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Aufschlag Berlin

21 Jun

Montag   Wo bleibt das verdammte Gewitter, wenn man eins braucht? Heute ist ein Turnbeuteltag. Ich fühle mich ein bisschen wie damals, in der fünften, siebten oder zehnten Klasse. Turnbeuteltage waren schlechte Tage. Miefige Umkleideräume und miese Sportlehrer mit Klemmbrett in der Hand und ohne die kleinste Schweißperle auf der Stirn in Kombination mit pubertierenden Klassenkameraden – ein Boot Camp ist nichts dagegen. Heute lasse ich mich regelmäßig und freiwillig von hübsch durchtrainierten und nass geschwitzten Trainern im Studio anbrüllen und werde nur noch selten mit meinem Turnhallentrauma konfrontiert. Volleyball habe ich immer gehasst. Es fiel einfach zu sehr auf, wer mit dem Ball umgehen konnte und wer nicht. Ich versemmelte jeden Aufschlag und rieb mir, den Blick hoffnungsvoll zur Hallenuhr gerichtet, die schmerzenden Unterarme. Mein Ziel war es, das Ende der Sportstunde zu erreichen, ohne einen Ball ins Gesicht bekommen zu haben. Es gelang mir nicht immer.

Fast zwanzig Jahre später stehe ich nun mit den nackten Füßen im Sand auf dem Gustav-Stuhlmacher-Sportplatz und suche ein letztes Mal den Himmel nach schwarzen Regenwolken ab. Vergeblich. Wir haben einen Ball, wir haben ein Netz und wir sind vollzählig. Wir werden jetzt Beachvolleyball spielen. Zumindest werden meine anwesenden Kollegen das tun. Mich beschäftigen zwei Fragen:

  1. Wieso gerate ich als volljähriger und selbständig Entscheidungen treffender Mensch in Situationen, die unangenehmste Teenager-Erinnerungen in mir wecken?
  2. Ob ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund heute vielleicht besser Volleyball spielen kann als damals in der Turnhalle?

Frage Nummer Zwei beantwortet sich mir beim ersten Ballkontakt. Ich habe ihn so lange wie möglich hinausgezögert, aber als der Ball direkt auf mich zu fliegt und niemand aus meinem Team sich übertrieben motiviert in die Bahn wirft, strecke ich die Arme aus und hoffe auf ein Wunder. Meine Annahme kann man wohl weder als Baggern noch als Pritschen bezeichnen und es braucht auch keinen Schiedsrichter, um zu entscheiden, dass der Ball außerhalb des Spielfelds landet. Ich bin mir sicher, am Gesichts meines Chefs ablesen zu können, dass er sich nun ebenfalls fragt, warum er ausgerechnet MICH für unsere Mannschaft ausgewählt hat.

Anna macht den nächsten Aufschlag. Lässig befördert sie den Ball über das Netz, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes tun. Auf ihrem Shirt könnte ebenso gut stehen: „This is how you do it, loser!“ Es gibt im Leben immer eine Anna. Als wäre die Situation nicht schlimm genug und das Ego bereits ein Häufchen Elend – eine Anna setzt immer noch einen drauf. Mit einem unangestrengten Lächeln und schwingendem Pferdeschwanz rettet sie den Ball vor dem Aus, weiß sie die Antwort auf die Frage, die Normalsterbliche sprachlos macht, schwebt sie an den coolen Jungs an der Theke vorbei, während andere auf ihren 2 cm hohen Absätzen umknicken. Was die Jungs zum Glück nicht sehen, denn sie schauen ja Anna an. Die meisten Annas kann man nichtmal in Ruhe hassen, weil sie auch noch irgendwie nett sind.

Nach knapp zwei Stunden beendet Anna unser Training und meine Verzweiflung mit der Ansage: „Mir wird kalt.“ Sie meint damit: „Ich stehe hier nur rum, weil ihr Idioten einfach nicht spielen könnt, also lasst uns endlich aufhören.“ Kollegin Crissie und Olaf, unser Chef, sind auch keine Leuchten in diesem Sport, allerdings nicht ganz so frei von Ballgefühl wie ich. Bis übermorgen bin ich erlöst, dann steigt das Turnier in Berlin. Ich streiche über meine geschwollenen Handgelenke wie ein verwundetes Tier und durchforste mein Hirn weiter nach möglichen Exit Strategien. Mein Kopf tut weh, obwohl er keinen Ball abbekommen hat. Ich will nach Hause.

*

Mittwoch   Schlechtes Wetter ist auch keine Lösung. Das Turnier wurde von den Organisatoren einfach in die Halle verlegt. Da kann nichts mehr passieren. Ich habe weder einen Magen-Darm-Infekt noch eine Grippe und die Blutergüsse an meinen Armen reichen leider nicht für eine Disqualifikation. Meine letzte Hoffnung ist, dass sich ein Selbstmörder vor unseren Zug wirft und wir es gar nicht erst nach Berlin schaffen. Aber es ist mitten im Sommer und derartige Zwischenfälle häufen sich ja eher gegen Jahresende. Dann vielleicht eine technische Panne?

Der ICE kommt pünktlich, wir sind vollzählig am Gleis versammelt. Olaf überlegt kurz (und ernsthaft), ob wir den nächsten Zug 20 Minuten später nehmen sollen, weil dieser hier ohne Speisewagen fährt und er sich schon so auf das Hühnerfrikassee aus der Bordküche gefreut hat. Ich bin für jede Verzögerung zu haben. Nach einem kurzen Briefing durch das Zugpersonal bittet er uns dann doch einzusteigen, es gäbe noch Currywurst im Bistro. Na dann.

In Wagen 43 ist die Klimaanlage defekt, die Temperatur beträgt gefühlte 35 Grad. Wir laufen dreimal durch den gesamten Zug, bis wir zu der Entscheidung gelangen, dass Crissie und ich uns einen Platz suchen, während Anna mit Olaf im Bistro bleibt. Auf einen Kaffee. Ihren Pappbecher vom Bahnhofsbäcker hat sie vor zwei Minuten im Mülleimer entsorgt. Anna mag Kaffee.

Mit nur zehn Minuten Verspätung erreichen wir den Berliner Hauptbahnhof. Im Taxi schöpfe ich wieder Hoffnung: Unsere Fahrerin reagiert auf die Zielangabe leicht gestresst und holt ihren zerfledderten Kauperts Straßenatlas aus dem Handschuhfach hervor. Wir müssen ins Märkische Viertel. Ein Navigationssystem besitzt sie nicht. Sie fährt einen Großteil der Strecke im zweiten Gang und schimpft fortwährend über den Berliner Verkehr, doch sie liefert uns pünktlich vor dem BeachCenter ab. Also doch ein Turnbeuteltag. Auf in den Kampf.

In unseren kurzen Hosen und Team-Shirts erkunden wir das Gelände. Karibischer Sand, kühle Getränke, Liegestühle – es könnte so herrlich sein hier, wären keine Bälle anwesend. Ich entscheide mich für ein Schöfferhofer Grapefruit. Ein wenig Alkohol kann nicht schaden, dann kann ich meine Unfähigkeit zumindest teilweise darauf schieben. Als Olaf zu uns stößt, bewundert er zunächst unsere Outfits, sehr bemüht, nicht auf Annas Brüste zu starren, über denen sich ihr weißes Shirt in Größe S sichtbar spannt. Wir starten mit einem Testspiel. Ich bekomme die Position am Netz und die Ansage, dort zu bleiben. Meinetwegen, ich reiße mich nicht darum, Aufschläge zu machen. Oder etwas, das ansatzweise so aussieht. Das Netz ist irgendwie zu hoch. Und der Sand zu tief. Ich könnte ebensogut ein paar Sonnengrüße turnen, während die anderen das Spiel machen. Vielleicht würde das zumindest den Gegner ablenken.

Das erste Spiel verlieren wir 15:4. Nach unserer zweiten Niederlage lasse ich mich am Rand des Spielfelds massieren. Wenigstens diese zehn Minuten kann ich genießen. Ich habe mich zwar gegen die Sonnengrüße entschieden, doch die weiteren Spiele machen Olaf und Anna quasi allein. Sie stürzen sich auf jeden Ball, so dass Crissie und ich Mühe haben auszuweichen. Wir verlieren trotzdem jedes Mal. Ich bin froh, als wir ausgeschieden sind und schaue voller Bewunderung den Teams in den Finalrunden zu. So sieht das also aus, wenn es läuft. Ob das Spaß macht?

Gegen 23 Uhr löst sich die Veranstaltung auf. Mir ist danach, ins Hotel zu fahren und ins Bett zu fallen. Crissie pflichtet mir bei. Hoffnungsvoll wendet Olaf sich an Anna. Sie trägt einen ziemlich kurzen Rock und ein ziemlich weit ausgeschnittenes Top. „Wenn wir jetzt ins Bett gehen, können wir auch zurück nach Hamburg fahren“, blafft sie. „Also entweder, wir gehen feiern oder wir fahren nach Hause.“ Olaf schaut sie an wie ein Hündchen, das sich aufs Gassigehen freut. Vielleicht wird der Abend noch interessant. Und mein Zimmer im Holiday Inn ist zwar eine Suite, aber so gemütlich wie im Krankenhaus. Dann eben feiern.

Olaf meint, wir müssen in die Bravo Bar. Der Laden steht anscheinend als erstes auf seiner fragwürdigen Liste der angesagten places to be von Berlin. Es ist ganz gut was los für einen Mittwochabend, aber wir sind ja auch nicht in Hamburg. Außer uns sind noch ein paar Mitglieder einer gegnerischen Mannschaft anwesend. Die beiden Chefs der Truppe, Sven und Niko, wollen es heute Nacht offentsichtlich ebenso wissen wie Olaf. Familienväter auf Freigang. Fremdschämen für Fortgeschrittene. Sven trägt eine Top Gun-Fliegerjacke und hält sich für mindestens so atttraktiv wie Tom Cruise in seinen besten Jahren. Er fragt Anna über ihren Job aus und nennt sie in jedem Satz beim Namen. Vielleicht hat er Neil Strauss‘ „The Game“ gelesen. Anna scheint es nicht zu stören. Niko hat eine osteuropäische Blondine im weißen Marilyn Monroe-Kleid aufgegabelt, die ihn gern – wohin auch immer – mitnehmen würde. Er lehnt zum Glück ab.

Olaf ist nicht zufrieden. Er möchte weiter in die King Size Bar. Der nächste Schuppen auf seiner Liste. Von der Bravo Bar sind es zu Fuß nur ein paar Minuten. Vor dem Laden hängen Menschen herum, deren schwarze lange Haare direkt in ihre schwarze Kluft überzugehen scheinen. Durch die Tür dringt undefinierbare Musik. Neben uns wartet ein Taxi. Crissie und ich überlegen, ob wir einsteigen und ins Hotel zurück fahren, als wir feststellen, dass der schwarzhaarige Türsteher unsere Kollegen nicht in die Bar lassen möchte. Wahrscheinlich sind sie zu bunt angezogen. Also wieder zurück in die Bravo Bar. Ich schiele zum Taxi. Es ist mittlerweile nach 2. Olaf, Sven, Niko und Anna sehen Crissie und mich fragend an. „Wir können Anna doch nicht mit den Männern allein lassen“, sage ich. „Mir macht das nichts aus“, antwortet Anna. „Ich bin meistens nur mit Typen unterwegs.“ Ich tausche einen Blick mit Crissie. Sie lässt mich entscheiden. „Okay, dann kommen wir noch mit.“

Die Tür der Bravo Bar ist verschlossen. Olaf klopft und winkt durch das Guckloch. Ohne Erfolg. Als wäre die Szene nicht schon lächerlich genug, gesellen sich noch drei Männer zu uns, die ebenfalls hinein wollen. Sie drängeln sich zur Tür durch. „Ihr müsst euch richtig zum Affen machen“, erklärt der eine. „Haben wir schon“, antworte ich. „Oh Mann, da drin läuft Adele“, beschwert er sich. Er spricht es „Adell-e“ aus.  „Das ist mein Lieblingslied!“ Er fängt an zu tanzen. Endlich geht die Tür auf.

Eine halbe Stunde später ist mein Glas leer und das Maß voll. Eine Armlänge neben mir lehnt Olaf an der Wand und lässt sich von einer nichtmal schönen Unbekannten über das locker sitzende Hemd streichen. Ich muss hier raus. Crissie ist sofort dabei. Auf dem Weg zum Ausgang sage ich Anna Bescheid, die mit Niko an der Bar sitzt. „Wir wollen los.“ Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Ohne Olaf?“ fragt sie. Es klingt fast entrüstet. Ich nicke. Sie deutet auf ihr halbvolles Getränk. „Ich bleibe noch.“ War ja klar.

*

Donnerstag   Um 9 Uhr treffen wir uns in der Lobby. Olaf ist längst auf dem Weg nach Hamburg. Termine. Anna erscheint mit Sonnenbrille an der Rezeption. War wohl noch eine harte Nacht. Im Taxi erzählt sie, dass Olaf und sie kurz nach uns zurück ins Hotel gefahren wären. Übrigens dürfe sie im nächsten Jahr die Beachvolleyball-Mannschaft zusammenstellen. Es mache ja einfach mehr Spaß mit Leuten, die auch wirklich Lust haben zu spielen. Dann hätten wir wenigstens mal eine Chance. Ach ja, Sven und Niko haben sie außerdem zu ihrer nächsten Firmenfeier eingeladen. Wie schön, Anna. Vielleicht hast du Glück und es sind nur Typen anwesend.

Auch wenn es nicht das schlechteste Vorhaben ist, ernsthaft an meinem Ballgefühl zu arbeiten und damit ein Kindheitstrauma zu bewältigen, wird der nächste Beachvolleyball-Cup ohne mich stattfinden. Die einzigen Cups, die mich in Hochstimmung versetzen, enden auf -cakes.

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Nicht die Braut

12 Aug

Als ich am Freitagnachmittag um kurz vor Zwei den stylischen Salon im Souterrain der weißen Villa betrete, ist mir nicht bewusst, dass ich dabei bin, einen persönlichen Rekord aufzustellen. Ich blättere durch mehrere Zeitschriften, lasse mir von Yvette den Kopf mit silbernen Folien präparieren, so dass ich glaube, Signale aus dem All empfangen zu können, während sie mir Geschichten aus ihrem Leben erzählt. Als sie damit fertig ist, betrachte ich mich im Spiegel. Schwarzer Polyester-Schonumhang, die Augen halb verdeckt von einem abstrakten Kunstwerk aus Haaren, Klammern und Aluminium, gekrönt von einer Trockenhaube, die meine Ohren röstet. Normal ist das irgendwie nicht.

Vom Metall befreit, entspanne ich mich ein Weilchen später bei einer hervorragenden Kopfmassage und einer Redken-Kur, die natürlich anders ist als alles, was mein Haar bisher erlebt hat. Dann macht Yvette sich ans Schneiden. Enrico, Auszubildender im zweiten Lehrjahr, übt derweil Flechten, erst an einem Puppenkopf, dann an seiner Kollegin Ramona und jetzt an mir. Ich habe mir eine romantische Zopffrisur gewünscht, weil ich morgen auf eine Hochzeit eingeladen bin. Enrico, mit Hilfe von Redken ca. 15 cm größer, als er eigentlich ist, trägt einen großen Brilli im Ohr und wirkt zunächst nicht so sicher, wie ich mir den Haarkünstler für dieses Vorhaben vorgestellt habe. Doch er hat so liebevoll an seinen Modellen geübt und streicht mir bei seinen ersten architektonischen Überlegungen so sanft über die Stirn, dass ich beschließe, ihm zu vertrauen. Er kämmt meine frisch gesträhnten Locken und berät sich mit Ramona und Chef Michi über die möglichen Flechtwege. Endlich legt er über meinem rechten Ohr los.

Meine Verabredung mit Joan habe ich bereits per SMS von 16.30 auf 16.45 Uhr verlegt, doch ich habe starke Zweifel, dass ich sie einhalten werde, denn als Enrico mir den ersten Teil seines Kunstwerkes zeigt, ist es schon halb Fünf. Und es sind noch reichlich Haare übrig, die hinter dem hübschen Zöpfchen quer über meinem Oberkopf zu Berge stehen. Ich vertröste Joan noch mal auf später und fordere Enrico auf, sich Zeit zu lassen: „Hauptsache, es sieht gut aus.“ Er werkelt fleißig weiter. Es ziept. „Trägst du morgen noch Schmuck im Haar?“ fragt Enrico, „Blumen oder Schleifen?“ Ich winke ab: „Ich bin ja nicht die Braut!“ Der Junge bringt mich noch auf Ideen… Als er vorschlägt, aus vielen kleinen Zöpfen an meinem Hinterkopf einen „ganz heftigen Dutt“ zu konstruieren, fängt Kollegin Ramona ihn zum Glück wieder ein und bohrt zum Abschluss dezente Haarnadeln in mein Haupt, dann darf ich mich im Spiegel rundum bewundern. Mittlerweile ist es halb Sechs. Mit Abstand mein persönlicher Rekord für einen Friseurbesuch, der sich an der Kasse sogleich wiederholt. Enrico steht daneben und betrachtet mich verträumt. „Wie sieht dein Kleid aus?“ fragt er. „Lila“, antworte ich. Er guckt mich weiter erwartungsvoll an. Hat er mit einem klangvollen Namen als Antwort gerechnet, Armani, D&G, Gucci oder wenigstens Paul & Joe? Sieht er sein Werk verschwendet als Dekoration für einen Look ohne Label? Immerhin ist an seinem Arbeitsplatz die InStyle stets in Reichweite. Ich beschreibe ihm mein Kleid etwas genauer, bis er halbwegs zufrieden zu sein scheint. Beim Verlassen des Ladens überlege ich, wann ich zum letzten Mal mit so viel Hingabe meinen Job gemacht habe wie Enrico.

Es fällt mir nicht ein.

Kinoerlebnis: Die 4. Dimension

5 Jul

Es gibt Tage, an denen ich lieber im letzten Jahrhundert leben würde. Zum Beispiel am Kinotag. Ich liebe die kleinen, altmodischen Kinos, die älter sind als ich, übersichtlich und auf deren Internetseiten nirgendwo das Präfix „multi“ vorkommt. Ich mag ihre Foyers, in denen es oft eine Bar gibt, an der man Getränke in echten Gläsern bekommt, die man vor dem Film in einem gemütlichen Sessel schlürfen kann. Ich mag das Gefühl, mich in einem Theater zu befinden und nicht in einem futuristischen Neubau, dessen Name auf -plex oder -maxx endet. Mit dieser irgendwie eleganten Atmosphäre beginnt für mich das wahre Kinoerlebnis. Für den Mann meines Herzens beginnt es mit Block-bustern auf möglichst großer Leinwand. Daher befinden wir uns heute im Cinemaxx Dammtor. In Saal 6 läuft um 21.00 Uhr „Hangover 2“. Die Karten sind mit 7 Euro pro Stück heute ein echtes Schnäppchen, die Schlangen vor Toiletten und Snackständen halten sich in erträglichen Grenzen. Das Popcorn ist allerdings pappig wie immer. Der Kunde ist ja auch selber schuld, wenn er 4 Euro für eine mittlere Portion gesüßtes Füllmaterial ausgibt, dieses dann emotionslos in sich hinein stopft und dabei abwechselnd denkt: „Wie viele Kalorien sind das jetzt eigentlich?“ und sich fragt, welchen Zuschauer er mit dem nächsten ungenießbaren Stück Futtermais bewerfen könnte.

Reihe D ist schon recht gut besetzt, als wir unsere Plätze einnehmen, und wir müssen einen etwas fülligen Herrn von meinem Sitz 9 verscheuchen. Er rutscht sogleich einen Platz nach links, vergisst aber leider, seine hier gesetzte Duft-marke mitzunehmen. Die Klimaanlage bläst viel kalte Luft von oben und ich hoffe, dass dieser olfaktorische Zustand vorübergehender Natur ist. Ich kann unmöglich zweimal hintereinander so viel Pech haben – die Erinnerung an gefühlte vier Stunden „Pirates of the Carribean – Fremde Gezeiten – Maxximum 3D“ mit kostenloser vierter Geruchsdimension Marke Käsefuß vor einigen Wochen ist noch sehr lebendig. Nach diesem Erlebnis hatte ich beschlossen, erstens dieses Etablissement künftig zu meiden und zweitens nie wieder aus falschem Schamgefühl darauf zu verzichten, derart müffelnde Mitbürger auf die an Körperverletzung grenzende Belästigung hinzuweisen, die sie ihrer Umwelt durch ihre Ausdünstungen gedankenlos zumuten. Im Fall Käsefuß hätte ein einfaches: „Kannst du bitte deine Schuhe wieder anziehen?“ zu der insgesamt konsequent ungepflegt wirkenden Punkbraut hinter mir gereicht, die im Schneidersitz in ihrem Kinosessel saß und ihre ausgelatschten Chucks, die wahrscheinlich noch aus der ersten Glanzzeit dieser Treter stammten, irgendwo hinter meinem Sitz geparkt hatte. Abgesehen davon, dass es mir absurd erschien, diesen Satz in einem Kinosaal auszusprechen, hatte ich gegenüber der Punkbraut und ihren Begleiterinnen ein ungutes Gefühl. Im Worst-Case-Szenario malte ich mir aus, wie mich zwei der Mädels nach dieser Aufforderung festhielten und die dritte mir einen von den Chucks des Grauens direkt unter die Nase hielt. Schon beim Gedanken daran wurde ich ohnmächtig. Der Gestank blieb von den Umsitzenden nicht unbemerkt, zumindest mit meinem Sitz-nachbarn hatte ich mich darüber kurz ausgetauscht, als ich ein rettendes Parfumpröbchen in meiner Handtasche gefunden und den Inhalt hektisch um mich herum versprüht hatte. Die Wirkung hielt nur kurz an. Niemand unternahm etwas. Während des Films kam der Gestank in regelmäßigen Wellen von hinten herangerollt und setzte sich hartnäckig in den Atemwegen fest. Ich atmete verzweifelt in meine Popcorntüte.

Allen guten Vorsätzen zum Trotz sitze ich nun wieder hier und atme möglichst nah an der Schulter des Mannes meines Herzens rechts neben mir ein, um der intensiven Woge orientalischen Männerschweißes von links irgendwie auszuweichen. Vergeblich. Doch ich kann ihn ja auch schlecht auffordern, sich einen luftundurchlässigen Umhang überzuwerfen oder den Saal zu verlassen – da die Klimaanlage wie immer mit Beginn des Films ihre Tätigkeit eingestellt hat, würde sein aromatischer Körpergeruch sowieso erst frühestens eine halbe Stunde nach ihm seinen Platz verlassen. Ich versuche, mich auf den Film zu konzentrieren und die Sache positiv zu sehen. Als Phil (das ist der Hübsche von den Jungs) in Bangkok auf dem verranzten Apartmentboden wieder zu sich kommt, sich durch sein verschwitztes Haar fährt und nach und nach seine Freunde aufsammelt, passt die Duftnote neben mir ziemlich gut ins Bild. Fast habe ich das Gefühl, der Film würde sich anstrengen, mit dem größtmöglichen Maß an Ekelerregung eine derartige Lappalie wie den Schweißgeruch hochgradig lächerlich wirken zu lassen. Es lenkt mich tatsächlich kurzzeitig von meiner misslichen Lage ab, als der Penis von Mr. Chow auf ungewöhnliche Art und Weise in Szene gesetzt wird und Stu einige Verwicklungen und Zufälle später erfährt, welche seiner Körperöffnungen in der vergangenen Nacht entjungfert wurde – und wovon.

Das Wolfsrudel von „Hangover 2“ hätte wirklich kaum in eines der hübschen kleinen Programmkinos gepasst. Insgesamt war es kein schlechter Abend – es ist ebenso erstaunlich wie unterhaltsam zu beobachten, wie ein Mann in den besten Jahren bei einem derartigen Film aufgeregt ist wie ein 12-jähriger und sich vor bewundernder Begeisterung in den besten Szenen beinahe bepinkelt. Weibliches Gekreische beim Trailer von „Sex and the City 2“ ist nichts dagegen. Zum Glück lief eben dieser Streifen auch im Streits Filmtheater am Jungfernstieg – in der Originalversion und in einem fast leeren, gut gelüfteten Kinosaal. Anschließend nahmen wir noch einen Drink an der Bar im Foyer. Was für ein Abend!

Endstation Barmbek

9 Feb

Der Bahnhof ist eine Baustelle. Vielleicht wird er irgendwann, wenn er fertig ist, einmal schön anzusehen sein – momentan ist er ein trauriger Ort, den man so schnell wie möglich mit der nächsten Bahn in Richtung Eppendorf oder Innenstadt verlassen möchte. Ich steige hier aus der U3 aus und gehe, unter einem Gerüst hindurch und über den noch ungepflasterten Gehweg, hinaus in Richtung Poppenhusenstraße. Lasse Globetrotter links liegen – den Tempel aller Outdoor-Fans, der in der Shoppingwüste Barmbek so deplatziert wirkt wie ein Baumarkt am Nordseestrand. Kurz dahinter liegt das Museum der Arbeit, auf dem großen Platz am Osterbekkanal ist der Bohrkopf T.R.U.D.E. ausgestellt. Ein Relikt aus einer früheren Zeit, das mit seinem stählernen Körper diesem kopfsteingepflasterten Platz keinerlei Leben einhauchen kann, sondern wirkt wie ein Gedenkstein der Ödnis.

Wer den Platz überquert hat, den erwartet der Wanderweg am Osterbekkanal. Ein schmaler Grünstreifen, ein paar Treppenstufen zum leise fließenden Wasser, die im Sommer gern von Kajak- und Kanufahrern genutzt werden, die hier ihre Tour in Richtung Stadtpark, Außenalster oder Eppendorf starten. In östlicher Richtung endet der Kanal nach etwa einem Kilometer in einer Sackgasse. Endstation Barmbek.

Verlässt man den Bahnhof durch den Nordausgang und hat den stets von vielerlei fragwürdigen Gestalten bevölkerten Vorplatz mit den Bushaltestellen hinter sich gelassen, gelangt man zur Fuhlsbütteler Straße, der „Einkaufsmeile“ des Viertels, von den Barmbekern – sollte man liebevoll sagen? – „Fuhle“ genannt. Als erstes fällt das leerstehende Hertie-Gebäude ins Auge, die Fensterscheiben dekoriert mit abblätternden Plakaten, hinter denen im ehemaligen Verkaufsraum die verwaisten Ladenmöbel wie Skelette schon seit Monaten auf ihr ungewisses Schicksal warten.

Schnell wendet man sich ab und gelangt auf der anderen Straßenseite zu den Geschäften, die dem leblosen Kaufhausgebäude zumindest eines voraus haben: sie sind geöffnet. Heißhungrige werden hier schnell fündig und auch wer Drogeriewaren oder lederfreies Schuhwerk benötigt, muss nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Doch viel mehr als ein paar Blümchen oder ein Pfund Kaffee sollte nicht auf der Einkaufsliste stehen. Die Görtz-Filiale an der Kreuzung Hellbrookstraße, die bis vor kurzem wie ein kleiner Gruß aus der City wirkte, hat aufgegeben. Vereinzelte Schmuckstücke wie das kleine Geschäft „Was das Herz begehrt“ oder der urige Fischladen können es leider nicht ändern, dass die Fuhle ihren Besucher in einen leicht depressiven Zustand versetzt und starke Fluchtimpulse in ihm auslöst. Die alteingesessen, überzeugten Barmbeker mögen mir verzeihen.

Ich kann nichts dafür. Jahrelang lag von 9 bis 18 Uhr der Kernbereich der Hamburger Innenstadt vor meiner Bürotür. Mönckebergstraße, Jungfernstieg, Neuer Wall, Große Bleichen. H&M, ZARA, Mango, Esprit. Bagel Brothers, Balzac und Starbucks Coffee, Vapiano. Alsterschiffe, Weinfest, Weihnachtsmarkt, Fleetinsel. Sie alle sind schuld, dass ich mich niemals mit Barmbek werde anfreunden können. Der Stadtteil hat diesen Aufzählungen nichts entgegenzusetzen, er will es auch nicht. Kein einziger coffee shop hat sich hierher verirrt, kein Geschäft, in dem man mehr als 20 Euro ausgeben möchte.

Ich habe versucht, das Positive daran zu sehen – Barmbek verführt nicht zum sinnlosen Konsum, niemand muss einen Kaufrausch und seine Auswirkungen auf die nächste Kreditkartenabrechnung und den häuslichen Frieden fürchten. Die selbst geschmierte Stulle scheint immer häufiger die beste Alternative für die Mittagspause zu sein. Das Konto atmet auf. Doch die Sehnsucht bleibt. Die Sonne kann noch so schön glitzern auf dem Wasser des Osterbekkanals, während Schulkinder auf dem Bohrkopf T.R.U.D.E. herumklettern und das gleichnamige Restaurant seine Sommerterrasse geöffnet hat. Barmbek, unsere Tage sind gezählt.

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