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Tantengedanken

16 Aug

Schon seit Tagen stehen in den Straßen große Schilder mit handgemalten ABC-Schützen darauf. Man kann sie in Ruhe betrachten, denn der Verkehr stockt wieder wie üblich, die Sommerferien sind vorbei. Heute ist Einschulung. Dein großer Tag! Du trägst ein schickes neues Shirt, das deine Mama und deine Oma noch gestern Abend an der Nähmaschine verziert haben. Eine Schultüte in der Hand haben alle Erstklässler, du trägst auch eine auf der Brust. Die echte reicht dir bis unters Kinn und sie ist fast so schwer wie dein neuer Schulranzen.

In der Turnhalle, wo das große Ereignis um 9.30 Uhr stattfindet, sitzt du neben deiner Kindergartenfreundin, hinter dir dein Papa mit deiner kleinen Schwester auf dem Schoß. Auch sie trägt ein selbstverziertes Minishirt und hat heute Morgen eine Minischultüte bekommen, die genauso aussieht wie deine. Du findest das ganz in Ordnung. Einige Reihen weiter hinten sitze ich neben deiner Mama, deinem Onkel, deinen beiden Opas, deiner Oma und deinen Urgroßeltern. Fünf Fotoapparate sind auf dich und auf die Bühne gerichtet. Du bist ein bisschen aufgeregt, aber erst mal sind die Zweitklässler mit ihrer Dschungelaufführung dran. Krokodile, Zebras und Löwen toben über die Bühne. Der Schulleiter hängt sich eine Gitarre um und zwingt andere Erwachsene zum Mitmachen. Geduldig erträgst du dieses Programm und fragst dich wahrscheinlich, was das alles soll und wann du und dein Ranzen endlich nach vorne dürfen. Als die ganze Turnhalle „Alle Kinder lernen lesen“ singt, bekomme ich eine leichte Gänsehaut und gucke deine Mama an. Sie schaut nach vorne und singt nicht mit, weil sie damit beschäftigt ist, stolz auf dich zu sein und überrascht, dass du wirklich schon Sechs bist und ab jetzt in die Schule gehen wirst. Sie schluckt den kleinen Kloß im Hals herunter und klatscht, als die Klasse 1 a von ihrer Lehrerin aus der Halle geführt wird. Zwei Mädchen weinen und wollen sich am liebsten an ihrer Mutter festklammern. Als der Schulleiter wenig später deinen Namen ruft, setzt du dir sofort deinen Ranzen auf und läufst mit deiner Freundin nach vorne. Du hältst das Seil fest, das dich und deine Klassenkameraden mit den Lehrerinnen verbindet und kannst kaum erwarten, dass es losgeht. Ich drücke ein paar Mal auf den Auslöser meiner Kamera, schon bist du an mir vorbei geflitzt auf dem Weg ins Klassenzimmer der 1 b. Kindergarten war gestern, du bist ganz im Hier und Jetzt und freust dich auf das, was vor dir liegt. Ich schaue dem Seil hinterher und muss ein bisschen blinzeln, weil es mich so beeindruckt, dir dabei zuzuschauen, wie du voller Zuversicht und fast vor Neugier platzend in diesen neuen, großen Lebensabschnitt hinein hüpfst.

Wir essen Kuchen, während du dich eine Stunde lang endlich als richtiges Schulkind fühlen darfst und die ersten Hausaufgaben deines Lebens bekommst. Anschließend dürfen die Familien in den Klassenraum, zum Abschluss gibt es ein Gruppenbild auf dem Schulhof. Die Lehrerinnen schieben Kinder und Schultüten ins rechte Licht, bis endlich alle Fotografen und Eltern oft genug abgedrückt haben. Du lässt alles brav über dich ergehen, lachst aber nicht in die Kamera. Deine Eltern möchten noch ein Foto mit dir und deiner Schwester, weil ihr so süß ausseht in euren passenden Shirts. Du versteckst dich hinter deiner Schultüte und vergießt ein paar bockige kleine Tränen. Ob du dich an dieses Gefühl erinnern wirst, wenn du dir in ein paar Jahren die Bilder anschaust? Wird es dir dann immer noch wichtiger sein, wonach dir gerade der Sinn steht, als dass die Kamera dich möglichst vorteilhaft einfängt?

Zu Hause beim Anstoßen wünscht deine Uroma deinen Großeltern, dass auch sie später mal die Einschulung ihrer Urenkel erleben mögen. Also die von deinen Kindern. Kann man sich das vorstellen? Als Urgroßmutter anscheinend schon. Aber davon bin ich ja noch drei Generationen entfernt. Du bist damit beschäftigt, deiner kleinen Schwester beizubringen, „Prost“ zu sagen und ihr Glas mit Apfelschorle an deines zu stoßen. Sie strahlt, als die Gläser klirren. Auf dich! Morgen ist dein erster richtiger Schultag. Wir werden dir nicht mehr dabei zusehen können, aber ich bin mir sicher, dass dieser Tag für dich mindestens genauso glitzern wird, wie er es heute getan hat. Jeder Tag ein neues Abenteuer. Entdecke die Welt, meine Süße, in Gedanken sind wir bei dir.

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