckt hervorragend. Aber eine Millisekunde lang stelle ich mir vor, welcher Film möglicherweise gerade vor Stefans innerem Auge abläuft. Und sitze dann ganz schnell wieder an meinem Platz. So lecker kann kein Nachtisch sein.

Babsi kennt nicht nur alle wichtigen Leute auf der Insel, sie trägt auch Klamotten und Schmuck für geschätzte 50.000 Euro am Leib. Damit weckt sie zwar das Interesse meiner labelverrückten Kollegin Heidi, macht sich aber auch ganz schnell unbeliebt. Auf Heidis Frage: „Oh, ist das die J12 von Chanel?“ (Für die Swatchträger: eine weiße Keramikuhr, Neupreis rund 4.000 Euro), antwortet Babsi: „Nein, ZUM GLÜCK nicht! Das ist die Submariner mit Diamant-lünette!“ (Noch mal für die Unwissenden: eine Rolexuhr, Neupreis über 20.000 Euro). Babsi hat sich soeben eine Feindin fürs Leben gemacht. Als sie wenig später auch noch auf einen Stuhl steigt, damit wir ihre strassbesetzte Jeans besser sehen können (laut Heidi kostet die ca. 500 Euro), ist es endgültig vorbei. Noch Tage später wird Heidi sich über diese unverschämte Labelschlampe echauffieren. Es kommt zum Glück nicht zum Eklat, denn ringsherum werden schon die Tische gewischt und die Kerzen ausgepustet. Hocherhobenen Hauptes stolziert Heidi in ihrem Burberry-Trench und mit ihrer Louis-Vuitton-Speedy am Arm an Babsi vorbei und registriert genau deren Röntgenblick, der diese edlen Stücke so gern als billigen Fake enttarnen möchte. Mir entgeht dieser Zickenkrieg in dem Moment völlig, denn ich bin schockiert von dem, was Anna mir gerade geflüstert hat. Stefan hat sie in einem unbeobachteten Augenblick im Weinkeller doch tatsächlich gefragt: „Kannst du mir bei ihr ein bisschen helfen?“ Mit „ihr“ war ich gemeint. Ja, sind wir denn hier in der Grundschule?! Was genau er unter „helfen“ verstanden hätte, werden wir nie herausfinden, denn Anna hat sehr souverän entgegnet: „Vergiss es, sie ist in festen Händen.“ Danke, Anna.

Donnerstag

Am nächsten Morgen werde ich wieder daran erinnert, dass ich nicht nur zum Spaß hier bin. Welcher Vollidiot spielt hier in meinem Zimmer auf einer verdammten Klampfe? Ach so. Die Harfe. Snooze. Mein Kaltschaumlager lässt mich nicht raus. Chefentlastung, wen interessiert das schon? Mich nicht. Dem ist doch sowieso nicht mehr zu helfen. Da müsste er schon selbst auf eine ganz andere Art von Seminar gehen. „Nie wieder Arschloch – so bekommen Sie die Mordgelüste Ihrer Mitarbeiter in den Griff“, zum Beispiel. Vielleicht lerne ich heute, wie ich ihm so etwas als konstruktiven Vorschlag verkaufen kann. Das ist doch ein Grund, aufzustehen.

Schlagfertigkeit ist das, was einem meistens eine halbe Stunde zu spät einfällt. Daran wollen wir heute arbeiten. Das Thema gefällt mir. Bei der nächsten Übung auf der Spielwiese sollen wir uns gegenseitig böse und unsachlich beleidigen. Das Opfer muss dann versuchen, souverän und schlagfertig zu reagieren. Die einfachste Antwort: „Wie meinen Sie das?“ Nicht gerade die Krone der Schlag-fertigkeit, aber immer noch besser als rot anzulaufen und nur ein Stottern hervorzubringen. Ich stelle fest: reagiert mein Opfer auf meine Beschimpfungen mit Unsicherheit und windet sich auf der Suche nach einer Antwort, bin ich versucht, die entstehende Pause mit weiteren Beleidigungen zu füllen. „Das war ja wieder totale Scheiße, was Sie da fabriziert haben!“ – große Augen, erstaunter Blick, das Opfer ringt nach Worten. Na gut, dann lege ich mal nach. „Am liebsten würde ich Sie auf der Stelle feuern!“ Wow, das macht irgendwie Spaß, stelle ich etwas erschrocken fest. Dieser Rollentausch ist doch wirklich sehr erhellend. Mentale Notiz: Jede mit lauter Stimme und selbstbewusster Körperhaltung vorgetragene Antwort ist besser als verdutztes Schweigen. Es geht nicht nur darum, ob unser Chef ein Arschloch ist, sondern auch darum, ob wir ihn eins sein lassen.

Der Nachmittag wird mit einer kleinen Outlook-Schulung nur mäßig spannend. Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist blau, der Wind hat deutlich nach-gelassen. Ich werde ganz hibbelig, wenn ich aus dem Fenster schaue. Als Frau Hovermann Schluss macht, bin ich als Erste aus der Tür. So schön es gestern Abend mit den Mädels war – an den Strand möchte ich allein. Im Augenblick kann ich mir nichts Besseres vorstellen, als im Strandkorb einfach mal die Klappe zu halten und nur dem Meer zuzuhören. Nahe der Sturmhaube führt eine Treppe hinunter an den Strand. Die Nachmittagssonne glitzert hell auf der Nordsee. Strandkorb Nr. 276 ist meiner. Ich lehne mich zurück, blinzle ein wenig in die Sonne und schließe die Augen.

Ich wache auch ohne Harfenklänge wieder auf. Ein von Meeresrauschen begleitetes Nickerchen wirkt besser als jede Wellness-Behandlung. Die Augen aufzuschlagen und direkt aufs Meer zu schauen ist ein Gefühl, das es mir schwer macht, den Strandkorb zu verlassen. Nr. 276, es war schön mit uns, aber ich muss gehen. Vielleicht sehen wir uns wieder, warte hier auf mich…

Ich habe gerade noch Zeit, mir auf meinem Zimmer schnell etwas Abend-taugliches überzuwerfen. Um 18.30 Uhr versammeln wir uns vor dem Hotel, um mit dem Bus nach List zu fahren. Etliche Seminarteilnehmerinnen haben sich aus diesem Programmpunkt ausgeklinkt, auch ich war versucht, den Abend allein zu verbringen, zum Teil am Strand, zum Teil im Spabereich des Hotels und danach gemütlich auf meinem Zimmer. Keine leichte Entscheidung. Letztendlich hat mein Hunger sie getroffen. Das Drei-Gänge-Menü auf dem Hafendeck bei Gosch gibt ihm Recht. Wir genießen es mit Blick auf die Nordsee und währenddessen nutzen Anna und ich die Gelegenheit, Sandra von unserem gestrigen Abend zu berichten. Auch die Umsitzenden zeigen durchaus Interesse für die Story und so sind alle gut im Thema, als es mir beim Nachtisch kurz die Sprache verschlägt. Er trägt einen auffälligen grünen Pulli und steuert zielstrebig auf uns zu. Oh my Gosch. What the f…?! „Hi, falls ihr nächste Woche noch hier seid, könnt ihr ja zu dieser Ausstellung kommen.“ Stefan legt ein paar Flyer mit komischen Bildern drauf auf unseren Tisch. Ein besserer Vorwand ist ihm wohl nicht eingefallen. Leider müssen wir ja morgen schon abreisen. Sorry, Stefan.

Er zieht zum Glück recht schnell wieder Leine. Ich bin einigermaßen perplex und reagiere auf die Kommentare meiner Tischgesellschaft nur mäßig schlagfertig. „Na, was haste denn mit dem gemacht?“ – „Gar nichts…!“ Zum Glück ist Frau Kerschgens nicht in der Nähe, womöglich hätte sie mir am Ende das Teilnahme-zertifikat verweigert. Die Runde Coladas aufs Haus hätte zu keinem passenderen Zeitpunkt serviert werden können. Sie passen exzellent zu dem Eierlikör, den wir schon intus haben. Nach diesem Absacker machen wir uns auf den Rückweg zum Hotel. Als ich in meinem Zimmer die Vorhänge schließe und einen letzten Blick auf die nächtliche Dünenlandschaft werfe, prüfe ich kurz, ob ich unten im Garten irgendwo einen grünen Pulli sehen kann, dessen Träger mir vielleicht ein kurzes Ständchen bringen will. Es ist niemand da. Nur der ganz normale Verfolgungswahn. Wen wundert das.

Freitag

Nach dem Frühstück müssen wir schon auschecken. Das Wetter ist perfekt für ein Wochenende am Meer, das Hotel bereitet sich auf die Ostergäste vor. Heute Abend wird einiges los sein auf der Insel, die Saison startet. Und unser Zug fährt um 16.22 Uhr. Das ist nicht gerecht. In der Mittagspause genieße ich jede einzelne Minute im Strandkorb des Hotelgartens und hoffe, dass Nr. 276 davon keinen Wind bekommt. Dieses Exemplar ist einfach eine andere Liga.

Ich könnte hier ewig sitzen bleiben. Immerhin reicht die Zeit, um eine frische Gesichtsfarbe mit nach Hause zu nehmen. Bei Frau Kerschgens lernen wir noch einiges über die Kunst der Selbstvermarktung, nach der obligatorischen Feedback-Runde ist pünktlich um 15.30 Uhr Schluss. Ins Taxi. Zum Bahnhof. Und rein in die überfüllte Nord-Ostsee-Bahn aufs Festland. Als wir über den Hindenburgdamm fahren, ist Ebbe.

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