Pack die Bommelmütze ein

9 Nov

Bikini, Badelatschen und Bommelmütze fliegen als erstes in meine Reisetasche. Damit habe ich die wichtigsten Utensilien für unser Wellness-Wochenende auf Sylt zusammen. Kein Dünenspaziergang ohne Kopfbedeckung, das Wichtigste immer zuerst einpacken – so viel habe ich gelernt. Natürlich ist die Tasche am Ende so voll, dass ich fast zusammenbreche, als ich mich auf den Weg zum Bus mache. Joan hat ihre Mütze schon auf, fast wäre ich an ihr vorbei gelaufen. So früh am Morgen spreche ich normalerweise auch noch gar nicht, aber Joan hatte über Nacht Männerbesuch und wir analysieren kurz den aktuellen Zustand ihrer Nicht-nur-eine-Affäre-aber-auch-noch-keine-richtige-Beziehung-es-ist-halt-kompliziert-Geschichte. Ich verspreche ihr, dass es in solchen Situationen nichts Besseres gibt, als sich auf der Insel den Wind um die Nase und durch die strapazierten Gehirnwindungen pusten zu lassen.

Am Altonaer Bahnhof treffen wir Bine und Gina, versorgen uns mit Kaffee und Bagels und richten uns für die nächsten vier Stunden in der Nord-Ostsee-Bahn ein. Es gibt viel zu erzählen. Erst in Niebüll werden wir langsam ungeduldig. Wegen Bauarbeiten steht der Zug hier gut vierzig Minuten, bevor es endlich weiter geht. Die Nordsee zeigt sich heute grau und distanziert, matschiges Watt säumt den Hindenburgdamm. Es riecht nicht nach Meer, als wir in Westerland aus dem Zug steigen. Die Buslinie 1 bringt uns nach List. Das Grand SPA Resort A-ROSA Sylt liegt vor uns wie eine Festung. Zu Fuß passieren wir die porsche- und jaguarverwöhnte Schranke, die für uns nicht mal eine Augenbraue hebt. Der Pförtner empfängt uns jedoch überaus freundlich, vor dem Eingang nehmen uns zwei adrette Herren das schwere Gepäck ab. Wir taufen sie Wladimir und Vitali. In der Lobby steht ein flauschiges graues Sofa, eingerahmt von unzähligen Windlichtern mit dicken weißen Kerzen. Hinter der nächsten Tür flackert ein riesiger gläserner Kamin im Barbereich. Wellness für meine Augen. Wir schweben zu unseren Zimmern im zweiten Stock und rüsten uns für unseren ersten Spaziergang am Meer.

Als wir um die Ecke zur Strandpromenade biegen, fegt uns der Wind fast die Mützen vom Kopf. Die Bezeichnung Strand scheint für den steinigen Sandstreifen unterhalb der gepflasterten Promenade etwas übertrieben, aber vor uns liegt das Meer. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir den Lister Hafen.

Mit einem Fischbrötchen im Bauch sind wir bereit für die erste Wellness-Einheit. Als Gina und ich in weiße Frottee-Bademäntel gehüllt bei Bine und Joan an die Tür klopfen, wundere ich mich über den Rollwagen mit weißen Orchideen auf dem Flur. Ein weiterer adrett gekleideter Herr, der uns freundlich zunickt, scheint einen floralen Auftrag zu haben. Wir schlüpfen ins Zimmer und warten, bis Joan ihren Bikini zurechtgerückt hat. Noch während sie im Bad ist, klopft es an der Tür. Bine öffnet. „Entschuldigen Sie, ich würde gern nach Ihrer Orchidee sehen, wenn es gerade passt“, erklärt ihr der Herr vom Flur. Bine gibt die Frage weiter an Joan. „Ja, gerne!“ höre ich aus dem Bad. Joan kommt im Bikini zurück ins Zimmer, gefolgt vom Orchideenbändiger und seiner Gießkanne. Er marschiert an uns vorbei zum Couchtisch, hebt die Orchidee aus ihrem Topf und begutachtet sie. Noch bevor wir etwas sagen können, ist er wieder verschwunden. Ich bin kurz sprachlos, doch Gina bricht das Schweigen. „Was war das denn gerade? Musstet ihr euch auch so zusammenreißen, um nicht laut loszulachen?“ Wir stimmen ihr zu. Vier Mädels in Bademänteln auf einem Zimmer und ein junger Page, der just in diesem Moment nach der Orchidee schauen muss – das klingt nach einem schlechten Pornofilm. „Was wollte er denn überhaupt mit der Orchidee?“ fragt Gina. „Na ja, er wollte schauen, wie feucht sie ist!“ antworte ich. Unser Running Gag fürs Wochenende steht damit fest.

Der Blick aus der Panoramasauna in die Dünen wirkt beruhigend. Wie alles im SPA-ROSA. Der beleuchtete Pool, die gepolsterten Liegen und Sitzmuscheln vor den Fenstern auf der Galerie, die Wendeltreppe zu den Massageräumen. Dort oben bekomme ich nach dem ersten Saunagang die bisher beste Massage meines Lebens. Die „Wohlfühlexpertin“ widmet sich hingebungsvoll meinem Rücken und spürt alle Knurpschpunkte auf, die besondere Aufmerksamkeit brauchen. Ich bin Wachs in ihren Händen. Mein Rücken würde selig lächeln, wenn er könnte. Im Ruheraum dämmere ich anschließend mit einer Tasse grünem Tee vor mich hin, genieße die Stille, die Wärme und die flauschige Decke, die über allen meinen Gedanken liegt.

In der finnischen Sauna gibt es einen Aufguss mit Salzpeeling. Der Zeremonienmeister flutet den Raum mit ätherischen Ölen und wedelt uns so engagiert an, dass meine Arme schon vom Zuschauen lahm werden. Die Limetten-Salz-Mischung, die wir zwischen zwei Aufgüssen auftragen, macht die Haut weich wie eine Orchideenblüte.

Gegen 20 Uhr treffen auch Eileen, Maja und Jana ein, die eine leicht verstörende Fahrt im Musiktaxi hinter sich haben. Es ist Zeit für eine deftige Mahlzeit. Bei Gosch bekommen wir den Stammtisch an der Bar und stimmen uns bei Thainudeln, Hummersuppe und Prosecco auf unser Mädelswochenende ein. Für heute Abend lassen wir es ruhig angehen und bleiben unter uns. Allein der augenscheinlich zahnlose Herr mittleren Alters vom Ecktisch hinter uns, der sich mehrfach zwischen der Bar und Maja und Jana hindurch quetscht, um seiner Nikotinsucht zu frönen, stört die Idylle. Der direkte Körperkontakt mit seinem ausladenden Bierbauch, begleitet von entschuldigenden Gesten, die man auch als Grabschen bezeichnen könnte, ist das Gegenteil einer Wohlfühlbehandlung. Für solche Fälle sollte es Oberteile mit Stacheln auf dem Rücken geben.

Der Wind weht uns zurück ins Hotel. Wir freuen uns jetzt schon auf das Frühstück. Eileen und ich lachen uns in den Schlaf. Keine von uns könnte erklären, was eigentlich so lustig ist. Ihr Anti-Allergie-Microfaser-Schnarch-Präventions-Schlafsack lässt mich auf eine ruhige Nacht hoffen. Müde vom Lachen, müde vom Wind, gespannt auf den nächsten Tag schlafe ich ein.

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Eine Antwort to “Pack die Bommelmütze ein”

  1. J 12. November 2012 um 23:12 #

    Wie großartig! Ich kann es kaum erwarten, den nächsten Teil zu lesen!

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