Kuchen hilft immer

11 Nov

Gut vier Stunden später bin ich wieder wach und spüle unter der warmen Regendusche die Nacht von meinem Körper. Ein weiterer Wellnesstag mit Sauna, Dampfbad und Massage wäre heute genau das Richtige für meine müden, vergifteten Zellen. Leider müssen wir um 11 Uhr auschecken und das Hotel verlassen, denn im gesamten Gebäude stehen Bauarbeiten an. Zum Ausgleich döse ich unter dem Wasserstrahl noch ein Weilchen vor mich hin.

Nichts wirkt besser gegen Katerstimmung als ein deftiges Frühstück. Dazu der Drink des Tages, heute mit Walnuss – „Nahrung für das Gehirn“, sagt der kleine Zettel daneben. Die Sonne scheint und schreibt groß „Strandspaziergang!“ an den blauen Himmel. Wer will da noch in die Sauna! Ganz zu schweigen vom AquaGym. Den Kurs haben wir leider verpasst. Joan und Gina erzählen von ihrem nächtlichen Kartoffelsuppen-Intermezzo, ansonsten ist es ungewöhnlich ruhig an unserem Tisch.

Widerwillig packen wir unsere Sachen. Ich fühle mich rausgeschmissen. Es war doch eben erst Freitag, irgendwas stimmt mit der Inselzeit nicht. Ich vermute, bei Wochenend-Trips verhält sich das Zeitgefühl negativ proportional zur Personenanzahl. Aber dafür war es auch mindestens siebenmal so lustig…

Im Taxi auf dem Weg nach Kampen bewundern wir die Schönheit der Insel, die Friesenhäuser in den Dünen, die im Sonnenlicht glitzernden Wellen der Nordsee. Als wir in der Kurhausstraße aussteigen, rieche ich endlich das Meer. Wir gehen runter zum Strand, halten das Gesicht in die Sonne, spüren den Wind und hören die Wellen rauschen. Aspirin plus C ist ein Witz dagegen.

Ich könnte ewig so weiter laufen, immer Richtung Süden, der Sonne entgegen. Wir weichen ab und zu der Brandung aus, Schaumkronen wehen über den flachen Sand. Der Gedanke, dass dieses wunderschöne Stück Natur immer da ist – für jeden, der einen Spaziergang machen, seine Gedanken sortieren, im weichen Sand seine Pomuskeln trainieren oder melancholisch übers Wasser blicken möchte – während ich Tag für Tag im kalten Neonlicht meines Hamburger Großraumbüros bewegungslos auf den Bildschirm vor mir starre, lässt mich wieder einmal grundsätzlich am Sinn meines geregelten Alltags zweifeln. Zum Glück biegen wir am Roten Kliff in die Dünen ab, Richtung Kupferkanne auf der Wattseite der Insel, bevor ich auf dieser Gedankenspirale richtig in Fahrt komme. Kuchen! Kuchen hilft immer.

Rhabarber, Mohn, Apfel, Käse – wir probieren uns durch fast alle Sorten hausgemachten Blechkuchen, die heute in der Kupferkanne aus dem Ofen gezaubert wurden. Ich bin müde von letzter Nacht, vom Wind und dem Bewusstsein, dass dieses Wochenende sich viel zu schnell dem Ende zuneigt. Die Sonne steht tief am Himmel, jeder Grashalm sieht aus wie gemalt. Wir müssen zum Bahnhof. Während wir auf unseren Zug warten, lassen wir die Highlights der letzten Nacht noch einmal Revue passieren. Wir denken zurück an Hase, Bärchen, Nicky, Gaby und Kai und nehmen uns vor, zurück in Hamburg gleich mit der Planung unseres nächsten Ausflugs zu starten. Als wir über den Hindenburgdamm fahren, geht über der Nordsee langsam die Sonne unter. Passt irgendwie zur Stimmung.

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Syltnight out

10 Nov

Vom Bademantel in den Partydress in einer Stunde: Schon um 17.15 Uhr holt uns das Großraumtaxi ab, denn wir haben die frühe Schicht in der Sansibar – 20 Uhr war längst ausgebucht. Aber es ist ja zum Glück November, draußen ist es bereits stockdunkel. Das ist keine Übertreibung. In Hamburg gibt es keine völlige Dunkelheit, die Stadt und der Hafen schlafen nie und leuchten selbst um 2 Uhr nachts den Himmel an. Entlang der Lister Straße herrscht tiefschwarzes Nichts. In meinem Magen sieht es ähnlich aus, seit dem Frühstück habe ich außer einem Duplo und zwei von Maja auf der Zugfahrt plattgesessenen Giottos nichts gegessen.

Im weichen Kerzenlicht der Sansibar sehen wir noch rosiger und erholter aus, als wir es ohnehin sind. Vor dem Fenster wirken die per Scheinwerfer angestrahlten Dünen wie die sorgfältig inszenierte Kulisse eines ZDF-Sonntagsfilms. Noch besser als diese Aussicht gefallen mir die Vorspeisenvariationen, die Jenny uns serviert. Salate, frisches Brot, Wasabinüsse, dazu Rosé und Weißwein – auf einmal ist es sehr ruhig an unserem Tisch. Nach der Pasta zum Hauptgang (war da Knoblauch drin??) teilen Bine, Eileen und ich uns das hausgemachte Joghurteis mit karamellisierten Oliven und kämpfen mit vollem Mund um den letzten Löffel. Zum Glück verteilt Jenny zum Kaffee großzügig Zentis Mandel-Nougat-Happen. Sie rät uns, den Rest des Abends in Westerland zu verbringen, denn in Kampen sei ihrer Meinung nach eher so tote Hose. „Wollt ihr denn überhaupt noch los?“ fragt Eileen in die Runde. „Mädels, es ist halb Acht!“ antworte ich, vielleicht eine Spur zu empört. Wir einigen uns darauf, es entgegen Jennys Empfehlung in Kampen zu versuchen. Dann müssen wir auch schon los, die 20 Uhr-Schicht bildet bereits eine Schlange an der Tür.

Vor der Sansibar ist Stau. Unser Taxifahrer manövriert sich gekonnt aus dem Massenauflauf und dreht für uns die Musik etwas lauter. Seine Party-Mix-CD bringt Joan und Eileen auf den vorderen Plätzen so richtig in Stimmung. Das Musiktaxi ist nichts dagegen. Im Kampener Strönwai ist unsere Partylaune allerdings an der falschen Adresse – die ganze Straße ist eine einzige tote Hose. Das Pony ist noch geschlossen, im Rauchfang sitzen vereinzelt Gäste und hängen bei einem teuren Glas Wein still ihren Gedanken nach. Zum Glück steht unser Mustafa(hrer) noch neben seinem Taxi am Straßenrand, als hätte er es geahnt. Für 15 Euro kutschiert er uns zurück nach Westerland und feiert hinterm Lenkrad mit Joan und Eileen, als würde er nie etwas anderes tun.

Die Wunderbar hat noch geschlossen. Die vier Gäste des American Bistro gegenüber sitzen gerade beim Dessert, die Party mit DJ Farres geht erst später los. Die Blonde an der Bar wirkt nicht besonders erfreut, uns zu sehen. Vielleicht hätten wir nicht gleich fragen sollen, ob sie die Musik lauter drehen könne. „Dürfen wir bleiben?“ fragt Gina unterwürfig und bricht damit das Eis, das wenig später in unseren Gin Tonics klimpert. Ein Anfang. Gina besteht auf einer Runde Sambucca, ich versenke in ihrem ein Streichholz bei dem Versuch, den Drink zu flambieren. Für sie kein Problem. Das Zeug schmeckt schließlich so oder so nicht.

Joan und Gina eröffnen die Tanzfläche. Eine gute Stunde später ist der Laden gerammelt voll. Auch für die meisten von uns ist diese Bezeichnung nicht ganz unzutreffend. Ich glaube, es begann in dem Moment, als Fenja (wir dürfen sie Gaby nennen) die beeindruckende, aus ca. 17 LEDs bestehende Discobeleuchtung über dem Tresen einschaltete und eine Runde Kurze für uns schmiss. Ihr niedlicher  Kollege Nicky (oder eigentlich Ricky, wie uns später Türsteher Kai erklärt, der in Wirklichkeit Erik heißt) legt noch drei Schokobons obendrauf. „Wir sind sieben“, mache ich ihm den Ernst der Lage deutlich. Er grinst und schlägt vor, dass Jana und ich uns einen Schokobon teilen. Mit den Händen auf dem Rücken, versteht sich. Seine Augen leuchten gierig. Wir tun ihm den Gefallen. Die Nummer mit dem Nimm2-Kaubonbon, den er als nächstes unter der Theke hervorzaubert, ist Jana allerdings eine Spur zu heiß. „Wir müssen morgen früh zum AquaGym“, entschuldige ich das Ausbleiben der erhofften Vorstellung, frei von jeglicher Logik. Nicky aka. Ricky hält das für einen guten Witz. „Der steht auf dich“, raunt Maja mir ins Ohr. Ich brauche frische Luft.

Joan und Gina gehen rauchen. Ich bin betrunken genug für eine Zigarette und halte diese für einen guten Grund, mich etwas abzukühlen. Kai-Erik verbietet uns, Gläser mit nach draußen zu nehmen, verrät uns aber dann, dass wir selbstverständlich gern auf der Terrasse neben dem Eingang Kippen und Drinks konsumieren dürfen. Von dort beobachten wir das auf der Paulstraße vorbeiziehende Partyvolk und überzeugen zwei zunächst skeptisch blickende Herren im Anzug, dass das Bistro heute Abend the place to be ist. Ich taufe die beiden Hase und Bärchen. „Wir heißen alle Nicole“, stelle ich uns drei vor.

Die Luft auf der Tanzfläche erinnert mich ans osmanische Dampfbad. Das tropische Klima hält uns allerdings nicht vom Tanzen ab. Eileen ist mit zwei blaukarierten Hemden ins Gespräch vertieft, Hase und Bärchen checken ab, welche von uns sieben Nicoles – wenigstens für heute Nacht – noch zu haben ist. Fazit: keine. Hase (oder Bärchen?) verrät Gina trotzdem: „Jede von euch hat etwas Besonderes.“ Whatever that means, Hase…

Einen Kurzen und zwei Gin Tonics später steigen fünf von uns ins Taxi, Eileen und ich bleiben noch ein Weilchen an der Bar mit BigC, einem Möbeldesigner aus Köln. BigC möchte heute Abend unbedingt noch knutschen. Ich dulde seinen Arm um meine Taille, drehe ihm aber freundlich mein Ohr zu, als sein Kopf sich meinem Gesicht nähert. Er überreicht uns seine Visitenkarte, die Eileen ihm augenzwinkernd wieder in die Hemdtasche steckt. Er versteht und verabschiedet sich. Vielleicht geht heute Nacht auf Sylt noch was für BigC.

„Mustafa verfolgt unser Taxi!“ whatsappt Bine mir. Das nun auch noch. Es ist Zeit für uns zu gehen. Der niedliche Nicky gibt uns einen letzten Schokobon mit auf den Weg und wünscht uns viel Spaß beim AquaGym. Im Taxi überlegen wir, noch im Pony vorbei zu schauen, sind uns dann aber doch einig, dass dieser Abend nicht mehr zu toppen ist. Wir schießen ein Erinnerungsfoto in der Hotellobby und fallen mit geputzten Zähnen ins Bett, wie es sich für brave Mädchen gehört.

Tiefenentspannt

10 Nov

Das Meer ruft. Wir können es von unserem Zimmer aus weder sehen noch rauschen hören, aber mich zieht es noch vor dem Frühstück nach draußen, während die anderen im Fitnessraum schwitzen beziehungsweise vom Außenpool aus Trainer Lukas beim AquaGym zuschauen. Ich ziehe meine Mütze tief ins Gesicht und laufe die Promenade ein Stück nach Süden. Grau und kalt liegt die Nordsee neben mir. Wir hatten schon bessere Momente zusammen. Ich drehe eine Runde durch den Ort und kehre zum Hotel zurück. Frühstück ist fertig. Wir bekommen einen Tisch direkt neben dem Kinderbuffet. Im Nebenraum gibt es von Waffeln über Müsli, Croissants und Brötchen bis zum frischen Rührei alles, wovon man nach einem Strandspaziergang träumen könnte. Bine mahlt eigenhändig Getreide über ihr Obst, ich schlürfe den Dinkel-Drink des Tages zum Marmeladencroissant. Ein hübscher Kellner bringt uns heißen Kaffee. Der Tag fängt gut an.

Das Meer bekommt noch eine Chance. Gina entschwindet zu ihrer Ayurveda Massage, der Rest von uns macht sich auf den Weg zum Strand. Ja, es gibt ihn, hinter dem Lister Hafen, kurz vor Dänemark, liegt der Oststrand. Sand unter den Füßen, na endlich. Maja springt mit ihren Gummistiefeln in die Brandung, neidisch sehen wir ihr dabei zu.

Joan schickt fleißig Bilder und Texte an den Mann ihres Herzens. Ich bemerke: gegen derart starke Fälle von Sehnsucht kann auch die salzigste Seeluft nichts ausrichten. Hätte ich mir denken können.

In der Panoramasauna genieße ich den Blick auf die Dünen, die Möwen und die tanzenden Nebelschwaden über dem Außen-Schwimmbecken. Das Holz knackt. Der Schweiß fließt. Die Zeit steht still. Wir kühlen uns auf der Terrasse ab, entspannen auf der Ruheliege, atmen Rosenduft im Laconium und ignorieren aus Badehosen quellende, behaarte Bierbäuche im osmanischen Dampfbad. Gina probt ihre Präsentation für Dienstag und genehmigt sich darauf eine Bloody Mary aus der Vital-Bar. Im mineralstoffreichen Algenbad mit Hydromassage dämmere ich 15 Minuten lang glücklich vor mich hin. „Du siehst total entspannt aus!“ lobt Joan mich anschließend. Kunststück an einem Tag wie heute. Ich schwimme ein paar Bahnen im Außenpool, in der kalten Luft weht salziger Wasserdampf um mein Gesicht. Kein Mensch weit und breit. Geistesabwesend lasse ich mich treiben, bis ich merke, dass Eileen oben am Fenster steht und mit meinem iPhone Fotos von mir macht. Na warte.

Pack die Bommelmütze ein

9 Nov

Bikini, Badelatschen und Bommelmütze fliegen als erstes in meine Reisetasche. Damit habe ich die wichtigsten Utensilien für unser Wellness-Wochenende auf Sylt zusammen. Kein Dünenspaziergang ohne Kopfbedeckung, das Wichtigste immer zuerst einpacken – so viel habe ich gelernt. Natürlich ist die Tasche am Ende so voll, dass ich fast zusammenbreche, als ich mich auf den Weg zum Bus mache. Joan hat ihre Mütze schon auf, fast wäre ich an ihr vorbei gelaufen. So früh am Morgen spreche ich normalerweise auch noch gar nicht, aber Joan hatte über Nacht Männerbesuch und wir analysieren kurz den aktuellen Zustand ihrer Nicht-nur-eine-Affäre-aber-auch-noch-keine-richtige-Beziehung-es-ist-halt-kompliziert-Geschichte. Ich verspreche ihr, dass es in solchen Situationen nichts Besseres gibt, als sich auf der Insel den Wind um die Nase und durch die strapazierten Gehirnwindungen pusten zu lassen.

Am Altonaer Bahnhof treffen wir Bine und Gina, versorgen uns mit Kaffee und Bagels und richten uns für die nächsten vier Stunden in der Nord-Ostsee-Bahn ein. Es gibt viel zu erzählen. Erst in Niebüll werden wir langsam ungeduldig. Wegen Bauarbeiten steht der Zug hier gut vierzig Minuten, bevor es endlich weiter geht. Die Nordsee zeigt sich heute grau und distanziert, matschiges Watt säumt den Hindenburgdamm. Es riecht nicht nach Meer, als wir in Westerland aus dem Zug steigen. Die Buslinie 1 bringt uns nach List. Das Grand SPA Resort A-ROSA Sylt liegt vor uns wie eine Festung. Zu Fuß passieren wir die porsche- und jaguarverwöhnte Schranke, die für uns nicht mal eine Augenbraue hebt. Der Pförtner empfängt uns jedoch überaus freundlich, vor dem Eingang nehmen uns zwei adrette Herren das schwere Gepäck ab. Wir taufen sie Wladimir und Vitali. In der Lobby steht ein flauschiges graues Sofa, eingerahmt von unzähligen Windlichtern mit dicken weißen Kerzen. Hinter der nächsten Tür flackert ein riesiger gläserner Kamin im Barbereich. Wellness für meine Augen. Wir schweben zu unseren Zimmern im zweiten Stock und rüsten uns für unseren ersten Spaziergang am Meer.

Als wir um die Ecke zur Strandpromenade biegen, fegt uns der Wind fast die Mützen vom Kopf. Die Bezeichnung Strand scheint für den steinigen Sandstreifen unterhalb der gepflasterten Promenade etwas übertrieben, aber vor uns liegt das Meer. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir den Lister Hafen.

Mit einem Fischbrötchen im Bauch sind wir bereit für die erste Wellness-Einheit. Als Gina und ich in weiße Frottee-Bademäntel gehüllt bei Bine und Joan an die Tür klopfen, wundere ich mich über den Rollwagen mit weißen Orchideen auf dem Flur. Ein weiterer adrett gekleideter Herr, der uns freundlich zunickt, scheint einen floralen Auftrag zu haben. Wir schlüpfen ins Zimmer und warten, bis Joan ihren Bikini zurechtgerückt hat. Noch während sie im Bad ist, klopft es an der Tür. Bine öffnet. „Entschuldigen Sie, ich würde gern nach Ihrer Orchidee sehen, wenn es gerade passt“, erklärt ihr der Herr vom Flur. Bine gibt die Frage weiter an Joan. „Ja, gerne!“ höre ich aus dem Bad. Joan kommt im Bikini zurück ins Zimmer, gefolgt vom Orchideenbändiger und seiner Gießkanne. Er marschiert an uns vorbei zum Couchtisch, hebt die Orchidee aus ihrem Topf und begutachtet sie. Noch bevor wir etwas sagen können, ist er wieder verschwunden. Ich bin kurz sprachlos, doch Gina bricht das Schweigen. „Was war das denn gerade? Musstet ihr euch auch so zusammenreißen, um nicht laut loszulachen?“ Wir stimmen ihr zu. Vier Mädels in Bademänteln auf einem Zimmer und ein junger Page, der just in diesem Moment nach der Orchidee schauen muss – das klingt nach einem schlechten Pornofilm. „Was wollte er denn überhaupt mit der Orchidee?“ fragt Gina. „Na ja, er wollte schauen, wie feucht sie ist!“ antworte ich. Unser Running Gag fürs Wochenende steht damit fest.

Der Blick aus der Panoramasauna in die Dünen wirkt beruhigend. Wie alles im SPA-ROSA. Der beleuchtete Pool, die gepolsterten Liegen und Sitzmuscheln vor den Fenstern auf der Galerie, die Wendeltreppe zu den Massageräumen. Dort oben bekomme ich nach dem ersten Saunagang die bisher beste Massage meines Lebens. Die „Wohlfühlexpertin“ widmet sich hingebungsvoll meinem Rücken und spürt alle Knurpschpunkte auf, die besondere Aufmerksamkeit brauchen. Ich bin Wachs in ihren Händen. Mein Rücken würde selig lächeln, wenn er könnte. Im Ruheraum dämmere ich anschließend mit einer Tasse grünem Tee vor mich hin, genieße die Stille, die Wärme und die flauschige Decke, die über allen meinen Gedanken liegt.

In der finnischen Sauna gibt es einen Aufguss mit Salzpeeling. Der Zeremonienmeister flutet den Raum mit ätherischen Ölen und wedelt uns so engagiert an, dass meine Arme schon vom Zuschauen lahm werden. Die Limetten-Salz-Mischung, die wir zwischen zwei Aufgüssen auftragen, macht die Haut weich wie eine Orchideenblüte.

Gegen 20 Uhr treffen auch Eileen, Maja und Jana ein, die eine leicht verstörende Fahrt im Musiktaxi hinter sich haben. Es ist Zeit für eine deftige Mahlzeit. Bei Gosch bekommen wir den Stammtisch an der Bar und stimmen uns bei Thainudeln, Hummersuppe und Prosecco auf unser Mädelswochenende ein. Für heute Abend lassen wir es ruhig angehen und bleiben unter uns. Allein der augenscheinlich zahnlose Herr mittleren Alters vom Ecktisch hinter uns, der sich mehrfach zwischen der Bar und Maja und Jana hindurch quetscht, um seiner Nikotinsucht zu frönen, stört die Idylle. Der direkte Körperkontakt mit seinem ausladenden Bierbauch, begleitet von entschuldigenden Gesten, die man auch als Grabschen bezeichnen könnte, ist das Gegenteil einer Wohlfühlbehandlung. Für solche Fälle sollte es Oberteile mit Stacheln auf dem Rücken geben.

Der Wind weht uns zurück ins Hotel. Wir freuen uns jetzt schon auf das Frühstück. Eileen und ich lachen uns in den Schlaf. Keine von uns könnte erklären, was eigentlich so lustig ist. Ihr Anti-Allergie-Microfaser-Schnarch-Präventions-Schlafsack lässt mich auf eine ruhige Nacht hoffen. Müde vom Lachen, müde vom Wind, gespannt auf den nächsten Tag schlafe ich ein.

Aufschlag Berlin

21 Jun

Montag   Wo bleibt das verdammte Gewitter, wenn man eins braucht? Heute ist ein Turnbeuteltag. Ich fühle mich ein bisschen wie damals, in der fünften, siebten oder zehnten Klasse. Turnbeuteltage waren schlechte Tage. Miefige Umkleideräume und miese Sportlehrer mit Klemmbrett in der Hand und ohne die kleinste Schweißperle auf der Stirn in Kombination mit pubertierenden Klassenkameraden – ein Boot Camp ist nichts dagegen. Heute lasse ich mich regelmäßig und freiwillig von hübsch durchtrainierten und nass geschwitzten Trainern im Studio anbrüllen und werde nur noch selten mit meinem Turnhallentrauma konfrontiert. Volleyball habe ich immer gehasst. Es fiel einfach zu sehr auf, wer mit dem Ball umgehen konnte und wer nicht. Ich versemmelte jeden Aufschlag und rieb mir, den Blick hoffnungsvoll zur Hallenuhr gerichtet, die schmerzenden Unterarme. Mein Ziel war es, das Ende der Sportstunde zu erreichen, ohne einen Ball ins Gesicht bekommen zu haben. Es gelang mir nicht immer.

Fast zwanzig Jahre später stehe ich nun mit den nackten Füßen im Sand auf dem Gustav-Stuhlmacher-Sportplatz und suche ein letztes Mal den Himmel nach schwarzen Regenwolken ab. Vergeblich. Wir haben einen Ball, wir haben ein Netz und wir sind vollzählig. Wir werden jetzt Beachvolleyball spielen. Zumindest werden meine anwesenden Kollegen das tun. Mich beschäftigen zwei Fragen:

  1. Wieso gerate ich als volljähriger und selbständig Entscheidungen treffender Mensch in Situationen, die unangenehmste Teenager-Erinnerungen in mir wecken?
  2. Ob ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund heute vielleicht besser Volleyball spielen kann als damals in der Turnhalle?

Frage Nummer Zwei beantwortet sich mir beim ersten Ballkontakt. Ich habe ihn so lange wie möglich hinausgezögert, aber als der Ball direkt auf mich zu fliegt und niemand aus meinem Team sich übertrieben motiviert in die Bahn wirft, strecke ich die Arme aus und hoffe auf ein Wunder. Meine Annahme kann man wohl weder als Baggern noch als Pritschen bezeichnen und es braucht auch keinen Schiedsrichter, um zu entscheiden, dass der Ball außerhalb des Spielfelds landet. Ich bin mir sicher, am Gesichts meines Chefs ablesen zu können, dass er sich nun ebenfalls fragt, warum er ausgerechnet MICH für unsere Mannschaft ausgewählt hat.

Anna macht den nächsten Aufschlag. Lässig befördert sie den Ball über das Netz, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes tun. Auf ihrem Shirt könnte ebenso gut stehen: „This is how you do it, loser!“ Es gibt im Leben immer eine Anna. Als wäre die Situation nicht schlimm genug und das Ego bereits ein Häufchen Elend – eine Anna setzt immer noch einen drauf. Mit einem unangestrengten Lächeln und schwingendem Pferdeschwanz rettet sie den Ball vor dem Aus, weiß sie die Antwort auf die Frage, die Normalsterbliche sprachlos macht, schwebt sie an den coolen Jungs an der Theke vorbei, während andere auf ihren 2 cm hohen Absätzen umknicken. Was die Jungs zum Glück nicht sehen, denn sie schauen ja Anna an. Die meisten Annas kann man nichtmal in Ruhe hassen, weil sie auch noch irgendwie nett sind.

Nach knapp zwei Stunden beendet Anna unser Training und meine Verzweiflung mit der Ansage: „Mir wird kalt.“ Sie meint damit: „Ich stehe hier nur rum, weil ihr Idioten einfach nicht spielen könnt, also lasst uns endlich aufhören.“ Kollegin Crissie und Olaf, unser Chef, sind auch keine Leuchten in diesem Sport, allerdings nicht ganz so frei von Ballgefühl wie ich. Bis übermorgen bin ich erlöst, dann steigt das Turnier in Berlin. Ich streiche über meine geschwollenen Handgelenke wie ein verwundetes Tier und durchforste mein Hirn weiter nach möglichen Exit Strategien. Mein Kopf tut weh, obwohl er keinen Ball abbekommen hat. Ich will nach Hause.

*

Mittwoch   Schlechtes Wetter ist auch keine Lösung. Das Turnier wurde von den Organisatoren einfach in die Halle verlegt. Da kann nichts mehr passieren. Ich habe weder einen Magen-Darm-Infekt noch eine Grippe und die Blutergüsse an meinen Armen reichen leider nicht für eine Disqualifikation. Meine letzte Hoffnung ist, dass sich ein Selbstmörder vor unseren Zug wirft und wir es gar nicht erst nach Berlin schaffen. Aber es ist mitten im Sommer und derartige Zwischenfälle häufen sich ja eher gegen Jahresende. Dann vielleicht eine technische Panne?

Der ICE kommt pünktlich, wir sind vollzählig am Gleis versammelt. Olaf überlegt kurz (und ernsthaft), ob wir den nächsten Zug 20 Minuten später nehmen sollen, weil dieser hier ohne Speisewagen fährt und er sich schon so auf das Hühnerfrikassee aus der Bordküche gefreut hat. Ich bin für jede Verzögerung zu haben. Nach einem kurzen Briefing durch das Zugpersonal bittet er uns dann doch einzusteigen, es gäbe noch Currywurst im Bistro. Na dann.

In Wagen 43 ist die Klimaanlage defekt, die Temperatur beträgt gefühlte 35 Grad. Wir laufen dreimal durch den gesamten Zug, bis wir zu der Entscheidung gelangen, dass Crissie und ich uns einen Platz suchen, während Anna mit Olaf im Bistro bleibt. Auf einen Kaffee. Ihren Pappbecher vom Bahnhofsbäcker hat sie vor zwei Minuten im Mülleimer entsorgt. Anna mag Kaffee.

Mit nur zehn Minuten Verspätung erreichen wir den Berliner Hauptbahnhof. Im Taxi schöpfe ich wieder Hoffnung: Unsere Fahrerin reagiert auf die Zielangabe leicht gestresst und holt ihren zerfledderten Kauperts Straßenatlas aus dem Handschuhfach hervor. Wir müssen ins Märkische Viertel. Ein Navigationssystem besitzt sie nicht. Sie fährt einen Großteil der Strecke im zweiten Gang und schimpft fortwährend über den Berliner Verkehr, doch sie liefert uns pünktlich vor dem BeachCenter ab. Also doch ein Turnbeuteltag. Auf in den Kampf.

In unseren kurzen Hosen und Team-Shirts erkunden wir das Gelände. Karibischer Sand, kühle Getränke, Liegestühle – es könnte so herrlich sein hier, wären keine Bälle anwesend. Ich entscheide mich für ein Schöfferhofer Grapefruit. Ein wenig Alkohol kann nicht schaden, dann kann ich meine Unfähigkeit zumindest teilweise darauf schieben. Als Olaf zu uns stößt, bewundert er zunächst unsere Outfits, sehr bemüht, nicht auf Annas Brüste zu starren, über denen sich ihr weißes Shirt in Größe S sichtbar spannt. Wir starten mit einem Testspiel. Ich bekomme die Position am Netz und die Ansage, dort zu bleiben. Meinetwegen, ich reiße mich nicht darum, Aufschläge zu machen. Oder etwas, das ansatzweise so aussieht. Das Netz ist irgendwie zu hoch. Und der Sand zu tief. Ich könnte ebensogut ein paar Sonnengrüße turnen, während die anderen das Spiel machen. Vielleicht würde das zumindest den Gegner ablenken.

Das erste Spiel verlieren wir 15:4. Nach unserer zweiten Niederlage lasse ich mich am Rand des Spielfelds massieren. Wenigstens diese zehn Minuten kann ich genießen. Ich habe mich zwar gegen die Sonnengrüße entschieden, doch die weiteren Spiele machen Olaf und Anna quasi allein. Sie stürzen sich auf jeden Ball, so dass Crissie und ich Mühe haben auszuweichen. Wir verlieren trotzdem jedes Mal. Ich bin froh, als wir ausgeschieden sind und schaue voller Bewunderung den Teams in den Finalrunden zu. So sieht das also aus, wenn es läuft. Ob das Spaß macht?

Gegen 23 Uhr löst sich die Veranstaltung auf. Mir ist danach, ins Hotel zu fahren und ins Bett zu fallen. Crissie pflichtet mir bei. Hoffnungsvoll wendet Olaf sich an Anna. Sie trägt einen ziemlich kurzen Rock und ein ziemlich weit ausgeschnittenes Top. „Wenn wir jetzt ins Bett gehen, können wir auch zurück nach Hamburg fahren“, blafft sie. „Also entweder, wir gehen feiern oder wir fahren nach Hause.“ Olaf schaut sie an wie ein Hündchen, das sich aufs Gassigehen freut. Vielleicht wird der Abend noch interessant. Und mein Zimmer im Holiday Inn ist zwar eine Suite, aber so gemütlich wie im Krankenhaus. Dann eben feiern.

Olaf meint, wir müssen in die Bravo Bar. Der Laden steht anscheinend als erstes auf seiner fragwürdigen Liste der angesagten places to be von Berlin. Es ist ganz gut was los für einen Mittwochabend, aber wir sind ja auch nicht in Hamburg. Außer uns sind noch ein paar Mitglieder einer gegnerischen Mannschaft anwesend. Die beiden Chefs der Truppe, Sven und Niko, wollen es heute Nacht offentsichtlich ebenso wissen wie Olaf. Familienväter auf Freigang. Fremdschämen für Fortgeschrittene. Sven trägt eine Top Gun-Fliegerjacke und hält sich für mindestens so atttraktiv wie Tom Cruise in seinen besten Jahren. Er fragt Anna über ihren Job aus und nennt sie in jedem Satz beim Namen. Vielleicht hat er Neil Strauss‘ „The Game“ gelesen. Anna scheint es nicht zu stören. Niko hat eine osteuropäische Blondine im weißen Marilyn Monroe-Kleid aufgegabelt, die ihn gern – wohin auch immer – mitnehmen würde. Er lehnt zum Glück ab.

Olaf ist nicht zufrieden. Er möchte weiter in die King Size Bar. Der nächste Schuppen auf seiner Liste. Von der Bravo Bar sind es zu Fuß nur ein paar Minuten. Vor dem Laden hängen Menschen herum, deren schwarze lange Haare direkt in ihre schwarze Kluft überzugehen scheinen. Durch die Tür dringt undefinierbare Musik. Neben uns wartet ein Taxi. Crissie und ich überlegen, ob wir einsteigen und ins Hotel zurück fahren, als wir feststellen, dass der schwarzhaarige Türsteher unsere Kollegen nicht in die Bar lassen möchte. Wahrscheinlich sind sie zu bunt angezogen. Also wieder zurück in die Bravo Bar. Ich schiele zum Taxi. Es ist mittlerweile nach 2. Olaf, Sven, Niko und Anna sehen Crissie und mich fragend an. „Wir können Anna doch nicht mit den Männern allein lassen“, sage ich. „Mir macht das nichts aus“, antwortet Anna. „Ich bin meistens nur mit Typen unterwegs.“ Ich tausche einen Blick mit Crissie. Sie lässt mich entscheiden. „Okay, dann kommen wir noch mit.“

Die Tür der Bravo Bar ist verschlossen. Olaf klopft und winkt durch das Guckloch. Ohne Erfolg. Als wäre die Szene nicht schon lächerlich genug, gesellen sich noch drei Männer zu uns, die ebenfalls hinein wollen. Sie drängeln sich zur Tür durch. „Ihr müsst euch richtig zum Affen machen“, erklärt der eine. „Haben wir schon“, antworte ich. „Oh Mann, da drin läuft Adele“, beschwert er sich. Er spricht es „Adell-e“ aus.  „Das ist mein Lieblingslied!“ Er fängt an zu tanzen. Endlich geht die Tür auf.

Eine halbe Stunde später ist mein Glas leer und das Maß voll. Eine Armlänge neben mir lehnt Olaf an der Wand und lässt sich von einer nichtmal schönen Unbekannten über das locker sitzende Hemd streichen. Ich muss hier raus. Crissie ist sofort dabei. Auf dem Weg zum Ausgang sage ich Anna Bescheid, die mit Niko an der Bar sitzt. „Wir wollen los.“ Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Ohne Olaf?“ fragt sie. Es klingt fast entrüstet. Ich nicke. Sie deutet auf ihr halbvolles Getränk. „Ich bleibe noch.“ War ja klar.

*

Donnerstag   Um 9 Uhr treffen wir uns in der Lobby. Olaf ist längst auf dem Weg nach Hamburg. Termine. Anna erscheint mit Sonnenbrille an der Rezeption. War wohl noch eine harte Nacht. Im Taxi erzählt sie, dass Olaf und sie kurz nach uns zurück ins Hotel gefahren wären. Übrigens dürfe sie im nächsten Jahr die Beachvolleyball-Mannschaft zusammenstellen. Es mache ja einfach mehr Spaß mit Leuten, die auch wirklich Lust haben zu spielen. Dann hätten wir wenigstens mal eine Chance. Ach ja, Sven und Niko haben sie außerdem zu ihrer nächsten Firmenfeier eingeladen. Wie schön, Anna. Vielleicht hast du Glück und es sind nur Typen anwesend.

Auch wenn es nicht das schlechteste Vorhaben ist, ernsthaft an meinem Ballgefühl zu arbeiten und damit ein Kindheitstrauma zu bewältigen, wird der nächste Beachvolleyball-Cup ohne mich stattfinden. Die einzigen Cups, die mich in Hochstimmung versetzen, enden auf -cakes.

Letztsemester

28 Apr

Unsere Tage auf dem Campus sind gezählt. Von Anfang an haben wir uns eingeredet, dass sieben Semester, dreieinhalb Jahre, 42 Monate, 324 Vorlesungen, 1.296 Unterrichtseinheiten viel schneller vorbei sind als man denkt. Wir haben Recht behalten. Es ist fast geschafft. Nur eine zweistündige Turnaround-Klausur und 40 – 60 Seiten Bachelor Thesis trennen uns vom Ziel. Beim Gedanken daran spüre ich weder Stress noch Druck. Es ist eher ein Taubheitsgefühl. Das Buch „Effiziente Personalauswahl“, das ich mir letzten Samstag aus der Bibliothek ausgeliehen und dessen kurze Ausleihfrist ich online alle zwei Tage verlängert habe, musste ich am Freitag in der Mittagspause ungelesen wieder zurückgeben. Es wohnte eine Woche in meiner Tasche, auf dem Couchtisch und im Arbeitszimmer. Es war kein Mahnmal, kein erdrückendes Zeugnis meiner Faulheit. Es hat mich einfach nicht gestört. Wie es so da lag und zu nichts gut war. Damit war es nicht allein. Die gepackte Sporttasche unter dem Schreibtisch, die es nicht ins Fitness-Studio schafft. Die nicht gesehenen Kinofilme. Die nicht durchtanzten Nächte. Die nur halb ausgetrunkene Sektflasche. Der leere Kühlschrank. Sie alle sind in den letzten Jahren irgendwie meine Kumpels geworden. Anfangs hab ich sie gehasst, weil ich sie dick, hässlich und langweilig fand. Aber sie waren einfach immer da und gehörten irgendwann dazu. Man gewöhnt sich an so was. Jetzt sitzen sie bräsig in ihrer Ecke und kratzen sich am Bauch. Das Buch fiel daneben kaum auf. Immerhin habe ich es geschafft, es rechtzeitig wieder abzugeben.

Ich sehe das Ziel deutlich vor mir. Es leuchtet und blinkt am Horizont, leiser Jubel schallt herüber. Yeah, ich hab’s gleich. Irgendwo tief in mir schlummert Freude, die bald ausbrechen will. Noch schläft sie tief und fest. Meine Beine fühlen sich an, als würden sie nicht so recht zu mir gehören, wie ferngesteuert. Rennen ist keine Option. Das ist was für blutige Anfänger. In meiner Vision vom Zieleinlauf krieche ich mit letzter Kraft über die weiße Linie und bleibe regungslos auf der anderen Seite liegen. Ein schwarzer Bachelor-Umhang breitet sich über mir aus und flattert im leise pfeifenden Wind. Der Jubel verhallt. Nur mein röchelndes Atmen ist zu hören. Willkommen zurück im Leben.

So schlimm war es ja gar nicht. Ich trage dieselbe Kleidergröße wie im Frühjahr 2009, wache jeden Morgen neben demselben Mann auf und habe einigermaßen regelmäßigen Kontakt zu Menschen außerhalb meines Uni- und Bürokosmos. Ich benutze ab und zu den Herd in meiner Wohnung, putze manchmal das Waschbecken und meine beiden kleinen Nichten kennen meinen Namen, wenn sie mich sehen. Es ist alles in bester Ordnung. Vielleicht sollte ich mich doch im Herbst zum Masterstudium anmelden?

Bei dieser Frage fängt etwas in mir hysterisch an zu lachen. Nein. Neinneinneinneinneinneinnein. Nein. Nie im Leben. Keine weitere Sekunde verbringe ich im Hörsaal, am Schreibtisch, in der Bibliothek. Es ist nicht cool, vor allen anderen Kollegen das Büro zu verlassen, um drei Stunden in einem schlecht gelüfteten Seminarraum die Konzentration zum Gehorsam zu zwingen, oft erfolglos, bis zum tatsächlichen Feierabend gegen 21 Uhr. Auch wenn es gute Vorlesungen gab, fähige, in äußerst seltenen Einzelfällen sogar attraktive Dozenten, tolle, liebe, lebensrettende Kommilitonen. Erfolgserlebnisse. Karriereschritte. Und in diesem Semester: eine Werksführung bei Chanel – nur scheinbar ein Highlight, das sich als Ausflug in eine abgewrackte Rumsbude am Stadtrand entpuppte, in der der Leiter Logistik uns gute drei Stunden als Geiseln seines vernachlässigten Egos hielt. Von Glamour keine Spur. Wir sind es ja gewohnt.

Die verpassten Yogakurse, Sneak Previews, Happy Hours, After-Work-Events – sie sind ungezählt. Das Aufholen wird anstrengend, aber geil werden. Die Taubheit überwinden, die Motivation zünden und noch einmal die Arschbacken mental zusammenkneifen. Ein graziöser Zieleinlauf wäre als Abschluss schon angemessen. Hinter der Linie wartet die Freiheit.

Der Master bleibt im Regal. Dazu gesellen sich meine künftigen Ex-Kumpels, von denen ich mich diesen Sommer trenne. Sorry, Jungs, nehmt’s mir nicht übel: Verpisst Euch.

Die kalte Hand

22 Sep

Die Sonne strahlt und die Luft ist lau. Mein kleiner Neffe fühlt sich pudelwohl auf Deinem Arm, gluckst vor Freude, während Du ihn durch die Luft schleuderst und wieder auffängst. Keine Sekunde lang würde ich daran zweifeln, dass er sicher wieder in Deinem Arm landen wird. Ihr beide juchzt um die Wette, Du rufst abwechselnd „Heeeey“ und „Huuuui“, bis der Kleine vor lauter Kichern kaum noch Luft bekommt. Ein schönes Bild. Doch ich stehe daneben, als würde ich einen schrecklichen Autounfall beobachten. Auch ich bekomme kaum noch Luft. Es tut so weh. Der Kleine ruft Deinen Namen. „Noch mal!“ Ich laufe auf die Toilette, vermeide den Blick in den Spiegel, während ich mich am Waschbecken festklammere. Ruhig atmen. Ganz ruhig. Mein Ausatmen klingt, als wäre ich in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet worden. Womöglich wäre das ein angenehmeres Gefühl. Ich brauche etwa eine Viertelstunde, bis ich den Waschraum wieder verlassen kann. Ich treffe Dich auf dem Flur, Du legst Deinen Arm um mich und gehst mit mir zum Auto. „Alles okay, Maus?“ Du küsst mich auf die Wange, die immer noch ein bisschen glüht von nicht geweinten Tränen. „Geht’s dir gut?“ Ich nicke und lächle dich schief an. „Lass uns nach Hause fahren.“

Es ist kein schöner Tag. Das kleine Stäbchen in meiner Handtasche ist schwerer als ein Felsbrocken. Heutzutage kann man da nichts mehr falsch verstehen, ganz deutlich steht es auf der Anzeige. Schwanger. Ich habe das Stäbchen noch mal geschüttelt, gewartet, minutenlang die Anzeige angestarrt. Sie hat sich nicht verändert. Was sich nun verändern wird, ist mein Leben. Unser Leben. Ich kann es Dir nicht sagen. Wir haben eine klare Vereinbarung. Ich hatte es auf die leichte Schulter genommen, als Du mir gesagt hast, dass Du keine Familie willst. Ich wollte Dich, und der Rest war nicht so wichtig. Es würde sich alles finden. Wir waren doch so glücklich zusammen. Dass Du es wirklich ernst meinst, war leicht zu erkennen gewesen. Die Wohnung, die Du gekauft hast, hätte es nicht deutlicher machen können. Groß und hell, zentral gelegen, loftartig geschnitten. Von der Dachterrasse aus hat man einen einmaligen Blick über die Stadt und kann nachts die Sterne zählen. Meinen Einwand, dass sie im fünften Stock liegt und dass es keinen Aufzug gibt, hast Du ebenso wenig gelten lassen wie die vorsichtige Frage, ob denn mehr Wände und eine normale Raumaufteilung nicht auch ganz schön wären. Du hast Dich in diese Wohnung verliebt, ebenso wie in Dein kleines altes Cabrio, das Du in dieser Gegend meist zwei Straßen weiter parken musst. Es ist das, was Du willst. Und nachdem Du mir am Abend nach der Wohnungsbesichtigung gesagt hast, dass ich Dein Glück perfekt machen würde, wenn ich mit Dir gemeinsam in das Loft im fünften Stock ziehen würde, da hattest Du mich. Es war so ein schönes Gefühl zu wissen, dass Du es ernst meinst mit mir. Du bist ein Mann, der meint, was er sagt. Leider in jeder Hinsicht.

Obwohl meine Lebensplanung eine andere war, habe ich mich auf Deine eingelassen. Der Moment fühlte sich so rosarot an, er war so perfekt. Ein Nein hätte ihn zerstört, eine Diskussion wäre so unpassend gewesen an diesem Abend. Und am nächsten. Und danach. Ich wollte die Zeit mit Dir genießen, ohne nachzudenken. Etwas in mir wusste vielleicht schon, dass es nicht ewig dauern würde. Ich war unvorsichtig. Und so verliebt. Es konnte doch niemand etwas daran ändern, was das Leben für ihn vorgesehen hatte. Was passieren soll, passiert… Ich gab die Verantwortung ab. Für mich. Für Dich. Für uns. Ich wollte nicht, dass dieses zarte Pflänzchen Glück mir entfleucht, indem ich zu viel darüber nachdenke. Es ist medizinisch nicht möglich, aber ich fühle das mikroskopisch kleine Wesen in meinem Bauch und mir wird heiß vor Glück, wenn ich an dieses Wunder denke, das dort entsteht. Die Vorstellung, den Mann verlassen zu müssen, der es gezeugt hat, oder von ihm verlassen zu werden, bereitet mir körperliche Schmerzen.

Dieses kleine Glück, das ich mir mehr wünsche, als ich mir jemals zuvor etwas gewünscht habe – es ist für uns nicht vorgesehen. Etwas muss ich Dich fragen nach diesem  Testergebnis, ich kann nicht gar nichts tun. „Was wäre, wenn?“, frage ich Dich und hoffe, Deine Antwort wird alles ändern. Ich will Dir von dem Ergebnis erzählen, Dir das Stäbchen zeigen, damit Du mich fest in den Arm nimmst und mir ins Ohr flüsterst, dass Du der glücklichste Mann bist auf der Welt. Dass Du Dich darauf freust, diesem Wesen mit mir gemeinsam die Welt zu zeigen. Ich bin so vertieft darin, zu wünschen, zu hoffen und zu beten, dass Deine Antwort erst ganz langsam zu mir durchdringt. Du hast nur kurz überlegt, siehst mich ernst an, und dann sagst Du mir, was ich nicht hören will. Ganz deutlich. Es gibt nichts mehr hinzuzufügen. „Das weißt du doch, Maus“, schiebst Du noch hinterher, es klingt etwas erstaunt. Ich sehe wohl ein bisschen traurig aus. Ein Kunststück, wenn man bedenkt, was in mir passiert. Eine kalte Hand greift nach meinem Herzen und drückt zu. Eine Welt stürzt zusammen, sie hat auf einem sehr wackeligen Fundament gestanden, gebaut auf sehr viel Hoffnung und noch mehr Verzweiflung. Nun ist sie fort. Das kleine Wesen ist noch da, es will leben. Ich will, dass es lebt. Fort sind auch die unbändige Freude, das kaum auszuhaltende Glücksgefühl und die bunten Gedanken an eine Zukunft zu dritt. Sie haben in mir geschlummert, darauf gewartet, dass Du mir eine Antwort gibst, die sie ausbrechen lassen würde. Doch ich muss sie herunterschlucken, einmal, zweimal, dreimal, und dann sind sie verschwunden, haben ein hässliches Loch hinterlassen, eine klaffende Wunde, ein Gefühl wie ein fetter Knoten, im Hals, im Bauch und in der Brust. Ich muss mich abwenden, damit Du nicht sehen kannst, was Deine Antwort und das hässliche Loch mit mir machen.

Ich gehe früh ins Bett und stelle mich schlafend, als Du Dich irgendwann neben mich legst in das Dunkel. Ich bin wie betäubt. Wie durch einen diffusen Nebel kommt mir der Gedanke, dass ich mich nie wieder zum Einschlafen in Deinen Arm kuscheln werde. Der Gedanke tut weh, doch der Nebel schützt mich davor, Dich näher an mich heranzulassen. Du willst auch das kleine Wesen nicht in Deinem Arm halten, obwohl es Dich doch brauchen wird, noch mehr als ich. Mein zermatschtes Herz krampft sich zusammen. Und wieder kommt der Nebel. Zu der Enttäuschung mischt sich Wut darüber, dass Du mir die Freude an diesem Wunder genommen hast, das unser Glück für mich vollkommen gemacht hätte. Das Gefühl der Ohnmacht schnürt mir die Luft ab. Ein paar kleine dumme Zellen in meinem Gehirn flüstern, morgen früh wird alles anders aussehen, nur nichts überstürzen, nicht dramatisieren. Irgendwie wird alles gut werden.

Doch die Nacht bleibt schlaflos für mich. Ich starre in das klebrige Schwarz der warmen Sommernacht und höre nichts als Dein leises Schnarchen neben mir. In mir toben Gedanken, Wünsche, wiederholen sich die Szenen und Gespräche der vergangenen Stunden, Tage und Monate. Die Bilder wechseln so schnell in meinem Kopf, tauchen auf und verschwinden, verdrängt vom nächsten kurzen Film, Vergangenheit jagt die Zukunft, als würden sie alles geben, alles versuchen, damit ich endlich verstehe. Und entscheide. Doch ich liege bewegungslos, starr im Dunkeln, als wäre ich nur ein unbeteiligter Zuschauer dieses wirren Kopfkinos, als hätten die Bilder und Worte nichts mit mir zu tun. Ich schließe die Augen und lege meine Hände aufs Gesicht, als wenn ich dadurch die Gedanken stoppen könnte, die Bilder nicht mehr sehen müsste. Meine Augen und meine Schläfen sind nass. Die Tränen kommen lautlos, laufen meinen Hals entlang und tropfen auf mein Kissen, wo sie bis zum Morgen eine feuchte Erinnerung an diese quälenden Stunden sein werden. Es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf.

Ein furchteinflößendes Geräusch, ein Laut wie von einem kämpfenden Tier lässt mich aus dem leichten Dämmerschlaf schrecken, in den das Gedankenkarussel mich getragen hat. Ich sitze senkrecht im Bett, einen Moment lang höre ich nur mein hämmerndes Herz, das in meinen Ohren dröhnt. Ich lausche ins Dunkel. Das kämpfende Tier gibt einen weiteren, dezenteren Schnarcher von sich, der in sanft röchelndes Atmen übergeht. Ich halte mir die linke Brust, in der das Hämmern noch nicht aufgehört hat. Du schläfst seelenruhig weiter, denke ich. Sogar im Schlaf quälst Du meine Gefühle. Das Klopfen unter meiner Hand wird langsam schwächer. Vielleicht ist es mittlerweile im Kopf angekommen, wo sich die ersten klaren Gedanken zu formulieren beginnen. Ich stehe auf.

Unter der Dusche spüle ich die salzigen Tränen und die Hitze der Nacht von meiner Haut. Mein Kopf kommt langsam wieder zu sich. Erst hat er noch versucht, mein Herz aufzusammeln und ihm Mut zuzusprechen. Erfolglos. Bis das hämmernde Herz ihn zwingt, die einzig mögliche Konsequenz auszuspucken. Es hat schon leise in mir geflüstert, als Du mir gesagt hast, dass eine Planänderung für Dich nicht in Frage käme. Unter keinen Umständen. „Das weißt Du doch, Maus.“ Jetzt wird das Flüstern lauter, es lenkt meine Gedanken. Einfach gehen, sagt es mir. Abstand. Zeit. Ruhe. Es wird alles gut werden. Irgendwie. Der warme Wasserstrahl vermischt sich mit ein paar frischen Tränen. Ich drehe den Hahn ab und steige endlich aus der Dusche. Draußen wird es langsam hell.  Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist, seit ich unser Bett verlassen habe. Du schnarchst bestimmt immer noch friedlich vor Dich hin, nicht ahnend, dass nichts mehr so sein wird wie vorher, wenn Du aufwachst. Ich wickele mich in ein Handtuch, wische den Wasserdampf vom Spiegel und zwinge mich, dem Blick meiner eigenen verquollenen Augen standzuhalten. Morgen wird alles anders aussehen. Nur leider nicht so, wie die kleinen dummen Zellen sich das vorgestellt haben. Ich lege eine Hand auf meinen Bauch und sehe mich im Spiegel vorsichtig lächeln. Das kleine Wesen, für das ich schon längst den Namen weiß, wird nicht mit Dir im Cabrio fahren oder nachts die Sterne am Himmel zählen. Es wird mein Leben auf den Kopf stellen. Für mich gibt es kein größeres Glück.

In LA sagt man Goodbye…

9 Sep

Es ist noch zu früh. Ich öffne meine Augen nur halb, so dass niemand behaupten könnte, ich wäre bereits richtig aufgewacht. Mein Erinnerungsvermögen schickt mir eine Szene, die schon ein paar Jahre zurück liegt, aber genau zu dem Satz passt, der in meinem Hirn rotiert wie ein animiertes Word-Art.

Ich sehe meine Nichte im Sandkasten auf dem Spielplatz, tief versunken in ihre Arbeit mit Eimerchen und Schaufel. Sehr konzentriert bewegt sie kleinere Sandmengen hin und her, als hinge das Familieneinkommen davon ab. Verzückt sehe ich ihr zu und schleiche am Spielhaus entlang näher an sie heran. Als sie mich kommen sieht, springt sie auf und versucht, sich in Sicherheit zu bringen. „Ich will noch nicht nach Hause!“ protestiert sie. Natürlich nicht, sie ist hier noch lange nicht fertig, das kann sogar der dümmste Regenwurm in der Sandkiste sehen. Entschlossen schaufelt sie weiter. Wer könnte da widersprechen?

Neben mir fängt Tom an zu blinzeln. Schläfrig lächelt er mich an. „Ich will noch nicht nach Hause!“ blöke ich. Das Gemeine an schönen Urlauben ist das plötzliche Ende. Wenn wenigstens das Hotelbett unbequem ist, das Essen nach altem Frittierfett schmeckt, das Wetter schlechter ist als vor dem Abflug oder der Strand bevölkert mit schlecht gelaunten Arschlochkindern aus dem Ruhrpott – dann kann man sich wieder auf zu Hause freuen! Aber so? Tom ist bei mir, eigentlich habe ich keinen Grund, heute Abend in den Flieger zu steigen. Doch leider verdiene ich mein Geld nicht mit Sandschaufeln.

Der Müll quillt über, Sonnencreme und Duschgel sind verbraucht, unsere Handgepäckstücke kurz vor dem Platzen, aber es hilft alles nichts. Toms große Tasche hat bedenkliches Übergewicht. Unser Konsumwahn wird uns am Flughafen wieder teuer zu stehen kommen. Wir laden ein letztes Mal unseren Kofferraum voll und fahren Richtung Kaffeebohne und Teeblatt zum Frühstücken. Auf der Hauptstraße merken wir, dass wir noch nicht ausgecheckt haben. Widerwillig drehen wir um. Wir müssen uns damit abfinden, dass das unsere letzte Nacht im golden state war. Der strahlende Sonnenschein ist keine Hilfe. Es ist ein Strand-Sommertag aus dem Bilderbuch. Bitte. Kann ich hier bleiben?

Ein paar Stunden haben wir noch, um den Abschied zu zelebrieren. Kurz vor Mittag sind wir am Griffith Observatory in LA. Der Hollywood-Schriftzug räkelt sich neben uns auf dem Hügel in der Sonne.

Über den Sunset Boulevard fahren wir noch einmal durch Hollywood, Beverly Hills und Bel Air. Es gibt noch so viel zu sehen! Und nein, zu Hause amerikanische Serien auf DVD anzuschauen, ist k e i n angemessener Ersatz. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie damals alte SMS zu lesen von Paul oder Ben oder wem auch immer, der soeben aus unserem Bett und unserem Leben verschwunden ist, ohne dass wir etwas dagegen tun konnten. Es hätte so schön sein können mit uns! Ach LA, bleib noch ein paar Tage bei uns. Überleg’s Dir doch noch mal.

Tom stellt sich mindestens genauso an wie ich. Er muss unbedingt ein letztes Mal zu Abercrombie & Fitch in der 3rd street von Santa Monica, um sich das Elcharmband zu kaufen, das in Santa Barbara ausverkauft war. Glücklich bewundert er die grün gestickten Tierchen an seinem gebräunten Handgelenk. Na wenigstens belastet das unser Übergepäck nicht weiter. Nächste Station ist Pinkberry, für eine große Portion Frozen Yogurt. Ja, mittlerweile gibt es das in Hamburg auch. Aber das ist doch nicht dasselbe.

An den Kanälen von Venice Beach würde ich gern ein Haus beziehen. Lauschige Vorgärten direkt am Wasser, wie schön man dort heute Abend grillen könnte… Viele sehen aus, als würden sie leer stehen. Was für eine Verschwendung!

Der Strand von Santa Monica ist so riesig und weitläufig, dass er locker für 27 Ostseebäder reichen würde. Wir legen uns in die Sonne. Skater, Fahrradfahrer, Spaziergänger und Beachvolleyballspieler ziehen an uns vorbei. Die Polizei fährt hier mit dem Streifenwagen über den Sand – na klar, wie auch sonst. Ich schließe die Augen und spule zweieinhalb Wochen zurück. LA, San Diego, Palm Springs, Grand Canyon, Las Vegas, Death Valley, Yosemite Park, San Francisco, Highway No. 1, Santa Barbara. Palmen, Wellen, Wüste, Bäume, Küsten, Strände. Mein Kopf ist ein Fotoalbum. Mein Herz pfeift auf Heimatgefühle und brennt für diese süße Affäre weit weg von zu Hause. Es will lieber noch mal im Heli über den Canyon fliegen als 11 Stunden Richtung Osten. Nein, leicht zu haben ist es nicht. Doch wem das Herz nach drei Wochen Kalifornien bei der Abreise nicht wenigstens ein bisschen schwer wird, der hat etwas falsch gemacht.

Wir müssen zum Flughafen. Unser Übergepäck kostet 60 Dollar. Tom ist ein wenig beleidigt, dass er die Dame am Check-in nicht becircen konnte, wegen der paar Kilo zu viel ein Auge zuzudrücken. Ich bin irritiert, dass es im Tom Bradley Terminal nicht mehr als einen mickrigen Sandwich-Shop und ein paar Souvenir-Stände gibt. Hallo? Wir sind hier nicht am Flughafen Düsseldorf-Weeze! Womit soll ich mir jetzt die Wartezeit vertreiben? Frustriert kaufe ich eine Tafel Ghirardelli Milk & Caramel. Hach. San Francisco. Wie gern würde ich noch einmal unter dem Wolkenschleier am Golden Gate frieren.

Die Filmauswahl an Bord ist 1 a. Ich schaue mir nacheinander durchgeknallte Brautjungfern, das magische Paris um Mitternacht, ausgeliehene Männer und, als kein Frauenfilm mehr übrig ist, den außerirdischen Paul an. Das mit den spacemen balls muss ich mir allerdings ein andernmal genauer ansehen, denn der Filmmarathon hat mich doch etwas geschafft. Ich nicke kurz weg. Eine Lasagne und einen Frühstücksmuffin später sind wir schon in London. Am Terminal A gibt es wenigstens eine anständige Auswahl Coffee Shops und Boutiquen. Allerdings bin ich zu müde um herauszufinden, ob ich in einem Kleid von Reiss ähnlich royal aussehen würde wie Kate. Falls nicht, hätte ich es immerhin auf den Langstreckenflug schieben können.

Um 18 Uhr ist Boarding. In LA ist es jetzt 10 Uhr morgens. Ich freue mich auf mein Bett. Gegen 21.20 Uhr landen wir in Hamburg. Irgendwie sehen die Bäume hier komisch aus.

1:0 für den Pazifik

8 Sep

Das Frühstück bei The Coffee Bean & Tea Leaf stimmt uns schon ein wenig auf zu Hause ein: Die Barista füllt den Caffe Latte in echte Gläser, Cinnamon Roll und Chocolate Croissant platziert sie liebevoll auf Porzellantellern. Wir gucken wahrscheinlich ähnlich erstaunt wie die ersten Hamburger Balzac-Kunden im Jahre 1998, die ihren Milchkaffee aus schnöden Pappbechern mit Plastikdeckel trinken sollten, weil die Amis das auch so machen. Nur ist unsere Überraschung positiv. In mir keimt der Glaube an die Existenz amerikanischen Umweltbewusstseins auf. Als ich in meine Zimtschnecke beiße, sehe ich durch das Fenster auf der anderen Straßenseite die unmotivierte Aushilfskraft der 7-Eleven-Filiale den Parkplatz mit dem voll aufgedrehten Wasserschlauch abspritzen. Vielleicht ist der Asphalt staubig. Ein Kumpel kommt vorbei und hält die Aushilfskraft von ihrer Arbeit ab. Das Wasser läuft währenddessen weiter und spült meinen armen kleinen Ökoglauben mit sich in den nächsten Gully.

Heute ist Shoppingtag. Natürlich könnten wir sinnvollere, weniger materialistische, kulturbeflissenere Aktivitäten auf die Agenda unseres vorletzten Urlaubstags setzen und zum Beispiel die altehrwürdige Mission besichtigen oder mit dem Boot zum Whale Watching rausfahren. Aber hey, die pinkfarbenen Chucks aus Las Vegas für meine Nichte tauschen sich schließlich nicht von allein! Dieser Trip ist für Dich, Zuckermäuschen. Was kannst Du dafür, dass es im Camarillo Premium Outlet eine UGG-Filiale gibt, in der mittelbraune Stiefel in meiner Größe im Regal stehen (jetzt nicht mehr), oder dass die Verkäuferin der Sunglass Hut mir mit dem Satz „These go very well with your skin tone“ die verspiegelte Ray Ban geradezu aufnötigt? Eben. Gar nichts. Im Converse Store findet Tom ein paar fellgefütterte braune Leder-Chucks, während ich die kleinen pinkfarbenen an der Kasse gegen nicht ganz so kleine tausche. Bei Ralph Lauren springt noch ein Perlenarmband für mich raus. Zweifellos ein sehr erfolgreicher Ausflug.

Am Summerland Beach stürzen wir uns in die wild tosende Brandung. Ich schaue Tom zu, wie er elegant durch die Welle taucht, bevor sie weiß schäumend über ihm bricht. Es sieht nicht besonders schwer aus. Tom beobachtet, wie ich todesmutig gegen die heranrollende Welle ankämpfe und von ihr begraben werde. Ich verliere kurzzeitig die Orientierung und tauche einige Sekunden später neu frisiert wieder auf. Wenigstens sieht man so nichts von meinen entgleisten Gesichtszügen. Ich prüfe als erstes den einwandfreien Sitz meines Bikinioberteils und ignoriere dann Toms schallendes Gelächter. Das Meer hat mein Haargummi. Mir reicht’s. Zuletzt habe ich mich in der 7. Klasse so blamiert gefühlt, als meine Füße sich beim sogenannten Bodenturnen stur dem verzweifelten Versuch widersetzten, so etwas Ähnliches wie ein Rad zu schlagen, und höchstens knappe fünf Zentimeter vom Boden abhoben. Es braucht viel Zeit, mit solchen Erlebnissen endgültig abzuschließen. Ich finde einen letzten Rest Grazie in meinen wackeligen Beinen und erreiche unfallfrei mein am Strand ausgebreitetes Handtuch. Schmollen wäre jetzt super, aber leider bin ich ungefähr 27 Jahre zu alt, um mit der nötigen Überzeugung auf den doofen Pazifik sauer sein zu können.

Ein Reiter galoppiert auf seinem Braunen vorbei und weht mir eine Brise Sehnsucht nach dem unbändigem Freiheitsgefühl zu, das er hinter sich her zieht. Ich möchte auch am Strand entlang reiten, ohne Sattel und mit wehendem Haar, in der untergehenden Sonne und mit lieblicher Klaviermusik im Hintergrund. Doch erstens ist kein freies Pferd in Sicht und zweitens kann ich heute keine weiteren Zwischenfälle riskieren, die die reizende Anmut meines Wesens in Frage stellen könnten.

Am Stearns Wharf halten wir die letzten Sonnenstrahlen mit der Kamera fest und wehren uns mäßig erfolgreich gegen aufkommende Wehmut. Unser letzter Abend… Das Meer, der Strand, die Sonne, das Licht – und Luft, mit der man kuscheln möchte. It’s just so damn beautiful.

Santa Beautiful

7 Sep

Tom mag seine neue Badehose. Während ich mich den letzten Urlaubstagen angemessen verhalte und meine Umgebung nur im Halbschlaf wahrnehme, ist er samt neuer Shorts aus der Tür, bevor meine Lippen ein erstes verständliches Wort formen konnten. Das samtige Morgenlicht, das wieder einen warmen, sonnigen Tag verspricht, wabert diffus durch die leicht geöffneten Vorhänge. Kaum ein Mucks ist zu hören. Ich liebe solche Momente. Glücklich entschlummere ich einem merkwürdigen Traum entgegen.

Die Haut von glänzenden Poolwasserperlen bedeckt und nur mit Badeshorts und Handtuch bekleidet, kommt Tom ins Zimmer. Eigentlich schwebt er. Sein entrücktes Grinsen passt perfekt zu dieser ungewöhnlichen Fortbewegungsart. Mein skeptischer Blick entgeht ihm gänzlich. Er biegt zum Bad ab und bewundert seinen entblößten Körper im Spiegel. Das Grinsen wird noch breiter und bekommt etwas Diabolisches. Ich schubse ihn zur Seite, damit ich mir die Zähne putzen kann. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel. Tom seufzt das typisch männliche Seufzen der Erschöpfung – der Urschrei der Zivilisation, den Männer nach körperlicher Ertüchtigung so gern von sich geben, um deutlich zu machen, welch grenzwertig anstrengende Heldentat sie soeben vollbracht haben. Und doch sind sie brav in die Höhle zurückgekehrt. Das Weibchen sollte nun seine Dankbarkeit für diese glückliche Fügung in Form von uneingeschränkter Aufmerksamkeit, Bewunderung und Willigkeit zum Ausdruck bringen. Dazu gehört selbstverständlich auch, kommentarlos die verschwitzten Socken aufzusammeln und zu waschen. Abgesehen davon, dass Tom keine an hat, funktioniert dieser Mechanismus bei mir nicht. „Laufen war super“, setzt Tom an, überzeugt, dass doch noch etwas Bewunderung für ihn drin sein muss. Okay, er war joggen UND schwimmen, während ich mich, das minimal vorhandene schlechte Gewissen ignorierend, mit geschlossenen Augen im diffusen Morgenlicht gesonnt habe. Na und? Tom hört einfach nicht auf zu grinsen. Er brennt darauf, etwas los zu werden, das seinem männlichen Stolz zu einem aufdringlichen Niveau verholfen hat. Ich höre mit halbem Ohr zu, während er mir seine Laufroute erklärt und schließlich zum Kern der Geschichte kommt. „…da kamen mir zwei Frauen entgegen, bisschen älter, aber die sahen echt nicht schlecht aus. Die haben mich voll abgecheckt!“ Bevor ich mich entscheiden kann, ob ich das niedlich finden oder mit Herablassung reagieren soll, setzt Tom noch einen drauf. „Und als ich dann vorbei war, hab ich gehört, wie die eine zur anderen gesagt hat: ‚I am so horny right now!'“ Wäre das tatsächlich ein Traum, müsste ich jetzt aufwachen. Ich spucke den Zahnpastaschaum ins Waschbecken und gönne meinem Helden seinen Triumph. Die Beute warf sich vor seine Füße und ihm fiel nichts anderes ein, als mit geschwellter Brust zurück zu mir zu rennen und davon zu berichten. Punkt für mich. Vielleicht hat er sich aber auch einfach verhört.

Die Treppe, die vom Santa Cruz Boulevard zum 1.000 Steps Beach führt, hat in Wahrheit nur 150 Stufen. Der Strand am Ziel ist es wert, mindestens 850 Stufen mehr zu überwinden. Vielleicht ist es das, was das Schild uns sagen soll.

Barfuß spazieren wir durch die Wellen. Das Einzige, was ein wenig stört, sind die klitzekleinen Ölbohrinseln am Horizont. Im Shoreline Beach Café frühstücken wir Blueberry Pancakes, Rührei, Kaffee und Orangensaft. Mehr Urlaubsgefühl geht nicht.

Auf dem Weg zurück oben an der Promenade begegnen uns durchtrainierte Jogger mit freiem Oberkörper. Nicht auszudenken, was Toms nymphomanische Laufbekanntschaft mit denen angestellt hätte.

Etwas ziellos fahren wir über Hope Ranch vorbei an malerischen Grundstücken und landen schließlich am Goleta Beach. Hier gibt es so viele Algen, dass ich auf ein Bad im Meer lieber verzichte und stattdessen im Schatten eines Baumes vor mich hin döse. Nicht weit entfernt dröhnt der Verkehr auf dem Highway. Kein guter Platz. Wir fahren zurück nach Santa Barbara und kaschieren unsere Planlosigkeit mit einer großen Portion Frozen Yoghurt.

Nach einem Abstecher zum World Market (als Oktoberfest-Special gibt es unter anderem Franziskaner Weissbier, Maggi Spätzle und fix & frisch in den Sorten Hackbraten und German Style Pot Roast) verziehen wir uns an den Hotelpool. Wir finden zwei Liegen im Halbschatten und genießen bäuchlings die Ruhe. Meine rechte Hand krault Toms Kopf, während der Rest meines Körpers einfach nur da liegt und sich von der Sonne kitzeln lässt. Zu Hause findet heute Abend die zweite Vorlesung des 6. Semesters statt. Corporate Communication. Who cares?

Frisch geduscht, die Haut noch warm und kribbelig von der Sonne, fahren wir im weichen Abendlicht durch den Ort Richtung Pier und entscheiden uns für die Sandbar. Steak Fajita, Strawberry Margarita, Live-Musik und Free WiFi. Tina und Nick schicken Grüße aus Monterey. Ich sende einen Gruß ans Universum und wünsche mir, dass wir morgen früh aufwachen und die ganze Route noch einmal in entgegengesetzter Richtung fahren. Wenn dieser Schwachsinn angeblich sogar mit Parkplätzen klappt…

Auf dem Rückweg läuft auf Z 94.5 unser Santa Barbara-Song von LMFAO. Den kann man nur laut hören. Mit offenem Fenster. Und Überschreitung des Tempolimits.

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