Archiv | August, 2011

Bollywood im Yosemite National Park

31 Aug

Die Harfenmelodie aus meinem iPhone weckt mich, als ich gerade die Klimaanlage zum 17. Mal wieder angeschaltet und meine Decke und mich umständlich und kunstvoll in eine perfekte Position drapiert habe, um die optimale Schlaftemperatur und den maximalen Wohlfühlfaktor zu erreichen. Es ist 05:20 Uhr. Welcher Wahnsinnige steht freiwillig um diese Zeit auf? Golfspieler, klar. Aber ich? Verdammter Sonnenaufgang. Ich erwäge kurz, bewegungslos unter der kuscheligen Decke liegen zu bleiben und mit geschlossenen Augen eine Sonnenfinsternis zu simulieren. Tom macht sich auf den Weg ins Bad. Streber. Um 05.45 Uhr entschließe ich mich, auch aufzustehen. Der Zabriskie Point ist es sicherlich wert, in der Morgendämmerung in Shorts und T-Shirt zu springen und ohne Frühstück in der bereits um diese Tageszeit nicht zu verachtenden Hitze auf ein Naturschauspiel zu warten.

Diese oder ähnliche Gedanken hatten schon einige Menschen vor uns, denn wir sind nicht allein am Aussichtspunkt. Die frische Morgenidylle wird durch Zigarettenqualm und spanisches Gequatsche etwas getrübt. Romantik kommt nur schwerlich auf an Plätzen, die in jedem Reiseführer eindringlich empfohlen werden. Ich spaziere mit meiner Kamera über die Plattform und schieße ein paar Fotos von der Landschaft, die vor fünf Millionen Jahren mal der Furnace Creek Lake gewesen ist. (Möchtegern)Profis stehen mit ihren Stativen neben Kunstbanausen mit billigen Pocketkameras. Meine Canon und ich irgendwo dazwischen. Langsam erhebt sich die Sonne hinter der Hügelkette und gönnt ihrem Publikum etwas von ihrem gleißenden Licht.

Doch etwas beeindruckender als eine simulierte Sonnenfinsternis. Milchkaffee und Schoko-Franzbrötchen wären jetzt allerdings schön… Im Café 49 auf unserer Ranch bekommen wir ein schnelles Frühstück. Von der Veranda aus beobachten wir unglaublich hässliche kleine Vögel, die verzweifelt nach Nahrung suchen und keinesfalls gefüttert werden dürfen. Noch während ich hoffe, dass sie meinem Croissant und mir nicht zu nahe kommen, landet ein Rabe mit dem BMI eines Mastschweins auf der Mülltonne neben der Veranda. Ich verschlucke schnell mein Hörnchen und beobachte, wie der Vogel mit dem Schnabel versucht, die Tüte aus dem Eimer zu ziehen und sich dabei geschickter anstellt als so mancher Hausmeister. Zeit zum Auschecken.

Wir verlassen die Ranch gegen 8 Uhr und nehmen Kurs auf den Yosemite National Park. Am ersten Aussichtspunkt außerhalb des Death Valleys werfen wir noch einen Blick zurück und sind von Kopf bis Fuß überrascht, als wir aus dem Auto aussteigen. Es sind maximal 25° C hier oben! Beglückt atme ich die frische Luft und schaue Tom dabei zu, wie er zunächst eine Markierung ins Geröll setzt und sich anschließend mit dem Echo des Abgrunds unterhält. Manchmal braucht es eben nicht viel, um glücklich zu sein.

Wir passieren die östliche Felswand der Sierra Nevada und den Salzsee Owens Lake, konsumieren Burger und WiFi in Bishop, biegen am Mono Lake links ab und erreichen am Nachmittag über die Tioga Pass Road den Yosemite National Park. Die Einfahrt gestaltet sich etwas stockend, noch ist die Hauptsaison nicht ganz vorüber. Außerdem sind Straßenbauarbeiten im Gange. Doch es gibt schlimmere Orte, um im Stau zu stehen. Der Weg schlängelt sich durch sattes Grün, vorbei an prächtigen Bäumen und plätschernden Flüssen.

Am Tenaya Lake halten wir an, legen uns in den Sand und lassen den Blick unserer wüstengewöhnten Augen über die glitzernde Wasseroberfläche des Sees schweifen.

Tom hat fleißig im Reiseführer gelesen und ist jetzt ganz wild auf Mammutbäume. Obwohl unser Hotel am anderen Ende der sich durch den Park windenden Straße liegt und wir noch eine beachtliche Strecke vor uns haben, ist er nicht davon abzubringen, zum Tuolumne Grove zu wandern. Wir halten auf dem Parkplatz an der Bik Oak Flat Road, tauschen Flip Flops gegen Turnschuhe und nehmen die 4 km in Angriff, nachdem ich dem unschuldig aussehenden Holzhäuschen am Startpunkt den „worst toilet award“ verliehen habe. Selbst schuld, wenn man die Blase und nicht den Verstand entscheiden lässt. Ich blieb bei dem unglaublich widerlichen Gestank nur deshalb bei Bewusstsein, weil ich sonst in das tiefe, dunkle Loch unter mir gestürzt und vielleicht nie wieder aufgetaucht wäre. Also hielt ich die Luft an, schloss die Augen und dachte kurz an Slumdog Millionaire Jamal und seinen todesmutigen Sprung in die Tiefe. Tapferer kleiner Junge.

Der Wanderweg geht stetig bergab und führt uns vorbei an einigen Mammutbäumen zum Dead Giant, durch dessen Stamm seit 1878 ein Tunnel führt. Voller Ehrfurcht bestaunt Tom die riesigen alten Bäume, von denen es im Südwesten des Parks noch viele mehr geben soll. Ich bereite mich mental für den nächsten Tag schon mal auf eine mehrstündige Wanderung vor.

Um 18.30 Uhr checken wir in der Tenaya Lodge in Fish Camp südlich des Parks ein und lassen den Abend bei Cobb Salad und Burger in Jackalope’s Bar & Grill ausklingen. Wir versuchen, nicht daran zu denken, dass die Hälfte dieses wunderschönen Urlaubs bereits hinter uns liegt, denn wir haben ja noch so viel vor uns: San Francisco, Pismo Beach, Santa Barbara – und natürlich: Mammutbäume…

 

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Die Wüste rockt

30 Aug

Nach dem Frühstück in der Starbucks-Filiale des Planet Hollywood inklusive Free WiFi weiß ich nun: die pinkfarbenen Chucks sind zu klein und müssen getauscht werden. Da ich mich schon vor dem Urlaub über so elementare Fakten wie die Centerdichte der Premium Outlet Malls informiert habe, kann ich dieses Vorhaben ruhigen Gewissens auf nächste Woche vertagen. Das Outlet in Camarillo zwischen Santa Barbara und Los Angeles hat nicht nur einen Converse‑Shop, sondern auch einen UGG-Store – ohne einen Besuch dort kann ich das Land also auf keinen Fall verlassen.

Diese konsumorientierten Gedanken lenken mich kurz ab von der Angst vor unserem heutigen Etappenziel. Es geht in die Wüste. Wir haben die Route sorgfältig ausgearbeitet, die Kühlbox bis zum Rand mit Eis und Getränken gefüllt und sogar die Rezeptionistin der Polo Towers gebeten, auf der Furnace Creek Ranch Bescheid zu geben, wann wir in etwa dort sein werden. Im Death Valley. Irgendetwas an diesem phantasievollen Namen wirkt auf mich unangenehm bedrohlich.

Wir verlassen die Stadt über den alten Teil des legendären Strips, vorbei am Stratosphere Tower und den kitschigen kleinen Wedding Chapels, vor denen jeden Moment ein Elvis-Verschnitt im pink Cadillac mit seiner ebenso volltrunkenen wie ahnungslosen Braut auf dem Beifahrersitz auftauchen könnte, musikalisch untermalt von Katy Perrys „That’s what you get for waking up in Vegas“ als Hochzeitsmelodie. Zumindest wünsche ich mir das. Leider passiert nichts dergleichen.

Tom malt sich indes ganz andere Szenarien aus, die er gern in der Geisterstadt Rhyolite und auf dem Weg dorthin erleben würde. Ufos und Außerirdische stehen auf seiner Liste ganz oben .

Doch die Jungs feiern mit Elvis gerade irgendwo anders eine Party, jedenfalls sehen wir vom Highway aus nicht einmal ein mysteriöses Leuchten am stahlblauen Himmel. In Rhyolite ist ebenso wenig los, nicht dass wir von der Geisterstadt ein großes kulturelles Angebot erwartet hätten, aber die Ruinen in Form von undefinierbaren Steingebilden enttäuschen uns doch. Beeindruckend ist lediglich der einsame Behindertenparkplatz vor dem renovierten und mittlerweile eingezäunten Bottle House. Political correctness bis in die Wüste.

Dann wird es ernst. Kaum haben wir das Gelände des Death Valley National Parks erreicht, klettert das Thermometer am Armaturenbrett auf seinen bisherigen Rekordwert von 121° Fahrenheit. Kollege Celsius hätte bei umgerechnet 49,4° geschwitzt. Die Klimaanlage läuft anstandslos und zum Glück begegnet uns nirgendwo eines von den im Reiseführer angedrohten Schildern mit der Aufschrift „Avoid overheating – turn of A/C next 20 miles“. Eine gruselige Vorstellung, ein Rudel Außerirdische wäre nichts dagegen.

Gegen 16 Uhr checken wir auf der Ranch ein. Besonders stolz ist man hier auf den zur Anlage gehörenden Golfplatz. In den Wintermonaten sicherlich ein gern genommener Zeitvertreib, jetzt im August allerdings sollte man spätestens um 6 Uhr morgens auf der künstlichen Grünfläche zum Abschlag bereit stehen, um die kühlen Morgenstunden bei ca. 30° C zu nutzen. Wir heben uns diesen Sport für das letzte Lebensdrittel auf und verziehen uns zu einer Siesta in unser Zimmer.

Zum Sonnenuntergang stehen Tom, ich und die Canon Eos am Zabriskie Point und werden Zeugen eines wunderschönen Naturschauspiels. Die Wüstenlandschaft leuchtet in allen Schattierungen von ocker bis dunkelorange. Ein Meer aus Sand und Stein, aus dessen sanften Wellen Licht und Schatten ein einzigartiges Gemälde zaubern. Von Bedrohung keine Spur.

Allein für dieses Erlebnis hat sich der Besuch im Death Valley auf jeden Fall gelohnt. Ich muss den Begriff Wüste für mich ganz neu definieren, „trostloser Ort, um einsam zu sterben“ ist nicht länger passend.

Auf unserer Ranch gibt es einen Pool, der aus einer warmen Quelle gespeist wird. In dieser Gegend sicher nichts Ungewöhnliches. Das Bad im Becken wirkt dennoch erfrischend, die Wasseroberfläche glitzert tänzelnd im Dämmerlicht.

Wir beschließen den Abend im Wrangler Steakhouse. Nach wie vor irritiert mich, dass auch der dunkelste Nachthimmel die schwere Hitze keineswegs vertreibt. Ein Gefühl, als würde noch immer die Sonne auf der Haut brennen. Von unserem Zimmer zum Restaurant sind es nur knappe 100 Meter – als wir dort ankommen, sind meine frisch gewaschenen Haare so gut wie trocken. Meine Lippen lechzen nach einer eiskalten Diet Coke. Ich trinke dieses süße Gesöff eigentlich nie, aber ungewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Es wirkt. Das Essen ist nicht der Rede wert, unser Kellner ist ein wandelndes Wortspiel des Begriffs Servicewüste und gedanklich längst im Feierabend. Den Rest der Nacht verbringen wir abwechselnd mit Schlafen und Betätigen des Klimaanlagen-Schalters. Palm Springs lässt grüßen.

Shopping, Kraken und Harry Potter

29 Aug

Gegen 10 Uhr verlassen wir unser Bett mit der angenehmen Gewissheit, in den Morgenstunden sicher nichts verpasst zu haben. In Vegas gibt es für frühe Vögel keine Würmer zu fangen. Unsere Beute suchen wir lieber in der „Premium Outlets“-Mall südlich des Strips. Einer der wenigen amerikanischen Konsumtempel, der über keine Starbucks-Filiale verfügt. Nach einem verwirrten ersten Rundgang stabilisieren wir unseren Blutzuckerspiegel bei Dunkin‘ Donuts, bevor wir richtig loslegen. Bei Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Nike, Puma, Levi’s, Windsor und adidas beladen wir uns mit den ersten Tüten. Im Converse-Store erstehe ich pinkfarbene Chucks für meine zweijährige Nichte und grübele den Rest des Tages darüber nach, ob ich die richtige Größe gekauft habe. Welche Schuhgröße haben Kinder überhaupt in dem Alter, fallen Chucks normal aus und wie ist das mit den amerikanischen Größen…? Ich bin überfordert und brauche dringend den nächsten WLAN-Hotspot.

Wir wagen uns todesmutig in der Mittagshitze nach draußen und finden dort einen Fossil-Shop mit großartigen Sonderangeboten. Zwei kurze Hosen und zwei T-Shirts für gerade mal 40 Dollar, da kann selbst H&M nicht mehr mithalten. Der erste Kaufrausch ist vorbei, wir deponieren Tüten und Auto im Hotel und nehmen nach einem kurzen Besuch der quietschbunten m&m’s world die nächsten Casinos in Angriff. Im MGM Grand spielt ein Tierpfleger im Glasgehege der Lobby mit einem Löwen. Mit solchen Kinkerlitzchen hat das nur eine Tramstation entfernte Mandalay Bay nichts am Hut, hier wird gegen ein Eintrittsentgelt von 18 Dollar gleich ein vollwertiges „Shark Reef“-Aquarium geboten. Ich bin kein großer Fan von eingesperrten Tieren, doch Tom ist vom Besuch dieser Unterwasserwelt nicht abzubringen. Die Meereslandschaft wurde aufwendig und außergewöhnlich inszeniert, aber die Komodo Dragons liegen träge in einer Ecke, die Haie schwimmen stur ihre Runden und könnten ebensogut einen Sträflings-Neoprenanzug und Flossenfesseln tragen. Jungs, ihr seid hier mitten in der Wüste gefangen und habt keine Ahnung, wieso! Hat denn keiner von euch „Findet Nemo“ gesehen? Vor dem Octopus Exhibit hätte ich am liebsten einen Harry-Potter-Moment und würde die dicken Touristen gern hinter die Glasscheibe verfrachten, an der das faszinierende Tier in voller Größe gerade klebt. Die Menschen stehen direkt davor, aber anstatt den Kraken einfach nur anzuschauen, blitzen sie mit ihren DigiCams und iPhones wild darauf los. Wer braucht diese Fotos? Im Shark Tunnel genau dasselbe. „Mom, have you got that?“ fragt ein kleines Kind aufgeregt. Vielleicht glaubt es nur das, was es auf einem Bildschirm gesehen hat. Ich habe keine Ahnung, ob die Haie das Blitzen durch das Wasser und das Glas überhaupt wahrnehmen, aber ich wünsche mir, dass einer ihrer Brüder oder Schwestern den Kamerabesitzern irgendwann einmal in freier Wildbahn begegnet, ihr elektronisches Spielzeug frisst und ihnen ein klein wenig Respekt einflößt. Nichts wie raus hier.

Vorbei an unzähligen gelangweilt wirkenden Spielsüchtigen an den Automaten bummeln wir weiter durch das pyramidenförmige Luxor, das türmchenverzierte Excalibur und zum Schluss durch die beeindruckende Lobby des New York New York, dessen Häuserfassaden mir große Lust auf einen Besuch im echten Big Apple machen. Über die Brooklyn Bridge erreichen wir das Hard Rock Café und beschließen den Abend mit California Burger und Caesar Salad. Es gibt noch wahnsinnig viel zu sehen, wir wollten in den Playboy Club und Tom hätte auch nichts gegen eine schlüpfrige Show für Erwachsene einzuwenden, aber als wir auf dem Bett die Beine hochlegen, steht unser privates Nachtprogramm fest. Liegen. Nichtstun. Augen zu.

 

Route 66 to Vegas

28 Aug

Um 06.05 Uhr geht die Sonne auf. Heute lassen wir uns dieses Spektakel nicht entgehen. Wenn auch weniger dramatisch und farbenfroh als der Sonnenuntergang am Desert View Point, ist es doch immer etwas Besonderes, den Anbruch eines neuen Tages still zu beobachten. Wir sind sozusagen direkt aus dem Bett an den Rim gekrabbelt und hocken im kuscheligen Kapuzenpulli auf der Steinmauer über dem Canyon. Das Licht ist weich und hüllt den Abgrund in einen leichten Dunstschleier, als wäre auch die Landschaft noch nicht richtig wach. Die ersten Sonnenstrahlen schaffen es über die Felsen. Hinter uns quietscht eine Cabin-Tür, ein nur nachlässig verhüllter Bauch schiebt sich hervor und zieht die Blicke der anwesenden Frühaufsteher auf sich. Der Bauch dachte wohl, er wäre hier allein mit seiner Zigarette und seiner Coke, doch weit gefehlt. „I just woke up“, murmelt er verwirrt und verzieht sich wieder, die aufgehende Sonne gänzlich ignorierend. Wir schießen das fünfhundertste Canyonfoto und machen uns dann ans Zusammenpacken. Draußen vor unserem Fenster, nur wenige Schritte entfernt, äst ein Reh mit seinem Kitz am Wegesrand.

Kurz bevor wir die Parkausfahrt passieren, laufen vor uns zwei Elche über die Straße. Das Abschiedskommando? Nächstes Ziel ist Las Vegas. Da wir so ungewöhnlich früh unterwegs sind, nehmen wir einen kleinen Umweg über die legendäre Route 66. Ich schaue Tom von der Seite an und kann fast die Denkblase über ihm erkennen, darin schwebt ein Bild von ihm mit 10-Tage-Bart und Lederhose, breitbeinig eine schwere, laute und sehr, sehr männliche Harley reitend. Ich pikse nicht in die Blase und halte einfach mal kurz die Klappe. Auch ich spüre das Gefühl von Freiheit, das in der Luft liegt. Im Örtchen Seligman, das sich selbst als „Geburtsstätte der historischen Route 66“ tituliert, geht es weniger um Freiheit als um Kommerz, doch die liebevoll schräg inszenierte Kulisse schreit danach, von uns fotografiert zu werden.

Vor einem der Geschäfte sitzen zwei ältere Männer auf einer Bank und beobachten das Geschehen. In diesem Fall also uns. „Where are you guys from?“ möchten sie wissen. Diese Frage wird einem als Tourist ähnlich oft gestellt wie „Hey, how are you doin‘ today?“ So freundlich, die Amerikaner. Wir antworten artig: „Hamburg, Germany.“ Die beiden freuen sich. „Germany! I love Wiesbaden and Hefeweizen!“ strahlt der eine. Falsche Stadt, falsches Bier. Winken, lächeln, weitergehen. Eine Bikergang donnert an uns vorbei und parkt die Maschinen vor dem Roadkill Café. Noch eine kleine Schießerei und die Filmszene wäre im Kasten.

Die Hitze lässt uns hier schon spüren, dass wir uns wieder der Wüste nähern. Am Hoover Dam einige Stunden später beschränken wir uns auf einen ca. zweiminütigen Fotostopp, denn es ist genau 13 Uhr und die Mittagssonne brennt unerbittlich. Las Vegas ist nur noch wenige Meilen entfernt. Vom Great Basin Highway aus können wir am Horizont schon die Skyline erkennen. Als wir von der Tropicana Avenue auf den Las Vegas Boulevard abbiegen, fühle ich mich, als wäre ich soeben das erste Mal aus einem kleinen ostdeutschen Dorf in die Großstadt versetzt worden. Unschuld vom Lande erleidet Zivilisationsschock. Es gibt in Hamburg den Kiez, die Schanze und den Hafen, meine Heimatstadt ist auch nicht unbedingt etwas für zartbesaitete Gemüter – aber das hier ist VEGAS.

Links sehe ich die bunten Türmchen des Excalibur, rechts die Achterbahn und die Freiheitsstatue des New York New York. Neben uns thront der goldene Löwe des MGM Grand. Wir biegen nach rechts auf den sechsspurigen, palmengesäumten Boulevard ab. Es ist alles so wahnsinnig groß, bunt und voll. Für einen Moment bin ich nicht weit davon entfernt, mich wie der Elch im Scheinwerferlicht im Grand Canyon Village zu fühlen.

Wir checken in den Polo Towers ein und starten zu einem Bummel über den Strip. Ohne eine Flasche Wasser in der Hand sollte man sich hier besser nicht nach draußen begeben. Die Sonne brennt, die Hitze lähmt. Wir steuern das nächstbeste klimatisierte Gebäude an.  The Cosmopolitan, Bellagio, Caesars Palace, Paris, Planet Hollywood. Fünf Casinos in zwei Stunden. Shopping Malls, Designer Stores, plätschernde Brunnen unter künstlichem Himmel, unzählige Spielautomaten, Restaurants, Coffee Shops, Souvenirstände. Einen kleinen Snack zu finden, gestaltet sich allerdings relativ schwierig. Beim Earl of Sandwich gönnen wir uns schließlich eine dringend nötige Stärkung und finden: dieser Graf macht 1a Stullen.

Es ist höchste Zeit für eine Dusche und das Abendstyling, denn um 18.15 Uhr treffen wir Tina und Nick im Wynn SW Steakhouse. Die beiden sind zeitgleich mit uns auf Rundreise und haben heute im Treasure Island eingecheckt. Tom und ich treffen leicht verspätet ein, da wir uns für den City Bus entschieden hatten, der zwar klimatisiert, auf Grund des zähen Verkehrs aber leider nicht schneller als die Fußgänger war. Wir nehmen auf der Terrasse am Wasserfall Platz und wundern uns, dass es hier draußen so angenehm kühl ist, bis uns klar wird, dass der Außenbereich durch die geöffnete Fensterfront in den Wirkungsbereich der Klimaanlage integriert wurde. Und in Deutschland diskutieren wir über Heizpilze…

Die untergehende Sonne spiegelt sich im Wasserfall, während wir auf unser Porterhouse Steak warten. Das Fleisch ist ebenso wie die Beilagen parmesan creamed spinach, french fries und beans & bacon große Klasse, der neuseeländische Weißwein passt hervorragend. Für ein Dessert haben wir trotz der Überredungskünste unseres Kellners leider keinen Platz mehr. Unsere Rechnung beträgt auch ohne Nachspeise mit Trinkgeld stattliche 400 Dollar. Darin inkludiert ist allerdings auch die leicht skurril anmutende Gesangsdarbietung eines überdimensionierten Frosches, der um 20 Uhr seinen glubschäugigen Kopf über dem bunt angeleuchteten Wasserfall präsentierte und zu Armstrongs „Wonderful World“ halbwegs rhythmisch sein Maul auf und zu klappte. Ein drastischer Kontrast zu dem stilvoll-edlen Restaurant, für Las Vegas aber wiederum recht harmlos und unspektakulär.

Vor dem Treasure Island bekommen wir noch das Finale der allabendlichen Liveshow „Sirens of TI“ mit, bevor wir unsere Plätze im Saal einnehmen und uns vom Cirque du Soleil mit  „Mystère“ verzaubern lassen. Die Akrobatik ist halsbrecherisch und wunderschön anzuschauen. Eigentlich haben wir damit heute schon mehr gesehen, als wir überhaupt verarbeiten können, kaum vorstellbar, dass wir heute morgen, vor mehr als 17 Stunden, den Sonnenuntergang über dem Canyon bewundert haben. Aber die Nacht ist noch jung und die Stadt eine einzige Aufforderung, erst dann ins Bett zu gehen, wenn auch der letzte Penny ausgegeben ist. Wir fahren mit der Tram weiter ins Mirage und Tom versucht sein Glück am Spielautomaten. Er schließt mit einem Plus von 17 Dollar, auf diesen Erfolg nehmen wir einen letzten Drink an der Bar. Zu Fuß wandern wir durch die Hitze der Nacht zurück zu unserem Hotelturm. Uns begegnen scharenweise aufgedonnerte Mädels auf sehr hohen Absätzen und in sehr knappen Kleidchen, zum Teil mit Federboas und Tiaras – Junggesellinnen-Abschiede haben Hauptsaison. Mit ausreichend Promille im Blut lassen sich die Highheels vielleicht auch bei 40° C und geschwollenen Füßen noch ertragen, ich bin jedenfalls froh, dass ich meine 10 cm im Hotel gelassen und die Römersandalen angezogen habe. Der Fußweg ist auch so schon anstrengend genug, der Begriff Mitternachtssauna bekommt eine ganz neue Bedeutung. Wir klappen unser Bett aus dem Schrank, schließen die schweren Vorhänge und drehen die Klimaanlage auf. Meinen letzten Gedanken vor dem Einschlafen widme ich dem Sternenhimmel über dem Grand Canyon.

 

Fly like an Eagle, sniffed by an Elk

27 Aug

Die Sonne geht heute morgen ohne uns über dem Canyon auf. Etwa drei Stunden später verlassen wir unsere Cabin, ausgerüstet für unsere erste Wanderung (nein, damit meine ich keine passenden Partner-Anoraks). Zum Frühstück gibt es Kekse, denn nach den grottenschlechten Sandwiches im Arizona Room gestern Abend möchten wir hier keine weiteren kulinarischen Experimente wagen. Kaum haben wir die Packung geöffnet, bekommen wir Gesellschaft von zwei zutraulichen Squirrels.

Die Kollegen wollen unsere Kekse. Aber bei White Chocolate Macadamia hört sogar Toms Tierliebe auf, es fällt ihm ja schon schwer, die kostbaren Cookies mit mir zu teilen. Außerdem gäbe das sicherlich unschönen Squirrel-Durchfall.

Wir starten unsere Tour auf dem Rim Trail am Canyon entlang. Der Himmel ist blau, die Sonne strahlt und wir wandern von einem beeindruckenden Aussichtspunkt zum nächsten. Es stellt sich heraus, dass es nicht nur ein Spruch gewesen ist, als die Dame von der Rezeption gestern Abend zu uns sagte: „I checked in like a hundred Germans today.“ Wir können den uns entgegenkommenden Touristen gefahrlos ein freundliches „Moin!“ zurufen, denn sie verstehen es alle. Bis auf die Bayern vielleicht. 5,380 miles from home and still…

Die Sonne steigt höher und grinst meinem norddeutschen Blondschopf von oben herausfordernd zu. Ein Päuschen im Schatten ist jetzt angebracht. Wir finden ein schönes Plätzchen mit einer Aussicht, die es mindestens eine halbe Stunde zu betrachten lohnt.

Beim Blick in die Tiefe schlägt mein Herz etwas schneller. Tom nennt es „Eierkribbeln“. Ist ja fast das Gleiche.

Wir genießen das Panorama, beobachten die Adler beim Fliegen und sehen tief unten im Canyon, winzig klein, eine Gruppe Wanderer. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es dort unten schöner sein kann als hier.

Nach etwa vier Stunden kommen wir einigermaßen erschöpft wieder an unserer Cabin an und gönnen uns eine Siesta. Der Canyon wird schließlich noch da sein, wenn wir wieder aufwachen. Und für den Hubschrauberflug am späten Nachmittag möchte ich fit und ausgeruht sein.

Nach einem lohnenswerten Abstecher zum Grandview Point machen wir uns auf den Weg zu Papillon Helicopters. Ich schaue den startenden Hubschraubern nach und werde ein ganz klein bisschen hibbelig. Mein erster Heli-Flug. Ich bin aufgeregt.

Wir werden gewogen, müssen uns ein Sicherheits-Video anschauen und schon geht es nach draußen zu unserem Hubschrauber. Mit uns an Bord sind zwei Deutsche (war ja klar) und ein Pärchen aus Colorado. Ich bekomme Platz 4 zugewiesen – das ist natürlich nicht vorne neben dem Piloten mit 180°-Panoramablick und Fenstern im Fußraum. Nein, es waren wohl doch ein paar Cookies zu viel oder das Mädchen aus Colorado ist einfach zierlicher gebaut als ich, jedenfalls darf sie im Cockpit sitzen, während ich hinten in der Mitte Platz nehmen muss, zwischen Tom und einem müffelnden weißhaarigen Opa. Ich schmolle, bin aber trotzdem immer noch aufgeregt. Wir schnallen uns an, bekommen Kopfhörer auf und während der Pilot uns freundlich begrüßt, heben wir schon ab, ohne dass ich es merke. Es geht los.

Mit der „Zarathustra“ von Richard Strauß auf den Ohren fliegen wir auf den Grand Canyon zu. Es ist stickig, heiß und der Stinkeopa ist viel zu nah neben mir, aber als wir, musikalisch perfekt abgestimmt, über den Abgrund fliegen und sich der Canyon in voller Pracht unter uns ausbreitet, habe ich eine Gänsehaut. Von innen und von außen. Der Colorado River schimmert rötlich in der Abendsonne. Wir fliegen bis zum North Rim und wieder zurück, lauschen dabei der Entstehungsgeschichte des Canyons und genießen jede Sekunde den fantastischen Ausblick. Der Sprecher teilt uns mit, dass der Besuch des Canyons für manche eine spirituelle, ja religiöse Erfahrung sei. Ich habe nicht das Bedürfnis zu beten und höre auch keine Engel singen, aber definitiv ist das hier nicht einfach nur ein Flug über ein ausgetrocknetes Flußbett. Es ist eine innerliche Verbeugung vor einem großartigen Naturwunder, die das eigene Ego staunend und leicht benommen zurück lässt. Ein unbeschreibliches Gefühl.

Viel zu schnell ist die Runde vorbei und wir nehmen wieder Kurs auf den Flughafen. Langsam scheint ein Gewitter aufzuziehen. Wir erledigen ein paar Einkäufe im Supermarkt und fahren in Richtung Desert View Point in der südöstlichen Ecke des National Parks. Auf die Dinnerfrage erklärt Tom mir überrascht, dass er mit Bier und Beef Jerky doch jetzt alles habe, was er für ein Abendessen braucht. Na toll, und ich? „Du kannst auch was von meinem Fleisch haben!“ bietet er mir freundlich an. Was soll ich dazu noch sagen? Ich denke, in der Steinzeit hätte dieser Satz den Stellenwert eines Antrags besessen.

Am Desert View Point warten wir, wie viele andere auch, auf den Sonnenuntergang und suchen uns den besten Platz, um schöne Bilder zu machen und dabei auf dem Beef Jerky herumzukauen. Mich erinnert das Zeug etwas an Hundefutter, aber es passt irgendwie zur Stimmung. Am Horizont bieten graue Regenwolken und zuckende Blitze ein zusätzliches Schauspiel, die Sonnenstrahlen scheinen fast horizontal durch die Berge und tauchen die Steinwände in tiefrotes Licht. Ich frage mich, wie viele spektakuläre Ausblicke man an einem Tag überhaupt verarbeiten kann.

Als wir uns gegen 19 Uhr auf den Weg zurück zur Lodge machen, ist die Sonne hinter den Wolken verschwunden. Das Gewitter kommt näher und begleitet uns auf der Fahrt entlang des Desert View Drive. Es donnert. Ein Blitz zerteilt den Abendhimmel und wird gefolgt vom nächsten, noch bevor das Leuchten des ersten erlischt. Kaum hat sich der Canyon in Dunkelheit gehüllt, bricht über uns ein neues Naturspektakel aus und fesselt alle unsere Sinne. Der Wind zerrt an den Bäumen, die immer wieder für Sekundenbruchteile im Blitzlicht aufleuchten. Obwohl es sich anfühlt, als müsse sich jeden Moment ein riesiger Wolkenbruch über die Szenerie ergießen, fällt kein einziger Tropfen Regen, bis wir sicher wieder im Village ankommen. Hier parkt Tom hektisch den Wagen und zieht mich aufgeregt hinüber zur Böschung: neben mehreren Menschen, nur wenige Schritte von der Straße und vorbeifahrenden Autos entfernt, steht ein Elch. Er schaut uns neugierig an und streckt mir seine schnüffelnde Schnauze entgegen. Ich halte den Atem an. Abgesehen vom Aufflackern der Blitze und Autoscheinwerfer ist es stockdunkel, so dass ich zeitweise nur Umrisse erkennen kann. Hier geht es nicht darum, ob der Elch Angst vor uns hat – das Tier ist so groß und so zum Greifen nah, dass meine Blase sich schon mal in Position bringt, um in die Hose zu machen. Doch der Elch wendet sich ab, hier gibt es nicht Spannendes für ihn zu holen. Er läuft über die Straße, bleibt kurz irritiert im Lichtkegel der Autos stehen, die zum Glück angehalten haben, und verschwindet im Dunkel. Meine Blase atmet auf. Den Rest des Abends verbringen wir im Schutz unserer Cabin, während draußen weiter das Gewitter tobt und Regen gegen die Fenster prasselt.

 

Frei wie ein Vogel

26 Aug

In Ruby’s Diner ist es gut gekühlt. Unser Hotel hat das Frühstück hierher ausgelagert, so dass wir zwar den ca. 3-minütigen Weg in der Morgensonne leicht transpirierend zurücklegen müssen, dann aber zufrieden und entspannt heißen (Filter-)Kaffee, Orangensaft und Toast auf den knallroten Bänken im 50er-Jahre-Stil genießen. Eine willkommene Abwechslung zum Starbucks-Standard und so richtig schön filmreif amerikanisch. Jeden Moment könnte Marty McFly hereinspaziert kommen und Biff Tannen zu einer Verfolgungsjagd anstacheln. Doch alles bleibt ruhig.

Zum Joshua-Tree-Nationalpark ist es nicht weit, doch nachdem wir eine ganze Weile nördlich der Interstate 10 orientierungslos durch Wohnstraßen und Sackgassen gekurvt sind, haken wir diese Sehenswürdigkeit für uns ab. Anfang der Woche sind zwei Touristen in dem Park ums Leben gekommen – wir wollen das Schicksal nicht herausfordern und nehmen Kurs auf Arizona, Grand Canyon Village. Beim Tankstopp in Blythe warte ich im Auto, während Tom sich an der Zapfsäule zu schaffen macht. Doch länger als 2 Minuten halte ich es bei ausgeschalteter Klimaanlage nicht aus. Die Hitze erobert den Innenraum des Wagens und animiert auch die kleinste Schweißdrüse zu sofortigen Höchstleistungen. Ich flüchte nach draußen – an die frische Luft wäre zu viel gesagt, doch das Atmen fällt etwas leichter. Am Canyon soll es kühler werden. Das Tankstellenthermometer ist mir ein Erinnerungsfoto wert.

Die Strecke zieht sich. Insgesamt fahren wir heute weit über 400 Meilen. Wir freuen uns über jedes Grad, um das die Temperaturanzeige unseres Hyundais fällt, betrachten die sich verändernde vorbeiziehende Landschaft und küren aus unzähligen Überholvorgängen unsere Top 3 der schönsten US-Trucks in der Kategorie „Rückspiegel-Fotokunst“.

In Williams begeben wir uns auf die Zielgerade und fahren ein Stück auf der historischen Route 66. Die Sonne steht tief am blauen Himmel, die Landschaft ist grün und es ist gerade mal 30° C warm. Nur einige Meter hinter der Einfahrt zum Grand Canyon National Park begrüßen uns zwei ausgewachsene Elche am Straßenrand. Es haben schon mehrere Autos angehalten, doch die Tiere äsen seelenruhig im Gebüsch, von den neugierigen Touristen gänzlich unbeeindruckt. Einer der beiden dreht meiner Canon Eos und mir demonstrativ sein gut gebautes Hinterteil zu. Nun gut, wir müssen uns sowieso beeilen, damit wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang am South Rim ankommen.

Wir checken in der Bright Angel Lodge ein und begeben uns ohne Umwege zum Canyon, der direkt hinter dem Hauptgebäude liegt. Was auch immer ich von diesem Naturwunder erwartet habe, es wird vom ersten Anblick um ein Vielfaches übertroffen. Ruhig und friedlich, braunrot im Licht der untergehenden Sonne, liegt die riesige Schlucht vor uns und verschlägt mir die Sprache.

Wir schauen zu, wie die Sonne hinter den Felsen verschwindet, blicken hinab in die Tiefe und versuchen, die Weite dieses unglaublichen Panoramas zu begreifen. Hätte ich in diesem Moment einen Wunsch frei, würde ich mich in einen Vogel verwandeln. Ein stärkeres Gefühl von Freiheit kann es kaum geben.

 

Heiß. Heißer. Palm Springs.

25 Aug

Wir beginnen den Tag mit einer Zeitreise. Nach Banana Chocolate Chip Coffee Cake (Lieblings♥frühstückskuchen!), Sandwich und Caffè Latte von Starbucks am Sports Arena Boulevard machen wir uns nur einen Kilometer weiter im Old Town State Historic Park auf die Suche nach Spuren von San Diegos spanischem Ursprung. Es gibt einen Markt mit vielen hübschen überflüssigen Dingen, originalgetreue Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, Museen, kleine Geschäfte und Restaurants. Wir lernen einen sehr freundlichen Esel kennen, der trotz seines dicken braunen Fells die brennende Hitze der südkalifornischen Sonne mit stoischer Gelassenheit erträgt, besichtigen hölzerne Kutschen im Seeley Stable Museum und widerstehen der Versuchung, edles Olivenöl oder handbemalte Fliesen in einem der entzückenden Läden zu erwerben.

Zurück in der Gegenwart machen wir uns über die Interstate 15 auf den Weg nach Palm Springs. Die Landschaft rechts und links der Straße wird karger, je weiter wir in Richtung Osten fahren, und die Temperaturanzeige steigt. Als wir vor dem Palm Mountain Resort & Spa die Autotür öffnen, schlägt uns die heiße Wüstenluft wie ein Ganzkörperföhn entgegen. Auch im Schatten sprießt hier sofort der Schweiß aus jeder Pore. Wir checken ein, erholen uns im klimatisierten Zimmer kurz von der Strapaze des Gepäcktransports, stellen den Regler der Anlage vorsorglich auf „kalt“ und wagen uns an den Pool. Ich bin überrascht, dass hier tatsächlich lebendige Menschen in der Sonne liegen, während wir uns an unserem Schattenplatz gegenseitig mit Eiswürfeln bewerfen, die zwar nicht zischend auf der Haut verdunsten, aber doch schneller schmelzen, als sie für Abkühlung sorgen können. Das Wasser im Schwimmbecken hat in etwa Körpertemperatur. Erfrischend.

Fix und fertig nach knapp zwei Stunden Outdoor-Sauna warte ich auf dem Bett neben der röhrenden Klimaanlage, bis sich mein Kreislauf stabilisiert hat und ich mich unter die Dusche wagen kann. Kurz drängt sich der Gedanke auf, den Rest des Abends hier im Zimmer zu verbringen und den Room-Service zu bemühen, doch nachdem wir uns gegenseitig Mut zugesprochen haben, wagen wir uns auf die Straße. Beim kurzen Abstecher in den Supermarkt stehe ich verliebt vor dem Kühlregal und spüre erleichtert ein sanftes Frösteln. Es ist definitiv höchste Zeit für eine Kühlbox, die unsere kostbaren White Chocolate Macadamia Cookies konserviert und einen ständigen Vorrat an kalten Getränken sicherstellt. Wir erwerben sie kurz vor Ladenschluss für 16.99 $ im Sale bei True Value nebenan.

Die Suche nach dem passenden Restaurant in der Wüstenstadt erschöpft mich bis zum beinahe vollständigen Verlust meines Urteilsvermögens, so dass wir Glück haben, letztendlich im Steakhouse The Falls zu landen, das gehobene Küche zu allerdings ebensolchen Preisen anbietet. Alles, was ich jetzt brauche, ist ein Sitzplatz in einem angenehm temperierten abgeschlossenen Raum. Es ist mir schleierhaft, wie Andere es auf Terrassen und Balkonen unter den Sprühnebeldüsen aushalten, deren Wasserverbrauch in keinem Verhältnis zu ihrer kaum vorhandenen Wirkung steht. Ich sinke in meinen gepolsterten Stuhl und nehme einen großen Schluck des eisigen Chlorwassers, das man fast überall ungefragt serviert bekommt. Hier wird vorab außerdem frisches Parmesan Garlic French Bread gereicht. Langsam komme ich wieder zu mir.

Die Speisekarte enthält genau das richtige Gericht für mich an diesem ca. 42° C warmen Augustabend: Baby Spinach & Strawberry Salad – Cayenne & Honey toasted Pecans, Feta Cheese, Red Onions, Red Wine Vinaigrette, Balsamic Reduction. Tastes as good as it sounds.

Draußen auf dem Palm Canyon Drive findet das wöchentliche VillageFest statt. Die Geschäfte sind geöffnet und es gibt Stände mit Kunsthandwerk, Früchten, Süßigkeiten, Hüten und Flatterkleidchen. Die halbe Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Ich betrachte das Gewusel wie einen Film und bin vor allem fasziniert davon, wie schwer sich die heiße Luft auch lange nach Sonnenuntergang noch anfühlt. Der Asphalt strahlt die fleißig gespeicherte Hitze des Tages ab wie ein Kaminofen. Wir flüchten in unser Zimmer und sinken dankbar in die kühlen Laken unserer Queen Beds. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren. Nach der ersten Tiefschlafphase wache ich fröstelnd auf und lausche schlaflos den Klängen des tapferen Kühlgerätes. Tom liegt auch wach – oder ist es spätestens, als ich ihm über das Röhren hinweg zuraune: „Machst du die Anlage aus?“ Er dreht den Schalter. Ruhe. Weiterschlafen. Bis es Tom irgendwann wieder zu warm wird… Eine unruhige Nacht. Die Wüste lebt.

Julia, Marilyn und die Bahia Belle

24 Aug

Bevor wir Los Angeles heute gen Süden verlassen, fahren wir nach dem Frühstück noch zum Farmers Market in Beverly Hills. Der Rodeo Drive liegt auf dem Weg, doch ich entscheide mich dagegen, hier aus dem Auto auszusteigen. Meine Kreditkarte fängt beim Anblick der Designerlabels schon nervös an zu zucken und, mal ehrlich, wie viel Spaß macht es, hier nur ZU GUCKEN?? Ich trage zwar weder bauchfrei noch hohe Lackstiefel und mir blieben hochnäsige Verkäuferinnenblicke und die eindringliche Aufforderung „Bitte gehen Sie!“ wahrscheinlich erspart, doch ich überlasse dieses edle Pflaster lieber den Gala-Titelmädchen und ihren Handtaschenhündchen.

Auf dem Farmers Market, Ecke 3rd Street und Fairfax Avenue, ist noch nicht viel los um diese Zeit. Zur Mittagspause hat man hier die Qual der Wahl, die Auslagen bersten vor kulinarischen Verheißungen aller Art. Direkt neben den Marktständen befindet sich die Shoppingmeile The Grove – eine sehr hübsch angelegte Fußgängerzone in eher europäischem Stil, durch die sich ein Bummel durchaus lohnt. Meine Blue Amex schlummert währenddessen tief im Dunkel meiner Tasche. Es wird noch genug zu tun geben für sie in diesem Urlaub.

Gegen 11 Uhr machen wir uns auf den Weg zum San Diego Freeway. Zweieinhalb Stunden später checken wir im Bahia Resort Mission Bay ein. Unser Motel liegt im künstlich angelegten Aquapark nördlich des Stadtzentrums und ist umgeben von Wasser und Stränden, die zum Glück weniger aufgeschüttet aussehen, als sie sind. Wir werfen unser Gepäck ab und fahren gleich weiter nach Coronado, eine Halbinsel mit einem so breiten Strand, dass wir das Meer am Horizont nur erahnen können. Zu besichtigen gibt es hier das berühmte Hotel del Coronado, in dem Marilyn Monroe und Jack Lemmon 1959 „Some like it hot“ drehten. Auf der Suche nach einem Stäubchen Glamour von damals streifen wir durch die Lobby und den Innenhof. Alles sehr pompös und gepflegt, der Flair des vergangenen Jahrhunderts scheint sich angesichts des hier herrschenden Getümmels jedoch woanders zu verstecken.

Es ist mittlerweile später Nachmittag und höchste Zeit für einen Lunch. Nur einen Steinwurf vom altehrwürdigen Hotel entfernt, kehren wir bei Miguel’s Cocina ein, genießen hausgemachte Limonade und überdimensionierte Portionen mexikanischen Essens, die uns mindestens für den Rest des Tages großzügigst mit Kalorien versorgen. Der Dreier-Mädelstisch neben uns bringt mich fast dazu, eine Strichliste auf meine Serviette zu kritzeln und festzuhalten, wie oft in ihrem lauten Geschnatter Sätze mit „I was like, you know…“, „Ooh, my god…“ und „This is soooo…“ vorkommen. Doch sehr wahrscheinlich hätte ich kaum noch Zeit zum Essen und für meine Enchiladas brauche ich beide Hände. Tom und ich tauschen vielsagende Blicke und unterhalten uns mit gedämpfter Stimme, während ich kurz mit der Tussi in mir Zwiesprache halte, die mir allerdings glaubhaft versichert, dass ICH und MEINE Mädels niemals derart penetrant die Umgebung mit sinnentleerten Worthülsen verpesten würden.

Über die eindrucksvolle San Diego – Coronado Bay Bridge fahren wir zurück in unser Resort und halten Siesta am Strand. Mit Blick auf die Achterbahn des Belmont Parks, von der ab und zu aufgeregtes Kreischen herüber weht, verdauen wir Tacos und Bohnen bewegungslos auf unserer Sonnenliege.

An weitere Nahrungsaufnahme ist für heute nicht mehr zu denken. Wir beschließen, die Fahrkarten für die Schiffstour mit der Bahia Belle zu benutzen, die wir beim Check-in bekommen haben. Um 19.30 Uhr legt der Schaufelraddampfer ab und nimmt Kurs auf das Schwesterhotel „The Catamaran“ im nördlichen Teil der Bucht. Wir genießen den Blick auf die Lichter der Küste vom Deck aus und lassen uns den Wind um die Nase wehen.

Man muss auch mal hemmungslos dazu stehen können, ein Tourist zu sein.

Burnout in Hollywood

23 Aug

„Can I have your name, please?“ Ohne Name keinen Kaffee, oberstes Starbucks-Gebot. Das umständliche Buchstabieren deutscher Vornamen kann den Bestellvorgang schon mal unnötig verzögern, daher muss ein griffiger Ersatzname her. Ich erkläre dem Mann an meiner Seite, dass er Tom heißt. Er erkennt die Logik meines Vorschlags und ist einverstanden. Wenn das immer so einfach wäre…

Nicht, dass ich erwartet hätte, Gaby, Bree, Susan oder Lynette in Hollywood persönlich zu treffen. Aber dass ich nach King Kong 360 3D, tanzenden Autos aus The Fast and the Furious und einem Erdbeben in Stage 50 nicht mehr als eine kleine Ecke von der Wisteria Lane sehe, und die auch nur zwei Sekunden lang, enttäuscht mich dann doch. Recherchen ergeben: eine Fahrt durch die Straße gehört durchaus zur Universal Studio Tour dazu. Leider nicht heute. Set closed. Buhu. Weder blutrünstige Haie noch die Überreste eines Flugzeugabsturzes können mich auf dem Rest der Rundfahrt darüber hinwegtrösten.

Als ich mich etwas später nach dem spektakulären Finale von Jurassic Park – The Ride in Form einer gewagt steilen Abfahrt ins Wasserbecken leicht nassgespritzt aus meiner geduckten Haltung wieder aufrichte und rechts neben mich schaue, muss ich allerdings laut loslachen. Es scheint höchst unmännlich zu sein, den urzeitlichen Wassermassen durch Einziehen des Kopfes auszuweichen, wahrscheinlich kommt es auf der No-Go-Liste gleich nach „laut Kreischen“. Tom ist jedenfalls klitschnass. Die Ray Ban sitzt und er sieht mich mit unbewegter Miene an. Doch von den Haaren bis zur Hüfte hat ihn der Dinosauriertümpel voll erwischt. Für den ultimativen Fahrspaß sollte man diese Attraktion also unbedingt mit einem Mann besuchen, der zu cool ist, um sich nicht nass zu machen.

Ein paar Stunden später sind unsere Unterhaltungsrezeptoren kurz vor dem Burnout, doch die WaterWorld-Show wollen wir uns nicht entgehen lassen. Wir setzen uns in eine der mittleren Reihen, denn die vorderen sind als wet zone gekennzeichnet. Einer der Schauspieler spritzt schon vor Beginn der Show vorbeilaufende Zuschauer nass, was aus unserer Trockenzone amüsant zu beobachten ist. Die Vorführung selbst spart dann in der Tat nicht mit Wasserfontänen, Explosionen und Stunts, der kleine Junge neben uns kann sich kaum auf der Bank halten vor Aufregung. Der Kevin-Costner-Ersatz haut mich zwar nicht unbedingt aus dem Sitz, performt seine Heldentaten aber durchaus lässig und souverän und überzeugt mich damit mehr als sein Kollege aus Terminator 2: 3D. Genug Action für heute.

Nach Cinnamon Rolls, Hot Dog und Pizza brauchen wir auf dem Weg zurück zum Auto unbedingt ein paar Vitamine. Wie gut, dass es am CityWalk eine Yogurtland-Filiale gibt. Frisch gezapfter Frozen Yogurt in den abgefahrensten Sorten mit bunten Toppings nach Wahl – Erdbeeren, Himbeeren, und, na gut, ein paar Käsekuchen- und Brownie-Stückchen. Bezahlt wird nach Gewicht: ein großer Becher Das-brauchen-wir-Zuhause-auch-Gefühl für gerade mal 7 Dollar. Tom wollte nichts und klaut mir jetzt eine kostbare Himbeere nach der anderen. Typisch.

Als Nächstes flanieren wir den Walk of Fame am Hollywood Boulevard entlang. Es wimmelt natürlich von Touristen und verkleideten Menschen, ob Star Trek, Spiderman oder Walt Disney, hier lassen sich alle die Sonne aufs Kostüm scheinen. Es gelingt mir in diesem Gewusel nicht so recht, Begeisterung für die weltberühmten Gehwegplatten zu empfinden. Fotos mit den Stars vor ihren Sternen wirken da irgendwie glamouröser. Wir schlendern weiter durchs Kodak Theatre (woher kennt man das noch mal – ach ja, richtig, hier werden die Oscars verliehen) und sehen von dessen Galerie aus zum ersten Mal – in weiter Ferne – das Hollywood Sign.

Über den Sunset Boulevard und durch Beverly Hills fahren wir zurück zum Hotel. Draußen wird es langsam dunkel. Es gibt noch so viel zu sehen, unendliche Möglichkeiten, die Nacht zum Tag zu machen. Aber Hollywood hat uns geschafft. Für heute fällt der Vorhang.

 

Seepferdchen und Sonnenuntergang

22 Aug

Am nächsten Morgen sind wir um 3 Uhr hellwach. Es ist weder hell draußen noch hat der Starbucks gegenüber um diese Zeit bereits geöffnet, also dösen wir noch eine Weile vor uns hin, bis es Tag wird in LA. Mit dem ersten Caffè Latte schicken wir gegen 7 Uhr virtuelle Grüße nach Deutschland. Ich kann es mir nicht verkneifen, bei Facebook die Statusmeldung „Frühstück in LA!“ zu posten und mit Genugtuung ein paar neidische Kommentare zu ernten. Da ist der Jetlag fast vergessen.

Am Strand von Malibu herrscht gähnende Leere. Auf der Seebrücke haben sich ein paar Angler postiert, weiter hinten reiten Surfer elegant auf den Wellen. Wir laufen barfuß durch den Sand, lassen uns den Pazifik-Wind um die Nase wehen und genießen die milde Morgensonne auf der Haut. Von Baywatch-Babes gibt es hier keine Spur, stattdessen beobachten wir den Flug der Pelikane und Kinder in Neoprenanzügen bei ihrem Surfkurs. Beherzt stürzen sie sich in die Fluten und nehmen lässig die nächste Welle. Andere versuchen sich in diesem Alter gerade mal daran, im beheizten Chlorwasser des Hallenbads nicht unterzugehen. Ich denke kurz an meine Seepferdchen-Prüfung im Schwimmbad Ellerbek im Sommer 1987 zurück und stelle mir vor, ebenfalls ein Brett zu besteigen und vor den Augen des durchtrainierten Surflehrers eins zu werden mit der perfekten Welle. In Wirklichkeit würde ich mich wahrscheinlich mehr unter Wasser als auf dem Board aufhalten und nach einer halben Stunde gedemütigt und derangiert wieder an Land krabbeln. Es kann leider nicht jeder am Malibu Beach aufwachsen.

Der Weg zurück zum Auto führt uns vorbei an beeindruckenden Strandresidenzen mit den herrlichsten Terrassen und 180°-Meerblick. Irritierend ist nur, dass auf der Rückseite dieser schmucken Villen der 4- bis 6-spurige Pacific Coast Highway verläuft. Und zwar direkt vor dem Garagentor. Für mehr war zwischen Santa Monica Mountains und Pazifik kein Platz.

Mit der Mittagssonne erreichen wir den berühmten Santa Monica Pier. Im Gegensatz zu Malibu gibt es hier Touristen, Karussells und Souvenirs en masse. Die Silhouette des Riesenrads aus einigen hundert Metern Entfernung ist für mich die schönste Perspektive dieser Sehenswürdigkeit. Nächstes Ziel ist die Shoppingmeile 3rd street nördlich des Piers, wichtigster Anlaufpunkt: Abercrombie & Fitch. Auch wenn in Hamburg jeder Zweite mit dem Elch auf der Brust herumläuft und die Klamotten in wenigen Monaten an der Alster ebenfalls zu haben sein werden, tragen wir glücklich zwei gefüllte Tüten zum Auto, die markante Duftnote weht hinter uns her. Denn nichts ist weicher als ein Pulli von A & F.

Die Strecke nach Long Beach zieht sich länger als gedacht, doch unsere Geduld wird belohnt. Nicht unbedingt durch die Queen Mary 1, die hier als Hotelschiff vor Anker liegt und für 25 USD besichtigt werden kann. Wir betrachten sie kostenlos vom Yachthafen aus und werden sogleich magisch angezogen vom Yard House, auf dessen Terrasse bereits die Sundowner-Gemeinde versammelt ist. Zu dem einzigartigen Onion Ring Tower genießen wir Mango Mojito & The World’s Largest Selection of Draft Beer. Den Sonnenuntergang mit Hafenkulisse gibt es zum Hauptgericht gratis dazu.

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