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Letztsemester

28 Apr

Unsere Tage auf dem Campus sind gezählt. Von Anfang an haben wir uns eingeredet, dass sieben Semester, dreieinhalb Jahre, 42 Monate, 324 Vorlesungen, 1.296 Unterrichtseinheiten viel schneller vorbei sind als man denkt. Wir haben Recht behalten. Es ist fast geschafft. Nur eine zweistündige Turnaround-Klausur und 40 – 60 Seiten Bachelor Thesis trennen uns vom Ziel. Beim Gedanken daran spüre ich weder Stress noch Druck. Es ist eher ein Taubheitsgefühl. Das Buch „Effiziente Personalauswahl“, das ich mir letzten Samstag aus der Bibliothek ausgeliehen und dessen kurze Ausleihfrist ich online alle zwei Tage verlängert habe, musste ich am Freitag in der Mittagspause ungelesen wieder zurückgeben. Es wohnte eine Woche in meiner Tasche, auf dem Couchtisch und im Arbeitszimmer. Es war kein Mahnmal, kein erdrückendes Zeugnis meiner Faulheit. Es hat mich einfach nicht gestört. Wie es so da lag und zu nichts gut war. Damit war es nicht allein. Die gepackte Sporttasche unter dem Schreibtisch, die es nicht ins Fitness-Studio schafft. Die nicht gesehenen Kinofilme. Die nicht durchtanzten Nächte. Die nur halb ausgetrunkene Sektflasche. Der leere Kühlschrank. Sie alle sind in den letzten Jahren irgendwie meine Kumpels geworden. Anfangs hab ich sie gehasst, weil ich sie dick, hässlich und langweilig fand. Aber sie waren einfach immer da und gehörten irgendwann dazu. Man gewöhnt sich an so was. Jetzt sitzen sie bräsig in ihrer Ecke und kratzen sich am Bauch. Das Buch fiel daneben kaum auf. Immerhin habe ich es geschafft, es rechtzeitig wieder abzugeben.

Ich sehe das Ziel deutlich vor mir. Es leuchtet und blinkt am Horizont, leiser Jubel schallt herüber. Yeah, ich hab’s gleich. Irgendwo tief in mir schlummert Freude, die bald ausbrechen will. Noch schläft sie tief und fest. Meine Beine fühlen sich an, als würden sie nicht so recht zu mir gehören, wie ferngesteuert. Rennen ist keine Option. Das ist was für blutige Anfänger. In meiner Vision vom Zieleinlauf krieche ich mit letzter Kraft über die weiße Linie und bleibe regungslos auf der anderen Seite liegen. Ein schwarzer Bachelor-Umhang breitet sich über mir aus und flattert im leise pfeifenden Wind. Der Jubel verhallt. Nur mein röchelndes Atmen ist zu hören. Willkommen zurück im Leben.

So schlimm war es ja gar nicht. Ich trage dieselbe Kleidergröße wie im Frühjahr 2009, wache jeden Morgen neben demselben Mann auf und habe einigermaßen regelmäßigen Kontakt zu Menschen außerhalb meines Uni- und Bürokosmos. Ich benutze ab und zu den Herd in meiner Wohnung, putze manchmal das Waschbecken und meine beiden kleinen Nichten kennen meinen Namen, wenn sie mich sehen. Es ist alles in bester Ordnung. Vielleicht sollte ich mich doch im Herbst zum Masterstudium anmelden?

Bei dieser Frage fängt etwas in mir hysterisch an zu lachen. Nein. Neinneinneinneinneinneinnein. Nein. Nie im Leben. Keine weitere Sekunde verbringe ich im Hörsaal, am Schreibtisch, in der Bibliothek. Es ist nicht cool, vor allen anderen Kollegen das Büro zu verlassen, um drei Stunden in einem schlecht gelüfteten Seminarraum die Konzentration zum Gehorsam zu zwingen, oft erfolglos, bis zum tatsächlichen Feierabend gegen 21 Uhr. Auch wenn es gute Vorlesungen gab, fähige, in äußerst seltenen Einzelfällen sogar attraktive Dozenten, tolle, liebe, lebensrettende Kommilitonen. Erfolgserlebnisse. Karriereschritte. Und in diesem Semester: eine Werksführung bei Chanel – nur scheinbar ein Highlight, das sich als Ausflug in eine abgewrackte Rumsbude am Stadtrand entpuppte, in der der Leiter Logistik uns gute drei Stunden als Geiseln seines vernachlässigten Egos hielt. Von Glamour keine Spur. Wir sind es ja gewohnt.

Die verpassten Yogakurse, Sneak Previews, Happy Hours, After-Work-Events – sie sind ungezählt. Das Aufholen wird anstrengend, aber geil werden. Die Taubheit überwinden, die Motivation zünden und noch einmal die Arschbacken mental zusammenkneifen. Ein graziöser Zieleinlauf wäre als Abschluss schon angemessen. Hinter der Linie wartet die Freiheit.

Der Master bleibt im Regal. Dazu gesellen sich meine künftigen Ex-Kumpels, von denen ich mich diesen Sommer trenne. Sorry, Jungs, nehmt’s mir nicht übel: Verpisst Euch.

Toastbrot und Joghurt

18 Jul

Langsam fällt die Tür des Hörsaals 4 hinter mir ins Schloss. Ich gehe ein paar Schritte auf den Kommilitonen zu, der auf einem Cafeteriahocker sitzt, bewege dabei meine Schultern auf und ab und versuche, meine Nackenmuskulatur zu lockern. Drei Stunden Anspannung auf einem Holzklappstuhl aus den 70er-Jahren haben ihre Spuren hinterlassen. Mein Kopf dröhnt. „Und?“ frage ich Stefan, als ich vor ihm stehe. „Joah. Muss man sehen“, antwortet er achsel-zuckend. Besser hätte ich es nicht formulieren können. Hinter uns liegt das 5. Semester im Studiengang Business Administration an der FOM, knappe 5 Monate mit 50 Abendvorlesungen à 3 Stunden, einem Scientific Abstract, einer Hausarbeit inklusive Präsentation und insgesamt 3 Klausuren. Die letzte haben wir soeben abgegeben.

Auf diesen Moment haben wir quasi seit Semesterbeginn hingearbeitet. Der 18. Juli schien ewig weit entfernt, als wir nach Feierabend und am Wochenende die Hamburger Bibliotheken nach Quellen für unser Hausarbeitsthema durch-forsteten, fünf mal zwei DIN A4-Seiten Text für den Scientific Abstract auswendig lernten und die Englischvorlesungen meistens schwänzten, weil es wirklich Wichtigeres zu tun gab. Noch mal ins Internet gehen, um doch noch eine passende englische Quelle für die Hausarbeit zu finden. Endlich mit dem Schreiben anfangen. Oder zumindest schon mal das Word-Template erstellen – ein Vorhaben, das deutliche Kratz- und Beißspuren in der Schreibtischplatte hinterlassen hätte, wäre sie nicht so stabil gewesen. Während andere am Freitagabend auf ein Bier in die Schanze radelten und am Samstag die Sonne im Stadtpark oder an der Alster genossen, saßen wir vor dem Rechner, neben uns Bücherstapel und eine Großpackung Post-its. Zwischendurch schliefen wir kurz ein und träumten wirr von verschwundenen Word-Dateien ohne Sicherungs-kopie. Mitleid bekamen wir höchstens noch von uns selbst, nachdem wir Freunde und Familie wochenlang vertröstet hatten und ein Minimum an sozialen Kontakten aufrecht zu erhalten versuchten, indem wir nachts um halb drei auf ein paar „Gefällt mir“-Klicks kurz bei Facebook vorbeischauten, bevor wir tot ins Bett fielen. Ja, wir taten uns selbst sehr Leid in diesen Nächten. In guten Momenten fühlten wir uns den anderen, die ihre Freizeit mit so schnöden Beschäftigungen wie grillen und joggen verbrachten, überlegen, wir fühlten uns schlau und elitär, weil wir etwas so Sinnvolles taten neben unserem Vollzeitjob. Wir waren stolz, dass wir das hinbekamen, ohne dass man uns die Augenringe allzu deutlich ansah oder wir nur noch in Klamotten aus der vorletzten Saison herumliefen. Ein besonders schönes Gefühl stellte sich ein, nachdem wir die Hausarbeit endlich abgegeben hatten und uns unters Volk mischten, auf einen Hugo und Schokoladenkuchen im Vapiano. Hatte sich das Leben vor dem Studium immer so angefühlt? Wir konnten uns nicht erinnern. Uns blieb auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn die Präsentation stand ja noch aus. Und danach die Klausuren. Wir zogen uns wieder an den Schreibtisch zurück, liefen in Schlabberhose und Kapuzenjacke durch die Wohnung und wollten niemanden sehen. Wenn zwischendurch der Partner hereinkam, um uns einen Kuss zu geben und sich davon zu überzeugen, dass wir noch lebten, schauten wir kurz von unseren Unterlagen auf wie ein Höhlenmensch von seiner Wandmalerei. Wir wühlten uns durch über 1.000 Skriptseiten, ernährten uns von Toastbrot und Joghurt und sahen oft kein Licht am Ende des Tunnels.

Mit der Tür von Hörsaal 4 liegt der Tunnel nun hinter uns. Wir können aufatmen. Den Sommer genießen (so Petrus will). Unsere Beziehung aus dem Standby-Modus befreien. Mit den anderen im Stadtpark grillen. Mehrmals die Woche zum Sport gehen. Nach der Arbeit noch kurz was einkaufen. Mal wieder die Wohnung putzen. Oma anrufen. Noch können wir es nicht fassen. Es wird ein paar Tage dauern, bis wir vom Höhlenmenschen wieder zum sozialen Wesen werden. Wir blinzeln ins Licht und sind gedanklich noch bei den Antwort-möglichkeiten von Frage 6, für die gab es acht Punkte – ob es richtig war, dass wir C und E angekreuzt haben? Spontane Umfragen bei den anderen verfestigen unsere Verwirrung. Jetzt ist der große Moment, der zu Semesterbeginn im März so ewig weit entfernt schien. Wir wollten uns frei fühlen und unendlich erleichtert irgendwo drei Kreuze machen, wenn wir es geschafft haben. Der Sektkorken knallt, wir stoßen an und diskutieren doch wieder über Frage 6. Fünf Monate Höhlenleben steckt man nicht mal eben so weg. Wir haben 7 Wochen Semesterferien, um uns davon zu erholen und all die Dinge zu tun, die in der letzten Zeit zu kurz gekommen sind. Je weiter wir uns auf dem Heimweg vom Hörsaal 4 entfernen, desto schwächer wird die Bedeutung der Antwort-alternativen zu Frage 6. Mein Lernskript liegt in der Cafeteriamülltonne. Eine angenehme Leere breitet sich in meinem Hirn aus. In wenigen Tagen werden wir nicht einmal mehr wissen, wie Frage 6 lautete.

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