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Die kalte Hand

22 Sep

Die Sonne strahlt und die Luft ist lau. Mein kleiner Neffe fühlt sich pudelwohl auf Deinem Arm, gluckst vor Freude, während Du ihn durch die Luft schleuderst und wieder auffängst. Keine Sekunde lang würde ich daran zweifeln, dass er sicher wieder in Deinem Arm landen wird. Ihr beide juchzt um die Wette, Du rufst abwechselnd „Heeeey“ und „Huuuui“, bis der Kleine vor lauter Kichern kaum noch Luft bekommt. Ein schönes Bild. Doch ich stehe daneben, als würde ich einen schrecklichen Autounfall beobachten. Auch ich bekomme kaum noch Luft. Es tut so weh. Der Kleine ruft Deinen Namen. „Noch mal!“ Ich laufe auf die Toilette, vermeide den Blick in den Spiegel, während ich mich am Waschbecken festklammere. Ruhig atmen. Ganz ruhig. Mein Ausatmen klingt, als wäre ich in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet worden. Womöglich wäre das ein angenehmeres Gefühl. Ich brauche etwa eine Viertelstunde, bis ich den Waschraum wieder verlassen kann. Ich treffe Dich auf dem Flur, Du legst Deinen Arm um mich und gehst mit mir zum Auto. „Alles okay, Maus?“ Du küsst mich auf die Wange, die immer noch ein bisschen glüht von nicht geweinten Tränen. „Geht’s dir gut?“ Ich nicke und lächle dich schief an. „Lass uns nach Hause fahren.“

Es ist kein schöner Tag. Das kleine Stäbchen in meiner Handtasche ist schwerer als ein Felsbrocken. Heutzutage kann man da nichts mehr falsch verstehen, ganz deutlich steht es auf der Anzeige. Schwanger. Ich habe das Stäbchen noch mal geschüttelt, gewartet, minutenlang die Anzeige angestarrt. Sie hat sich nicht verändert. Was sich nun verändern wird, ist mein Leben. Unser Leben. Ich kann es Dir nicht sagen. Wir haben eine klare Vereinbarung. Ich hatte es auf die leichte Schulter genommen, als Du mir gesagt hast, dass Du keine Familie willst. Ich wollte Dich, und der Rest war nicht so wichtig. Es würde sich alles finden. Wir waren doch so glücklich zusammen. Dass Du es wirklich ernst meinst, war leicht zu erkennen gewesen. Die Wohnung, die Du gekauft hast, hätte es nicht deutlicher machen können. Groß und hell, zentral gelegen, loftartig geschnitten. Von der Dachterrasse aus hat man einen einmaligen Blick über die Stadt und kann nachts die Sterne zählen. Meinen Einwand, dass sie im fünften Stock liegt und dass es keinen Aufzug gibt, hast Du ebenso wenig gelten lassen wie die vorsichtige Frage, ob denn mehr Wände und eine normale Raumaufteilung nicht auch ganz schön wären. Du hast Dich in diese Wohnung verliebt, ebenso wie in Dein kleines altes Cabrio, das Du in dieser Gegend meist zwei Straßen weiter parken musst. Es ist das, was Du willst. Und nachdem Du mir am Abend nach der Wohnungsbesichtigung gesagt hast, dass ich Dein Glück perfekt machen würde, wenn ich mit Dir gemeinsam in das Loft im fünften Stock ziehen würde, da hattest Du mich. Es war so ein schönes Gefühl zu wissen, dass Du es ernst meinst mit mir. Du bist ein Mann, der meint, was er sagt. Leider in jeder Hinsicht.

Obwohl meine Lebensplanung eine andere war, habe ich mich auf Deine eingelassen. Der Moment fühlte sich so rosarot an, er war so perfekt. Ein Nein hätte ihn zerstört, eine Diskussion wäre so unpassend gewesen an diesem Abend. Und am nächsten. Und danach. Ich wollte die Zeit mit Dir genießen, ohne nachzudenken. Etwas in mir wusste vielleicht schon, dass es nicht ewig dauern würde. Ich war unvorsichtig. Und so verliebt. Es konnte doch niemand etwas daran ändern, was das Leben für ihn vorgesehen hatte. Was passieren soll, passiert… Ich gab die Verantwortung ab. Für mich. Für Dich. Für uns. Ich wollte nicht, dass dieses zarte Pflänzchen Glück mir entfleucht, indem ich zu viel darüber nachdenke. Es ist medizinisch nicht möglich, aber ich fühle das mikroskopisch kleine Wesen in meinem Bauch und mir wird heiß vor Glück, wenn ich an dieses Wunder denke, das dort entsteht. Die Vorstellung, den Mann verlassen zu müssen, der es gezeugt hat, oder von ihm verlassen zu werden, bereitet mir körperliche Schmerzen.

Dieses kleine Glück, das ich mir mehr wünsche, als ich mir jemals zuvor etwas gewünscht habe – es ist für uns nicht vorgesehen. Etwas muss ich Dich fragen nach diesem  Testergebnis, ich kann nicht gar nichts tun. „Was wäre, wenn?“, frage ich Dich und hoffe, Deine Antwort wird alles ändern. Ich will Dir von dem Ergebnis erzählen, Dir das Stäbchen zeigen, damit Du mich fest in den Arm nimmst und mir ins Ohr flüsterst, dass Du der glücklichste Mann bist auf der Welt. Dass Du Dich darauf freust, diesem Wesen mit mir gemeinsam die Welt zu zeigen. Ich bin so vertieft darin, zu wünschen, zu hoffen und zu beten, dass Deine Antwort erst ganz langsam zu mir durchdringt. Du hast nur kurz überlegt, siehst mich ernst an, und dann sagst Du mir, was ich nicht hören will. Ganz deutlich. Es gibt nichts mehr hinzuzufügen. „Das weißt du doch, Maus“, schiebst Du noch hinterher, es klingt etwas erstaunt. Ich sehe wohl ein bisschen traurig aus. Ein Kunststück, wenn man bedenkt, was in mir passiert. Eine kalte Hand greift nach meinem Herzen und drückt zu. Eine Welt stürzt zusammen, sie hat auf einem sehr wackeligen Fundament gestanden, gebaut auf sehr viel Hoffnung und noch mehr Verzweiflung. Nun ist sie fort. Das kleine Wesen ist noch da, es will leben. Ich will, dass es lebt. Fort sind auch die unbändige Freude, das kaum auszuhaltende Glücksgefühl und die bunten Gedanken an eine Zukunft zu dritt. Sie haben in mir geschlummert, darauf gewartet, dass Du mir eine Antwort gibst, die sie ausbrechen lassen würde. Doch ich muss sie herunterschlucken, einmal, zweimal, dreimal, und dann sind sie verschwunden, haben ein hässliches Loch hinterlassen, eine klaffende Wunde, ein Gefühl wie ein fetter Knoten, im Hals, im Bauch und in der Brust. Ich muss mich abwenden, damit Du nicht sehen kannst, was Deine Antwort und das hässliche Loch mit mir machen.

Ich gehe früh ins Bett und stelle mich schlafend, als Du Dich irgendwann neben mich legst in das Dunkel. Ich bin wie betäubt. Wie durch einen diffusen Nebel kommt mir der Gedanke, dass ich mich nie wieder zum Einschlafen in Deinen Arm kuscheln werde. Der Gedanke tut weh, doch der Nebel schützt mich davor, Dich näher an mich heranzulassen. Du willst auch das kleine Wesen nicht in Deinem Arm halten, obwohl es Dich doch brauchen wird, noch mehr als ich. Mein zermatschtes Herz krampft sich zusammen. Und wieder kommt der Nebel. Zu der Enttäuschung mischt sich Wut darüber, dass Du mir die Freude an diesem Wunder genommen hast, das unser Glück für mich vollkommen gemacht hätte. Das Gefühl der Ohnmacht schnürt mir die Luft ab. Ein paar kleine dumme Zellen in meinem Gehirn flüstern, morgen früh wird alles anders aussehen, nur nichts überstürzen, nicht dramatisieren. Irgendwie wird alles gut werden.

Doch die Nacht bleibt schlaflos für mich. Ich starre in das klebrige Schwarz der warmen Sommernacht und höre nichts als Dein leises Schnarchen neben mir. In mir toben Gedanken, Wünsche, wiederholen sich die Szenen und Gespräche der vergangenen Stunden, Tage und Monate. Die Bilder wechseln so schnell in meinem Kopf, tauchen auf und verschwinden, verdrängt vom nächsten kurzen Film, Vergangenheit jagt die Zukunft, als würden sie alles geben, alles versuchen, damit ich endlich verstehe. Und entscheide. Doch ich liege bewegungslos, starr im Dunkeln, als wäre ich nur ein unbeteiligter Zuschauer dieses wirren Kopfkinos, als hätten die Bilder und Worte nichts mit mir zu tun. Ich schließe die Augen und lege meine Hände aufs Gesicht, als wenn ich dadurch die Gedanken stoppen könnte, die Bilder nicht mehr sehen müsste. Meine Augen und meine Schläfen sind nass. Die Tränen kommen lautlos, laufen meinen Hals entlang und tropfen auf mein Kissen, wo sie bis zum Morgen eine feuchte Erinnerung an diese quälenden Stunden sein werden. Es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf.

Ein furchteinflößendes Geräusch, ein Laut wie von einem kämpfenden Tier lässt mich aus dem leichten Dämmerschlaf schrecken, in den das Gedankenkarussel mich getragen hat. Ich sitze senkrecht im Bett, einen Moment lang höre ich nur mein hämmerndes Herz, das in meinen Ohren dröhnt. Ich lausche ins Dunkel. Das kämpfende Tier gibt einen weiteren, dezenteren Schnarcher von sich, der in sanft röchelndes Atmen übergeht. Ich halte mir die linke Brust, in der das Hämmern noch nicht aufgehört hat. Du schläfst seelenruhig weiter, denke ich. Sogar im Schlaf quälst Du meine Gefühle. Das Klopfen unter meiner Hand wird langsam schwächer. Vielleicht ist es mittlerweile im Kopf angekommen, wo sich die ersten klaren Gedanken zu formulieren beginnen. Ich stehe auf.

Unter der Dusche spüle ich die salzigen Tränen und die Hitze der Nacht von meiner Haut. Mein Kopf kommt langsam wieder zu sich. Erst hat er noch versucht, mein Herz aufzusammeln und ihm Mut zuzusprechen. Erfolglos. Bis das hämmernde Herz ihn zwingt, die einzig mögliche Konsequenz auszuspucken. Es hat schon leise in mir geflüstert, als Du mir gesagt hast, dass eine Planänderung für Dich nicht in Frage käme. Unter keinen Umständen. „Das weißt Du doch, Maus.“ Jetzt wird das Flüstern lauter, es lenkt meine Gedanken. Einfach gehen, sagt es mir. Abstand. Zeit. Ruhe. Es wird alles gut werden. Irgendwie. Der warme Wasserstrahl vermischt sich mit ein paar frischen Tränen. Ich drehe den Hahn ab und steige endlich aus der Dusche. Draußen wird es langsam hell.  Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist, seit ich unser Bett verlassen habe. Du schnarchst bestimmt immer noch friedlich vor Dich hin, nicht ahnend, dass nichts mehr so sein wird wie vorher, wenn Du aufwachst. Ich wickele mich in ein Handtuch, wische den Wasserdampf vom Spiegel und zwinge mich, dem Blick meiner eigenen verquollenen Augen standzuhalten. Morgen wird alles anders aussehen. Nur leider nicht so, wie die kleinen dummen Zellen sich das vorgestellt haben. Ich lege eine Hand auf meinen Bauch und sehe mich im Spiegel vorsichtig lächeln. Das kleine Wesen, für das ich schon längst den Namen weiß, wird nicht mit Dir im Cabrio fahren oder nachts die Sterne am Himmel zählen. Es wird mein Leben auf den Kopf stellen. Für mich gibt es kein größeres Glück.

Hard to fall asleep

26 Mrz

Leon kam zu unserer ersten Verabredung zu spät. Ich war keine Minute zu früh, hatte auf den letzten Metern meine Schritte bis an die Lächerlichkeitsgrenze verlangsamt, doch als ich ankam, war das Café bis auf wenige Menschen leer, und keiner davon war Leon. Ich suchte mir einen strategisch günstigen Platz, von dem aus ich den Überblick hatte, und wartete.

Es war ein lauer Abend im Juli, alle Türen des Cafés standen offen. Auf der Straße herrschte reges Treiben. Ich studierte ausführlich die Karte, vertröstete den Kellner auf später – „Danke, ich warte noch“. Leon kam mit dem Auto, so viel wusste ich, und die Parkplatzsuche war in diesem Stadtteil ein Thema für sich. Diese Überlegungen sollten nicht das letzte Mal sein, dass ich für das Verhalten von Leon Entschuldigungen suchte.

Schließlich betrat ein Mann das Café und steuerte dann zielsicher auf mich zu. So sah er also in Wirklichkeit aus: nicht besonders groß, mit 1,80 m gerade groß genug, um im mein Beuteschema zu passen. Kurze Haare, lässige Frisur. Jungenhaftes Gesicht. Er begrüßte mich mit einem Lächeln und nahm auf dem Hocker mir gegenüber Platz.

Wir tranken Cocktails, aßen Ciabatta und sprachen über unsere Vergangenheiten. Leon war beruflich schon etwas rumgekommen und arbeitete als Unternehmensberater. Er war viel unterwegs, flog oft durch die Gegend und schien ein echter Karrieretyp zu sein. Vielleicht reizte mich das, gepaart mit seinem jungenhaften Aussehen. Unser Gespräch war etwas stockend, ich war leicht aufgeregt und nicht in der Lage, mich so charmant mit ihm zu unterhalten wie mit Männern, die ich vom ersten Augenblick an völlig uninteressant fand. Und die mir dann meist aus der Hand fraßen. Langweilig.

Leon bot mir halbherzig an, mich nach Hause zu fahren, obwohl er wusste, dass ich es nicht weit hatte. Selbstverständlich lehnte ich ab. Beschwingt lief ich durch die laue Sommernacht nach Hause, in kribbeliger Erwartung dessen, was da noch kommen sollte. Wir hatten uns zwei Stunden lang schlecht unterhalten und eigentlich war er zehn Zentimeter zu klein, doch die Schmetterlinge in meinem Bauch interessierte das nicht. Sie waren völlig high.

Ich schlief in dieser Nacht schlecht, war andauernd wach, erregt und konnte an nichts anderes denken als an Leon. Ich war vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen völlig angefixt von diesem Mann, bei dessen Anblick mir jegliche sprachliche Eloquenz unter den Tisch gerutscht war. Er hatte Macht über mich. Macht ist sexy. War es so einfach?

Per E-Mail ging es am nächsten Morgen weiter. Jede Nachricht ein Flirt. Virtuell lief unser Zwiegespräch besser als unter vier Augen. Das zweite Treffen ließ ein wenig auf sich warten, denn wie gesagt hatte Leon wenig Zeit. Doch wir schafften es ungefähr zwei Wochen später. Wieder ließ Leon mich warten.

Er kam jedoch noch bevor ich es ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, wieder zu gehen. Er setzte sich zu mir auf das Sofa. Wir tranken beide Maracujaschorle und setzten das angespannte Gespräch weiter fort. Es lag eine knisternde Spannung in der Luft, viel davon gab es ja nicht zwischen uns auf diesem Sofa. Mir kam der Gedanke, dass es doch viel einfacher wäre, jetzt mit ihm zu knutschen, dann bräuchten wir uns auch nicht mehr zu unterhalten.

Doch es wurde nicht geknutscht, nicht an diesem Abend. Leon fuhr mich nach Hause in seinem BMW-Cabrio. Auch als er vor meinem Haus hielt, mich zum Abschied umarmte – trennten wir uns ungeküsst.

Das dritte Date verlief anders. Leon hatte sich zu mir nach Hause eingeladen. Ich kochte und hoffte, dass er zuverlässig sein möge mit seiner Unpünktlichkeit, denn ich hatte für Lasagne, Salat und Styling insgesamt weniger als zwei Stunden Zeit. Doch ich hoffte vergebens, denn Leon klingelte wenige Minuten vor 20 Uhr an meiner Tür.

Unsere Unterhaltung während des Essens verlief beinahe unerträglich zäh. Meine Aufregung wollte sich nicht legen. Nach dem Essen sollte sich dies endlich ändern, denn als Dessert hatte Leon mir seine Massagekünste angeboten. Ich fühlte seine Hände auf meinem Rücken, er saß neben mir ganz am Rand auf der Couch und wir wechselten überflüssige Worte.

Er machte dem zähen Gespräch ein Ende, indem er vom Rand der Couch auf meinen Po wechselte und begann, meinen Rücken zu küssen. Seine Bartstoppeln kratzten sanft auf meiner Haut. Unsere Körper verstanden sich wortlos. Ich genoss den Sex mit Leon, nicht weil er so gut war, sondern einfach nur weil es Sex war. Ich hielt seine Oberarme, als er auf mir lag, und dachte darüber nach, dass sie kaum mehr Umfang hatten als meine eigenen. Es kann kein wirklich guter Sex sein, der solche Gedanken hervorbringt.

Als unser postkoitales Gespräch ins Stocken geriet, während wir in String (ich) und Boxershorts (er) nebeneinander auf der Couch saßen, begann Leon, mich wieder zu küssen und gab damit den Startschuss für die zweite Runde. Horizontal verstanden wir uns besser.

Nur wenige Tage später besuchte Leon mich wieder zu Hause. Er war an dem Abend zur Spätvorstellung mit einem Freund im Kino verabredet, doch er wollte mich vorher sehen und stand einige SMS später vor meiner Tür. Wir verloren nicht viele Worte, küssten uns im Flur, arbeiteten uns zum Schlafzimmer vor und schafften es zum Bett. Ich sah auf Leons Haarschopf zwischen meinen Beinen und fragte mich, was Männer glauben, was eine Frau beim Oralsex zum Orgasmus bringt. Der englische Ausdruck „eat pussy“ trifft es in vielen Fällen am besten, so auch bei Leon. Lecken, nicht essen, dachte ich, doch ich sagte nichts. Er schien sehr hungrig zu sein.

Eine Weile blieb er noch neben mir liegen, bevor er zum Duschen nach Hause fuhr und anschließend neben seinem Kumpel im Kino einschlief. Ich hatte an diesem Abend das Gefühl, dass etwas falsch lief. Ich konnte mich kaum mehr konzentrieren, sobald ich eine E-Mail an Leon abgeschickt hatte. Oft ließ er sich mit seinen Antworten Zeit, dauernd hatte er irgendwelche Meetings und konnte stundenlang nicht schreiben. Ich hasste es, auf E-Mails von ihm zu warten, und es wurmte mich, dass ich mich nur so schwer ablenken konnte. Ich wollte nicht so eine Frau sein. Ich wollte die Fäden in der Hand haben. Doch die Macht über meine Stimmung lag bei Leon. Und kleinen gelben Umschlägen unten rechts in der Symbolleiste meines Desktops.

Schließlich warf mich eine seiner E-Mails völlig aus der Bahn. Er wisse nicht genau, wo das mit uns hinführen solle. Er könne im Moment keine Verpflichtungen eingehen. Und er habe das Gefühl, mir das mitteilen zu müssen. Falls ich gewisse Erwartungen hätte, sollten wir uns vielleicht lieber nicht mehr treffen. Was er sehr schade fände.

Ich spielte die Lässige. Das mit uns müsse nirgendwo hinführen, wir könnten einfach weitermachen und abwarten, was passiert. Ich schrieb diese Worte, nachdem ich Tränen der Wut und der Enttäuschung heruntergeschluckt und seine Nachricht als eine Anwandlung schlechten Gewissens abgetan hatte. Es würde alles gut werden. Schließlich erwartete ich doch gar nicht so viel von ihm.

Wir trafen uns, um darüber zu sprechen. Zunächst aßen wir, sprachen nur wenig und Belangloses. Auf dem kurzen Weg vom Restaurant zu meiner Wohnung fielen ein, zwei ungelenke Sätze über das, was da per E-Mail in den Raum gestellt worden war. An dieser Stelle hätte ich ehrlich und deutlich sagen können, was ich von Leon hielt und was ich von ihm erwartete. Doch ich wusste es ja selbst nicht genau. Hätte ich sagen sollen: „Alles, was ich erwarte, ist, dass du dich nicht wie ein kompletter Vollidiot verhältst“? Ich bezweifle, dass es geholfen hätte. Ich war nicht seine Freundin und wollte mich nicht als solche aufspielen, indem ich ihm von meinen Gefühlen erzählte. Was fühlte ich denn überhaupt? Ging es mir um mehr als um die Macht, die er über mich hatte und die ich zurückgewinnen wollte?

Wir schliefen an diesem Abend miteinander und ich verabschiedete mich von Leon mit dem Gefühl, dass es doch noch etwas werden könnte mit uns. Ich wollte diesen Mann. Oder wollte ich vor allem das Gefühl haben, dass er mich wollte? Ich hörte das gesamte folgende Wochenende nichts von ihm. Die Warterei und die Ungewissheit machten mich beinahe wahnsinnig.

Es folgten wieder E-Mails. Belanglosigkeiten, Flirtbotschaften. Schließlich die Frage: Wann sehen wir uns? Dann die Antwort: Diese Woche wohl nicht, mal sehen… Es reichte. Wenn ich nicht die Kontrolle über diese Situation haben konnte, musste ich die Situation eben ändern. Ich teilte Leon mit, dass es für mich so nicht weiter ginge und ich ihn unter diesen Voraussetzungen nicht mehr sehen wolle. Er bedauerte dies sehr, sah sich aber nicht in der Lage, an den Umständen etwas zu ändern. Ich bedauerte auch. So sehr, dass ich mich am nächsten Morgen kaum im Spiegel erkannte.

Nach einer Woche Funkstille kam wieder eine E-Mail von ihm. Die Zeit hatte für mich nicht gereicht, um genug Abstand zu gewinnen. Meine Gedanken kreisten noch immer um Leon und seine Unfähigkeit, sich auf etwas – auf mich – einzulassen. Schließlich antwortete ich. Erst beleidigt. Dann versöhnlicher. Schließlich fordernd. Wenn es nur Sex war, was ich von Leon bekommen konnte, dann wollte ich wenigstens den. Und zwar bald.

Wir waren für den Abend verabredet. Ich stand unter der Dusche, als seine SMS kam, in der er Zweifel anmeldete. Vielleicht sollten wir es lieber lassen, aus Rücksicht auf mich. Ich wollte keine Rücksicht, ich wollte Sex. Das ließ er gelten.

Ich trug genau zwei Kleidungsstücke. Leon war davon sehr angetan, so auch sein bestes Stück von dem, was ich mit Händen, Lippen und Zunge mit ihm anstellte. Ich hatte mir kaum den Mund abgewischt, als er anfing zu gähnen. Er sei unsagbar müde. Ich glaubte noch an einen Scherz, als er aufstand und sich anzog. Er verabschiedete sich mit ein paar entschuldigenden Worten. Mir war eigentlich nicht danach zumute, doch ich musste lachen, nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Die Situation war einfach zu absurd – war das gerade wirklich passiert?

Sein schlechtes Gewissen brachte ihn immerhin dazu, mir wenige Augenblicke später eine SMS zu schicken. Es täte ihm Leid und vielleicht wäre das alles ein Fehler gewesen an diesem Abend. Mir fehlten die Worte für eine Antwort.

Besorgt erkundigte er sich am folgenden Montag nach meinem Befinden. Ob seine SMS angekommen wäre? Ich antwortete ihm, dass ich nicht verstünde, was er von mir wolle, und dass es zu spät sei. Ich hörte lange nichts von ihm. Stattdessen litt ich mit Hingabe zu Songs wie „I’m sorry“ von Tommy Reeve.

I know I wasn’t there
when you needed me the most
I know I didn’t care
and was afraid to get so close
tonight it’s getting hard to fall asleep
cause it’s becoming clear that I broke all into pieces
and I can not reverse it…

Süß und quälend war der Schmerz. Und irgendwann vorbei. Freiwillig erträgt man nur ein gewisses Maß an Erniedrigung von einem Menschen. Mit Leon hatte ich diese Grenze erreicht. Es war genug. Die Funkstille dauerte an, schaffte genug Abstand.

Monate später schrieb Leon mir eine SMS zu meinem Geburtstag. Und eine E-Mail. Ich antwortete nicht. In unregelmäßigen Abständen folgten Nachrichten von ihm, er wollte wissen, wie es mir ging und was ich so machte. Schließlich hatte ich fast Mitleid mit ihm und antwortete ihm. „Mir geht es hervorragend, ich bin sehr glücklich mit meinem Freund. Ich wünsche Dir alles Gute.“ Ich fand das sehr freundlich formuliert für: Lass mich endlich in Ruhe. Leon verstand nicht. Noch einige Male ließ er mein Handy vibrieren oder erzeugte kleine gelbe Umschläge auf meinem Bildschirm. Schließlich beendete ich das Ganze dort, wo es begonnen hatte, und löschte ihn aus meinen Kontakten. Ihre Verbindung zu Leon F.: keine. Und dabei blieb es.

Ein Traum von einer Hochzeit

29 Mai

Ein Schloss. Ein Prinz. Eine Prinzessin im weißen Kleid. Aus diesem Stoff werden Märchen gemacht – und manchmal auch wahre Geschichten. Der 06. September im Schloss S. zu A.: Schon wenn man mit dem Auto den Weg herauf fährt und auf den Schlossplatz abbiegt, hat man das Gefühl, den Rest der Welt hinter sich gelassen zu haben. Altes Gemäuer, Kopfsteinpflaster, Rosengärten. Sogar unterirdische Geheimgänge gibt es. Die Gästezimmer überblicken den Park, und wem die Rosengärten nicht reichen, der findet seine ganz persönliche Rose als liebevoll dekorierten Willkommensgruß vor. „Schön, dass Ihr da seid.“ Daran besteht kein Zweifel.

Der Morgen ist bewölkt, ein wenig windig. Die geladenen Gäste sammeln sich auf dem Schlossvorplatz. Das Brautpaar hat die letzte Nacht getrennt verbracht – der eine gab bis zuletzt sorgfältig durchdachte Instruktionen an seine „groomsmen“, die andere entspannte erst prinzessinnenhaft im Spa und bettete dann schließlich ihr Haupt samt tausend schwirrender Gedanken auf den weichen Kissen. Allen nächtlichen Aktivitäten zum Trotz präsentiert sich der Gästeschar ein strahlendes Paar auf dem Weg zur standesamtlichen Trauung im Pavillon des Rosengartens. „Und so frage ich…“ Die Antwort ist klar. Die Ringe werden getauscht, die Braut wird geküsst und verlässt den Pavillon mit neuem Nachnamen. Hier gehören zwei Menschen zusammen. Daran besteht kein Zweifel.

Die Wolken sind immer noch am Himmel, als die Gäste sich im Rosengarten versammeln und auf das Brautpaar anstoßen. Doch es fällt kein Tropfen, der die friedliche Gesellschaft oder den fleißigen Fotografen stören könnte. Die Braut zieht sich zurück, um sich für den großen Moment am Nachmittag vorzubereiten. Die Brautjungfern stoßen nach und nach dazu und helfen, wo sie können. Bis schließlich alles sitzt und Kleid und Trägerin zu einer Einheit verschmelzen, die den Bräutigam bei ihrem Anblick kurz den Atem anhalten lassen wird.

Die kleine Kapelle ist voll, alle haben ihren Platz eingenommen. Der Hochzeitsmarsch erklingt und am Arm ihres Vaters tritt sie durch die Tür. Wenn es einen Moment gibt, in dem Herzklopfen sichtbar wird, dann ist es dieser. Der Pfarrer spricht, die Gäste singen und lauschen andächtig den Worten. All Eure Dinge lasset in der Liebe geschehen. These hands will be yours to hold forever. Wer die Zeremonie aus der Nähe mitverfolgen darf, erkennt deutlich, dass hier Worten auch Taten folgen werden. Drei weiße Tauben werden draußen in die Freiheit entlassen und tragen die vielen Wünsche und Hoffnungen mit sich in den Himmel, der zumindest einen Wunsch schon erhört hat und dem Brautpaar einen trockenen Fotospaziergang durch den Schlosspark schenkt. Heute können Wünsche wahr werden. Daran besteht kein Zweifel.

Die Spiele beginnen. Die Hochzeitstorte wird angeschnitten. War es nun seine Hand, die oben lag, oder war es ihre? Es hat den Anschein, als ob hier Einigkeit bestünde: Wir lassen uns nicht festlegen. Was wir tun, tun wir gemeinsam. Dieser Eindruck setzt sich fort, als die Feier in der Zehntscheune eröffnet wird und die beiden Tisch für Tisch die Gäste vorstellen. Ist es nun das Brautpaar, die so liebevoll und perfekt abgestimmte Dekoration, das wunderbare Essen oder die Beiträge der vielen Menschen, die hier ihre Zuneigung und ihre Glückwünsche ausdrücken, was den Zauber dieses Abends ausmacht? Eine Rede spontan und voller Lachen, eine andere wohl formuliert und voller Gefühl, ein Lied von Herzen gesungen und ein letzter Tanz im Morgengrauen. Alles zusammen ein Abend, der den schönsten Tag im Leben zweier Menschen beschließt und ein einziges Versprechen ist für alle gemeinsamen Tage, die noch kommen werden. Dieses Versprechen wird gehalten. Daran besteht kein Zweifel…

Klingt das „Wir“ nicht schön?

16 Jul

Charlotte heiratet. Zwei Worte, ein einfacher Satz. Der doch so viel mehr bedeutet für die Menschen, die Charlotte schon länger kennen, ungefähr ihr halbes Leben. Denn Charlotte war keins von den Mädchen, die schon im zarten Teeniealter von Mr. Right und einer Hochzeit in Weiß geträumt haben. Charlotte glaubte mehr an das Leben als an die Liebe. Und wie meistens im Leben kam natürlich alles anders.

Charlotte wollte die Welt sehen. Und das hat sie. Von ihrem Heimatort in die Großstadt war es schon ein mutiger Schritt, es folgten Singapur, Hawaii, Paris. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Hannover, für manche die langweiligste Stadt Deutschlands, eine so große Rolle in Charlottes kosmopolitischem Leben spielen würde? Und das kam so:

Das Studium war beendet. Doch Charlotte hatte ihren Wissensdurst noch nicht gestillt und konnte sich nicht mit dem Gedanken an einen geregelten Arbeitsalltag anfreunden. Also ein MBA-Studium in Paris. Eine Stadt, die alles verspricht. Und doch war es das Auslandspraktikum in Hannover, mit dem diese Liebesgeschichte ihren Lauf nahm.

Charlotte war bei zwei charmanten jungen Herren in einer WG untergekommen. Kontakt- und amüsierbedürftig wie eh und je nutzte sie alle Möglichkeiten, um unter die Leute zu kommen. Ihre beiden Mitbewohner Dirk und Andreas leisteten hierzu ihren Beitrag, genauso wie die Kollegen beim Praktikum, doch das reichte Charlotte nicht. Neue Leute mussten her. Und so landete Charlotte auf Empfehlung – war es von Dirk oder von Andreas? – auf einer Internetseite, die genau das möglich machte. Kontakte. Ein Flirt, ein Freund fürs Leben, die große Liebe? Alles sollte möglich sein. Einfach, effizient, anonym. Aber gesellschaftsfähig? Charlotte entschied, ihre Aktivitäten im Netz zunächst für sich zu behalten. War es denn gelogen zu behaupten, diese Kontakte seien über Dirk und Andreas entstanden? Seien wir nicht kleinlich.

Jonas, seinerseits auf der Suche nach Kontakten außerhalb des Job-Universums, hatte Charlottes Profil auf besagter Internetseite bereits entdeckt und schickte der netten jungen Dame eine höfliche Nachricht. Als Charlotte diese öffnete und sich Profil und Foto des Absenders ansah, setzte erstes Herzflattern ein. Und es hat bis heute nicht aufgehört.

Jonas staunte nicht schlecht, als Charlotte ihm bereits in ihrer ersten Antwort vorschlug, sich bald auf ein Glas Wein zu treffen. Virtuelle Kontakte seien nicht ihr Ding. Die Dame weiß, was sie will, mag er gedacht haben. Recht hatte er.

Nachrichten gingen hin und her. Erste Sympathie war vorhanden, Aufregung und Kribbeln eingeschlossen. Das erste Date stand bevor – immer ein Grund, nervös zu sein. Charlotte fuhr sogar mit der Bahn durch die halbe Stadt, um die ihr bekannten Wege nicht verlassen zu müssen und rechtzeitig in der von Jonas vorgeschlagenen Bar einzutreffen. Sie fand einen telefonierenden Jonas in Businesskleidung vor. Spießer, mag sie gedacht haben, aber sie beschloss intuitiv, ihm eine Chance zu geben. Eine gute Entscheidung: Die Bar schloss in dieser Nacht hinter Charlotte und Jonas die Türen ab. Es gab viel zu besprechen. Beide wussten: Es sollte nicht bei diesem einen Abend bleiben.

Weitere Treffen folgten. Jonas gab Charlotte einige Rätsel auf und war für sie so gar nicht zu durchschauen. Die Zeit mit ihm war wunderbar und schon bald zeichnete sich um den Namen Jonas in ihrem Kopf ein kleines Herz. Doch wollte er sie wirklich? Wollte er nur ein guter Freund sein? Aber gute Freunde schreiben doch nicht solche SMS…

Charlotte beschloss, in die Offensive zu gehen. Der Mc Donald’s in der Innenstadt von Hannover hat sicher niemals eine solch liebevolle Tischdekoration gesehen wie an jenem Frühlingsabend, als Charlotte sich bei Jonas für einige schöne Einladungen und Abende bedanken wollte. Der Wein, die Gläser, die Kerzen sprachen für sich. Und spätestens als Jonas, von Charlotte in ihrer unnachahmlichen Art unschuldig und unauffällig in das Obergeschoss der Mc Donald’s-Filiale gelotst, die Überraschung entdeckte und mit Charlotte an diesem ganz besonderen Tisch Platz nahm, wurde aus dem Kreis, der in seinem Kopf bereits um Charlottes Namen gezogen war, mit einem kleinen *plopp* ein zartes Herz.

So fangen große Liebesgeschichten an. Der Abend endete mit einem knieerweichenden Kuss im Taxi vor Charlottes Haustür. Charlotte war der glücklichste Mensch von Hannover. Die Welt stand still. Das Herzflattern zog bis in die Ohrläppchen und die kleinen Zehen. Und es hat bis heute nicht aufgehört.

Was dann folgte, war der Anfang von etwas Großem. Zum ersten Mal konnte Charlotte sich vorstellen, ihr Leben mit einem anderen Menschen zu teilen. Ihr ganzes Leben. Aus der Vorstellung wurde ein Wunsch, und der Wunsch wurde stärker. Schon bald teilten die beiden Wohnung, Auto und Zukunftspläne. Mittlerweile sind es ein Haus mit Garten, ein kleiner Fuhrpark und eine gemeinsame Geschichte. Am 6. September heiraten zwei Menschen, die zusammen gehören. Aus zwei „Ichs“ wird ein „Wir“. Kann es etwas Schöneres geben?

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