Archiv | September, 2011

Die kalte Hand

22 Sep

Die Sonne strahlt und die Luft ist lau. Mein kleiner Neffe fühlt sich pudelwohl auf Deinem Arm, gluckst vor Freude, während Du ihn durch die Luft schleuderst und wieder auffängst. Keine Sekunde lang würde ich daran zweifeln, dass er sicher wieder in Deinem Arm landen wird. Ihr beide juchzt um die Wette, Du rufst abwechselnd „Heeeey“ und „Huuuui“, bis der Kleine vor lauter Kichern kaum noch Luft bekommt. Ein schönes Bild. Doch ich stehe daneben, als würde ich einen schrecklichen Autounfall beobachten. Auch ich bekomme kaum noch Luft. Es tut so weh. Der Kleine ruft Deinen Namen. „Noch mal!“ Ich laufe auf die Toilette, vermeide den Blick in den Spiegel, während ich mich am Waschbecken festklammere. Ruhig atmen. Ganz ruhig. Mein Ausatmen klingt, als wäre ich in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet worden. Womöglich wäre das ein angenehmeres Gefühl. Ich brauche etwa eine Viertelstunde, bis ich den Waschraum wieder verlassen kann. Ich treffe Dich auf dem Flur, Du legst Deinen Arm um mich und gehst mit mir zum Auto. „Alles okay, Maus?“ Du küsst mich auf die Wange, die immer noch ein bisschen glüht von nicht geweinten Tränen. „Geht’s dir gut?“ Ich nicke und lächle dich schief an. „Lass uns nach Hause fahren.“

Es ist kein schöner Tag. Das kleine Stäbchen in meiner Handtasche ist schwerer als ein Felsbrocken. Heutzutage kann man da nichts mehr falsch verstehen, ganz deutlich steht es auf der Anzeige. Schwanger. Ich habe das Stäbchen noch mal geschüttelt, gewartet, minutenlang die Anzeige angestarrt. Sie hat sich nicht verändert. Was sich nun verändern wird, ist mein Leben. Unser Leben. Ich kann es Dir nicht sagen. Wir haben eine klare Vereinbarung. Ich hatte es auf die leichte Schulter genommen, als Du mir gesagt hast, dass Du keine Familie willst. Ich wollte Dich, und der Rest war nicht so wichtig. Es würde sich alles finden. Wir waren doch so glücklich zusammen. Dass Du es wirklich ernst meinst, war leicht zu erkennen gewesen. Die Wohnung, die Du gekauft hast, hätte es nicht deutlicher machen können. Groß und hell, zentral gelegen, loftartig geschnitten. Von der Dachterrasse aus hat man einen einmaligen Blick über die Stadt und kann nachts die Sterne zählen. Meinen Einwand, dass sie im fünften Stock liegt und dass es keinen Aufzug gibt, hast Du ebenso wenig gelten lassen wie die vorsichtige Frage, ob denn mehr Wände und eine normale Raumaufteilung nicht auch ganz schön wären. Du hast Dich in diese Wohnung verliebt, ebenso wie in Dein kleines altes Cabrio, das Du in dieser Gegend meist zwei Straßen weiter parken musst. Es ist das, was Du willst. Und nachdem Du mir am Abend nach der Wohnungsbesichtigung gesagt hast, dass ich Dein Glück perfekt machen würde, wenn ich mit Dir gemeinsam in das Loft im fünften Stock ziehen würde, da hattest Du mich. Es war so ein schönes Gefühl zu wissen, dass Du es ernst meinst mit mir. Du bist ein Mann, der meint, was er sagt. Leider in jeder Hinsicht.

Obwohl meine Lebensplanung eine andere war, habe ich mich auf Deine eingelassen. Der Moment fühlte sich so rosarot an, er war so perfekt. Ein Nein hätte ihn zerstört, eine Diskussion wäre so unpassend gewesen an diesem Abend. Und am nächsten. Und danach. Ich wollte die Zeit mit Dir genießen, ohne nachzudenken. Etwas in mir wusste vielleicht schon, dass es nicht ewig dauern würde. Ich war unvorsichtig. Und so verliebt. Es konnte doch niemand etwas daran ändern, was das Leben für ihn vorgesehen hatte. Was passieren soll, passiert… Ich gab die Verantwortung ab. Für mich. Für Dich. Für uns. Ich wollte nicht, dass dieses zarte Pflänzchen Glück mir entfleucht, indem ich zu viel darüber nachdenke. Es ist medizinisch nicht möglich, aber ich fühle das mikroskopisch kleine Wesen in meinem Bauch und mir wird heiß vor Glück, wenn ich an dieses Wunder denke, das dort entsteht. Die Vorstellung, den Mann verlassen zu müssen, der es gezeugt hat, oder von ihm verlassen zu werden, bereitet mir körperliche Schmerzen.

Dieses kleine Glück, das ich mir mehr wünsche, als ich mir jemals zuvor etwas gewünscht habe – es ist für uns nicht vorgesehen. Etwas muss ich Dich fragen nach diesem  Testergebnis, ich kann nicht gar nichts tun. „Was wäre, wenn?“, frage ich Dich und hoffe, Deine Antwort wird alles ändern. Ich will Dir von dem Ergebnis erzählen, Dir das Stäbchen zeigen, damit Du mich fest in den Arm nimmst und mir ins Ohr flüsterst, dass Du der glücklichste Mann bist auf der Welt. Dass Du Dich darauf freust, diesem Wesen mit mir gemeinsam die Welt zu zeigen. Ich bin so vertieft darin, zu wünschen, zu hoffen und zu beten, dass Deine Antwort erst ganz langsam zu mir durchdringt. Du hast nur kurz überlegt, siehst mich ernst an, und dann sagst Du mir, was ich nicht hören will. Ganz deutlich. Es gibt nichts mehr hinzuzufügen. „Das weißt du doch, Maus“, schiebst Du noch hinterher, es klingt etwas erstaunt. Ich sehe wohl ein bisschen traurig aus. Ein Kunststück, wenn man bedenkt, was in mir passiert. Eine kalte Hand greift nach meinem Herzen und drückt zu. Eine Welt stürzt zusammen, sie hat auf einem sehr wackeligen Fundament gestanden, gebaut auf sehr viel Hoffnung und noch mehr Verzweiflung. Nun ist sie fort. Das kleine Wesen ist noch da, es will leben. Ich will, dass es lebt. Fort sind auch die unbändige Freude, das kaum auszuhaltende Glücksgefühl und die bunten Gedanken an eine Zukunft zu dritt. Sie haben in mir geschlummert, darauf gewartet, dass Du mir eine Antwort gibst, die sie ausbrechen lassen würde. Doch ich muss sie herunterschlucken, einmal, zweimal, dreimal, und dann sind sie verschwunden, haben ein hässliches Loch hinterlassen, eine klaffende Wunde, ein Gefühl wie ein fetter Knoten, im Hals, im Bauch und in der Brust. Ich muss mich abwenden, damit Du nicht sehen kannst, was Deine Antwort und das hässliche Loch mit mir machen.

Ich gehe früh ins Bett und stelle mich schlafend, als Du Dich irgendwann neben mich legst in das Dunkel. Ich bin wie betäubt. Wie durch einen diffusen Nebel kommt mir der Gedanke, dass ich mich nie wieder zum Einschlafen in Deinen Arm kuscheln werde. Der Gedanke tut weh, doch der Nebel schützt mich davor, Dich näher an mich heranzulassen. Du willst auch das kleine Wesen nicht in Deinem Arm halten, obwohl es Dich doch brauchen wird, noch mehr als ich. Mein zermatschtes Herz krampft sich zusammen. Und wieder kommt der Nebel. Zu der Enttäuschung mischt sich Wut darüber, dass Du mir die Freude an diesem Wunder genommen hast, das unser Glück für mich vollkommen gemacht hätte. Das Gefühl der Ohnmacht schnürt mir die Luft ab. Ein paar kleine dumme Zellen in meinem Gehirn flüstern, morgen früh wird alles anders aussehen, nur nichts überstürzen, nicht dramatisieren. Irgendwie wird alles gut werden.

Doch die Nacht bleibt schlaflos für mich. Ich starre in das klebrige Schwarz der warmen Sommernacht und höre nichts als Dein leises Schnarchen neben mir. In mir toben Gedanken, Wünsche, wiederholen sich die Szenen und Gespräche der vergangenen Stunden, Tage und Monate. Die Bilder wechseln so schnell in meinem Kopf, tauchen auf und verschwinden, verdrängt vom nächsten kurzen Film, Vergangenheit jagt die Zukunft, als würden sie alles geben, alles versuchen, damit ich endlich verstehe. Und entscheide. Doch ich liege bewegungslos, starr im Dunkeln, als wäre ich nur ein unbeteiligter Zuschauer dieses wirren Kopfkinos, als hätten die Bilder und Worte nichts mit mir zu tun. Ich schließe die Augen und lege meine Hände aufs Gesicht, als wenn ich dadurch die Gedanken stoppen könnte, die Bilder nicht mehr sehen müsste. Meine Augen und meine Schläfen sind nass. Die Tränen kommen lautlos, laufen meinen Hals entlang und tropfen auf mein Kissen, wo sie bis zum Morgen eine feuchte Erinnerung an diese quälenden Stunden sein werden. Es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf.

Ein furchteinflößendes Geräusch, ein Laut wie von einem kämpfenden Tier lässt mich aus dem leichten Dämmerschlaf schrecken, in den das Gedankenkarussel mich getragen hat. Ich sitze senkrecht im Bett, einen Moment lang höre ich nur mein hämmerndes Herz, das in meinen Ohren dröhnt. Ich lausche ins Dunkel. Das kämpfende Tier gibt einen weiteren, dezenteren Schnarcher von sich, der in sanft röchelndes Atmen übergeht. Ich halte mir die linke Brust, in der das Hämmern noch nicht aufgehört hat. Du schläfst seelenruhig weiter, denke ich. Sogar im Schlaf quälst Du meine Gefühle. Das Klopfen unter meiner Hand wird langsam schwächer. Vielleicht ist es mittlerweile im Kopf angekommen, wo sich die ersten klaren Gedanken zu formulieren beginnen. Ich stehe auf.

Unter der Dusche spüle ich die salzigen Tränen und die Hitze der Nacht von meiner Haut. Mein Kopf kommt langsam wieder zu sich. Erst hat er noch versucht, mein Herz aufzusammeln und ihm Mut zuzusprechen. Erfolglos. Bis das hämmernde Herz ihn zwingt, die einzig mögliche Konsequenz auszuspucken. Es hat schon leise in mir geflüstert, als Du mir gesagt hast, dass eine Planänderung für Dich nicht in Frage käme. Unter keinen Umständen. „Das weißt Du doch, Maus.“ Jetzt wird das Flüstern lauter, es lenkt meine Gedanken. Einfach gehen, sagt es mir. Abstand. Zeit. Ruhe. Es wird alles gut werden. Irgendwie. Der warme Wasserstrahl vermischt sich mit ein paar frischen Tränen. Ich drehe den Hahn ab und steige endlich aus der Dusche. Draußen wird es langsam hell.  Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist, seit ich unser Bett verlassen habe. Du schnarchst bestimmt immer noch friedlich vor Dich hin, nicht ahnend, dass nichts mehr so sein wird wie vorher, wenn Du aufwachst. Ich wickele mich in ein Handtuch, wische den Wasserdampf vom Spiegel und zwinge mich, dem Blick meiner eigenen verquollenen Augen standzuhalten. Morgen wird alles anders aussehen. Nur leider nicht so, wie die kleinen dummen Zellen sich das vorgestellt haben. Ich lege eine Hand auf meinen Bauch und sehe mich im Spiegel vorsichtig lächeln. Das kleine Wesen, für das ich schon längst den Namen weiß, wird nicht mit Dir im Cabrio fahren oder nachts die Sterne am Himmel zählen. Es wird mein Leben auf den Kopf stellen. Für mich gibt es kein größeres Glück.

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In LA sagt man Goodbye…

9 Sep

Es ist noch zu früh. Ich öffne meine Augen nur halb, so dass niemand behaupten könnte, ich wäre bereits richtig aufgewacht. Mein Erinnerungsvermögen schickt mir eine Szene, die schon ein paar Jahre zurück liegt, aber genau zu dem Satz passt, der in meinem Hirn rotiert wie ein animiertes Word-Art.

Ich sehe meine Nichte im Sandkasten auf dem Spielplatz, tief versunken in ihre Arbeit mit Eimerchen und Schaufel. Sehr konzentriert bewegt sie kleinere Sandmengen hin und her, als hinge das Familieneinkommen davon ab. Verzückt sehe ich ihr zu und schleiche am Spielhaus entlang näher an sie heran. Als sie mich kommen sieht, springt sie auf und versucht, sich in Sicherheit zu bringen. „Ich will noch nicht nach Hause!“ protestiert sie. Natürlich nicht, sie ist hier noch lange nicht fertig, das kann sogar der dümmste Regenwurm in der Sandkiste sehen. Entschlossen schaufelt sie weiter. Wer könnte da widersprechen?

Neben mir fängt Tom an zu blinzeln. Schläfrig lächelt er mich an. „Ich will noch nicht nach Hause!“ blöke ich. Das Gemeine an schönen Urlauben ist das plötzliche Ende. Wenn wenigstens das Hotelbett unbequem ist, das Essen nach altem Frittierfett schmeckt, das Wetter schlechter ist als vor dem Abflug oder der Strand bevölkert mit schlecht gelaunten Arschlochkindern aus dem Ruhrpott – dann kann man sich wieder auf zu Hause freuen! Aber so? Tom ist bei mir, eigentlich habe ich keinen Grund, heute Abend in den Flieger zu steigen. Doch leider verdiene ich mein Geld nicht mit Sandschaufeln.

Der Müll quillt über, Sonnencreme und Duschgel sind verbraucht, unsere Handgepäckstücke kurz vor dem Platzen, aber es hilft alles nichts. Toms große Tasche hat bedenkliches Übergewicht. Unser Konsumwahn wird uns am Flughafen wieder teuer zu stehen kommen. Wir laden ein letztes Mal unseren Kofferraum voll und fahren Richtung Kaffeebohne und Teeblatt zum Frühstücken. Auf der Hauptstraße merken wir, dass wir noch nicht ausgecheckt haben. Widerwillig drehen wir um. Wir müssen uns damit abfinden, dass das unsere letzte Nacht im golden state war. Der strahlende Sonnenschein ist keine Hilfe. Es ist ein Strand-Sommertag aus dem Bilderbuch. Bitte. Kann ich hier bleiben?

Ein paar Stunden haben wir noch, um den Abschied zu zelebrieren. Kurz vor Mittag sind wir am Griffith Observatory in LA. Der Hollywood-Schriftzug räkelt sich neben uns auf dem Hügel in der Sonne.

Über den Sunset Boulevard fahren wir noch einmal durch Hollywood, Beverly Hills und Bel Air. Es gibt noch so viel zu sehen! Und nein, zu Hause amerikanische Serien auf DVD anzuschauen, ist k e i n angemessener Ersatz. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie damals alte SMS zu lesen von Paul oder Ben oder wem auch immer, der soeben aus unserem Bett und unserem Leben verschwunden ist, ohne dass wir etwas dagegen tun konnten. Es hätte so schön sein können mit uns! Ach LA, bleib noch ein paar Tage bei uns. Überleg’s Dir doch noch mal.

Tom stellt sich mindestens genauso an wie ich. Er muss unbedingt ein letztes Mal zu Abercrombie & Fitch in der 3rd street von Santa Monica, um sich das Elcharmband zu kaufen, das in Santa Barbara ausverkauft war. Glücklich bewundert er die grün gestickten Tierchen an seinem gebräunten Handgelenk. Na wenigstens belastet das unser Übergepäck nicht weiter. Nächste Station ist Pinkberry, für eine große Portion Frozen Yogurt. Ja, mittlerweile gibt es das in Hamburg auch. Aber das ist doch nicht dasselbe.

An den Kanälen von Venice Beach würde ich gern ein Haus beziehen. Lauschige Vorgärten direkt am Wasser, wie schön man dort heute Abend grillen könnte… Viele sehen aus, als würden sie leer stehen. Was für eine Verschwendung!

Der Strand von Santa Monica ist so riesig und weitläufig, dass er locker für 27 Ostseebäder reichen würde. Wir legen uns in die Sonne. Skater, Fahrradfahrer, Spaziergänger und Beachvolleyballspieler ziehen an uns vorbei. Die Polizei fährt hier mit dem Streifenwagen über den Sand – na klar, wie auch sonst. Ich schließe die Augen und spule zweieinhalb Wochen zurück. LA, San Diego, Palm Springs, Grand Canyon, Las Vegas, Death Valley, Yosemite Park, San Francisco, Highway No. 1, Santa Barbara. Palmen, Wellen, Wüste, Bäume, Küsten, Strände. Mein Kopf ist ein Fotoalbum. Mein Herz pfeift auf Heimatgefühle und brennt für diese süße Affäre weit weg von zu Hause. Es will lieber noch mal im Heli über den Canyon fliegen als 11 Stunden Richtung Osten. Nein, leicht zu haben ist es nicht. Doch wem das Herz nach drei Wochen Kalifornien bei der Abreise nicht wenigstens ein bisschen schwer wird, der hat etwas falsch gemacht.

Wir müssen zum Flughafen. Unser Übergepäck kostet 60 Dollar. Tom ist ein wenig beleidigt, dass er die Dame am Check-in nicht becircen konnte, wegen der paar Kilo zu viel ein Auge zuzudrücken. Ich bin irritiert, dass es im Tom Bradley Terminal nicht mehr als einen mickrigen Sandwich-Shop und ein paar Souvenir-Stände gibt. Hallo? Wir sind hier nicht am Flughafen Düsseldorf-Weeze! Womit soll ich mir jetzt die Wartezeit vertreiben? Frustriert kaufe ich eine Tafel Ghirardelli Milk & Caramel. Hach. San Francisco. Wie gern würde ich noch einmal unter dem Wolkenschleier am Golden Gate frieren.

Die Filmauswahl an Bord ist 1 a. Ich schaue mir nacheinander durchgeknallte Brautjungfern, das magische Paris um Mitternacht, ausgeliehene Männer und, als kein Frauenfilm mehr übrig ist, den außerirdischen Paul an. Das mit den spacemen balls muss ich mir allerdings ein andernmal genauer ansehen, denn der Filmmarathon hat mich doch etwas geschafft. Ich nicke kurz weg. Eine Lasagne und einen Frühstücksmuffin später sind wir schon in London. Am Terminal A gibt es wenigstens eine anständige Auswahl Coffee Shops und Boutiquen. Allerdings bin ich zu müde um herauszufinden, ob ich in einem Kleid von Reiss ähnlich royal aussehen würde wie Kate. Falls nicht, hätte ich es immerhin auf den Langstreckenflug schieben können.

Um 18 Uhr ist Boarding. In LA ist es jetzt 10 Uhr morgens. Ich freue mich auf mein Bett. Gegen 21.20 Uhr landen wir in Hamburg. Irgendwie sehen die Bäume hier komisch aus.

1:0 für den Pazifik

8 Sep

Das Frühstück bei The Coffee Bean & Tea Leaf stimmt uns schon ein wenig auf zu Hause ein: Die Barista füllt den Caffe Latte in echte Gläser, Cinnamon Roll und Chocolate Croissant platziert sie liebevoll auf Porzellantellern. Wir gucken wahrscheinlich ähnlich erstaunt wie die ersten Hamburger Balzac-Kunden im Jahre 1998, die ihren Milchkaffee aus schnöden Pappbechern mit Plastikdeckel trinken sollten, weil die Amis das auch so machen. Nur ist unsere Überraschung positiv. In mir keimt der Glaube an die Existenz amerikanischen Umweltbewusstseins auf. Als ich in meine Zimtschnecke beiße, sehe ich durch das Fenster auf der anderen Straßenseite die unmotivierte Aushilfskraft der 7-Eleven-Filiale den Parkplatz mit dem voll aufgedrehten Wasserschlauch abspritzen. Vielleicht ist der Asphalt staubig. Ein Kumpel kommt vorbei und hält die Aushilfskraft von ihrer Arbeit ab. Das Wasser läuft währenddessen weiter und spült meinen armen kleinen Ökoglauben mit sich in den nächsten Gully.

Heute ist Shoppingtag. Natürlich könnten wir sinnvollere, weniger materialistische, kulturbeflissenere Aktivitäten auf die Agenda unseres vorletzten Urlaubstags setzen und zum Beispiel die altehrwürdige Mission besichtigen oder mit dem Boot zum Whale Watching rausfahren. Aber hey, die pinkfarbenen Chucks aus Las Vegas für meine Nichte tauschen sich schließlich nicht von allein! Dieser Trip ist für Dich, Zuckermäuschen. Was kannst Du dafür, dass es im Camarillo Premium Outlet eine UGG-Filiale gibt, in der mittelbraune Stiefel in meiner Größe im Regal stehen (jetzt nicht mehr), oder dass die Verkäuferin der Sunglass Hut mir mit dem Satz „These go very well with your skin tone“ die verspiegelte Ray Ban geradezu aufnötigt? Eben. Gar nichts. Im Converse Store findet Tom ein paar fellgefütterte braune Leder-Chucks, während ich die kleinen pinkfarbenen an der Kasse gegen nicht ganz so kleine tausche. Bei Ralph Lauren springt noch ein Perlenarmband für mich raus. Zweifellos ein sehr erfolgreicher Ausflug.

Am Summerland Beach stürzen wir uns in die wild tosende Brandung. Ich schaue Tom zu, wie er elegant durch die Welle taucht, bevor sie weiß schäumend über ihm bricht. Es sieht nicht besonders schwer aus. Tom beobachtet, wie ich todesmutig gegen die heranrollende Welle ankämpfe und von ihr begraben werde. Ich verliere kurzzeitig die Orientierung und tauche einige Sekunden später neu frisiert wieder auf. Wenigstens sieht man so nichts von meinen entgleisten Gesichtszügen. Ich prüfe als erstes den einwandfreien Sitz meines Bikinioberteils und ignoriere dann Toms schallendes Gelächter. Das Meer hat mein Haargummi. Mir reicht’s. Zuletzt habe ich mich in der 7. Klasse so blamiert gefühlt, als meine Füße sich beim sogenannten Bodenturnen stur dem verzweifelten Versuch widersetzten, so etwas Ähnliches wie ein Rad zu schlagen, und höchstens knappe fünf Zentimeter vom Boden abhoben. Es braucht viel Zeit, mit solchen Erlebnissen endgültig abzuschließen. Ich finde einen letzten Rest Grazie in meinen wackeligen Beinen und erreiche unfallfrei mein am Strand ausgebreitetes Handtuch. Schmollen wäre jetzt super, aber leider bin ich ungefähr 27 Jahre zu alt, um mit der nötigen Überzeugung auf den doofen Pazifik sauer sein zu können.

Ein Reiter galoppiert auf seinem Braunen vorbei und weht mir eine Brise Sehnsucht nach dem unbändigem Freiheitsgefühl zu, das er hinter sich her zieht. Ich möchte auch am Strand entlang reiten, ohne Sattel und mit wehendem Haar, in der untergehenden Sonne und mit lieblicher Klaviermusik im Hintergrund. Doch erstens ist kein freies Pferd in Sicht und zweitens kann ich heute keine weiteren Zwischenfälle riskieren, die die reizende Anmut meines Wesens in Frage stellen könnten.

Am Stearns Wharf halten wir die letzten Sonnenstrahlen mit der Kamera fest und wehren uns mäßig erfolgreich gegen aufkommende Wehmut. Unser letzter Abend… Das Meer, der Strand, die Sonne, das Licht – und Luft, mit der man kuscheln möchte. It’s just so damn beautiful.

Santa Beautiful

7 Sep

Tom mag seine neue Badehose. Während ich mich den letzten Urlaubstagen angemessen verhalte und meine Umgebung nur im Halbschlaf wahrnehme, ist er samt neuer Shorts aus der Tür, bevor meine Lippen ein erstes verständliches Wort formen konnten. Das samtige Morgenlicht, das wieder einen warmen, sonnigen Tag verspricht, wabert diffus durch die leicht geöffneten Vorhänge. Kaum ein Mucks ist zu hören. Ich liebe solche Momente. Glücklich entschlummere ich einem merkwürdigen Traum entgegen.

Die Haut von glänzenden Poolwasserperlen bedeckt und nur mit Badeshorts und Handtuch bekleidet, kommt Tom ins Zimmer. Eigentlich schwebt er. Sein entrücktes Grinsen passt perfekt zu dieser ungewöhnlichen Fortbewegungsart. Mein skeptischer Blick entgeht ihm gänzlich. Er biegt zum Bad ab und bewundert seinen entblößten Körper im Spiegel. Das Grinsen wird noch breiter und bekommt etwas Diabolisches. Ich schubse ihn zur Seite, damit ich mir die Zähne putzen kann. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel. Tom seufzt das typisch männliche Seufzen der Erschöpfung – der Urschrei der Zivilisation, den Männer nach körperlicher Ertüchtigung so gern von sich geben, um deutlich zu machen, welch grenzwertig anstrengende Heldentat sie soeben vollbracht haben. Und doch sind sie brav in die Höhle zurückgekehrt. Das Weibchen sollte nun seine Dankbarkeit für diese glückliche Fügung in Form von uneingeschränkter Aufmerksamkeit, Bewunderung und Willigkeit zum Ausdruck bringen. Dazu gehört selbstverständlich auch, kommentarlos die verschwitzten Socken aufzusammeln und zu waschen. Abgesehen davon, dass Tom keine an hat, funktioniert dieser Mechanismus bei mir nicht. „Laufen war super“, setzt Tom an, überzeugt, dass doch noch etwas Bewunderung für ihn drin sein muss. Okay, er war joggen UND schwimmen, während ich mich, das minimal vorhandene schlechte Gewissen ignorierend, mit geschlossenen Augen im diffusen Morgenlicht gesonnt habe. Na und? Tom hört einfach nicht auf zu grinsen. Er brennt darauf, etwas los zu werden, das seinem männlichen Stolz zu einem aufdringlichen Niveau verholfen hat. Ich höre mit halbem Ohr zu, während er mir seine Laufroute erklärt und schließlich zum Kern der Geschichte kommt. „…da kamen mir zwei Frauen entgegen, bisschen älter, aber die sahen echt nicht schlecht aus. Die haben mich voll abgecheckt!“ Bevor ich mich entscheiden kann, ob ich das niedlich finden oder mit Herablassung reagieren soll, setzt Tom noch einen drauf. „Und als ich dann vorbei war, hab ich gehört, wie die eine zur anderen gesagt hat: ‚I am so horny right now!'“ Wäre das tatsächlich ein Traum, müsste ich jetzt aufwachen. Ich spucke den Zahnpastaschaum ins Waschbecken und gönne meinem Helden seinen Triumph. Die Beute warf sich vor seine Füße und ihm fiel nichts anderes ein, als mit geschwellter Brust zurück zu mir zu rennen und davon zu berichten. Punkt für mich. Vielleicht hat er sich aber auch einfach verhört.

Die Treppe, die vom Santa Cruz Boulevard zum 1.000 Steps Beach führt, hat in Wahrheit nur 150 Stufen. Der Strand am Ziel ist es wert, mindestens 850 Stufen mehr zu überwinden. Vielleicht ist es das, was das Schild uns sagen soll.

Barfuß spazieren wir durch die Wellen. Das Einzige, was ein wenig stört, sind die klitzekleinen Ölbohrinseln am Horizont. Im Shoreline Beach Café frühstücken wir Blueberry Pancakes, Rührei, Kaffee und Orangensaft. Mehr Urlaubsgefühl geht nicht.

Auf dem Weg zurück oben an der Promenade begegnen uns durchtrainierte Jogger mit freiem Oberkörper. Nicht auszudenken, was Toms nymphomanische Laufbekanntschaft mit denen angestellt hätte.

Etwas ziellos fahren wir über Hope Ranch vorbei an malerischen Grundstücken und landen schließlich am Goleta Beach. Hier gibt es so viele Algen, dass ich auf ein Bad im Meer lieber verzichte und stattdessen im Schatten eines Baumes vor mich hin döse. Nicht weit entfernt dröhnt der Verkehr auf dem Highway. Kein guter Platz. Wir fahren zurück nach Santa Barbara und kaschieren unsere Planlosigkeit mit einer großen Portion Frozen Yoghurt.

Nach einem Abstecher zum World Market (als Oktoberfest-Special gibt es unter anderem Franziskaner Weissbier, Maggi Spätzle und fix & frisch in den Sorten Hackbraten und German Style Pot Roast) verziehen wir uns an den Hotelpool. Wir finden zwei Liegen im Halbschatten und genießen bäuchlings die Ruhe. Meine rechte Hand krault Toms Kopf, während der Rest meines Körpers einfach nur da liegt und sich von der Sonne kitzeln lässt. Zu Hause findet heute Abend die zweite Vorlesung des 6. Semesters statt. Corporate Communication. Who cares?

Frisch geduscht, die Haut noch warm und kribbelig von der Sonne, fahren wir im weichen Abendlicht durch den Ort Richtung Pier und entscheiden uns für die Sandbar. Steak Fajita, Strawberry Margarita, Live-Musik und Free WiFi. Tina und Nick schicken Grüße aus Monterey. Ich sende einen Gruß ans Universum und wünsche mir, dass wir morgen früh aufwachen und die ganze Route noch einmal in entgegengesetzter Richtung fahren. Wenn dieser Schwachsinn angeblich sogar mit Parkplätzen klappt…

Auf dem Rückweg läuft auf Z 94.5 unser Santa Barbara-Song von LMFAO. Den kann man nur laut hören. Mit offenem Fenster. Und Überschreitung des Tempolimits.

Dänisch für Anfänger oder: warum Shopping doch nicht stinkt

6 Sep

Die Shore Cliff Lodge in Pismo Beach liegt, wie zu erwarten war, direkt an der Küste. Vom Bett aus schauen wir auf den Pool, dahinter rauschen einige Meter tiefer die Wellen des Pazifik. Gestern Abend war das Meer nicht zu sehen, weil es schon dunkel war, heute morgen liegt es unter einem Dunstschleier verborgen. Pelikane wohnen in den Felsen und haben ihr Revier mit ihren stinkenden Ausscheidungen rücksichtslos markiert. Gleich nach dem Frühstück (um 10 Uhr wird abgeräumt!) packen wir unsere Sachen und besuchen Toms Freund Ralph Lauren im Premium Outlet. Tom ist nach seiner gestrigen Konsumdiät besonders wild darauf, günstige Poloshirts und deren wehrlose Geschwister zu erlegen. Kaum haben wir den Laden betreten, wittert er seine Beute und schleicht sich von hinten an die Kaschmir-Pullover heran. Ich streichle gelangweilt ein paar spießige Hemdblusenkleider, pflücke glitzernde Armbänder vom Haken und hänge sie wieder zurück. Nur um etwas zu tun zu haben, probiere ich ein paar mit dem Reiter bestickte Fummel an und schäme mich fremd für die süddeutsche Familie, die sich in der Umkleide neben mir lautstark gegenseitig berät. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Die Fummel wandern zurück an ihren Platz. Tom ist immer noch auf der Jagd. Er scheint nach dem Motto vorzugehen: Je mehr ich kaufe, desto mehr spare ich! Er lässt sich nicht davon abbringen, jedes Teil gleich in mindestens zwei Farben mitzunehmen. Strahlend zückt er nach einer gefühlten Ewigkeit endlich seine Kreditkarte und schleppt eine XXL-Papiertüte zum Auto. Das Wild ist erlegt, der Mann ist glücklich.

Kurz vor Santa Barbara passieren wir die dänische Grenze. In Solvang, CA sieht es aus wie in dem kleinen nordeuropäischen Königreich, von dem die Amerikaner glauben, dass Eismarken dort Namen wie Häagen dazs tragen. Abgesehen davon, dass Solvang einem dänischen Ort so sehr ähnelt wie das „Capitol“ im Heidepark Soltau dem Weißen Haus, ist es hier vor allem viel zu heiß. Jedes normale norddeutsche Kind denkt bei „Dänemarkurlaub“ zuerst an Gummistiefel, Regenjacken und Ferienhäuser mit Sauna und Kaminofen. Mit viel Glück kamen Sandkuchenförmchen und Badeanzüge an drei von vierzehn Urlaubstagen am sonnenbeschienenen Strand zu Einsatz, doch auch dann hatte Mama zur Sicherheit Frottee-Bademantel und Windjacke eingepackt. In Solvang sind mindestens 30° C und mein Oberkörper wird dank des schwarzen, neuen Victoria’s-Secret-Shirts zum Sandwich-Toast.

Es gibt einen Hans Christian Andersen-Park, kreative Straßennamen wie Copenhagen Drive und Fjord Drive, Mortensen’s Danish Bakery – kein Hot Dog Stand weit und breit. Dänemark ohne rød pølse? Unmöglich. Tom posiert kurz vor der Solvang Brewing Company und im Wachhäuschen des Solvang Inn, dann, noch bevor sich das Auto trotz Schattenparkplatz richtig aufgeheizt hat, fahren wir weiter gen Süden.

Am Nachmittag erreichen wir das Pepper Tree Inn in Santa Barbara. Unsere letzte Station auf dieser Reise. Wir versuchen, den Gedanken so weit wie möglich beiseite zu schieben. Optimistisch betrachtet ist das Glas noch zu einem Sechstel voll: Uns bleiben drei Nächte an der amerikanischen Riviera, in Zimmer 263 mit Blick auf den Pool im sonnigen Innenhof.

Ich ziehe mir etwas Luftigeres an und wir starten zu einem Bummel durch den Ort, beobachten Pelikane am Pier, probieren Pfirsiche auf dem Farmers Market und widerstehen unzähligen Versuchungen in den hübschen Geschäften der State Street. Für Tom springt dann doch eine Badehose heraus, für mich ein Ripcurl-Bikini – das gleicht nur unsere Verluste wieder aus! Ich spüre, Santa Barbara ist perfekt für entspannte letzte Urlaubstage. Gepflegt wie ein Blankeneser Vorgarten, samtweiches Wetter, das Haut und Seele streichelt, kilometerweise Sandstrand und eine frisch parfümierte Filiale von Abercrombie & Fitch. Können wir bitte hierher umziehen?

Bei Pascucci sitzen wir abends direkt vor dem Kamin und genießen Garlic Bread, Ravioli und Fresh Lemonade. Tom hat seinen neuen Duft aufgelegt, Fierce von A&F. Ich schnüffle an seinem Hals und stelle fest: „Du riechst nach Shopping. Frauen mögen das.“

Highway No. 1 oder: Shopping stinkt

5 Sep

Pam hält uns wahrscheinlich für bekloppt. Dennoch ruft sie für uns auf der Furnace Creek Ranch im Death Valley an und fragt nach unseren vermissten Handtüchern inklusive Badekleidung. Entweder liegen die Sachen noch auf dem Balkon des Zimmers 736 in der Sonne oder eins der Zimmermädchen trägt jetzt meinen Bikini – jedenfalls kann die Lost & Found-Beauftragte der Wüstenranch nichts für uns tun. Pam sieht uns mitleidig an und scheint zu hoffen, dass wir sie nicht als nächstes nach dem leeren Colabecher aus der Mittelkonsole unseres Leihwagens fragen. Wir tun ihr den Gefallen und checken aus. Die Rechnung beläuft sich auf 136,62 Dollar, exklusive Übernachtungen, denn die Parkgarage kostet – Überraschung – 39,95 Dollar am Tag. Hoffentlich war Toms James Bond-Satz das wert.

Es geht in Richtung Süden. Auf dem Weg aus der Stadt hinaus sickern schüchterne Sonnenstrahlen durch den Wolkendunst. Erstes Ziel für heute ist die Milipitas Great Mall am Südzipfel der San Francisco Bay. Tom hat schon leicht schwitzige Hände beim Gedanken an den Outlet-Store von Abercrombie & Fitch. Leider reicht dessen Duftmarke nicht ganz bis zum Highway, so dass wir einen kleinen Umweg und mehrere Wendemanöver brauchen, bis wir den Parkplatz der Mall erreichen. „Hurra, die Hitze Kaliforniens hat uns wieder!“ denke ich, als wir aus dem Auto aussteigen. Frieren tun wir das ganze Jahr über in Hamburg genug, ein erster Schweißausbruch kurz nach dem Frühstück gehört zum richtigen Urlaubsgefühl einfach dazu.

Tom schmollt. Nachdem er sich ausgemalt hatte, wie er mit Bergen von kuschelweichen Hemden, T-Shirts und Hosen für einen Spottpreis aus dem Laden stolzieren würde, steht er nun mit einem popeligen weißen Hemd an der Kasse von Abercrombie & Fitch. Es kostet gerade mal 15 Dollar, aber es ist nur ein Hemd. Ich dagegen erstehe zwei Kleidchen, ein Top und ein Paar dunkelbraune Leder-Flip Flops für keine 40 Dollar. Guter Laden. Finde ich.

Gegen 13.30 Uhr machen wir uns auf den Weg zum South Valley Freeway. Etwa 60 Meilen später sind wir auf dem Cabrillo Highway, besser bekannt als: Highway No. 1. In der Monterey Bay können wir den Pazifik vom Auto aus sehen, aber dieser Anblick löst nicht mehr aus als das Blau der Ostsee am Horizont auf dem Weg nach Timmendorf (also ein: „Hey, da ist das Meer!“). Die 49 Meilen in San Francisco haben wir uns geschenkt, aber den 17-mile-drive zwischen Pacific Grove und Pebble Beach darf man anscheinend nicht verpassen. Wir bezahlen 9,50 Dollar, um das Privatgelände befahren zu dürfen. Wie viele andere Autofahrer vor uns auch, die jeden Inch dieser Strecke genüsslich auskosten möchten und im Schneckentempo vor uns her zuckeln. Dabei kann man erstmal nichts sehen außer Bäumen und parkähnlichen Grundstücken, auf denen irgendwo große, teure Villen stehen. Wo sind sie denn, der Pazifik und die dramatische Küstenlandschaft?

Da sind sie! Bei Bird Rock machen wir einen ersten Stopp und atmen die frische Meeresluft. Am Strand tummeln sich die Touristen ungefähr in der gleichen Dichte wie die Seelöwen auf dem Felsen vor uns.

In Pebble Beach gibt es Sandwiches und Kekse. Wir halten uns an den Supermarkt, die weiteren Geschäfte sind ganz klar auf die Zielgruppe „Golfer 50+“ ausgerichtet. Uns stört das nicht weiter, das Sandwich ist hervorragend. Noch eine Export-Idee für zu Hause: Sandwichtheken im Supermarkt. Verschiedene Brotsorten, ganz nach Wunsch frisch belegt. Da ginge sicher ein ängstliches Raunen durch die Kühltheke bei Edeka.

Die angeblich so einzigartige Pazifik-Privatstraße erzeugt bei uns ein ähnliches Gefühl wie das Alstertal-Einkaufszentrum an einem verregneten Samstagnachmittag. Oder die A7 südlich des Elbtunnels kurz nach dem Ferienbeginn in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Wir haben heute noch einige Meilen zu fahren, daher schenken wir der einsamen (von wegen) Zypresse und dem Geisterbaum nur einen flüchtigen Schulterblick aus dem Autofenster. In Carmel-by-the-sea beginnt wieder die öffentliche Straße. Ich bin geneigt, Tom ins Lenkrad zu greifen und in die nächstbeste Lücke einzuparken, denn der Ort ist zu schnuckelig. „ShOpPiNg!“ ruft es aus jedem Schaufenster, das wir passieren. Tapfer widerstehe ich dem Impuls. Wir hätten hier übernachten sollen…

Auf dem Highway No. 1 geht es weiter der Sonne entgegen. Alle paar Minuten gelangen wir an Aussichtspunkte, die unbedingt einen Stopp wert sind. Okay, doch etwas anderes als die Ostsee. Anhalten, aussteigen, Foto machen. Urlaub kann wirklich anstrengend sein. Ich versuche diese Variante: Augen schließen, Arme ausbreiten, den Wind spüren. Ein inneres Bild von dem Moment für immer speichern. Und weiter.

Um 19.20 Uhr geht die Sonne unter. Tom parkt den Wagen und holt sein letztes Grand Canyon Beer und Beef Jerky aus der Kühlbox. Die männliche Version eines romantischen Dinners im Sonnenuntergang.

Am Point Piedras Blancas reicht das Licht gerade noch, um die Kolonie See-Elephanten am Strand nicht zu übersehen. Die Kolosse wälzen sich im Sand, robben durch das Wasser und geben röhrende Laute von sich. Vielleicht ein Balzritual. Die Jungs müffeln ein wenig, aber das Spektakel ist unglaublich.

Nicht auszudenken, dass wir das hier vielleicht verpasst hätten, wenn ich in Carmel dem Impuls nach schnödem Shopping nachgegeben hätte… Diese Jungs sind nicht unbedingt sexy, aber sie waren den Verzicht wert, keine Frage.

49 Meilen oder 4.900 Kalorien

4 Sep

Nach dem Frühstück lassen wir das Auto aus der Garage holen (Tom wollte schon immer diesen Satz zu einem uniformierten Menschen sagen: „Sir, I need my car, please. – Now.“ Er versucht, dabei ein bisschen so zu gucken wie James Bond.) und fahren zum Golden Gate Park. Wir drehen eine Runde durch den östlichen Teil der über 4.000 Quadratkilometer (!) großen Grünanlage, was aber bei bewölkten 15° C nicht besonders viel Spaß macht. Tom möchte weiter zum ehemaligen Militärstützpunkt Presidio am Golden Gate. Die Strecke dort hin liegt zum Teil auf dem 49 Mile Scenic Drive, der quer durch die Stadt zu zahlreichen Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkten führt. Würden wir den weiß-blauen Schildern mit der Möwe konsequent folgen, wären wir einen halben Tag lang unterwegs. Eine schöne Idee, aber wir machen uns lieber unsere eigene Route.

Am einsamen Fort Point rettete „Scottie“ James Stewart 1958 elegant seine „Madeleine“ Kim Novak aus den Fluten. Heute tobt die Brandung wild um den südlichen Pfeiler der Golden Gate Bridge, rechts der Uferstraße parken die Autos dicht an dicht. Jogger, Surfer und Spaziergänger nehmen dem Ort etwas von seiner Dramatik, doch ganz oben auf der Festung, wo die Brückenkonstruktion zum Greifen nah ist, ist noch genug davon übrig. Tom hält begeistert seine Nase in den Wind und posiert heldenhaft für die Kamera.

Schließlich überqueren wir das Goldene Tor und werden am anderen Ufer von Sonnenschein empfangen. Hey there, lange nicht gesehen! Der Highway 101 führt uns nach Nordosten ins Sonoma Valley und als erstes auf das Weingut der Familie Cline. Ich schäle mich aus meinem langärmligen San-Francisco-Outfit und zücke die Tube mit der Sonnencreme. Auf diesem wunderbaren Fleckchen Erde wäre ich auch gern eine Weintraube. Oder vielleicht doch lieber gleich ein Rebstock. Wir probieren Syrah, wandeln über das idyllische Gut und werfen einen Blick in das Missions Museum. Hartnäckiges Hungergefühl trübt ein wenig die Rosamunde-Pilcher-Romantik. Wir fahren weiter in den Ortskern. Tom steht eigentlich (angeblich) gar nicht so besonders auf Süßes, aber im Ben & Jerry’s Scoop Shop beginnt er eine verhängnisvolle Affäre mit einem Frozen Yoghurt Half Baked & Whipped Cream. Es ist einer dieser Läden, in dem wir als deutsche Touristen mit der Breite des Angebots völlig überfordert sind, aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Diese Schoko-Sahne-Joghurt-Keksteig-Komposition ist der absolute Hammer. Wieder so ein Moment, in dem mir bewusst wird: mein amerikanisches Ich wäre zweifellos eine schwabbelige Fettbacke.

In der Cheese Factory stillen wir anschließend unseren Heißhunger auf Herzhaftes. Übrig bleibt nur der Wunsch, auf der Wiese im Schatten der Bäume ein kleines Schläfchen zu halten. Wir durchsuchen den Hyundai ratlos nach unseren Strandlaken, bis mir einfällt, wo wir die vergessen haben. Toms Badehose und mein Bikini sind auch in der Wüste geblieben. Mittlerweile sollten sie auf jeden Fall getrocknet sein. Schade um das Schläfchen.

Auf dem Rückweg machen wir einen Schlenker über Berkeley und besichtigen den Unicampus. Zurück in der Stadt steuern wir die berühmte Lombard Street an. Der Stau beginnt schon viele Blocks vorher, so dass wir in der Leavenworth Street parken und die Touristenattraktion wie so viele andere vom östlichen Fuße aus bewundern. Im Schneckentempo zuckeln die Autos die Zickzack-Straße hinab und werden zum Motiv zahlloser Erinnerungsfotos.

Wir beschließen den Abend in North Beach, dem Little Italy San Franciscos, im Restaurant Rose Pistola auf der Columbus Avenue. Trotz der hohen Dichte italienischer Restaurants sind alle gut besucht bis überfüllt, doch hier haben wir Glück und bekommen zwei Plätze an einem Tisch direkt vor der Live Band. Mit unserem Hauptgang ist deren Auftritt zum Glück beendet und ein flüssiges Gespräch wieder möglich. Apropos flüssig – einem für heute letzten Espresso mit Vanilleeis kann ich trotz des (ja auch schon einige Stunden zurückliegenden) Ben & Jerry’s-Intermezzos nicht widerstehen. Außerdem war das ja mein amerikanisches Ich, und hier sind wir quasi in Italien.

Nebel, Sonne, Regenbogen

3 Sep

Nach dem Frühstück machen wir uns zu Fuß auf den Weg in Richtung Chinatown. Es ist kühl und bewölkt, die Stimmung ein wenig neblig. In Chinatown dagegen gibt es jede erdenkliche Farbe, schwindlig machende Schaufensterauslagen und Füße unterschiedlicher Tierarten für den kleinen Snack zwischendurch.

Über die Columbus Avenue steuern wir Fisherman’s Wharf an und entscheiden uns für die Golden Gate Bay Cruise der Red and White Fleet am Pier 43 1/2. Trotz Wind und frostiger Temperaturen genießen wir selbstverständlich die Aussicht vom Deck aus. Fotos von der Golden Gate Bridge vor strahlend blauem Himmel hat man schon tausendfach gesehen, der Anblick der in dichte Nebelschwaden gehüllten Brücke ist da doch etwas Besonderes…

Wir umkreisen Alcatraz und sehen einen Streifen blauen Himmel am Horizont. Die ehemalige Gefängnisinsel ist sicherlich einen Besuch wert, doch ich bin mir nicht sicher, ob angesichts der Bootsladungen zahlloser mit Kameras bewaffneten Touristen die richtige Stimmung aufkommen würde. Nach einer Stunde gehen wir wieder an Land und besuchen die Seelöwen am Pier 39. Sie liegen faul auf dem hinteren Ponton und sind nicht in Fotolaune.

Auf der Vergnügungsmeile des Piers ist die Hölle los, kulinarische und materielle Verheißungen werben um die Aufmerksamkeit der Touristen, Clam Chowder, Crabs und Shrimps sind die Renner. Wir genießen die Sonnenstrahlen, das Gewusel weniger und fahren mit der F-line vom Embarcadero aus hinunter bis zum Pier 1 und weiter die Market Street entlang bis 16th & Noe Street. Im Cafe Flore bestellen wir Salat und Sandwiches. Tom fühlt sich in der überwiegend männlichen Gesellschaft hier sichtlich unwohl – wir sind in Castro, unschwer erkennbar das Schwulenviertel der Stadt. Er verputzt schnell sein Sandwich und möchte gehen. Ich finde, Tom könnte sich ruhig mal etwas locker machen und bitte ihn, meine Handtasche zu nehmen, während ich noch schnell zur Toilette gehe.

Wir halten eine kleine Siesta im Hotel und brechen gegen 18 Uhr wieder auf. Eine Cinnamon Latte to go gibt meinem Blutzuckerspiegel einen kleinen Kick und wärmt schön durch. Der leicht weihnachtliche Geschmack ist bei diesen Temperaturen gar nicht so unpassend. Die Vielzahl der Geschäfte im Westfield Centre hat mittlerweile zum Glück keine verstörende Wirkung mehr auf uns. Um 19.30 Uhr lehnen wir uns dennoch entspannt und ohne eine einzige Tüte in der letzten Reihe des Cinemark zurück und genießen unter anderem Ryan Goslings Sixpack (ich zumindest) in „Crazy, Stupid, Love“.

…es geht auch sonnig:

Wear some flowers in your hair

2 Sep

Auf dem Weg nach San Francisco durchqueren wir ein letztes Mal den Yosemite National Park, um ihn über die Big Oak Flat Road in Richtung Westen zu verlassen. Es ist Labour Day Weekend und der Verkehr in den Park hinein staut sich. Tom ist gedanklich noch bei seiner großen Liebe, den Giant Sequoias, ich längst bei der Golden Gate Bridge. Die Straße schlängelt sich bergauf, bergab, durch das Don Pedro Reservoir, vorbei an Wiesen, die aussehen, als wenn flauschiges Teddyfell auf ihnen wächst, und an Plantagen mit Walnuss- und Mandelbäumen. Aus dem Autofenster sehe ich verlassene Landschaften und graue Ortschaften und träume vom Pazifik. Am späten Nachmittag erreichen wir die Oakland Bay Bridge.

Für 6 Dollar Mautgebühr dürfen wir die Brücke überqueren. Unser Hotel liegt Downtown in der Taylor Street, der Wagen wird für uns geparkt. Straßenverhältnisse und Parksituation muten hier ebenso europäisch an wie die viel gelobte Architektur, daher sind wir froh, dass wir das Auto los sind. Auch das Wetter weckt unerwünschte Heimatgefühle – ich bibbere in kurzer Hose und T-Shirt bei gefühlten 11° C. In unserem Zimmer hängen Bademäntel im Leopardenmuster bereit – eine fragwürdige Geste des ansonsten sehr geschmackvoll eingerichteten Hotels.

In Jeans, Langarmshirt und Jacke wagen wir uns wenig später wieder auf die Straße. Kein einziger Sonnenstrahl schafft es durch die Wolken, ein frischer Wind weht um die Häuserblocks. Vorbei an zwielichtigen Gestalten und müffelnden Hauseingängen machen wir uns auf den Weg zur Market Street. Im Westfield Centre ist es warm. Es gibt 138 Geschäfte in diesem Shoppingtempel, spannende Labels, vielversprechende Schnäppchen, 37 gastronomische Anbieter und natürlich ein Kino. Tom und ich irren ziellos umher. Kulturschock. Wir waren doch nur wenige Tage  bei den Mammutbäumen und in der Wüste – wie müssen sich erst Crocodile Dundee gefühlt haben, Sabine Kuegler, Nell? Mit einem Starbucks-Kaffee versuchen wir, uns zu akklimatisieren. Wir bummeln weiter durch die Geary Street und entscheiden uns zum Abendessen für den Daily Grill. Zu Angel Hair Pasta trinke ich Fresh Lemonade und finde, dass viel mehr Restaurants in Deutschland dieses großartige Getränk anbieten sollten. Wie schwer kann es sein, Mineralwasser mit ein bisschen Zucker und Zitronensaft zu mixen? Ich sehe einen großen Missionierungsbedarf für die heimische Apfelschorlefraktion. Bei Tom hat es bereits funktioniert – Apfelschorle trinkt er zwar nur, wenn das Bier alle ist, aber diese frische Limonade hat es ihm auch angetan. Verdammt. Meine Bereitschaft zu teilen lässt in solchen Fällen jedes verzogene Einzelkind harmlos aussehen.

Zurück zu unserem Hotel sind es nur zweieinhalb Blocks, Toms Orientierungssinn sei Dank. Das kostenlose WiFi funktioniert, wir checken den Wetterbericht für die nächsten Tage. Dazu finde ich ein Zitat (ob von Mark Twain oder nicht): „The coldest winter I ever spent was a summer in San Francisco.“

Große Bäume, kleine Biester

1 Sep

Die hohen Bäume können warten, bis wir ausgeschlafen haben. Einige von ihnen stehen schon seit 2.000 Jahren an ihrem Platz und trotzen tapfer den Waldbränden. Wir besorgen uns Yogurt & Granola und Kaffee im Deli und frühstücken in der Lobby, denn draußen wimmelt es überall von tieffliegenden Wespen, die auch Hunger haben. Wir werden den Tag in der Natur verbringen, da brauche ich nicht unbedingt schon beim Frühstück die Gesellschaft aggressiver Insekten.

Den Mariposa Grove of Giant Sequoias erreichen wir gegen 12 Uhr mittags. Wir parken unseren Hyundai auf dem gut besuchten Parkplatz und starten fröhlich zur Wanderung. Nach wenigen Schritten stehen wir vor dem Fallen Monarch und posieren vor seinem beeindruckenden Wurzelwerk.

Wer darin wohl so alles wohnt… Weiter geht es zum Bachelor und seinen drei Grazien. Hier legen wir eine erste Pause ein, müssen allerdings feststellen, dass wir bisher gerade mal 0,3 Meilen geschafft haben.

Der Grizzly Giant ist 64 m hoch und geschätzte 1.800 Jahre alt. Tom wirft sich glücklich vor seinem Freund, dem großen, alten Baum in Pose und freut sich ausnahmsweise, wie klein er ist. (Der Giant ist fast 34-mal so groß wie er…) Am Tunnel Tree gibt es einen Foto-Stau, wir ziehen einen Kilometer weiter zum Faithful Couple.

Die beiden Baumstämme sind innerhalb von einigen Hundert Jahren unten zusammengewachsen, oben an den Kronen jedoch getrennt. Ein außergewöhnliches Paar… Wir folgen unserer Karte weiter hinauf zum Clothespin Tree und schließlich zum Telescope Tree. Ich bin mittlerweile staubig bis zum Knie und doch ein bisschen neidisch auf die Menschen, die sich für eine entspannte Rundfahrt mit dem Shuttlebus entschieden haben. Denen entgeht allerdings das hier: „Schließen Sie die Augen und treten Sie in den Baum hinein. Lassen Sie die Augen geschlossen, lehnen Sie Ihren Kopf zurück und öffnen Sie langsam die Augen. Wahnsinn!“

In einem Baumstamm stehen und in den Himmel gucken kann ich damit abhaken auf der Liste von Dingen, die ich einmal im Leben tun möchte. Nach guten drei Stunden kommen wir fix und fertig wieder unten am Parkplatz an. Ich denke an die mächtigen Bäume, die wir gesehen habe, an die Squirrels, das Reh und die Schmetterlinge und finde, jeder einzelne Schritt hat sich gelohnt.

Über die Wawona Road fahren wir ins Yosemite Valley, stellen uns im Store ein Menü aus Cheesecake, Chips und Grapefruit Soda zusammen und schauen uns anschließend kurz The Ahwahnee Hotel an – ein Resort für Snobs, wie wir beschließen. In der Nähe beginnt ein Wanderweg zu den Yosemite Falls, laut Schild ist dieses Highlight des Tals nur 1 Meile Fußmarsch entfernt. Wir werden trotz unserer müden Füße leichtsinnig und laufen erwartungsvoll los. Es geht bergauf durch ein hübsches Waldstück, vorbei an Felswänden, die zusammen mit den belaubten Ästen im Licht der untergehenden Sonne in den schönsten Farben leuchten. Ich bilde mir ein, die Wasserfälle schon rauschen zu hören. Doch die Idylle wird getrübt, von Abermillionen klitzekleinen Fluginsekten, ob Mücke oder Fliege macht keinen Unterschied: die Biester haben es auf unsere Körperöffnungen abgesehen und zum Angriff auf unsere Ohren, Nasen und Augen geblasen. Wir fuchteln wild mit den Armen, schnaufen, zucken und fluchen. Diese Mikro-Monster werden uns nicht vom Erleben der berühmten Wasserfälle abhalten! Nachdem ich mir zum dritten Mal selbst einen Kinn-Ohr-Haken verpasst habe, um eins der winzigen Arschlöcher in die Flucht zu schlagen, schwindet meine Entschlossenheit. Das nächste Schild macht uns die Entscheidung leicht: noch 0,8 Meilen bis zum Ziel. Das sind umgerechnet mindestens eine Milliarde Begegnungen mit dem geflügelten Feind. Tom und ich tauschen einen Blick und drehen um. Zurück am Auto schütteln wir uns die letzten hartnäckigen Viecher vom Leib und ein paar Leichen aus Ohren und Nasen. Für die verschluckten ist es leider zu spät. Nichts wie weg hier.

Auf dem Rückweg in Richtung unserer Lodge biegen wir nach einigen Minuten schwungvoll vom Northside Drive auf einen Parkplatz ab, nachdem wir rechts von der Straße für eine Sekunde die Yosemite Falls in voller Schönheit erblickt haben. Der Fußweg zu den Lower Falls dauert keine zehn Minuten. Kein Wunder, dass hier deutlich mehr Touristen unterwegs sind als auf unserem Insekten-Horror-Pfad. Ins Tal hinein gelangt man über den Southside Drive, von dem aus man diesen stressfreien Spazierweg leider nicht sehen kann. Vielleicht hätten wir den Reiseführer vorher gründlicher lesen sollen…

Am Fuße des Wasserfalls klettern wir über die Steine und baden unsere staubigen Beine im Eisbach. Ein paar Kneippgüsse können jetzt nicht schaden. Die Yosemite Falls bilden einen schönen Abschluss dieses eindrucksvollen Tages – doch von Felsen herabstürzende Wassermassen haben wir woanders schon berauschender gesehen.

 

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